1 Einleitung
Die Geburt eines Kindes würden die meisten Mütter als die größte Bereicherung und Freude in ihrem Leben bezeichnen. Das Kind zeigt wie wertvoll das Leben ist und die Mutter hat das besondere Privileg, das Kind aufwachsen zu sehen. Doch der Kreislauf von Leben und Tod beginnt mit der Geburt. Der Mensch muss mit der Gewissheit leben, dass er nicht ewig auf Erden sein kann. Deswegen hoffen viele auf ein langes und erfülltes Leben. Leider überlebt nicht jedes Kind die Geburt. Dadurch ergeben sich viele Probleme für die Mutter. Neben der Frage, warum das Kind gestorben ist, versuchen Mütter sich vorzustellen, wo sich das Kind befindet und was mit ihm geschehen ist. Oftmals geben sie sich die Schuld am Tod des Kindes. In früheren Zeiten sind Frauen häufiger mit dieser Situation konfrontiert wurden. Die Wahrscheinlichkeit einer Tod- oder Fehlgeburt war weitaus höher, weil die hygienischen Bedingungen, die Ernährung und die Medizin nicht auf dem heutigen Entwicklungsstand waren. Während der Geburt musste sich eine Mutter bewusst sein, dass dieses Kind vielleicht nicht überlebt. Eine schwere Bürde für die Frauen der damaligen Zeit und ein weiteres Problem entwickelt sich daraus, welches in direktem Zusammenhang steht. Wenn die Mutter eine Christin war, dann wollte sie ihr Kind taufen lassen. Denn nur durch die Taufe kann das Kind erlöst werden. Laut römisch-katholischer Kirche wird jedoch die Sünde von einem ungetauft verstorbenen Kind nicht abgewaschen und dadurch das Heil gefährdet.
Auch heute ist diese Thematik nicht nur bei den Müttern selbst, sondern auch in Seelsorgegesprächen mit ihnen noch relevant. Durch diese moderne Sicht schien der Text besonders interessant, da er über die Jahre nicht an Bedeutung verloren hat. Noch immer suchen Frauen die Hilfe in der Seelsorge.
Die Brisanz dieser Problematik wird auch gezeigt durch die thematische Auseinandersetzung bei dem Reformator Martin Luther in „Ein Trost den Weibern, welchen es ungerade gegangen ist mit Kindergebären“, welche in der vorliegenden Proseminararbeit behandelt werden soll. Dabei werden am Anfang die historischen Bedingungen der Quelle erläutert und hier auf Autor, Adressatenkreis und Gattung der Quelle eingegangen werden. Danach sollen die Gedankenzüge von Martin Luther rekonstruiert werden, indem die Quelle inhaltlich und strukturell analysiert wird und auf diesem Weg die Position des Autors herausgefiltert wird. Daraus werden dann zuletzt Schlüsse über die Funktion, Intention und Wirkung der Quelle gezogen.
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2 Äußere Quellenkritik
1542, nur vier Jahre vor dem Tod des berühmten Wittenberger Theologen Martin Luther, der die Reformation in Deutschland geprägt hat, wurde die hier vorliegende Quelle mit dem Titel „Ein Trost den Weibern, welchen es ungerade gegangen ist mit Kindergebären“ veröffentlicht. Dabei ist die Entstehungszeit auf Ende 1541 bis Anfang 1542 1 einzuordnen. Der Terminus post quem liegt deswegen im Entstehungsjahr der Auslegung des 29.Psalms durch Bugenhagen, welche er 1941 an den König von Dänemark 2 verschickte. Da 1942 die Schrift erschien, ist damit auch der Terminus ante quem definiert. Die Entstehungsgeschichte der Schrift wurde von Johannes Bugenhagen selbst verfasst und ist deswegen als sehr glaubhaft einzuschätzen. Bugenhagen erklärte hierbei, dass er Luther seine Auslegung zeigte, in welcher er auch die Thematik der Kindertaufe aufgegriffen hatte. Laut Bugenhagen gefiel Luther diese Schrift und er bat Bugenhagen: „das ich [er] auch hinzu solt setzen einen Trost den Weibern, welchen es ubel vor dieser zeit geraten ist mit der Geburt.“ 3 . Da Frauen in dieser Situation am meisten betroffen waren, war dieser Wunsch Luthers nach einer Stellungnahme Bugenhagens sehr verständlich. Bugenhagen nahm diese Aufgabe jedoch nicht an, sondern wies Luther selbst an, dieses Schriftstück zu verfassen. Deswegen stehen die Auslegung zum 29. Psalm von Johannes Bugenhagen und die Schrift „Ein Trost den Weibern, welchen es ungerade gegangen ist mit Kindergebären“ in einem direkten Zusammenhang. Es handelt sich bei der Schrift um eine Tradition. Bei einer Tradition „decken sich Quellenzweck und Quellenbenutzung. Sie sind bewußt zur Unterrichtung späterer Zeitgenossen abgefaßt und argumentieren entsprechend grundsätzlich, um über den Tag hinaus Bedeutung zu erhalten und behalten.“ 4 . Die Schrift wurde erstellt, damit in dieser Zeit, aber auch in der Zukunft die Frauen in solcher Situation Trost erhalten können, und eine klare Aussage zum Thema Tod von getauften Kindern getroffen wurde.
Daher behandelt die Quelle vor allem den Umgang mit Frauen, welche gerade ein Kind verloren haben. Dadurch steht die seelsorgerliche Wirkung der Quelle im Vordergrund, so dass es sich um eine der Trostschriften von Luther handelt. Diese Trostschriften sind meist an Einzelne adressiert, kann sich aber auch, wie in diesem Fall oder in der Schrift „Tröstung, was
1 Vgl. Luther, Trost, 203.
2 Vgl. Luther, Trost, 202.
3 Luther, Trost, 203.
4 Ruhbach, Kirchengeschichte, 66.
3
bei einem sterbenden Menschen zu handeln sei“, an betreffende Gruppen sich wenden 5 . Der Adressatenkreis ist besonders unter den Frauen zu suchen, die sich gerade in dieser Situation befinden. Aber auch Frauen, welche in der Vergangenheit ein Kind verloren haben und sich vorwerfen, dass sie nicht genug gebetet haben, sollen angesprochen werden. Weiterhin kann es auch schwangeren Frauen einen Trost bieten, welche Angst vor einer Todgeburt haben. Über die Frauen hinaus reicht die Schrift aber auch zu der Familie und den Ehemännern dieser Frauen. Oftmals wurde den Frauen die Schuld am Tod des Kindes gegeben. Dies wird in der Quelle verneint. Dadurch muss auch der Ehemann dies akzeptieren und auf diese Art und Weise kann das eheliche Leben wieder gerettet werden. Genauso kann die Familie durch diese Schrift zu der Erkenntnis gelangen, dass auch wenn die Frau angeblich nicht genug gebetet hat, dies nicht die Ursache für den Tod des Kindes ist. Dies könnte den Frauen damals oft unterstellt worden sein, wodurch die Familie in Streit geriet. Neben dem persönlichen Umfeld spielt auch die seelsorgerliche Betreuung beim Adressatenkreis der Quelle eine Rolle. Pfarrer und Seelsorger können hier mögliche Antworten für ein Seelsorgegespräch suchen, um den Frauen und deren Familien zu helfen. Natürlich sollen auch noch die Hebammen angesprochen werden, da sie direkten Kontakt zu den betroffenen Frauen haben und somit direkt in diesem Moment agieren müssen. Durch tröstende Worte können sie den Müttern helfen, den Verlust zu überwinden. Mit der Schrift „Ein Trost den Weibern, welchen es ungerade gegangen ist mit Kindergebären“ liegt demzufolge eine Primärquelle vor, die von Luther gegen Ende seines Lebens verfasst wurde. Der Text ist einheitlich, es liegen keine besonderen Brüche oder widersprüchliche Aussagen vor, so dass angenommen werden kann, dass alle Worte auch wirklich von Martin Luther stammen. Dadurch ist anzunehmen, dass keine weitere Bearbeitung vorgenommen wurde. Weiterhin ist der verwendete Schreibstil auch charakteristisch für Luther, da er in seinen Schriften oftmals Bibelstellen in seine Texte einfügte. Die Bibel galt für ihn als einzige Autorität. Auch in der vorliegenden Quelle wird mit Stellen aus der Bibel argumentiert. Weiterhin findet sich auch eine eindeutige Gliederungsstruktur. Durch die Heranführung am Anfang wird zunächst einmal die Situation für Luther definiert, die Mitte bildet die Argumentation mit vielen Beispielen aus Bibel und einem von den Kirchenvätern. Dieser Teil schließt mit der Hauptthese ab. Durch die Summa am Ende wird die Schrift dann beendet. Anhand dieser Struktur wird die Quelle leicht verständlich und kann sich auch an das einfache Volk richten. Dies schlussfolgert sich auch,
5 Lohse, Einführung Luther, 124.
4
da die Quelle in deutscher Sprache verfasst wurde und nicht in der Wissenschaftssprache Latein. Dadurch kann wieder der seelsorgerliche Aspekt erkannt werden, da sie auf diese Art und Weise auch der einfachen Bevölkerung leicht zugänglich und verständlich war. Daher kann der vorher definierte Adressatenkreis die Botschaft auch gut erfassen. In der Quelle werden aber auch Bibelstellen zitiert, die teilweise nicht erklärt werden. Die Stellen werden als Autorität in den Text gesetzt und daher muss es sich an ein vor allem evangelisch christliches Publikum richten. Auch durch die Abgrenzung von Andersgläubigen und Atheisten wie „Türken, Heiden und gottlosen Menschen“ 6 wird dieser Anspruch noch einmal betont. Neben diesen Stilmitteln soll aber auch der Leser direkt angesprochen werden, indem Luther schreibt, dass man solche Frauen nicht schrecken soll 7 . Luther war die Ansicht der damaligen Zeit in Bezug auf Frauen, welche Tod- oder Fehlgeburten hatten durch seine Tätigkeit als Geistlicher sehr gut bekannt, so dass er wusste, wie in solchen Situation die Frauen oftmals behandelt wurden.
3 Kommentierte Einzelauslegung
Es wird schon in der Überschrift deutlich, dass von Verdammnis innerhalb des Textes wahrscheinlich keine Rede sein wird. Durch die Verwendung des Wortes „Trost“ wird klar, dass Luther den Frauen eine Hilfestellung geben möchte und sie nicht verurteilt. In der Überschrift wird auch geklärt, wer der Adressat der Schrift ist. Die Gliederung der Quelle ist sehr gut möglich, da Martin Luther mit jedem neuen Absatz einen wichtigen Teil der Thematik öffnet und durch Einleitungsworte jeweils die unterschiedlichen Aspekte einleitet. Auch eine Zusammenfassung ist zum Ende der Quelle zu finden. Eine Teilung der Quelle in fünf thematische Abschnitte ist somit möglich.
3.1 Hinführung
Der erste Teil der Quelle kann als Einleitung oder Hinführung bezeichnet werden, da er den Einstieg in die Thematik bietet, und umfasst die Zeilen 1-13 der 205. Seite. Zu Beginn der Quelle führt Luther mit einer Definition ein, in welcher er Mütter von toten Kindern in zwei Kategorien einteilt. Die erste Gruppe sind jene Frauen, die „so vorhin in kindsnöten, on iren willen, ja widder iren willen und mit dem grossem leide ihres hertzen habens leiden müssen.“ 8 . In die zweite Gruppe teilt Luther Frauen ein, die „so die Frucht ungern tragen,
6 Vgl. Luther, Trost, 206.
7 Luther, Trost, 205.
8 Luther, Trost, 205.
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Arbeit zitieren:
Kristin Sauer, 2009, Kirchengeschichte Proseminar: Luther als Tröster, München, GRIN Verlag GmbH
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