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In einem Brief an seinen Bruder bekannte der Künstler: „Ich bin gezwungen, mich mehr als andere zu lieben. Ich bin hier in großer Kümmernis und unter schwersten körperlichen Anstrengungen. Ich habe keinen Freund, will auch keinen haben.“ 1 Michelangelo schien ein einsamer Mensch zu sein, zurückgezogen auch in seinem ruhmhaften Prädikat. In diesem Essay möchte ich versuchen, ein Charakterbild von Michelangelo zu zeichnen, welches dialektischer und umstrittener nicht sein könnte.
Während der Beschäftigung mit kunstwissenschaftlicher Forschungsliteratur erschien vor meinem geistigen Auge stets die Figur des Eremiten in Bezug auf Michelangelo, deshalb der Titel meiner essayistischen Auseinandersetzung. An Zitaten, Gedichten und Briefen möchte ich die eremitenhafte Persönlichkeit Michelangelos aufzeigen und einer kritischen Betrachtung unterziehen. Besonders durch die Gedichte Michelangelos werden seine innerlichen Werte, Ideale, Empfindungen und Kämpfe transportiert.
Zur letzten Zeit geführt von vielen Jahren, erkenn ich spät, o Welt, der Freuden Last: versprichst uns Frieden, den du selbst nicht hast, und Ruh, die stirbt, eh wir geboren waren. Die Schmach und Furcht von Jahren, die mir der Himmel jetzt bemißt, erneut des süßen und alten Traums Gefahren; wer sich zu sehr ergötzt,
zerstört die Seele, und sein Leib muss büßen. Ich sag und muß es wissen, daß droben der das beste Los erwirbt, der, kaum daß er geboren ist, schon stirbt. 2 Unmittelbare Selbstreflexion und die sehnsüchtige Anrufung, ihm nahestehender Menschen in seinem Umkreis, sind die expliziten Sujets seiner Dichtung, worauf ich später noch gesondert eingehen möchte. Auf seinem späteren Lebensweg gibt er sich seiner Einsamkeit im hohen Maße hin, ringt mit seiner Psyche und innere Spannungsverhältnisse lassen ihn scheinbar nicht zur Ruhe kommen.
Es muss jedoch bei aller kritischen Prüfung der biographischen Dokumentationen Michelangelos darauf hingewiesen werden, dass viele Irrtümer und Fehldeutungen über Michelangelos Zeugnisse existieren, gleichwohl in der ausdifferenzierten kunsthistorischen Forschung.
1 Milanesi, Gaetano zit. in: Michelangelo. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Hrsg. von Kurt Krusenberg. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 1966. (= Rowohlts Monographien). S.7.
2 Michelangelo. Lebensberichte-Briefe-Gespräche-Gedichte. Hrsg. von Hannelise Hinderberger. Zürich: Manesse Verlag 1985 (= Manesse- Bibliothek der Weltliteratur). S.461.
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1. Der Eremit
In der symbolischen Bedeutung wird der Eremit als Einsiedler gekennzeichnet, der sich aus der menschlichen Gemeinschaft in entlegene Gegenden zurückzieht, um in der selbstgewählten Einsamkeit und Abgeschiedenheit zur Erkenntnis wesentlicher Wahrheiten zu finden. Religiöse Analogien sind beim christlichen Jesus, beim Wüstenheiligen Paulus oder dem buddhistischen Siddharta Gautama zu finden. Der Begriff „Eremit“ entstammt ursprünglich dem Griechischen: ‘Eremos’ bedeutet soviel wie einsam und allein. Das Eremitentum ist in verschiedenen Religionen zu finden und im Christentum sehr früh als individuell praktizierte Lebensform bekannt. Es handelt sich um die ursprünglichste Form des Mönchtums.
Zog sich der späte Michelangelo zurück, um die Wahrheit seiner Selbst, der Welt und der Kunst zu finden? Sein Hang zur Einsamkeit wohnte implizit in seiner Seele. Er brauchte sie gleichsam, um der schöpferischen Unruhe, aus der seine Werke entstanden, mächtig zu werden. Seine Umwelt, der er sich verschloss, meist auf eine grobe und unwirsche Weise, verstand ihn schwer.
2. Beziehungsebene Freunde
Im folgenden Abschnitte möchte ich eine kleine Auswahl von Zeugnissen Michelangelos dokumentieren, welche die Beziehung zu Freunden und engeren Bekannten aufzeigen. Der portugiesische Maler Francesco de Hollanda zeichnete nachstehendes Gespräch auf, indem Michelangelo Vittoria Colonna und anderen Vertrauten erklärte:
„ Man pflegt tausend Lügen über bedeutende Maler zu verbreiten. Sie sollen seltsam, unverträglich und schroff
im Umgang sein, wiewohl sie doch auch nur Menschen sind. […] Und wenn ein solcher Mann so zurückhaltend
ist, dass er nichts von Euch wünscht, warum wollt dann Ihr ihn belästigen? Weshalb wollt Ihr ihn zu jenen
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sinnlosen Nichtigkeiten herabziehen, die seine schöpferische Ruhe stören?“
An dieser Erklärung wird sichtbar, dass es Michelangelo präferierte, sich in den einsamen Rückzug zu begeben, obgleich gewisse Personen ein starkes Interesse daran zeigten, an seiner Gesellschaft zu partizipieren. Wie eine Rechtfertigung mutete es an, wenn er erklärt, dass Schroffheit und Unverträglichkeit menschliche Attribute seien, für die es gelte, Verständnis aufzubringen. In der Kunstforschung finden sich generell nur wenige Bezüge zu Freunden oder näheren Bekannten. Ein Gegenbeweis zum eigenbrötlerischen Habitus von Michelangelo
3 Michelangelo zit. in: In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Hrsg. von Kurt Krusenberg. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 1966. (= Rowohlts Monographien). S.7.
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zeigt sich allerdings im folgenden Brief an Sebastiano del Piombo (Mai 1525), den er während seiner Arbeit an den Skulpturen der Medicikapelle verfasste:
„Gestern Abend wünschten unser gemeinsamer Freund Cuio (Dini) und einige andere Edelleute, dass ich mit ihnen zu Abend esse. Ich empfand darüber das größte Vergnügen, denn ich kam ein bisschen aus meinem Trübsinn oder vielmehr aus meiner Narretei heraus, und ich hatte nicht allein an der Mahlzeit Vergnügen, sondern noch weit mehr an den Gesprächen, die wir führten.“
Hier findet sich bewiesenermaßen ein sehr freundlicher und zugewandter Ausdruck, welcher sich zugleich selbstkritisch zeigt, nämlich dass ihn die angenehme Gesellschaft kurzweilig aus der seiner selbstgewählten und trübsinnigen Abgeschiedenheit herausgeholt habe. Verbirgt sich dahinter auch eine Entschuldigung für sein sonst durch außen empfundenes ‘asoziales’ Verhalten? Weiterhin pflegte er eine gute Beziehung zu Leonardo Sellaio. Der Bankangestellte unterrichtete Michelangelo nach seiner Umsiedlung 1517 nach Florenz, stets von den wichtigsten Neuigkeiten aus Rom. Luigi del Riccio, ebenfalls ein Bankangestellter erledigte selbstlos Michelangelos Geldangelegenheiten, weiterhin führte er seine Korrespondenzen, redigierte Michelangelos Gedichte und pflegte den Meister während einer schweren Krankheit zu Hause. Ganz wichtige Persönlichkeiten waren weiterdessen seine Biographen Ascanio Condivi und Giorgio Vasari. Eine Sonderstellung nahmen allerdings Tommaso de’ Cavalieri und Vittoria Colonna, die Markgräfin von Peschara ein. Zu Vittoria Collona empfand er eine sehr tiefe, rein geistige Liebe. Mit ihr konnte der 60 jährige Michelangelo seine verstärkte Neigung zum religiösen Glauben vertiefen. Sie führten einen regen schriftlichen Gedankenverkehr über christliche Heilslehren. Ab diesem Zeitpunkt, stand seine bildende Kunst, die er erschuf, ausschließlich im Dienste der christlichen Thematik. An Vittoria Collona ist folgendes Gedicht gerichtet.
Damit ich, hohe Herrin, nicht so sehr unwert der Gabe Eurer großen Güte sei, wandt ich meinen Geist Euch zu und mühte von Herzen mich, daß Eu´r ich würdig wär.
Doch da ich seh, daß ich umsonst begehr durch eigene Kraft das Ziel, für das ich glühte, bitt ich: verzeiht die Kühnheit dem Gemüte! Durch Irren werd ich weiser mehr und mehr. Ich sehe wohl: wer glaubt, er könn vergleichen die Huld, die von euch niedertaut, dem schalen und schwachen Werke mein, muß unrecht haben. Der Geist, die Kunst und das Gedächtnis weichen; ein himmliches Geschenk kann nicht bezahlen ein Sterblicher, und gäb er tausend Gaben. 4
4 Michelangelo. Lebensberichte-Briefe-Gespräche-Gedichte. Hrsg. von Hannelise Hinderberger. Zürich: Manesse Verlag 1985 (= Manesse- Bibliothek der Weltliteratur). S.431.
Arbeit zitieren:
2010, Michelangelo - Ein einsamer Eremit?, München, GRIN Verlag GmbH
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