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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung Seite 3
2. Das psychologische Phänomen der Angst Seite 4
3. Franz Kafka in der Auseinandersetzung mit der Angst Seite 5
4. Werkimmanente Betrachtung: Seite 7
Ausgew ählte Angstmotive in „Die Verwandlung“
4.1 Berufliche Situation des Helden Seite 7
4.2 Verstrickung der beruflichen Situation - Eltern
Seite 8
4.3 Einsamkeit/Soziale Ängste Seite 9
4.4 Weiter familiäre Konfliktlinien Seite 11
4.5 Das Unheimliche Seite 12
4.6 Betrachtung Vater-Sohn-Beziehung Seite 13
4.7 Gregor Samsas Familienmitglieder u. ihre Entwicklung Seite 18
5. Schlussbetrachtung Seite 19
Literaturverzeichnis Seite 21
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1. Einleitung „Sehr geehrter Herr.
Sie haben mich unglücklich gemacht. Ich habe Ihre Verwandlung gekauft und meiner Kusine geschenkt. Die weiß sich die Geschichte aber nicht zu erklären. Meine Kusine hats ihrer Mutter gegeben, die weiß auch keine Erklärung. Die Mutter hat das Buch meiner anderen Kollegin gegeben und die hat auch keine Erklärung. Nun haben sie an mich geschrieben. Ich soll ihnen die Geschichte erklären. Weil ich der Doctor der Familie wäre. Aber ich bin ratlos. […]“ Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst Dr. Siegfried Wolff. 1
So wie diesem aufklärungsgewilltem Dr. Siegfried Wolff geht es gleichwohl vielen Lesern der Verwandlung. Inzwischen existieren weit über hundert verschiedene Interpretationen, die dem Versuch Rechnung tragen wollen, dem mysteriösen Werk einen vernünftigen Sinn zu entlocken. Diese Erklärungsversuche sind meist inhaltlich geprägt und schöpfen alle Interpretationsmöglichkeiten aus. Jede Geschmacksrichtung kann bedient und damit verbunden auch jedes Vorurteil bestätigt werden. Die Forschungsdimensionen reichen von
„theologischen, philosophischen und sozialgeschichtlichen Betrachtungen über psychoanalytische Erklärungsformen, unter denen sich weiterdessen die absonderlichsten Hypothesen versammeln.“ 2 Die literarische Arbeiten Kafkas wecken meist Assoziationen, welche mit Emotionen wie Verunsicherung, Verstörung, Bestürzung, Furcht, Beklemmung und Angst einhergehen. Aus welchem Grunde entstehen diese ganz besonderen Gefühlsausschläge? Werden diese Stimmungen durch Erzähltechniken erreicht oder liegt es an den Geschichten, die unglaubliches erzählen oder erschreckend realistisch dargestellt werden. Spiegelt Kafka selbst seine von Angst zerquälte Seelenlandschaft in seinen Texten? In dieser Arbeit soll das Phänomen der Angst im Kontext mit Franz Kafkas (1883-1924) Verwandlung als besonderen Aspekt untersucht werden. „Kaum ein Leser von Kafkas Werken wird sich dem Eindruck entziehen können, dass die Dichtung unmittelbar mit der Angst verbunden und ganz von ihr geprägt ist.“ 3 In diesem Hinblick können mannigfaltige Fragen aufgeworfen werden: Was zeigen Kafkas Ausführungen, in denen er von seiner Angst spricht? Welchen Raum nimmt die Angst in Kafkas Leben und Oeuvre ein? Wie stellt Kafka die Angst in seinem Werk (Verwandlung) dar und welche Relevanz besitzt sie? Diesen Fragen soll in dieser Arbeit auf den Grund gegangen werden. Die Struktur ist folgendermaßen angelegt: Zuerst wird das Phänomen der Angst beleuchtet und der Versuch unternommen, eine Annäherung an den Begriff der Angst zu finden. Im zweiten Schritt findet die Betrachtung der Angst in Kafkas Leben statt, ergo eine Sicht auf das biographische Panorama des Autors in Bezug auf seine ganz persönlichen und
1 Zitiert nach: Schuller-Nationalmuseum/Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar: Die Kafka-Sammlung Helene Zylberg. Marbach.
1996. S.14
2 vgl. Binder, Hartmut: Kafkas „Verwandlung“. Entstehung. Deutung. Wirkung. Frankfurt: Stroemfeld Verlag 2004. S.7.
3 Keller, Fritz zit. in: Das Phänomen der Angst bei Franz Kafka. Hrsg. Von Wolfgang Binder u. Hugo Moser. Berlin: Erich Schmidt Verlag
1975 (Heft 81). S.13.
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individuellen Angst-Imaginationen. Im dritten Teil wird der werkimmanenten Untersuchung nach speziellen Angstmotiven im Zusammenhang mit der Verwandlung Rechnung getragen und Parallelen zu anderen Forschungsansätzen gezogen. Im Schlussteil soll der Stellenwert der Angstmotive in der Verwandlung im Zusammenhang mit dem Autor Franz Kafka bewertet und relativiert werden.
2. Das Phänomen der Angst
Was ist Angst und wie kann man diesen Begriff fassen? Innerhalb der Forschungsliteratur existieren unzählige Modelle und Ansätze zu unterschiedlichsten Bereichen von Angst an sich. Der Umfang dieser Arbeit lässt es nicht zu, vollständige Konstrukte sowie Theorien der Angst darzulegen. Gleichwohl soll die Emotion der Angst und deren Auswirkungen gezeichnet werden können, um sich besser an die Angstmotive in Kafkas Verwandlung annähern zu können.
Angst wird unter anderem nach Rost & Haferkamp (1979) definiert: „sie ist ein Spezialfall eines Erregungs- und Spannungszustandes mit spezifischen somatischen und psychischen Empfindungen und Reaktionen. Sie ist gekennzeichnet durch Vorwegnahme, aktuelle Empfindungen oder Erinnerung einer subjektiv bedeutsamen realen oder vorgestellten Unsicherheit […] bzw. Bedrohung (Versagen, Schmerz, Gefahr) im weitesten Sinne und wird in der Regel durch gelernte Hinweisreize ausgelöst. Angst neigt zur Generalisierung (d.h. Ablösung von den ursprünglich angstauslösenden Ereignissen und Koppelung mit an und für sich bedrohlichen Reizen) bis hin zur Verselbständigung im Sinne einer generellen Verhaltenstendenz.“ 4
Angst kennt jedes Individuum, das Gesunde wie das Indisponierte. Man weiß, was damit gemeint ist, wenn von dem spezifischen Gefühl des Bedrohtseins gesprochen wird. Die Angst ist ein psychisches, aber auch ein körperliches Phänomen. Die Herkunft des Wortes aus dem Lateinischen „angustia“ weißt auf eine spezielle Enge, Enge in der Brust hin. Sie findet ihr Wirken über viele Zeitalter und Kulturen hinweg. Bei Johannes 16, 33 heißt es: „In der Welt habt ihr Angst.“ Kierkegard (1844) bringt die Angst mit der Erbsünde in Verbindung. Die bildende Kunst aus dem Mittelalter hinterlässt eine Vielzahl expressiver Angst- und Schreckensbilder. Man erinnere sich an die Anekdote Luthers, welcher sich aus einer verborgenen Ecke seines Zimmers derart vom Teufel bedroht fühlte, dass er ein Tintenfass nach ihm warf. 5 Erwähnt werden muss weiterhin das Verdienst Sigmund Freuds und dessen Konzeption des „Unheimlichen“ (1919), welches aus der Verdrängung des Heimlichen entspringt, das im Verborgenen hätte bleiben hätte sollen, aber dennoch hervorgetreten ist. Sigmund Freuds These soll in einem weiteren Abschnitt dieser Arbeit Beachtung finden.
4 Einführung in die Angstpsychologie. Ein Überblick für Psychologen, Pädagogen, Soziologen und Mediziner. Hrsg. von Prof. Dr. E. F.
Kleiter. Weinheim: Deutscher Studienverlag 1992. S. 3.
5 vgl. Das Phänomen der Angst. Pathologie, Genese und Therapie. Hrsg. von Hermann Lang und Hermann Faller. Frankfurt am Main:
Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1996. S. 7.
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Auch in der gegenwärtigen Epoche erscheint die Angst als ein aufdringliches Phänomen. So schrieb der Anthropologe Viktor Emil von Gebsattel 1951, dass die Angst keine private Angelegenheit mehr sei, sondern auf die gesamte abendländische Menschheit übergegangen sei. Er spricht von einem unbestimmten Vorgefühl von ungeheuren Bedrohungen, welche das Seins-Bewusstsein erschüttere. Das Angstphänomen nähme seiner Meinung nach stetig zu und habe bisher Höchstmaß erreicht. 6
Die Angst darf somit nicht als Tabu gesehen werden, sondern sie entspringt einer Vielzahl von individuellen sowie gesellschaftlichen Problematiken.
Franz Kafka gilt als Dichter, welcher die Angst als Wesen in sich beherbergte, sie zum großen Thema seiner Dichtung und Erzählung erhob und man könnte gar die Hypothese aufstellen, zu seinem Lebensinhalt. Die Verwandlung beinhaltet Motive der Angst, die in folgende Lebensbereiche ausstrahlen: Existenz-Angst, Soziale Angst, Angst vor Auflösung bestehender Ordnungsstrukturen, Ohnmacht, Versagens-Angst etc. bis hin zum Ekel. In dieser Hinsicht lohnt eine gezielt Spurensuche des Angst-Phänomens im Werk und Leben des Künstlers Franz Kafka.
3. Franz Kafka in der Auseinandersetzung mit der Angst
Die Angst besaß eine große Bedeutung in Kafkas Leben und scheint somit untrennbar von seinem Werk. In persönlichen Tagebuchaufzeichnungen sowie zahlreichen Briefen lassen sich spezifische Aussagen herausfiltern, die den Zustand seiner Angst in verschiedensten Grundformen aufzeigen. Er bezeichnete das Phänomen der Angst als seine persönliche Haupt-Disposition und erhob sie sogar als seinen ‚Höchstwert’. „ […] und außerdem ist ja mein Wesen: Angst. […] ja ich bestehe aus ihr und sie ist vielleicht mein Bestes.“ 7 In mächtiger Intensität und Kraft zeigte sich bei ihm die Lebensangst, welche alle anderen Emotionen in den Schatten zu stellen scheint: „ […] Angst ausgedehnt auf alles, Angst vor dem Größten wie dem Kleinsten, Angst, krampfhafte Angst vor dem Aussprechen eines Wortes.“ 8 ; und weiter heißt es: „Ich gehe dann aus, kann an nichts anderes denken, nichts als eine ungeheure Angst beschäftigt mich und in helleren Augenblicken noch die Angst vor dieser Angst.“ 9 Ein weiteres metaphorisches Bild der Angst zeichnete Kafka in einem Brief an Max Brod 1921:
„Und doch ist es nichts als gemeinste Angst, Todesangst. So wie wenn einer der Verlockung nicht widerstehen kann, in das Meer hinauszuschwimmen, glückselig ist, so getragen zu sein, jetzt bist du Mensch, bist ein großer Schwimmer und plötzlich richtet er sich auf, ohne besonders viel Anlaß und sieht nur Himmel und Meer und auf den Wellen ist nur ein kleines Köpfchen und er bekommt eine entsetzliche Angst, alles andere ist ihm gleichgültig, er muß zurück und wenn die Lunge
6 vgl. Das Phänomen der Angst. Pathologie, Genese und Therapie. Hrsg. von Hermann Lang und Hermann Faller. Frankfurt am Main:
Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1996. S. 8.
7 Kafka, Franz: Briefe an Milena. Gesammelte Werke, hrsg. von Max Brod .Frankfurt: Fischer Verlag 1965. S.70.
8 Kafka, Franz: Briefe an Milena. Gesammelte Werke, hrsg. von Max Brod .Frankfurt: Fischer Verlag 1965. S.249.
9 Kafka, Franz: Briefe 1902-1924. Gesammelte Werke. Hrsg. von Max Brod. Frankfurt: S. Fischer Verlag, 1966. S. 414.
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reißt. Es ist nicht anders.“ 10
Der Biograph Klaus Wagenbach misst der Angst Kafkas eine derart immense Bedeutung zu, dass er zu folgender provokanter These kommt: „Kafka wollte nur die Werke, wenn auch bedingt, erhalten wissen, die direkt von der Angst sprechen.“ 11 Es stellt sich die Frage, ob hier nicht eine allzu pathetische Sichtweise zum Tragen kommt. In diesem Zusammenhang kann auch kein direkter Beweis für diese Annahme angeführt werden.
Im Folgenden muss darauf hingewiesen werden, dass die Verbindung von autobiographischen Schriften und dem eigentlichen dichterischen Werk Kafkas nicht unproblematisch ist. Hartmut Binder proklamiert, dass Vorsicht geboten sei, wenn man diese beiden Bereiche aufeinander beziehe beim Versuch, den einen zum Verständnis des anderen zu verwenden. 12 Gegen diese durchaus relevante Annahme steht diametral die Attitüde von Jürg Beat Honegger, welcher die dichterischen Intentionen Kafkas seiner autobiographischer Aussagen mit seinem Werk verbindet und dafür folgende Tagebuchaufzeichnung des Autors heranzieht:
„Der Sinn für die Darstellung meines traumhaften inneren Lebens hat alles andere ins Nebensächliche gerückt und es ist in der schrecklichen Weise verkümmert und hört nicht auf, zu verkümmern.“ 13 Kafka selber differenziere eben nicht zwischen den zwei Realitäten, der dichterischen und der unmittelbaren Erlebniswelt; sie bilden gleichwohl eine hermetisch abgeschlossene und nicht aufzulösende Einheit. Honegger geht in seiner Argumentation soweit, dass er statuiert:
„Alle Aussagen dieses Dichters sind grundsätzlich aus der gleichen subjektiven Erfahrungs- und Bilderwelt zu verstehen.“ 14 Diese Aussage wird als sehr stringent empfunden und es bleibt fraglich, ob die beiden Bereiche der Autobiographie des Autors und dessen dichterisches Werk tatsächlich derart engmaschig verstrickt sind oder ob Kafkas Dichtung, wenigstens zu Teilen aus kalkulierter Schöpfung und Entwicklung von Figuren und Erzählstrukturen entsprungen ist. Selbst individuelle Zeugnisse wie Briefe oder Tagebuchaufzeichnungen Kafkas mögen von gezielter dichterischer Konstruktion nicht ausgenommen sein. Gewiss liegt hier ohnehin die größte Problematik im Verständnis des Künstlers und seinem Werk. In dieser Arbeit soll dennoch auf Honeggers Tradition der engen Verbindung von Autobiographie und Lebenswirklichkeit zurückgegriffen werden können, wenn eine apodiktische Beweislage vorliegt.
10 Kafka, Franz: Briefe 1902-1924. Gesammelte Werke. Hrsg. von Max Brod. Frankfurt: S. Fischer Verlag, 1966. S. 290.
11 Wagenbach zit. in: Das Phänomen der Angst bei Franz Kafka. Hrsg. Von Wolfgang Binder u. Hugo Moser. Berlin: Erich Schmidt Verlag
1975 (Heft 81). S.13.
12 Binder, Hartmut: Motiv und Gestaltung bei Franz Kafka. Bonn: Bouvier Verlag 1966. S. 156.
13 Kafka zit. in: Das Phänomen der Angst bei Franz Kafka. Hrsg. Von Wolfgang Binder u. Hugo Moser. Berlin: Erich Schmidt Verlag 1975
(Heft 81). S.17.
14 Das Phänomen der Angst bei Franz Kafka. Hrsg. Von Wolfgang Binder u. Hugo Moser. Berlin: Erich Schmidt Verlag 1975 (Heft 81).
S.17.
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2010, Motive der Angst in Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“, München, GRIN Verlag GmbH
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