Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Hauptteil 3
2.1 Der Undinenmythos und sein Höhepunkt im 19. Jahrhundert 3
2.2 Geschlechterdiskurs und Frauenbild im Wandel 6
2.3 Zwei Seiten einer Medaille: Die ideale Rolle der Frau und
ihre Deutung im Kunstmärchen 13
3. Schluss 18
Literatur - und Quellenverzeichnis
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1. Einleitung
„Es ist z.B. von den Mythen durchaus wahrscheinlich, daß sie den entstellten Überresten von Wunschphantasien ganzer Nationen, den Säkularträumen der jungen Menschheit entsprechen.“ 1
Geht man von dieser Annahme Freuds aus, so ist besonders der Undinenmythos als Faszinosum und durchgängiges Motiv in unserer Kultur von Odysseus Sirenen bis zur gegenwärtigen kleinen Meerjungfrau Arielle wiederzufinden. Obgleich es sich um Sirenen, Undinen, Melusinen, Nixen oder Meerjungfrauen in ihren unterschiedlichsten Erscheinungsformen handelt, es ist ihnen eines gemeinsam: Sie repräsentieren das Geheimnisvolle, Verführerische, Gegensätzliche in Gestalt eines Elementarwesens, das ebenso Frau ist. Sie verkörpern danach Geist und Mensch, Natur und Kultur, Leben und Tod zugleich. So dienen sie besonders in der Literatur als Medium zwischen Realität und Utopie, Sehnsucht und Verstand, Weiblichkeit und Männlichkeit der individuellen Imaginationsfläche von Literaten und Rezipienten. Die Liste solcher Kategorisierungen ließe sich weiter fortführen, doch soll diese Auswahl gegensätzlicher, sich aber nicht ausschließender, Zuordnungen nur die Attraktivität des Motivs deutlich machen, das im
19. Jahrhundert sowohl in Literatur als auch in Musik und Kunst seinen Höhepunkt fand. So ist der Undinenmythos keineswegs eine immer gleich konzipierte Darstellung. Vielmehr ist seine Projektionsfläche einem ständigen historischen Wandel unterlegen, der hier besonders an der Schwelle zum 19. Jahrhundert und der von Reinhard Koselleck beschriebenen `Sattelzeit´ im Diskurs über Geschlechterkonstellationen und Frauenbilder neue Entwicklungsschübe erfahren hat und sich bewusst oder unbewusst fixiert in der Literatur widerspiegelt.
Demnach soll in dieser Arbeit die Epoche des Biedermeier im Hintergrund des Vormärz und sein konzipiertes, viel diskutiertes Frauenbild im Vordergrund der Analyse stehen und anhand H. C. Andersens „Die kleine Seejungfrau“ untersucht werden. Es stellt sich also die Frage, inwiefern das idealisierte Frauenbild des Biedermeier den Imaginationsraum der „kleinen Seejungfrau füllt und in entstellter Form des Undinenmythos im Kunstmärchen in Erscheinung tritt. Welche Geschlechterkonstellation
1 Freud: Der Dichter und das Phantasieren (1908), in: Ders.: Das Unbehagen in der Kultur und andere
Schriften, S. 971.
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und welches Gesellschaftsmodell stehen hinter der fiktiven Geschichte H. C. Andersens, das rezeptionsästhetisch eine derartige Popularität erfahren hat? Und inwiefern steht es im Wechselspiel mit der zeitgenössischen Vorstellung von Weiblichkeit und der Rolle der Frau in der Gesellschaft?
Von diesen Fragestellungen ausgehend vereint sich methodisch gesehen die literaturhistorische Perspektive mit dem individualpsychologischen Moment der Untersuchung. Die daraus resultierende sozialpsychologische Betrachtung lehnt zwar an Gender Studies und feministischer Literaturwissenschaft an, die sich besonders seit den 80er Jahren heterogen und eingehend mit dem Undinenmythos in der Literaturgeschichte beschäftigte, grenzt sich jedoch zugleich von ihr ab, indem sie nicht nur von der Geschlechterdifferenz und der Geschichte der Frau, sondern auch von ihren sozialen und kulturellen Repräsentationssystemen im historischen Wandel erzählt. In Folge dessen soll der Gegenstand der Analyse in drei Schritten bearbeitet werden: Zunächst ist die Darstellung des Undinenmythos, seine Faszination, seine Rezeption und seine Sonderstellung im 19. Jahrhundert, auch in Abgrenzung zu umliegenden Epochen zu betrachten, um im Folgenden den Geschlechterdiskurs und das zeitgenössische Frauenbild im Wandel zu erfassen, bevor das Kunstmärchen auf Grundlage dessen interpretiert wird. Diese Vorgehensweise entspringt dem Anspruch, die Geschlechterproblematik unserer Zeit in Verbindung mit der typisierten Vorstellung vom Undinenmythos nicht bloß auf das Werk H. C. Andersens zu übertragen, sondern die spezifischen Problemstellungen seiner Zeit im Spiegel des Meerjungfrauenmotivs zu erfassen - oder im Freudschen Sinne „den entstellten Überresten von Wunschphantasien“ ein Stück näher zu kommen.
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2. Hauptteil
2. 1 Der Undinenmythos und sein Höhepunkt im 19. Jahrhundert
Die Wasserfrau spielte in der abendländischen Literatur als Motiv der Verführung in positiver als auch negativer Hinsicht eine entscheidende Rolle. Trotz ihrer vielartigen Gestaltungsform, die von der Varietät kollektiver oder individueller Imaginationsräume abhängig ist, verbindet sie äußerlich zumeist ihre Schönheit, ihre liebliche Stimme und ihre Anmut. So beherrscht sie als außerweltliches Wesen die Kunst der Verführung, die eine Gefahr für sie selbst und ihr Gegenüber darstellt und nicht selten im Tod endet. Dieser Versuchung konnte Odysseus bei Homer schon nicht widerstehen, noch konnten es die Menschen im Angesicht der Melusinengestalt im Mittelalter. An dieser Stelle soll nur ein kurzer Abriss der entscheidenden Entwicklungen im Undinenmythos erfolgen, um ihre Wandelbarkeit im historisch-kulturellen Prozess zum
19. Jahrhundert zu veranschaulichen. War die Sirene in antiken Erzählungen noch eine übernatürliche Gottheit, verband sie sich im Frühen Mittelalter mit dem germanischen Nixenglauben und traf im Zusammenhang mit der Sage auf die „schöne Melusine“ im 13. Jahrhundert. In der mittelalterlichen Literatur berief man sich also auf griechischrömische und germanische Mythen und gab ihr im Zuge der Verchristlichung einen dämonischen Charakter, der als außerweltliche, dem Satan oder Teufel untergebene Gestalt, eine Gefahr für die Menschen darstellte. So ordnete sie sich bis zur Frühen Neuzeit in die Thematik der Heilsgeschichte und nicht in die der Geschlechterdifferenz ein. Innerhalb dieses Verständnismusters suchte die Wasserfrau ihre Erlösung noch nicht im Erlangen einer Seele, sondern in der Vergebung ihrer sündhaften Natur durch Gottes Gnade. 2
Diese Vorstellung änderte sich im Zuge der frühneuzeitlichen Entwicklungen, der äußeren Auflösung des von Gott gegebenen ständischen Systems, dem eintretenden Rationalisierungs- und Individualisierungsprozess - um nur einige Aspekte zu nennen -und gestaltete sich mit Paracelsus „Liber de nymphis, sylphis, pygmaers et salamandris et
2 Mertens: Melusinen, Undinen, in: Janota u.a. (Hg.): Festschrift Walter Haug und Burghart Wachinger, S.
232.
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de caeteris spiritibus“ aus dem Jahre 1566, neu. Seine Elementargeisterlehre implizierte eine Vermenschlichung der außerweltlichen Gestalt, sodass sie als Zwischenwesen nach Beseelung streben können, indem sie sich mit einem Menschen vermählen und so selbst zum Menschen werden: „aber so sie mit dem Menschen in Bündnis kommen, alsdann gibt das Bündnis die Seele...“ 3 Nach Gewinnung der Seele steht ihnen im Falle des Betruges auch das Recht der Rache am Mann zu, eine erneut menschliche Eigenschaft: „Wiewohl sie bleibt eine Wasserfrau [...] es sei denn, daß der Mann ein ander Weib nehme, und sie komme und ihm den Tod zufüge, wie denn oft geschehen...“ 4 Paracelsus, der ebenso ein Kritiker der Hexenverfolgung war, nahm der Undine ihren dämonischen, gefühlslosen und völlig außerweltlichen Charakter und schuf mit seiner Lehre die Stoffgrundlage für darauf folgenden Undinendichtungen - nicht zuletzt auch die H. C. Andersens kleiner Seejungfrau.
Eine Hochkonjunktur des Undinenmythos erfährt nach fast 150 Jahren Pause die Epoche der Romantik, besonders unter Friedrich de la Motte Fouqués „Undine“ aus dem Jahre 1811, der Paracelsus Konzeption der Wassergeister übernimmt. Deutlich wird hier bereits der Wandel des Undinenmythos, der parallel zum Liebes- und Geschlechterdiskurs Anfang des 19. Jahrhunderts eine Wasserfrau symbolisiert, die zunächst die reine Natur als Gegensatz zur Kultur verkörpert und im Transfer zur patriarchalischen, weltlichen Gesellschaft mit ihrem Normen- und Wertekonzept das schon in Ansätzen biedermeierliche Frauenbild vertritt. Die Aktualität des sozialen und kulturellen Unterschieds zwischen Mann und Frau ist hier wiederzufinden, ebenso wie das bürgerlich-hierarchische Gesellschaftssystem der Zeit, das im nächsten Kapitel genauere Beachtung finden wird. 5
Der rezeptionsästhetische Erfolg des Werkes, die Wiederentdeckung des Mythos im 19. Jahrhundert und seine rasche Verbreitung auf allen kulturellen Ebenen zeigen, dass sich kaum ein anderes Motiv in seiner Ambivalenz besser dazu eignete den Geschlechterdiskurs fiktiv zu verarbeiten. Denn das Werk ist mit oder ohne Intention des Autors immer an seine Entstehungsepoche gebunden, in der das Faszinosum der
3 Paracelsus: Liber de nymphis, sylphis, pygmaers et salamandris et de caeteris spiritibus (1566), in: Max,
(Hg.): Undinenzauber, S.102.
4 Ebd. S. 103.
5 Vgl. Roth: Hydropsie des Imaginären, S. 99.
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Arbeit zitieren:
Verena Wirtz, 2011, Der Undinenmythos im frühen 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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