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I. Einleitung
„Was auch immer der große Haufen von mir sagt - ich weiß sehr gut, in welch schlechtem Ruf die Torheit sogar bei den ärgsten Dummköpfen steht - ich behaupte dennoch, aus eigener Macht Götter und Menschen erheitern zu können.“ 1
So beginnt Das Lob der Torheit, Moriae encomium, eines der bekanntesten Werke von Erasmus von Rotterdam. Das Werk entstand 1509 in England und beschreibt die Lobrede der Torheit, die von der weiblichen Figur Stultitia verkörpert wird. Dabei beschreibt sie alle Torheiten der Menschen, unabhängig von Stand und Intellekt, übt scharfe Kritik an ihnen aus und tritt selbst als autonome direkte Figurenrednerin auf, d.h. sie kommt unmittelbar und ungefiltert zu Wort. Stultitia nutzt dabei die Ironie als Stilmittel, sodass nie sicher ist, ob eine Kritik ernst gemeint ist oder nicht.
Diese Hausarbeit befasst sich speziell mit der Gesellschaftskritik, Frömmigkeits- und Religionsauffassung im Werk von Erasmus. Dabei soll die Frage aufgeworfen werden, welches Ziel hinter der Kritik steckt und ob Erasmus damit ein Umdenken der Gesellschaft anregen wollte, oder ob sein Werk lediglich zur Belustigung dienen sollte. Diesbezüglich wird die Auffassung von Erasmus zur Religion, Frömmigkeit und Gesellschaft selbst beleuchtet und mit seinem Werk Das Lob der Torheit in Verbindung gebracht. Eine grobe Erörterung zur Entstehungsgeschichte des Werkes, sowie eine Beschreibung der Narrenfigur, sollen zum Einstieg dienen, um sich das Thema und die Hintergründe näher zu bringen, bis es zur Vertiefung und Differenzierung des Hauptthemas kommt. Dabei wird unter drei Aspekten unterschieden: erstens die Gesellschaftskritik, zweitens die
Frömmigkeitsauffassung und drittens die Religionsauffassung. Die drei Aspekte schließen sich jedoch nicht aus, sondern greifen vielmehr ineinander über. Nach dem Erörtern der drei Aspekte wird das Ende, unter dem Punkt III. Schluss, die erarbeiteten Punkte zusammenführen und zu einem Endergebnis führen. Dadurch soll aufgezeigt werden, welches mögliche Ziel Erasmus mit seiner Satire erreichen wollte.
1 Erasmus von Rotterdam, Lob der Torheit, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 1907, Stuttgart 2006, S. 7, Z. 1ff.
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II. Hauptteil
Erasmus schrieb seine Satire während eines Aufenthalts in England bei seinem guten Freund Thomas Morus und widmete ihm diese auch. Hauptfigur ist die weibliche Stultitia, die als allwissender Erzähler sehr selbstbewusst auftritt, was auch schon das oben genannte Zitat zeigt. Zu ihren Töchtern zählen Eigenliebe, Schmeichelei, Vergesslichkeit, Faulheit und Lust 2 , welche ihr auch behilflich sind, „alle Welt in [ihren]Bann“ zu halten und „sogar Herr über die Herrscher“ 3 zu sein.
Die Figur des Narren war im 15. Jahrhundert ein beliebtes Stilmittel in der Literatur, um Kritik, meist in Form von menschlichen Schwächen, zu äußern oder Übertreibungen in Form von Karikaturen, sowie überspitzten Belehrungen, aufzuzeigen. Beispiele dafür sind das Narrenschiff von Sebastian Brant oder die Geschichte von Till Eulenspiegel. Die Figur des Narren wurde gerne genutzt, da scherzhafte Aussagen nie genau gedeutet werden konnten. Die kritisierte Person oder Gesellschaft tauchte in einer Art Spiel mit der Wahrheit auf, sodass eine genaue Abgrenzung zwischen Angriff auf die Kritisierten und Scherzgehalt der Aussage schwer fiel.
In der Satire von Erasmus spricht die Narrenfigur direkt zu den Menschen: „Wenn ich euch so vor mir sehe, […].“ 4 Dadurch wird gezeigt, dass „in fast gleichlauter Formulierung, mit der Stultitia eingangs die Narrenfreiheit in Anspruch nahm, rechtfertigt sie auch hier die unmittelbare und spontane Art des Sprechens.“ 5 Sie nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, sowie keinerlei Rücksicht auf ihre Sprachwahl, was das nächste Zitat aufzeigt: „die sich meistens aus falscher Scham gegen Geld einen Lobhudler oder Reimschmied bestellen, um von ihm unter dreisten Lügen ihr Lob zu vernehmen.“ 6
Das Lob der Torheit ist in seiner Form ohne Kapitel, Nummerierungen oder Unterteilungen geschrieben. Dennoch lässt sich eine Einteilung in drei Teile erkennen. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Vorstellung der Torheit, ihrer Herkunft, sowie ihrem Einfluss auf die Menschen.
„Ich wundere mich manchmal über die menschliche Undankbarkeit und Säumigkeit, da seit Anbeginn der Welt bisher noch keiner aufstand und mit dankbarer Rede das
2 Vgl. ebd., S.12, Z. 14ff.
3 Ebd., S.12, Z.26f.
4 Ebd., S. 7, Z.10.
5 Georg Baschnagel, „Narrenschiff“ und „Lob der Torheit“. Zusammenhänge und Beziehungen, Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 1979, S.97, Z. 27ff.
6 Erasmus von Rotterdam, Lob der Torheit, S.8, Z.21ff.
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Lob der Torheit feierte, wo doch alle voll Eifer in meinem Dienst stehen und mit Freude meine Wohltaten wahrnehmen.“ 7
Der zweite Teil befasst sich mit den verschiedenen Torheiten der unterschiedlichen Schichten. Nationalitäten und Geschlechtern wie Mann und Frau, „wenn die Gleichgültigkeit oder Beschränktheit des Mannes nicht die meisten Schandtaten der Frau übersähe.“ 8
Die Kirche sowie das Christentum mit all ihren Anhängern, wie Päpste und Mönche, werden im letzten Teil des Lobs der Torheit genauer betrachtet.
„Ihr Glück teilen jene, die sich gemeinhin Religiosen und Mönche nennen. Die Namen sind allerding grundfalsch, da die meisten unter ihnen von Religion gar nichts an sich haben und kaum einer so sehr Gesellschaft sucht.“ 9
„Jegliche Distanz ist aufgehoben; Spott und Schadenfreude weichen dem Zorn und der Wut, oder anders formuliert, die Torheit muß Erasmus ihren Platz einräumen.“ 10 Genauer wird dieses Einräumen nun unter den drei folgenden Aspekten Gesellschaftskritik, Frömmigkeits- und Religionsauffassung betrachtet.
1. Gesellschaftskritik
Schon zu Beginn der Satire zeigt die Torheit, dass sie zu jeder Gesellschaftsschicht eine passende Kritik äußern kann, dabei beschreibt sie zunächst allgemeine menschliche Fehler, um dann zu den einzelnen Ständen zu gelangen und diese spezieller zu kritisieren. Um die Torheiten zu unterstreichen benutzt sie Vergleiche mit Tieren, wie Eseln oder Schafe 11 , oder zeigt auf, dass höhere Stände nur zu Ansehen gekommen sind, indem sie „doppelzüngig auftreten wie Blutegel“ 12 , „eine gute Weile läppischen Unfug machen“ 13 oder dreist und unüberlegt verfahren. 14 Um die Kritik daran zu verstehen, muss man zurückblicken auf die Vorstellung gegenüber bestimmten Werten von Erasmus. Erasmus, als Humanist, war starker Vertreter von Bildung und Weiterbildung des Menschen. „Er teilte die allgemeine Bewunderung für beide Phasen der Antike, die heidnische und christliche,
7 Ebd., S. 8-9, Z. 34-2.
8 Ebd., S. 25, Z. 25ff.
9 Ebd., S. 77, Z. 21-25.
10 Cornelius Augustijn, Erasmus von Rotterdam. Leben-Werk-Wirkung. C.H. Beck Verlag, München 1986, S. 58, Z. 30ff.
11 Vgl. hierzu Erasmus von Rotterdam, Lob der Torheit, S.10 Z.11.
12 Ebd., ebd.
13 Ebd., S. 13, Z. 23.
14 Vgl. ebd., S. 41, Z. 16f.
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insbesondere allerdings für die letztgenannte.“ 15 Um seiner Vorstellung gerecht zu werden, versuchte er sogar Hebräisch zu lernen „um zu den Quellen der Christenheit zurückkehren zu können.“ 16 Dies zeigt, wie sehr er sich am vorhandenen Wissen bediente und das Selbe auch von seinen Mitmenschen verlangte. Erasmus steht für die Reformation, „das heißt für eine Besserung der Institution und Sitten durch einen neu belebten, an dem Erbe der Alten und an den Quellen des Christentums gestärkten religiösen und sittlichen Geist.“ 17 Denn nur so könnte man das Leben eines Christen richtig führen, das Leben fromm auskosten und genießen.
„Bis Stultitia sich in direkter Satire den einzelnen Ständen zuwendet, ist ihre Aufmerksamkeit vor allem darauf gerichtet, ihr törichtes Sein in Auseinandersetzung mit vorhandenen, allseits bekannten Vorstellungen zum Thema Narrheit neu zu beschreiben und sorgfältig abzugrenzen. Zur unmittelbaren Charakterisierung ihrer Persönlichkeit gibt sie sich vorlaut und schwatzhaft, und wer möchte ihr widersprechen, wenn sie feststellt, daß ihr, der Torheit, vor allem das Eigenlob angemessen sei.“ 18
Die Narrenfigur als Sprechrohr zu nutzen, war ein guter Schachzug von Erasmus, denn
„die Narrheit, die spricht und ihr Eigenlob verkündet […] verleiht dem Ganzen einen doppelten Boden. Wenn die Torheit die Torheit preist, kobolzt Torheit über Torheit, so daß bald nicht mehr klar ist, wo Ja zu Nein wird.“ 19
Was genau wollte Erasmus jedoch damit bezwecken? Diente sein Werk als Belehrung oder doch eher als Belustigung? Seiner Auffassung nach, wird
„nicht durch die Erfüllung äußerer gesetzlicher Normen, wie etwa die Kirche sie stellt, kann [sich] der Christ die Liebe zu Christus bewähren, sondern auf grund persönlicher Willensentscheidung und unter eigener Verantwortung muss er die Lehre Christi in die Tat umsetzen.“ 20
Dieser Aspekt soll nun unter der Frömmigkeitsauffassung näher beleuchtet werden.
15 Peter Burke, Die europäische Renaissance, C.H. Beck Verlag, München 2005, S. 130, Z. 3ff.
16 Ebd., S.132, Z.2.
17 August Rüegg, Des Erasmus „Lob der Torheit“ und Thomas Mores „Utopie“, S. 69-88. In: Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel, Gedenkschrift zum 400. Todestage des Erasmus von Rotterdam, Braus-Riggenbach Verlag, Basel 1936, S. 70, Z. 32 ff.
18 Georg Baschnagel, „Narrenschiff“ und „Lob der Torheit“, S.100, Z.26-32.
19 Cornelius Augustijn, Erasmus von Rotterdam, S. 55, Z. 26ff.
20 Wilhelm Maurer, Das Verhältnis des Staates zur Kirche nach humanistischer Anschauung vornehmlich bei Erasmus, Alfred Töpelmann Verlag, Gießen 1930, S.12, Z. 18ff.
Arbeit zitieren:
Olivia Namsler, 2010, Erasmus von Rotterdams "Lob der Torheit", München, GRIN Verlag GmbH
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