Inhaltsverzeichnis:
1 Einleitung 3
2 Geschwindigkeit als Medium. 4
3 Revolutionen der Geschwindigkeit 6
4 Frage der Wahrnehmung 9
5 Geschwindigkeit und Krieg. 11
6 Leben in Echtzeit. 14
7 Schlussbetrachtung. 19
8 Literaturnachweis 23
2
1 Einleitung
Berlin, der 4. Juli 2006. Es ist 20:50Uhr und ich bin viel zu spät dran. In 10 Minuten beginnt das Spiel: Deutschland/Italien. Halbfinale in der Fußballweltmeisterschaft. Die Zeit läuft mir davon. Ich versuche mit schnellstmöglicher Geschwindigkeit nach Hause zu kommen, 21Uhr Anpfiff. Ich bin immer noch unterwegs und rase durch die nun wie leer gefegten Straßen. Irgendwie ist es sehr ruhig geworden. Hin und wieder ziehen diverse Kneipen mit Direktübertragung des Spiels an mir vorüber. Alle Menschen der Stadt scheinen sich an Orten der Direktübertragung einzufinden. Gemeinsame Plätze kollektiver Vereinigung zum gemeinsamen Erleben eines Fußballspiels. Die Menschen der Welt sehen jetzt zur exakt gleichen Zeit dasselbe. 21:10Uhr, ich bin endlich zu Hause. Ich beschleunige meine Restenergie um den Fernseher anzuschalten. Jetzt ist es soweit. Endlich, ich bin drin, in der Leitung der Direktübertragung, Live am Spielgeschehen. Ich bin nun an einem Ort mit dabei, gleichzeitig mit abermillionen Menschen, die zusammen mit mir das Spiel verfolgen. Ich befinde mich vor dem Fernsehapparat und ich bin auch live im Stadium. Ich bin an zwei Orten gleichzeitig. Ich befinde mich an einem Nicht-Ort 1 .
In dieser Hauptseminararbeit soll es nicht um Fußball gehen, sondern um die Geschwindigkeit zwischen zwei Orten. Um die Wahrnehmung der Geschwindigkeit und die Ästhetik der Geschwindigkeit, letztlich um die Philosophie der Geschwindigkeit nach Paul Virilio. Die Menschheit befindet sich heute in einer beschleunigten Welt. Die meisten Phänomene der Geschwindigkeit stecken dabei voller Widersprüche. Die vielen täglich benutzten Beschleunigungsinstrumente vom Motor über Fast Food bis zum Computer, scheinen auf dem ersten Blick vernünftig und sind es in der Regel auch. Ihre Entwicklung versteht sich als Antwort auf das stetige Bedürfnis der Menschheit, die Weiterentwicklung der Geschwindigkeit als eine nützliche Perfektionierung zu sehen. Auf den zweiten Blick wird jedoch auch viel Überflüssiges und Absurdes erkennbar. 2 Der Hang zu immer schnellerer Geschwindigkeit scheint heute allgegenwärtig und nicht mehr zu stoppen, allerdings mit dem paradoxen Ergebnis, dass die Perfektionierung zeitsparender Methoden die Zeit immer knapper werden lässt.
1 Der Begriff des Nicht-Ortes soll unter Anderem im Laufe dieser Arbeit näher erläutert werden.
2 Vgl. Peter Borscheid: Das Tempo-Virus. Eine Kulturgeschichte der Beschleunigung. Frankfurt am Main 2004,
S. 7.
3
Ich möchte in dieser Arbeit mit Hilfe der Medientheorie Paul Virilios das Phänomen der Geschwindigkeit genauer untersuchen. In erster Linie soll dabei Virilios Philosophie der Geschwindigkeit analysiert werden. Der Philosoph und Medienkritiker Paul Virilio 3 ist bekannt als Geschwindigkeitstheoretiker und als Begründer der so genannten Dromologie 4 . In der vorliegenden Arbeit stütze ich mich neben Schriften von Virilio vor allem auf Schriften zum Thema von Daniela Kloock und Peter Borscheid.
Für Paul Virilio produzieren technische Medien immer unterschiedliche
Geschwindigkeitsordnungen. Mit Hilfe der Geschwindigkeit analysiert er die Gesellschaft. Im nächsten Abschnitt soll als erstes ein Blick auf Virilios Medien- und Geschwindigkeitsverständnis geworfen werden.
2 Geschwindigkeit als Medium
„Ich hätte die Dromologie nicht als Disziplin bezeichnet, wäre ich nicht davon überzeugt, dass Geschwindigkeit ein unabdingbares Moment in der Analyse der Weltgeschichte ist.“ 5
Die Dromologie ist Paul Virilios Arbeitsgebiet. Sie beschäftigt sich mit der Logik des Laufs und der Geschwindigkeit. Mediengeschichte, Militärwissenschaft, Urbanistik und Physik fließen in sie ein. Diese einzelnen Komponenten werden zueinander in Beziehung gestellt, immer unter Berücksichtigung des Begriffes der Geschwindigkeit. Und diese wird nicht nur verstanden im Hinblick auf feste Körper, sondern im Hinblick auf alle für Virilio interessierten Bereiche. So sind zum Beispiel menschliche Interaktionen, politische oder geschichtliche Ereignisse nichts anderes als Erscheinungsformen der Geschwindigkeit. Die Dromologie ist für Virilio vor allem eine Theorie der Medien, weil jedes Medium eine gewisse Geschwindigkeit besitzt und immer an der Produktion von Wahrnehmung von Geschwindigkeit beteiligt ist. Es geht ihm also um bestimmte Geschwindigkeitsverhältnisse. Hierbei ist die Nachricht als solche nicht entscheidend, sondern vielmehr die Geschwindigkeit, mit der die Information übertragen wird. Die Information wird selbst zur
3 Paul Virilio ist 1932 in Paris geboren. Er war seit 1969 Professor sowie Gründer und seit 1973 Studiendirektor
an der Ecole Spéciale d´Architecture in Paris. Er ist seit 1997 emeritiert und widmet sich seitdem seinen
dromologischen Forschungen.
4 Nach dromos, altgriechisch die Rennbahn und logos die Wissenschaft, also die Logik des Laufs und der
Geschwindigkeit. Zu verstehen als eine Art Wissenschaft der Geschwindigkeit. Vgl.
http://de.wikipedia.org/wiki/Dromologie.
5 Paul Virilio: Revolution der Geschwindigkeit. Berlin 1993, S. 38.
4
Geschwindigkeit. Beispiele hierfür sind unter anderem die industrielle Revolution, deren Ziel es war, immer schnellere Maschinen zu entwickeln. Mit der Industrialisierung einher gehend ist auch die Errichtung von Verkehrsknotenpunkten. Ihre Prämisse gilt nicht der Kontrolle des Transports von Personen und Konsumgütern, sondern vielmehr der Kontrolle des Laufs von Geschwindigkeiten, vor allem vom Lauf der Informationen. Nachrichten bzw. deren schneller Transport sind historisch schon immer wichtiger gewesen als Besitz- oder Produktionsverhältnisse. 6 Durch das Tempo der übertragenen Daten wird die Wahrnehmung des Menschen entscheidend beeinflusst. Für Virilio produzieren die technischen Medien immer unterschiedliche Geschwindigkeitsordnungen, welche die menschliche
Wahrnehmungsfähigkeit zuerst verändern, dann verhindern und in letzter Konsequenz ersetzen.
Der Medienbegriff Paul Virilios ist sehr weit gefasst. Er sieht zum Beispiel die Frau als erstes Transportmittel, als erstes Vehikel der menschlichen Gattung. Sie gilt nach Virilio als Ausgangspunkt für die Entwicklung des Transportwesens. Denn die Frau ist für ihn das erste Mittel, das erste Medium um auf die Welt zu kommen. Sie transportierte den Samen und dann, weitergehend, das ungeborene Kind in ihrem Körper und brachte selbiges anschließend zur Welt. Außerdem diente sie dem Mann auch als „Lasttier“ und arbeitete auf dem Feld. Noch bevor sich eine Kultur der Sklaverei und Tierzucht entwickelt hatte, wurde die Frau laut Virilio zu einem ökonomischen Faktor unter der Kontrolle des Mannes. Bei Ortsveränderungen oder Konfrontationen schleppte sie die Lasten und sorgte dadurch dafür, dass sich der Mann vom Jäger zum Krieger entwickeln konnte, da er sich um die Versorgung keine Gedanken machen musste. 7 Auch verschaffte die „Last- Frau“ dem „Jagd-Mann“, aufgrund der Versorgung, eine erste Freiheit, die Bewegungsfreiheit, welche nach Virilio eine Befähigung zur Bewegung und weiter zum Krieg darstellte. Durch die Unterdrückung der Frau erweiterte sich die Bewegungsfähigkeit einer Gruppe und bisher eher lokal begrenzte Konflikte wurden dadurch über längere Zeit ermöglicht. Letztlich bestimmte die Jagd nach Tieren nicht mehr vollends das Überleben einer Gruppe, da man notfalls auf die, von der Frau mitgetragene Nahrung, zurückgreifen konnte. 8 An dieser Stelle muss gesagt werden, dass es Virilio bei der Unterdrückung der Frau in ursprünglichen Nomadengruppen
6 Vgl. Daniela Kloock: Ästhetik der Geschwindigkeit. Paul Virilio. In: Daniela Kloock / Angela Spahr (Hrsg.):
Medientheorien. Eine Einführung. München 2000, S. 134.
7 Vgl. Paul Virilio: Fahren, fahren, fahren... . Köln 1978, S. 74f..
8 Vgl. Paul Virilio: Fahren, fahren, fahren... . Köln 1978, S. 76ff..
5
ausschließlich um die daraus resultierenden Möglichkeiten und Vorteile für diese Gruppen geht. Fraglich ist die extreme Einseitigkeit seiner Sichtweise. Durch die Züchtigung von Reittieren bestiegen laut Virilio die Menschen dann eine neue Stufe der Bewegungsfreiheit. Die Geschwindigkeitssteigerung des Tier- Vehikels ermöglichte den Menschen ebenfalls eine neue Unabhängigkeit. Durch die Schnelligkeit des Reittiers werden Orte zu Ausgangs- oder Ankunftspunkten, die man hinter sich lässt oder anläuft. Die Umgebung verwandelt sich unter dem Reiter in eine Reihe von Möglichkeiten. Das Festgebundensein an einen bestimmten Ort löste sich auf. Damit markierte nach Virilio die Aneignung von Tier- Vehikeln den Anfang der alles durchdringenden Maxime von der Geschwindigkeit in jeglichen Bereichen. 9 Das Erhalten sowie die Kontrolle der Bewegung und damit auch der Geschwindigkeit zieht sich als Grundbedingung weiter durch alle technischen Errungenschaften.
Zusammenfassend kann man sagen, dass das wichtigste Medium für Virilio immer der menschliche Körper ist. Darin inbegriffen ist auch die sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen von Geschwindigkeit. Seine Medientheorie kann auf grund dessen als eine anthropologische Medientheorie verstanden werden. Die sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit 10 des Menschen hat nach Virilio durch die technischen Entwicklungen eine ungeheure Beschleunigung erfahren und wurde bis heute zunehmend mechanisiert. Der Mensch musste sich den Anforderungen der immer höheren Geschwindigkeiten anpassen. Paul Virilio spricht von der Steigerung der Geschwindigkeit in drei Stufen, welche er als Geschwindigkeitsrevolutionen bezeichnet und auf die ich im folgenden Abschnitt eingehen möchte.
3 Revolutionen der Geschwindigkeit
Ausgehend von der Domestizierung der Frau über den Begriff des Tier- Vehikel hat laut Virilio die Geschichte des Transportwesens eine Freiheit geschaffen, die Freiheit der Geschwindigkeit, welche sich im Laufe der Zeit zum Grundsatz der technischen Errungenschaften erhob.
Virilio unterscheidet in seinen Ausführungen zwischen drei Geschwindigkeitsepochen, die er als Revolutionen bezeichnet.
Die erste Revolution der Geschwindigkeit ist die Revolution des Transportwesens im
9 Ebd. S. 79ff..
10 Siehe dazu auch der Abschnitt „Frage der Wahrnehmung“ in dieser Arbeit.
6
Arbeit zitieren:
Sandro Brandl, 2006, Ästhetik der Geschwindigkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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Einbetten
DOI
Fahren/Fahrzeug - Die Dromologie Paul Virilios
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