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Inhaltsverzeichnis:
1 Einleitung. 3
2 Zum Begriff der Theatralität. 4
3 Zur Geschichte des Reliquienkultes. 6
4 Christuskult und Heiligenverehrung 7
5 Aspekt des Opferns 10
6 Reliquiare und anatomische Präparate. 13
7 Theatralität im Reliquienkult 17
8 Anatomie und ihre Theatralität 19
9 Schlussbetrachtung 21
10 Literaturnachweis 23
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1 Einleitung
Der 15. November 2002 in London. Vor Fernsehkameras und 650 eintrittzahlenden Zuschauern wird die öffentliche Sektion einer Leiche zum großen Spektakel. Unter einer riesigen Reproduktion des Rembrandt- Gemäldes Die Anatomievorlesung des Dr. Nicolass Tulp inszeniert sich der deutsche Anatomie- Professor Gunther von Hagens während er die Leiche unter Beifall des Publikums zergliedert. 1
Das Zergliedern von Leichen ist auch noch Jahrhunderte nach der Etablierung der Anatomie mit einer Tabuverletzung verbunden und wird als rituelle Handlung vollzogen. 2 Ein Blick in vergangene Jahrhunderte zeigt, dass das Zurschaustellen von Leichen und dem Tod, in großem Ausmaß praktiziert wurde. In Europa wären hier der Reliquienkult im Mittelalter und die frühe Anatomie seit der Renaissance ganz deutlich hervorzuheben. Die Toten wurden aus ihren Versteck geholt und dem Betrachter in einem öffentlichen Ritual in schonungsloser Offenheit dargeboten.
Aber auch die Heimlichkeit, die Täuschung, das Geheimnis und die Verhüllung spielten eine wichtige Rolle im Reliquienkult. In der frühen Anatomie wird der Tod zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Man versuchte, durch die Zerstückelung des Körpers das Innere des Menschen zu enthüllen und zu enträtseln. Auch theologisch machte man sich Gedanken über die Folgen der Zerstückelung des Körpers für das Jenseits. Man suchte eine Verbindung zum Reliquienkult, denn nur durch die Geschichte des Reliquienkultes konnte eine Sektion in theologischer Hinsicht als moralisch zugelassen werden. Es scheint also einen Zusammenhang von Reliquienkult und Anatomie zu geben und es stellt sich die Frage: Wäre ohne Reliquienkult die Entstehung der Anatomie in der Renaissance möglich gewesen?
In dieser Arbeit gehe ich davon aus, dass die Entstehung der Annatomie ohne Reliquienkult nicht möglich gewesen wäre, denn ich sehe den Reliquienkult als eine kulturelle Vorbereitung, die den Skandal der Sektion in der Anatomie verschwinden ließ und den Weg für anatomisches Wissen freimachte. Um Beweise dafür zu finden, möchte ich den Zusammenhang von Reliquienkult und Anatomie ergründen. In erster Linie soll der Reliquienkult beschrieben und untersucht werden,
1 Informationen aus dem Internet: http://rhein-zeitung.de/on/02/11/21/topnews/anatomie.html;
http://www.cologne-in.de/aktuell/koerperwelten.
2 Vgl. Anna Bergmann: Massensterben und Todesangst im 17. Jahrhundert. Zur rituellen Leichenzergliederung im
Anatomischen Theater. In: Erika Fischer-Lichte (Hg.): Theatralität und die Krisen der Repräsentation. Stuttgart
2001, S. 316.
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um davon ausgehend Bezüge zur Anatomie zu finden. Theaterwissenschaftliche Aspekte spiegeln sich in der jeweiligen Inszenierung von Reliquienkult und Anatomie wieder. Daher möchte ich auch theatrale Elemente im Reliquienkult und der Anatomie aufspüren. Diese theatralen Elemente sollen miteinander verglichen und gegebenenfalls auf Gemeinsamkeiten untersucht werden.
Die Seminararbeit ist aus der Ausarbeitung des Referats über die Vorgeschichte der Anatomie entstanden. Grundlage des Referates bildete der Text Der Körper als Bühne. - Zur Protogeschichte der Anatomie von Hartmut Böhme. In der vorliegenden Arbeit stütze ich mich des Weiteren vor allem auf Schriften zum Thema von Anna Bergmann, Christof L. Diedrichs und Anton Legner.
Um Reliquienkult und Anatomie auf ihren theatralen Charakter hin zu überprüfen, soll als erstes der Versuch einer Definition von Theatralität erarbeitet werden.
2 Zum Begriff der Theatralität
Der wissenschaftliche Begriff Theatralität ist durch die Unklarheit und Diffusität der verschiedenen Referenzen problematisch. Die verschiedenen Theatralitätskonzepte hinterlassen dem Theaterwissenschaftler ein riesiges Anwendungsgebiet. Allgemeiner Konsens ist die Einsicht, dass Theater in seiner Funktion und Bedeutung kulturell und historisch determiniert ist. Also jegliches theatrale Handeln nur unter bestimmten Umständen als solches aufgefasst wird. Mein Verständnis von Theatralität resultiert vorwiegend aus der Auseinandersetzung mit den Veröffentlichungen dreier Autoren zu diesem Thema: Rudolf Münz, Erika Fischer- Lichte und Helmar Schramm.
Für Rudolf Münz ist eine Anwendung des Theatralitätsbegriffes nur dann möglich und legitim, wenn zwei Bedingungen erfüllt werden: Zum einen müssen Symbolisierungsvorgänge stattfinden, und zum anderen müssen die Symbolisierungen zur Schau gestellt werden. Theatralität bezeichnet dabei kein konkretes Phänomen, sondern steht als Begriff mit abstraktübergreifendem Charakter für eine spezifische historische Konstellation, die sich wesentlich im Bereich von "Nicht- Theater" abspielt. 3 Münz Forderung, die Theaterbegrifflichkeiten und
3 Rudolf Münz: Das Leipziger Theatralitätskonzept als methodisches Prinzip der Historiographie älteren Theaters.
In: Erika Fischer- Lichte u.a. (Hg.): Arbeitsfelder der Theaterwissenschaft. Tübingen 1994, S. 29.
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gesellschaftlichen Vorgänge, die mit Symbolisierungen und Zurschaustellung verbunden sind, einer historisierten Untersuchung zu unterziehen, versuche ich in dieser Arbeit aufzugreifen.
Seit den 90er Jahren konstatieren sich innerhalb der Theaterwissenschaft neue Perspektiven über die Nutzbarmachung des Begriffes. Theatralität wird als ein Element verstanden, welches in verschiedenen Diskursen funktioniert. Der Umgang und das Verständnis von dem, was als theatral wahrgenommen wird, kann über die Diskurse aufgedeckt werden und somit eine historische und kulturelle Rekonstruktion ermöglichen. Aufgabe der Theaterwissenschaft sollte nach Erika Fischer- Lichte deshalb die Untersuchung aller kultureller Phänomene sein, bei denen der Gebrauch, das Funktionieren oder die Deutung von Zeichen als vermittelte Bedeutungsebene gerade auch außerhalb des Theaters stattfinden. 4 Theatralität wird zum interdisziplinären Element. Bei Helmar Schramm zeigt sich anhand seiner Untersuchungen zur Begriffsgeschichte von Theater, dass diese stets in ein Wechselspiel mit jeweils aktuellen Strukturen von Öffentlichkeit bzw. Öffentlichkeitsbildern eingebunden ist. 5 Die Erforschung von Theaterbegrifflichkeiten zu einer bestimmten Zeit muss in ihren Untersuchungsgebiet daher um die theatralen Seiten des gesellschaftlichen Lebens erweitert werden. Unter besonderer Berücksichtigung stehen zum Beispiel theatrale Elemente die nicht von der sich beteiligten Öffentlichkeit erkannt, sondern erst durch die Beschreibung eines Fremden, der nicht in den jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhang involviert ist, sichtbar werden.
Im Gegensatz zum statischen Begriff Theater oder zum lediglich beschreibenden Begriff theatral beinhaltet Theatralität den Faktor einer sich unter bestimmten Umständen vollziehenden Konstruktion spezifischer Bedeutungen und ist als Prozess verstehbar. Dabei lässt sich Theatralität nicht als exakter Begriff definieren.
Es soll in der weiteren Untersuchung auch um das Herauskristallisieren theatraler Elemente in den Bereichen von Reliquienkult und der Sektion in Anatomischen Theatern und die Austauschbewegungen zwischen diesen gehen. Dabei ist insbesondere die Kenntnis der Geschichte und Diskurse dieser Prozesse nötig, um jene Phänomene zu erfassen, bei denen theatrale Elemente in bestimmten Zusammenhängen grundlegende Bedeutung erlangen.
4 Vgl. Erika Fischer- Lichte: Semiotik des Theaters. (Bd. 3). Tübingen 1983, S. 234f.
5 Vgl. Helmar Schramm: Theatralität und Öffentlichkeit. Vorstudien zu einer Begriffsgeschichte von Theater. In:
Weimarer Beiträge. Zeitschrift für Literaturwissenschaft, Ästhetik und Kulturtheorie.36. Jahrgang. (Bd. 2). Berlin
1990, S. 223ff.
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3 Zur Geschichte des Reliquienkultes
Der Ursprung des Reliquienkultes ist Anton Legner zufolge so alt wie die Menschheit selbst. 6 Die Anbetung, besonders des Schädels, ist in der Geschichte der Menschheit tief verwurzelt. So wurden in prähistorischer Zeit die Leichen unter den Fußböden der Häuser bestattet, aber die Köpfe in den Wohnungen aufbewahrt. 7 Bereits die ersten Christen verehrten jene Glaubensbrüder, die unter den Römern gelitten hatten, indem sie körperliche Überreste von ihnen aufbewahrten. Zum Beispiel wurden mit Märtyrerblut getränkte Tücher als Schutz für die Familie mit nach Hause genommen. Der Reliquienkult entspringt verschiedenen Phänomenen: Der Verehrung der Toten an ihren Gräbern und dem Aufbewahren von Erinnerungsstücken, dem Glauben an ein Leben nach dem Tod und, dass für das Weiterleben der Toten die Gebeine erhalten werden müssen.
Ein Grund, Knochen und andere Überreste der verehrten, christlichen Ahnen aufzubewahren, lag in dem Glauben, den Überresten wohne eine spezielle Kraft virtus inne, eine vom Heiligen verdiente Gotteskraft, die über seinen Tod hinaus fortwirkt und permanent von der himmlischen Seele des Heiligen auf seine Körperteile übertragen wird. Anfänglich war im Abendland bis zum 8. Jahrhundert das Öffnen von christlichen Heiligengräbern kaum üblich. Reliquien waren bis dahin vor allem Kontaktreliquien, die mit dem Heiligen zu Lebzeiten oder nach dem Tode mit dessen Grab in Berührung gekommen waren. Erst durch Umbettung von Märtyrern sind auch die Leiber zu kostbaren Reliquien geworden. Die Definition des Leichnams als unrein, verkehrte sich mit der Heiligenverehrung im Christentum radikal in ihr Gegenteil. Bestattungen, offene Gräber und der Anblick der Toten wurden als selbstverständlich und unmittelbar in das öffentliche Leben integriert. Die einzelnen Partien des toten Körpers erfuhren erstmalig mit den Reliquien eine positive Konnotation. Anfangs wurden lediglich die als nachwachsend geltenden Teile, wie Zähne, Haare und Fingernägel der Toten genommen und getrennt vom Grab aufbewahrt. Im Verlauf des Mittelalters änderte sich die Praxis und es wurden auch Teilungen am Skelett vorgenommen. 8 Eine einleuchtende Begründung für das Aufkommen der Gebeinteilungen ist sicherlich die so gewonnene Möglichkeit der Vermehrung der Wirkungsmacht der heiligen Reliquien. Denn die Kraft des Heiligen konnte somit an verschiedenen Orten gleichzeitig wirken.
6 Auch im Buddhismus und in mexikanischen Kulturen war Reliquienverehrung üblich.
7 Anton Legner: Reliquien in Kunst und Kult. Zwischen Antike und Aufklärung. Darmstadt 1995, S. 278.
8 Heinrich Fichtenau: Zum Reliquienwesen des frühen Mittelalters. In: Beiträge zur Mediävistik. Allgemeine
Geschichte (Bd. 1). Stuttgart 1995, S. 116.
Arbeit zitieren:
Sandro Brandl, 2004, Reliquien und Anatomie, München, GRIN Verlag GmbH
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