Inhaltsverzeichnis:
1 Einleitung 4
2 Zum Irish Sky Garden 6
3 Der andere Raum. 9
4 Wahrnehmung im Zwischenraum 14
5 Das Sehen sehen. 19
6 Inszenierung des Himmels 22
7 Ökologie des Geistes. 26
8 Schlussbetrachtung. 31
9 Literaturnachweis 35
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1 Blick aus dem Skyspace im Irish Sky Garden während der Morgendämmerung. Photographie, Irland 19. Juli 2006.
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1 Einleitung
„Welcome to the Gardens of Liss Ard” leuchtet mir im Blitzlicht meiner Kamera ein verrostetes Schild entgegen. Es ist 3:58 Uhr, die einsetzende Morgendämmerung versucht das Dunkel der Nacht zu verdrängen. Hier muss er nun sein, der Irish Sky Garden. Die lange Reise hierher vermittelte mir bereits genug Abstand, um die Erinnerung an die Stadt zu verdrängen. Jetzt bin ich hier, im Nirgendwo der südwest-irischen Landschaft. Ich stehe auf einer einsamen Landstraße vor dem geschlossenen Tor des Liss Ard Geländes. Es ist faszinierend still. Ich klettere über das Tor und folge einem dunklen Weg, begrenzt von schönem alten Baumbestand, durchsetzt mit Büschen und Sträuchern. Zwei Hasen kreuzen meinen Weg. Nach einer Weile wird mir bewusst, dass ich mich in einem riesigen, natürlich belassenen Garten befinde. Die Sicht auf den Himmel ist durch das Blattwerk der Bäume noch eingeschränkt. Dann plötzlich, auf einer winzigen Lichtung, wird der ganze Himmel sichtbar. Um 4:20 Uhr empfängt mich der irische Himmel mit einer dichten grauweißen Wolkendecke.... 2
Der Irish Sky Garden, konstruiert von dem amerikanischen Lichtkünstler James Turrell, hat diese Arbeit inspiriert und angestoßen. Der 1943 in Los Angeles geborene Künstler beschäftigt sich seit Mitte der sechziger Jahre intensiv mit Wahrnehmung. Für seine Arbeiten bedient sich James Turrell der Materialien Raum und Licht. Er thematisiert die grundlegenden Bedingungen des Raumes sowie menschlicher Wahrnehmung überhaupt. Grenzerfahrungen der Wahrnehmung sind das zentrale Thema seiner Arbeiten. Der wahrnehmende Betrachter spielt für die Kunst Turrells generell eine bedeutende Rolle. Denn erst im Prozess der Rezeption erschließt sich seine Kunst in ihrer Ambivalenz und Veränderlichkeit.
Die Installationen Turrells entstehen oftmals eingebettet in einen konventionellen Kunstkontext, dass heißt in Museen oder Galerien. Aber auch freiere, unabhängigere Arbeitsräume, bis hin zu Land-Art-Projekten riesigen Ausmaßes wie der Irish Sky Garden, hat sich der Künstler erschlossen. Seit 1975 entstehen Arbeiten, die sich mit der Öffnung des Innenraums zum Außenraum auseinandersetzen. Beispielsweise die Skyspaces, architektonisch von Turrell eingerichtete Räume, die sich nach oben zum Himmel öffnen und die das natürliche Himmelslicht thematisieren. Diese Werke haben Tages- und Nachtseiten und spezifische
2 Diese, sowie die anderen hervorgehobnen Passagen zu Beginn der Kapitel beinhalten komprimierte Originalauszüge aus meinen Aufzeichnungen vor Ort.
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Erscheinungsweisen im Zwielicht. 3 Turrell empfiehlt für derartige Installationen eine Bleibedauer von mindestens vierundzwanzig Stunden, um eine Entfaltung der Wirkungen der Lichtverhältnisse auch über die Dauer eines Tagesrhythmus hinweg beobachten zu können.
Im Juli 2006 war es dann soweit. Inspiriert von dem Seminar Intermediale Passagen James Turrell und dem Besuch einer Turrell- Ausstellung in Valencia reiste ich nach Irland um den Irish Sky Garden des Künstlers aufzusuchen. Ich wusste nicht genau, was mich dort erwarten würde, da über dieses Land-Art-Projekt so gut wie keine Informationen vorhanden sind. Aber ich wusste, dass ich mich dem Kunstwerk, so es überhaupt vorhanden sei, in einem vierundzwanzig Stunden Wahrnehmungsexperiment aussetzen wollte.
Die Erfahrung dieses Besuches hat bei mir intensiver gewirkt als zuvor gelesene Theorien und betrachtete Photos. Meine subjektive Erfahrung soll die folgende Analyse von Turrells Werk nicht ersetzen, aber es ist sinnvoll, den starken Eindruck des besagten Werkes in dieser Arbeit wiederzugeben. Ich werde versuchen, meine Erfahrungen mit dem Irish Sky Garden in Worte zu fassen, damit sie eine distanziert theoretische Vorgehensweise ergänzen und zusätzlich eine praktische Reflexion mit dem Kunstwerk ermöglichen. In dieser Arbeit gehe ich davon aus, dass das Interesse an Turrells Kunst in erster Linie ein Interesse an den ungewohnten Möglichkeiten der eigenen Wahrnehmung ist. Zu Beginn möchte ich das Kunstwerk Irish Sky Garden beschreiben und analysieren. Davon ausgehend und mit Hilfe von dem mir Evozierten, werde ich mich auf die Suche nach den Räumen begeben, die Turrell im Irish Sky Garden mit Hilfe des Lichts schafft. Wie nimmt der Mensch in diesen Räumen wahr und wie wird sein Ich durch das Wahrgenommene beeinflusst? Letztlich, welche Bedeutung haben die Werke eines James Turrells in einer Zeit, in der man Lichtungen im Wahrnehmungsdunkel schon gar nicht mehr erkennen kann? Theaterwissenschaftliche Aspekte spiegeln sich zudem in der Inszenierung des Gartens wieder. Daher möchte ich auch die theatralen Elemente dieses Land-Art-Projekts aufspüren und auf die Beeinflussung der Wahrnehmung des Kunstwerkes hin untersuchen. In der vorliegenden Arbeit stütze ich mich vor allem auf Schriften zum Thema von Hartmut Böhme, Georges Didi-Huberman und Eva Schürmann.
Um sich den Irish Sky Garden genauer vorzustellen, soll als erstes der Garten und seine Architektur beschrieben werden.
3 Zwielicht bezeichnet für mich die von einer Mischung aus Licht und Dunkelheit produzierten Lichtverhältnisse in Lichtungen oder bei Tag- und Nachtwechsel.
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2 Zum Irish Sky Garden
5:00 Uhr. Das Tageslicht wird fühlbar. Links von mir befindet sich ein kleiner See, als ich vorbeigehe flattern im Halbdunkel mehrere Vögel gen Himmel. Die Tiergeräusche in der Umgebung verstärken sich. Ich steige über eine aus Felsen geschlagene Treppe durch eine Art Nadelöhr nach oben. Dann weiter einen dicht bewachsenen Weg bis zu einer hohen Mauer auf einem Hügelrücken. Die Mauer vermittelt mir das Gefühl plötzlicher Eingeschlossenheit. Nur noch der weite Himmel ist über der Mauer zu sehen. Dann gelange ich an ein kleines Portal, das sich in der Stirnwand der Mauer erschließt. Eine Treppe führt nach unten und es eröffnet sich mir ein grandioser Blick über ein kleines Tal und die irische Landschaft mit ihren dichtbewachsenen Hügeln. Mein Blick schweift über eine sanft abfallende, seitlich von mächtigen Bäumen flankierte Wiese. Sie mündet in einen stillen, den unendlichen irischen Himmel wiederspiegelnden Teich. Ist das der Irish Sky Garden?
Der Irish Sky Garden befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen Liss Ard Foundation südlich von Cork im Südwesten Irlands. Das umfassende Gelände befindet sich in Privatbesitz und ist nur teilweise der Öffentlichkeit zugänglich. In den benannten Gardens of Liss Ard sind mehrere Kunstwerke verschiedener Künstler angeordnet. 1989 besuchte James Turrell zum ersten Mal das Gelände der Liss Ard Foundation und in einem Zeitraum von zwei Jahren entwarf er dort ein Konzept für die Schaffung diverser Observationsräume in der Landschaft. Turrells Pläne für den Irish Sky Garden berücksichtigen die Topologie des Liss, einem auffälligen Berg in der Umgebung, und die Höhenlinien des Geländes ebenso, wie die schnell wechselnden Witterungsverhältnisse und Himmelsphänomene, die für das Klima Irlands typisch sind. 4 Das Projekt wurde nicht als Eingriff konzipiert, das dem Land übergestülpt werden sollte. Es entstand aus dem Land und seiner Beziehung zum Himmel heraus. Der Irish Sky Garden wurde von Turrell als eine ausgedehnte faszinierende Anlage mit verschiedenen Stationen bzw. Wahrnehmungsräumen geplant: einem Krater, einem Hügel, einer Pyramide und umfriedeten Weiden und Wiesen, die sich in Teichen spiegeln. Der Garten wurde aber nie komplett fertiggestellt und man kann heute nur den Krater mit der umfriedeten Natur besichtigen.
4 Vgl. James Turrell: The Other Horizon. Ausstellungskatalog herausgegeben vom Museum für angewandte Kunst. Wien 1998, S. 184.
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Der bestehende Irish Sky Garden ist ein halb natürlicher, halb von Menschenhand geschaffener Himmelsgarten mit spezifischen Ausblicken bzw. Orten, die die vielschichtigen Phänomene von Licht und Natur sichtbar werden lassen. Im Garten kann man sich vorwiegend wirklich mit dem Himmel und seinen zahllosen atmosphärischen Veränderungen beschäftigen: 5
„The Irish Sky Garden is really dealing with the sky, with its many atmospheric changes.”
Der Eintritt in die Lichträume des Gartens erfolgt über das kleine Portal an der beschriebenen Mauer. Einer der dichtbewachsenen Hügel beherbergt den von außen nicht erkennbaren Krater. Der Krater wird durch einen Gang außerhalb vorbereitet, der zwischen Außen und Innen vermittelt. Über eine Treppe gelangt man direkt in die Kratermulde, deren Innenseite mit Gras bepflanzt wurde. In der Mitte der Mulde befindet sich eine gewaltige Bank aus graudunklem Stein, groß genug, dass zwei Leute darauf liegen können, um von dort aus den Himmel wahrzunehmen. Der Krater ist oval geformt und hat einen ungefähren Durchmesser von zwanzig Metern und eine Höhe von zehn Metern.
Der Erdwall des Kraters bestimmt die Form des Himmelsgewölbes. Denn der natürliche Rundraum des Kraters ermöglicht über die geebneten Ränder hinweg das Himmelsgewölbe wie eine Kuppel zu erleben. Tagsüber lässt sich so eine domartige Wölbung des Himmels erfahren
5 James Turrell in einem Gespräch mit Oliver Wick am 23.08. 1990. In: James Turrell: Long Green. Ausstellungskatalog. Zürich 1990, S. 117.
6 Architektonische Zeichnung des Kraters Space 1 crater section von James Turrell. In: James Turrell: Long Green. Ausstellungskatalog. Zürich 1990, S. 103.
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und Nachts kann sich dieser Eindruck zu einer umfassenden sternenbesetzten Sphärenwirkung ausweiten. Am Übergang zwischen Tunnelgang und Krater befindet sich außerdem noch ein Skyspace, eine Öffnung des Raumes zum Himmel hin, die gleichzeitig als Durchgang zum Kraterinneren dient. Die Öffnung liegt vollständig über der Horizontlinie und wurde durch die Decke des Tunnels eingeschnitten. Innen- und Außenraum treffen hier zusammen, indem der Himmel in die Fläche der Deckenöffnung heruntergeholt wird. Es entsteht ein Raum, der, obwohl ganz zum Himmel geöffnet, ein Gefühl von Geschlossenheit vermittelt. 7
„They create a space that is completely open to the sky, yet seems enclosed.”
Es handelt sich hier um eine räumliche Begrenzung, die entlang der Schnittkanten als gläserner Film wahrgenommen werden kann, der sich über die Öffnung zu spannen scheint. Jenseits dieser transparenten Schicht, die sich je nach Bedingungen von Tageslicht und Sonneneinfall verändert, erstreckt sich die unbestimmte Raumtiefe des Himmels. Die Beleuchtung des Innenraums wird bestimmt durch die jeweiligen äußeren Lichtverhältnisse; selbst wiederum ist sie konstitutiv für die Weise, wie der sich öffnende Ausschnitt des Himmels erscheint. Es bilden sich somit abhängig von äußeren, natürlichen Rhythmen verschiedene Erscheinungsweisen.
„The Skyspaces have both a day and a night aspect, and the greatest change over time is noticed at the juncture of 8
day and night.”
Die äußeren Lichtverhältnisse zeichnen sich auch im Inneren des Kraters ab und Farbe, Licht und Helligkeit werden als verschiedene Modalitäten erfahrbar. Die Räume im Irish Sky Garden scheinen dazu geschaffen zu sein, die unkontrollierbare Farbe des Himmels wie in einem Behältnis aufzunehmen. Aber was sieht man dann? Das Licht im Sky Garden ist jedenfalls keine Skulptur und auch keine Malerei, sondern eher die „architektonische Bedingung eines Experimentierens“. 9 Die Räume werden zu einem Ort für Experimente, in denen man die optische Umkehrung der Krümmungen der Erde, die Textur der Wolken oder die visuelle Kraft des Windes beobachten kann. Mehr noch, der Irish Sky Garden ist ein riesiger Wahrnehmungsapparat für die umgebenden landschaftlichen und atmosphärischen Phänomene. Für Hartmut Böhme ist das Licht in den Installationen Turrells der Raumbildner überhaupt.
7 James Turrell: The Other Horizon. Ausstellungskatalog herausgegeben vom Museum für angewandte Kunst. Wien 1998, S.96.
8 Ebd. S. 97.
9 Georges Didi-Huberman: Die Fabel des Ortes. In: James Turrell: The Other Horizon. Ausstellungskatalog herausgegeben vom Museum für angewandte Kunst. Wien 1998, S. 38.
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Arbeit zitieren:
Sandro Brandl, 2006, The Irish Sky Garden, München, GRIN Verlag GmbH
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