Für Leo
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I n h a l t s v e r z e i c h n i
Anstelle einer Einleitung 5
A. Was wir wissen und woran wir glauben 7
1. Die schriftlichen Quellen. 8
a) Außerchristliche Quellen 8
b) Christliche Quellen. 9
aa) Die kanonischen Evangelien. 9
bb) Die Apokryphen. 11
cc) Die Kanonisierung. 15
c) Das Übertragungsproblem 19
2. Der verkündigte Glaube 22
B. Der historische Jesus und seine Botschaft. 25
1. Das Heilige Land. 25
a) Siedlungsraum. 25
b) Herkunft und Geschichte des Volkes Israel 26
c) Sprache 31
2. Herkunft und Lebensweg Jesu. 32
a) Name, Abstammung und Familie 32
b) Geburtsort und Umstände der Geburt. 33
c) Lebensdaten 38
aa) Geburtsjahr und Geburtstag 38
bb) Todesjahr und Todestag 40
d) Lebensweg und Wirkungsstätten 41
aa) Jesus als Schüler von Johannes dem Täufer 42
bb) Die Zeit als Wanderprediger 44
cc) Der anstößige Umgang von Jesus 48
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dd) Die Frauen in Jesu Umgebung. 49
ee) Die Zeit und die Umwelt, in der Jesus lebte. 51
ff) Die jüdischen Religionsparteien 56
gg) Räuber, Propheten und messianische Gestalten. 59
hh) Jesu Wundertaten 60
3. Die Botschaft Jesu 67
a) Die Götterwelt in der Zeit Jesu 68
b) Das jüdische Erbe 79
c) Die Botschaft und das Selbstverständnis Jesu 83
aa) Das anbrechende Königreich Gottes 83
bb) Leben in der anbrechenden Gottesherrschaft oder die Ethik Jesu. 89
cc) Jesus als Messias. 97
4. Der Weg nach Jerusalem 101
a) Die Lage vor dem Gang nach Jerusalem 101
b) Das Abendmahl 105
c) Tempelkonflikt, Prozess und Kreuzigung 110
aa) Tempelkonflikt 111
bb) Verhaftung und Prozess. 113
cc) Kreuzigung und Grablegung. 120
d) Auferstehung. 125
C. Die Erneuerung des Glaubens und der Beginn der
Dogmenbildung. 132
1. Die Notwendigkeit der Erneuerung des Glaubens 132
2. Die Urgemeinde in Jerusalem 133
2. Die Theologie des Paulus 136
4. Das neue Verständnis von Vater, Sohn und Heiligem Geist 143
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a) Jesus als Sohn Gottes 143
b) Woher kommt der Heilige Geist ? 151
D. Resümee. 154
Anhang 156
Wichtige Daten der allgemeinen und der jüdischen Geschichte
sowie der biblischen Ereignisse 157
Herkunft und Bedeutung theologischer Begriffe. 159
Abk ürzungsverzeichnis. 161
Literaturverzeichnis 162
Abbildungsnachweis. 165
Sachwortverzeichnis 166
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Anstelle einer Einleitung
Wer heute ein Buch über Grundfragen der christlichen Religion schreibt, ist es seinen Lesern schuldig, über seine Motivation Auskunft zu geben. Sie kann für einen theologischen Laien wie den Verfasser natürlich nicht darin liegen, dem wissenschaftlichen Diskurs über Glaubensfragen und die Ursprünge der christlichen Lehre neue Erkenntnisse hinzuzufügen. Allerdings wird man die Ergebnisse einer historisch-kritischen Erforschung der Glaubens- und Kirchengeschichte auch nicht ignorieren können, sondern wird sich im Gegenteil auf sie stützen müssen, jedenfalls dann, wenn sie kaum noch streitig sind. Der Ansatz kann also nur ein subjektiver sein, nicht im Sinne einer Darstellung von persönlichen Glaubensüberzeugungen, das wäre verfehlt und überflüssig, sondern als Versuch einer Standortbestimmung und Selbstprüfung daraufhin, was ein rational denkender Mensch des 21. Jahrhunderts für sich noch als christliche Botschaft akzeptieren kann.
In einer Zeit stetig fortschreitender Glaubensentfremdung wundert man sich ja, dass der Atheismus - die Gottesleugnung - zumindest literarisch eine neue Blüte erlebt. Bücher wie Richard Dawkins „Der Gotteswahn“ oder „Gott ist nicht groß“ von Christopher Hitchens stehen auf den Bestseller-Listen und lösen heftige Kontroversen aus. Wäre die Religion wirklich so weit aus den Köpfen der Menschen entschwunden, wie man bei einem flüchtigen Blick in unsere offenbar total säkularisierte Welt annehmen könnte, dann wären diese scharfen Attacken kaum verständlich. Über einen Gegner, der am Boden liegt, braucht man sich nicht mehr zu erhitzen.
Dennoch hat die Atheismus-Debatte über ihren aufklärerischen Anspruch hinaus etwas Gutes. Sie nötigt jeden, der sich mit ihr beschäftigt, auch dazu, sich Rechenschaft darüber abzulegen, was er aufgibt, wenn er den vermeintlichen christlichen Ballast abzuwerfen versucht. Da wird es manchem ergehen wie mir, als ich im Spiegel Nr. 22 vom 26.5.2007 unter dem Titel „Der Kreuzzug der Gottlosen“ die Zusammenfassung der Thesen der neuen Atheismus-Bewegung las. Mir war nämlich, als würde mir mit einem Ruck der gesamte Boden meiner Weltorientierung unter den Füßen weggerissen. Wenn es keinen Gott gibt, dann kann Jesus nicht sein Sohn sein, dann gibt es keine Wiederauferstehung und kein Leben nach dem Tode. Die 10 Gebote und die Bergpredigt wären dann nicht göttlich inspiriert, sondern Menschenwerk und könnten je nach kulturellem Umfeld und Zeitalter auch ganz anders lauten.
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Natürlich haben Menschen zu jeder Zeit Normen für den Umgang miteinander aufgestellt, die ihren konkreten Lebensbedingungen und ihrem gesellschaftlichen Umfeld entsprechen. Diese Zeitgebundenheit ist ein Merkmal der Gesetzgebung bis zum heutigen Tag. Dennoch gehen wir davon aus, dass dabei zentrale Leitgedanken unserer Gesellschaft im Kern nicht zur Disposition stehen, weil es ein übergesetzliches Naturrecht und ethische Grenzen für unser Handeln gibt. Dabei orientieren wir uns - bewusst oder unbewusst - an den überkommenen christlichen Werten.
Die Diskussionen über die Abtreibungsproblematik, die Stammzellenfrage, das sog. Patiententestament und ähnliche ethische Fragen waren und sind ja nicht deshalb so heftig, weil es dieses Wertebewusstsein nicht gibt, sondern, weil um die Anwendung dieses Maßstabs auf konkrete Problemlagen gestritten wird.
Es scheint also, dass der Mensch für die ethischen Grundfragen eine überzeitliche und seine subjektiven Erkenntnismöglichkeiten übersteigende Richtschnur braucht, eine „geglaubte“ Wahrheit. Dies gilt gewiss nicht nur für den Kirchenchristen, sondern gerade auch für den kirchenfernen, vom undurchschaubaren Weltgeschehen verwirrten und nach Orientierung suchenden Durchschnittsmenschen der Gegenwart.
Wer sich mit dieser Prämisse wieder der Religion zuwendet, stößt unweigerlich auf die Frage, an welcher christlichen Botschaft er sich denn orientieren solle: ist es das in beinah zwei Jahrtausenden gewachsene und durch zahlreiche Konzilien und päpstliche Entscheidungen verfestigte kirchliche Lehrgebäude? Aber: können wir wirklich noch an alles glauben, was man uns als Kindern in der Schule oder anlässlich der Konfirmation oder Firmung über den Inhalt des christlichen Glaubens beigebracht hat und was heute noch von der Kanzel gelehrt wird? Müssen wir nicht versuchen, zum Kern vorzustoßen, um zu entdecken, was eigentlich Jesu Botschaft war und dies von dem trennen, was die Kirche später daraus gemacht hat? Dieser Frage möchte ich in diesem Buch nachgehen, unvoreingenommen, als evangelisch erzogener, jetzt aber kirchenferner Bürger, aber fasziniert von der großen Persönlichkeit des Jesus Christus.
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A. Was wir wissen und woran wir glauben
Wenn wir uns also damit befassen, was hat Jesus gesagt und gewollt und was hat die Kirche (oder besser: die Kirchen) daraus gemacht, so stoßen wir so-fort auf zwei Schwierigkeiten:
Jesus hat bekanntlich nichts Schriftliches hinterlassen. Was wir über sein Leben wissen oder zu wissen glauben, stammt fast ausschließlich aus den Evangelien - Aufzeichnungen, die weit nach seinem Tode, nämlich etwa im Zeitraum zwischen 70 n. Chr. und dem Ende des 1. Jh., entstanden sind. Sie wurden auf Grund von mündlichen Überlieferungen seiner Anhänger angefertigt und enthalten je nach Verfasser und Absicht teilweise ganz unterschiedliche Versionen über Leben und Wirken des Jesus Christus. Die Autoren konnten und wollten keine historisch exakte Darstellung liefern, sondern sie wollten ihren Glauben bezeugen und die göttliche Sendung von Jesus belegen. Sie waren also nicht unvoreingenommen.
Es ist die noch immer nicht vollendete Aufgabe der historisch-kritischen Wissenschaft, aus diesen und anderen Quellen so etwas wie die historische Wahrscheinlichkeit herauszufiltern. Dabei sollte man eine Regel beachten, die der protestantische Pfarrer Johann Jakob Wettstein schon 1752 formuliert hat: „Wenn Du die Bücher des Neuen Testaments ganz und gar verstehen willst, versetze dich in die Person derer, denen sie zuerst von den Aposteln zum Lesen gegeben worden sind. Versetze dich im Geiste in jene Zeit und jene Gegend, wo sie zuerst gelesen wurden“. 1
Die zweite Schwierigkeit betrifft den Gegenpol: die kirchlich sanktionierten Glaubensinhalte. Aus Vereinfachungsgründen sollen dabei nur die katholische und evangelische Lehre in ihren übereinstimmenden Grundzügen betrachtet werden. Bei der Frage, was hat die Kirche aus der Botschaft Jesu gemacht, wird man unterscheiden müssen zwischen Inhalten, die sich schon im Urchristentum aus bestimmten Traditionen heraus verändert haben und solchen, die später durch einen Machtspruch der Kirche entstanden sind. Dabei beschränkt sich die Betrachtung auf die ersten nachchristlichen Jahrhunderte.
1 Novum Testamentum Graecum, zit. nach Klauck a. a. O. S. 19.
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1. Die schriftlichen Quellen
a) Außerchristliche Quellen
Befassen wir uns also als erstes damit, welche Zeugnisse über das Leben Jesu außerhalb der christlichen Überlieferung vorhanden sind. Um es vorwegzunehmen: das Ergebnis ist ziemlich niederschmetternd. Von Jesus Christus, seinem Leben, seiner Botschaft und seinem Tod, hat man zu seiner Zeit innerhalb und außerhalb Palästinas kaum Notiz genommen. Die einzige nichtchristliche Quelle, die die Person Jesus überhaupt konkret erwähnt, ist eine Stelle in den „Jüdischen Altertümern“ des jüdischen Historikers Josephus Flavius (37 - 100 n. Chr.), geschrieben etwa um das Jahr 90 n. Chr. in Rom. In diesem sog. „Testimonium Flavianum“ wird Jesus als Wundertäter und Lehrer beschrieben, der durch Pilatus zum Kreuzestod verurteilt wurde und nach dem sich das Volk der Christen benennt: „Um diese Zeit lebte Jesus, ein weiser Mensch, wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf. Er war nämlich der Vollbringer ganz unglaublicher Taten und der Lehrer aller Menschen, die mit Freuden die Wahrheit aufnahmen. So zog er viele Juden und auch viele Heiden an sich. Er war Christus. Und obgleich ihn Pilatus auf Betreiben der Vornehmsten unseres Volkes zum Kreuzestod verurteilte, wurden doch seine früheren Anhänger ihm nicht untreu. Denn er erschien ihnen am dritten Tage wieder lebend, wie gottgesandte Propheten dies und tausend andere wunderbare Dinge von ihm vorherverkündigt hatten. Und noch bis auf den heutigen Tag besteht das Volk der Christen, die sich nach ihm nennen, fort“.
Die Historiker sind sich heute weitgehend einig, dass zumindest die kursiv gedruckten Sätze und Satzteile nachträglich von christlicher Seite eingefügt worden sind.
Später lebende römische Autoren wie Plinius der Jüngere (61 - ca. 120 n. Chr.), Tacitus (55 - ca. 120 n. Chr.) und Sueton (70 - ca. 130 n. Chr.) befassen sich vorwiegend mit dem „verderblichen Aberglauben“ der Christen, den durch sie ausgelösten Unruhen und der Frage, wie man sie gerichtlich zur
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Rechenschaft ziehen solle. Immerhin erwähnt Tacitus in seinen „Annalen“ (um 116 n. Chr.):
„Dieser Name (Christen) stammt von Christus, der unter Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war.“
Vereinzelt findet man auch in der rabbinischen Literatur Stellen, die sich auf Jesus beziehen könnten. Am interessantesten ist die folgende, die aus der sog. tannaitischen Periode (70 - 200 n. Chr.) stammt. Dort heißt es: „Am Vorabend des Pesahfestes hängte man Jesus. Vierzig Tage vorher hatte der Herold ausgerufen: Er wird zur Steinigung hinausgeführt, weil er Zauberei getrieben und Israel verführt und abtrünnig gemacht hat …“ 2
Die Abfassungszeit und Interpretation dieser Quelle ist stark umstritten. Die Angaben über den Tatvorwurf und die Abläufe widersprechen den christlichen Quellen deutlich. Möglicherweise ist der Name „Jesus“ erst nachträglich eingefügt worden. Wegen der extrem langen Vorlauffrist von 40 Tagen, die sicher legendär ist, könnte es sich auch um eine jüdische Verteidigungsschrift gegenüber dem christlichen Vorwurf handeln, Jesus sei übereilt der Prozess gemacht worden. Immerhin entsprechen Anklagepunkte und Strafe korrekt den Vorschriften der Mischna 3 .
Fazit: Die frühen nichtchristlichen Quellen geben zwar für das Leben und die Lehre Jesu nichts her. Sie belegen aber die historische Existenz seiner Person und bestätigen auch einige Details der christlichen Jesusüberlieferung (Wundertätigkeit, gewaltsamer Tod u. a.).
b) Christliche Quellen
aa) Die kanonischen Evangelien
Am meisten erfahren wir über den historischen Jesus aus den vier Evangelien. Zwar besteht das Neue Testament aus sehr viel mehr Texten, z. B. den Paulusbriefen, der Apostelgeschichte und der Offenbarung des Johannes, aber
2 Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 43 a .
3 Betz, a. a. O. S. 15.
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diese haben mit dem Leben Jesu so gut wie nichts zu tun. Paulus berichtet zwar am Rande über die Nacht, in der Jesus ausgeliefert wurde und zitiert gelegentlich Herrenworte, um seinen Mahnungen mehr Nachdruck zu verleihen, aber auch dies sind bereits Überlieferungen, denn Paulus ist Jesus niemals begegnet. Gleichwohl sind die Paulusbriefe diejenigen frühchristlichen Zeugnisse, die am weitesten in die Vergangenheit zurückreichen. Die vier Evangelien unterscheiden sich in Stil und Inhalt erheblich. Während drei Evangelien, Markus, Matthäus und Lukas, im Aufbau, Inhalt und teilweise sogar im Wortlaut weitgehend übereinstimmen und deshalb auch die synoptischen Evangelien genannt werden, nimmt Johannes eine Sonderstellung ein. Sein Bericht hat ein theologisches Anliegen, er will ein geschlossenes Bild der göttlichen Abkunft und Sendung Jesu zeichnen. Deshalb beginnt sein Evangelium im Unterschied zu den anderen auch mit dem Ursprung aller Dinge:
„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“, um dann fortzufahren
„Und das Wort ward Fleisch, …, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater …“.
Das Markus-Evangelium ist das kürzeste und gilt (auch deshalb) als das älteste. Es ist um 70 n. Chr. entstanden, vermutlich in Rom. Die anderen Evangelien werden in den Zeitraum 75 - 100 nach Christus datiert. Alle Verfasser der Evangelien sind unbekannt, auch wenn deren Namen auf Apostel (Matthäus, Johannes) oder Reisebegleiter des Paulus (Markus, Lukas) hinzudeuten scheinen. Ihnen ist ferner gemeinsam, dass sie alle nicht Augen-oder Ohrenzeugen des Jesusgeschehens waren, sondern sich auf bereits vor-handene mündliche und schriftliche Überlieferungen stützten. Das gilt insbesondere für Matthäus und Lukas, die das Markus-Evangelium (oder einen Vorläufer) als Quelle benutzten. Außerdem füllten sie ihre Texte mit weitgehend übereinstimmenden Aussprüchen (griech.: Logien) Jesu auf, was die Wissenschaft auf eine von beiden genutzte sog. Logienquelle „Q“ schließen lässt. Der Hauptteil der Bergpredigt stammt aus dieser Quelle. Sie ist gleichsam ein Ur-Evangelium, das - obgleich eigentlich zunächst nur eine wissenschaftliche Hypothese - in mühsamer Arbeit rekonstruiert werden konnte und mittlerweile auch in gedruckter Form vorliegt.
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bb) Die Apokryphen
Nun gibt es aber neben den vier kanonischen (ins Neue Testament aufgenommenen) Evangelien zahlreiche andere, teils ebenfalls als Evangelien bezeichnete Schriften (z. B. Petrus-Evangelium, Nikodemus-Evangelium), die sich mit den Aussprüchen, Gleichnissen und Wundertaten Jesu befassen. Hier unterscheidet man drei Gruppen:
- die sog. „Apokryphen (geheime, verborgene Schriften, die sich auf das Neue Testament beziehen),
- die Schriften der „Apostolischen Väter“ (frühchristliche „rechtgläubige“ Schriften) und
- die sog. „Agraphena“ (nicht in den Evangelien enthaltene Jesusworte). Von besonderer Bedeutung nach Umfang und Inhalt sind die Apokryphen. Über sie sollen nachstehend einige Ausführungen gemacht werden, weil ihr kirchengeschichtliches Schicksal am ehesten Rückschlüsse darüber zulässt, welche Einflüsse oder Entscheidungen dazu geführt haben, dass sie - obwohl sie viel über Jesus erzählen - als nicht rechtgläubig verworfen wurden. Das Wort „apokryph“ hatte in der Vergangenheit und hat bis heute einen abwertenden Klang i. S. von minderwertig, häretisch (vom rechten Glauben abweichend) oder dubios. Dabei bezeichnete der Begriff in der Antike zunächst wertneutral Schriften, die nicht jedermann zugänglich waren, die sich also mit geheimem Wissen befassten. In diesem Sinne sind auch die Ein-gangsworte des „apokryphen“ Thomasevangeliums zu verstehen: „Dies sind die verborgenen Worte, die der lebendige Jesus sagte …“ Ihre negative Bedeutung hat die Bezeichnung „apokryph“ erst mit Abschluss der sog. Kanonisierung erhalten, die spätestens mit der Synode von Karthago 397 n. Chr. erreicht war. Erst mit diesem Akt wurde verbindlich entschieden, welche Schriften das wahre christliche Gedankengut enthielten und welche nicht.
Die Notwendigkeit, eine solche Unterscheidung zu treffen, resultierte daraus, dass in den einzelnen urchristlichen Gemeinden durchaus unterschiedliche Überlieferungen über Jesus und seine Lehre im Umlauf waren, weil sie zunächst nur mündlich weitergegeben, dabei aber auch verändert, ausge- schmückt und den Bedürfnissen der jeweiligen Gemeinschaft angepasst wur-
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den. Diese Tradition blieb sogar noch lebendig, als das Markus- und das Matthäusevangelium schon schriftlich vorlagen. So sagte z. B. der Bischof Papias von Hierapolis um 130 n. Chr. : “Das, was aus Büchern stammt, scheint mir nicht so viel Nutzen zu bringen, wie das, was sich durch mündliche Rede lebendig erhält.“
Da es in dieser Frühphase noch keine Amtskirche und damit auch keine Au-torität in Fragen der Rechtgläubigkeit gab, entwickelte sich eine blühende Vielfalt von christlichen Glaubensvarianten. Die bedeutendste hiervon ist die Lehre von der Gnosis (griech.: Wissen, Erkenntnis). Ihr Credo war es, die Seele des Menschen durch Selbsterkenntnis aus ihrer materiellen Verstrickung zu befreien und in das göttliche Lichtreich zu führen, aus der sie einstmals stammte.
Stark gnostische Züge hat das 1945 entdeckte (apokryphe) Thomasevangelium, das im Wesentlichen aus Spruchweisheiten und Dialogen zwischen Jesus und seinen Jüngern besteht. Viele dieser Aussprüche Jesu gleichen verschlüsselten Botschaften, die nicht für jedermann, sondern nur für (von der Gnosis) Erleuchtete verständlich sind. Hierauf deutet schon der Eingangssatz des Evangeliums hin:
„Und er sagte: Wer die Auslegung dieser Worte findet, wird den Tod nicht kosten“.
Aber auch das (kanonische) Johannesevangelium zeigt insofern gnostische Züge, weil Jesus als Offenbarer einer göttlichen Botschaft gesehen wird, die sich nur durch ein wissendes Verstehen erschließt. Nicht der Glaube, sondern das (durch Jesu vermittelte) Wissen führt zum Heil. Für die Gnadenlehre des Christentums war in der Gedankenwelt der Gnosis kein Platz. Ihre Anhänger wurden daher auch von den Kirchenvätern als Häretiker verteufelt. Es ist unmöglich, alle apokryphen Evangelien oder vergleichbaren Schriften aufzuführen. Ihr Umfang übersteigt den der kanonischen Evangelien um ein Vielfaches. Sie sind nicht nur in den urchristlichen Gemeinden, sondern auch im Bereich der koptischen und der slawischen Kirchen anzutreffen. Ihre Zahl und die phantastische Ausschmückung der Geschehnisse steigt mit der historischen Entfernung vom Leben Jesu. Vielfach enthalten sie nur Weisheitssprüche, wie sie aus der jüdischen Tradition bekannt sind, oder allgemeine Verhaltensregeln für das menschliche Zusammenleben. Soweit sie sich mit
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dem Leben und der Leidensgeschichte Jesu befassen, bieten sie im Vergleich mit den kanonischen Evangelien nichts wesentlich Neues. Ihre Bedeutung liegt aber darin, dass sie ein sehr umfassendes Bild der religiösen Vielfalt in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten zeichnen und die Überlieferung in Teilen (Kindheit Jesu, Marienleben) ergänzen. Sie entsprechen damit einem auch heute weit verbreiteten Bedürfnis, immer noch mehr über die Person dieses charismatischen Menschen zu erfahren. Die wichtigsten außerkanonischen Evangelien sind die folgenden: - Das Protevangelium des Jakobus
Der Titel („Erstes Evangelium“) stammt aus dem 16. Jahrhundert; ursprünglich hieß es „Geburt der Maria. Offenbarung des Jakobus“. Entstanden nach 150 n. Chr.
Es erzählt ausführlich von Marias Eltern Joachim und Anna, die zunächst kein Kind bekommen konnten, der Geburt Marias und ihrem Aufwachsen im Tempel des Herrn. Ihr wird im Alter von 12 Jahren unter den Witwern des Volkes Josef als Ehemann ausgesucht. Es folgt die Verkündigung, schließlich die von Salome nach einer eingehenden Untersuchung bestätigte jungfräuliche Geburt Jesu in einer Höhle (vgl. S. 35/36). - Das Kindheitsevangelium des Thomas
Es behandelt die Phase von Jesu Geburt bis zu seinem ersten öffentlichen Auftreten im Alter von etwa 12 Jahren. In anekdotenhafter Form werden Wundergeschichten erzählt, wie diese, dass der kleine Jesus 12 Sperlinge aus Lehm formt, in die Hände klatscht, worauf diese davonfliegen. Die Erfahrung kindlicher Allmachtsphantasien wird auf Jesus übertragen, der sich dabei nicht immer sehr menschenfreundlich zeigt. Ein drastisches Beispiel: als ihn ein Junge im Dorf anrempelt, wird Jesus zornig und sagt: „Du sollst deinen Weg nicht fortsetzen“, worauf der Junge hinfällt und stirbt. - Das Nikodemus-Evangelium
Es besteht aus zwei ursprünglich selbständigen Teilen, 1. den aus dem 2. Jh. n. Chr. stammenden sog. „Pilatus-Akten“, die sich mit dem Prozess Jesu, seiner Kreuzigung und Auferstehung befassen und 2. der später angefügten „Höllenfahrt Christi“, eine abenteuerliche Legende, bei der Jesus Adam und andere Patriarchen aus dem Hades holt und ins Para- dies führt.
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Das Evangelium soll vor allem die auch bei den Urchristen offenbar verbreiteten Zweifel an der Auferstehung ausräumen. - Das (koptische) Thomasevangelium
Es wurde 1945 im ägyptischen Nag Hammadi gefunden. Seine Entstehung wird auf etwa 140 n. Chr. datiert. Es enthält eine Sammlung von Sprüchen Jesu in einer Art Rohfassung, der allgemein ein hohes Alter attestiert wird, das sie in die Nähe der „Spruchquelle Q“ (vgl. S. 10) rückt. Etwa die Hälfte der Aussprüche hat Parallelen in den kanonischen Evangelien. Ein Beispiel:
ThomasEv 31: „Nicht ist willkommen ein Prophet in seiner Heimat, noch vollbringt ein Arzt Heilungen an denen, die ihn kennen“. MarkusEv 6,4-5: „Jesus aber sprach zu Ihnen: Ein Prophet gilt nirgend weniger als in seinem Vaterland und bei seinen Verwandten und in seinem Hause. Und er konnte allda nicht eine einzige Tat tun; nur wenigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie“. - Das Petrusevangelium
Es handelt sich um ein Fragment aus der Mitte des 2. Jh. n. Chr., das in erzählender Form von dem Verhör vor Pilatus, der Kreuzigung und der Auferstehung berichtet. - Das geheime Markus-Evangelium
Es handelt sich ebenfalls um ein sehr kurzes Fragment, dessen Glaubwürdigkeit fragwürdig ist, weil das Original verschwunden ist und in diesem von dem Evangelium auch nur mittels eines Briefes berichtet wird. Der Inhalt hat aber Aufsehen erregt, weil von einer Totenerweckung durch Jesus berichtet wird, in deren Kontext man homoerotische Züge sehen könnte: „… und als es Abend geworden war, kam der Jüngling zu ihm, bekleidet mit einem Leinengewand auf dem nackten Körper, und blieb bei ihm jene Nacht“ (S. 3, Zeilen 7-9).
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cc) Die Kanonisierung
Wie kam es nun historisch dazu, dass aus der Fülle des Jesus-Stoffes einige wenige Texte„kanonisiert“, also zum rechtgläubigen Inhalt der christlichen Verkündigung (gemacht) wurden, die anderen dagegen in dem „Abfallkorb“ der Apokryphen landeten?
Wie dargelegt, gab es in den ersten Jahren nach Jesu Tod in den urchristlichen Gemeinden höchst unterschiedliche Auffassungen über den Inhalt seiner Lehre.
Anerkannt und allseitig akzeptiert waren neben den überlieferten Herrenworten nur die Heiligen Schriften des Alten Testaments. Sogar in der Kerngemeinde in Jerusalem gab es theologische Differenzen, insbesondere mit den “Hellenisten“, die schließlich sogar zur Trennung führten. Diese, die Hellenisten, waren es aber, die die christliche Lehre zuerst über das jüdische Kerngebiet hinaus verbreiteten, damit zugleich aber auch neue Probleme schufen. Denn sofort tauchte die Frage auf, ob die Beschneidung als Voraussetzung für die Aufnahme in die christliche Glaubensgemeinschaft gelten solle oder nicht. Einige Jünger lehrten nämlich: „Wenn Ihr Euch nicht beschneiden lasset nach der Weise des Moses, so könnt Ihr nicht selig werden“ (Apg 15,1). Dem trat Petrus mit den Worten entgegen: „Vielmehr glauben wir, durch die Gnade des Herrn Jesus selig zu werden, gleichermaßen wie auch sie (die Heiden)“ (Apg 15,11).
Dieser Streit drohte das Einvernehmen zwischen den sog. judenchristlichen und den heidenchristlichen Gemeinden schwer zu belasten. Es handelte sich zugleich auch um ein theologisches Problem, nämlich, ob der Mensch das Heil allein durch die Gnade Gottes oder erst nach eigenen Vorleistungen erlangt. Also wurde ein sog. Apostelkonzil einberufen, das um 48 n. Chr. in Jerusalem tagte und an dem Paulus und Petrus teilnahmen. Es entschied schließlich, dass die Heiden auch ohne Beschneidung Christen werden können, wenn sie sich vom Götzenopfer, vom Blut, vom Erstickten und von Unzucht enthalten.
Diese Position vertrat dann auch Paulus wenig später im Römerbrief (2,17 ff.), als er mit eindringlichen Worten erklärte, dass der Unbeschnittene dem Beschnittenen gleichzustellen sei, wenn er nur halte, was nach dem Gesetz recht sei. Damit war der Weg frei für die Ausbreitung des christlichen Glaubens über das Judentum hinaus. Denn bis dahin fühlten sich die Anhänger Christi noch als Teil der jüdischen Gemeinschaft.
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So, wie in diesem Falle eine eindeutige Entscheidung unerlässlich war, musste in dem Maße, wie sich die jungen Gemeinden als christliche verstanden, eine Klärung der Frage herbeigeführt werden, welche Schriften die Grundgedanken des christlichen Glaubens am richtigsten widerspiegeln. Diese erfolgte aber - entgegen einer häufig verbreiteten Ansicht - nicht durch einen Machtspruch der frühen Kirche, sondern ausschließlich dadurch, dass bestimmte Glaubenszeugnisse im Gottesdienst der Gemeinden als authentisch angesehen wurden und sich allmählich gegenüber anderen Schriften durchsetzten. Es hatte sich nämlich bereits lange vor der offiziellen Festlegung eines Kanons in der liturgischen Praxis der Gemeinden ein weitgehend übereinstimmender Bestand anerkannter neutestamentlicher christlicher Schriften (Evangelien, Briefe, Apostelgeschichte) ergeben.
Für die Anerkennung war von größter Bedeutung, dass sich bei einer Schrift durch ihr Alter oder durch ihre Bezugname auf einen Apostel eine direkte Verbindung zur Verkündigung von Jesus herstellen ließ. Dies hatte allerdings auch die Folge, dass viele spätere Schriften, nur um ihren Geltungsanspruch zu erhöhen, unter dem Namen eines Apostels herausgegeben wurden. (Übrigens ist auch bei keinem einzigen der kanonischen Evangelien die Herkunft von einem Apostel erwiesen oder auch nur wahrscheinlich). Ferner wurde Wert gelegt auf eine (relative) historische Zuverlässigkeit, d. h. man versuchte schon damals, erkennbar phantastische oder mythische Erzählungen auszusondern. Darüber hinaus sollten die Texte zur Erbauung der Gemeinde beitragen, also lehrreich sein und geeignet, die Einheitlichkeit des christlichen Glaubens zu festigen.
Trotz dieser Übereinstimmung hinsichtlich der Ziele versuchte man bis Mitte des 2. Jh. nicht, bestimmten Schriften einen Absolutheitsstatus im Sinne der christlichen Überlieferung zu geben. Das änderte sich, als Markion, ein römischer Theologe (ca. 85 - 160 n. Chr.), den Versuch unternahm, eine Sammlung autorisierter christlicher Schriften zu erstellen. Dabei verwarf er zunächst das Alte Testament, weil sich in ihm ein (strafender) Gott der Gerechtigkeit offenbart habe, während das Christentum den Gott der Liebe predige. Im übrigen bestand sein Evangelium nur aus dem von einigen jüdischen Teilen gereinigten Lukas-Evangelium und 10 Paulusbriefen. Zwar konnte sich Markion mit seiner Auffassung nicht durchsetzen, aber sie hatte weitreichende Folgen. Sie nötigte nämlich die christlichen Autoritäten dazu, ihre eigene Po- sition festzulegen, was z. B. dazu führte, dass fürderhin bewusst am Alten
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Testament als Teil der Bibel festgehalten und vier Evangelien als rechtgläubig anerkannt wurden.
Um 200 n. Chr. gab es bereits ein weitgehend übereinstimmendes Meinungsbild über den künftigen Kanon. Belege hierfür finden sich bei Irenäus, Clemens von Alexandria und Tertullian. Ein regelrechtes Kanonverzeichnis aus der Zeit um 200 n. Chr. enthält der 1740 aufgefundene „Kanon Muratori“ (benannt nach seinem Entdecker, einem Mailänder Bibliothekar). Darin werden die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, dreizehn Paulus- und einige andere Briefe sowie die Offenbarungen des Petrus und des Johannes als authentisch anerkannt.
Am Ende des 3. Jh. n. Chr. gab es nur noch Unstimmigkeiten über die Gültigkeit der Apokalypse des Johannes (im Osten) und den Hebräerbrief (im Westen). 367 n. Chr. - also noch vor den entscheidenden Konzilien - zählt Bischof Athanasius von Alexandria schon zutreffend die auch heute noch geltenden 27 Schriften des neutestamentlichen Kanons auf, wenn auch in anderer Reihenfolge. Er schließt mit den Worten: „Dieses sind die Quellen des Heils, auf dass der Dürstende sich an den in ihnen enthaltenen Worten übergenug labe. In ihnen allein wird die Lehre der Frömmigkeit verkündet. Niemand soll Ihnen etwas hinzufügen oder etwas von ihnen fortnehmen“.
Tatsächlich ist dieser Kanon bis in die Gegenwart unverändert geblieben. Das Neue Testament besteht heute wie damals aus den vier Evangelien, der Apostelgeschichte, vierzehn Paulus-Briefen,
sieben „katholischen“ (an die Allgemeinheit gerichteten) Briefen und der Offenbarung des Johannes.
Auch die Reformation hat daran nichts geändert. Luther stellte lediglich einige Bücher, die er theologisch geringer als die anderen einstufte, an das Ende der Reihe. Katholischerseits wurde durch das Tridentinische Konzil 1546 festgestellt, dass alle 27 Schriften des Neuen Testaments in gleicher Weise kano- nisch seien.
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Wie sind nun der Prozess und das Ergebnis der Kanonisierung aus heutiger Sicht zu bewerten?
Zunächst: Es war kein Willkürakt der Kirchenoberen, die etwa aus der Fülle der Überlieferungen die Ihnen genehmen Schriften ausgewählt und die anderen verbannt hätten. Vielmehr war die Kanonbildung das Ergebnis einer langen Tradition gelebten Glaubens der Urgemeinden, die Meinungsverschiedenheiten und Sonderwege nicht ausschloss. Dabei ist beeindruckend nachzulesen, wie früh und mit welcher Leidenschaft, aber auch Sachkunde viele dieser frühchristlichen theologischen Diskussionen geführt wurden. Die letztlich zustande gekommene Auswahl ist auch aus heutiger Sicht überzeugend, weil die Kriterien Alter, Herkunft oder Ableitung von den Aposteln und Authentizität der christlichen Botschaft weitgehend eingehalten wurden. Dies gilt insbesondere für die Evangelien. Insoweit ist auch anerkennenswert, dass man die vier doch sehr unterschiedlichen Evangelien in all ihrer Widersprüchlichkeit übernommen und damit darauf verzichtet hat, nur eine einzige Schrift, z. B. die im Altertum weit verbreitete sog. Evangelienharmonie, das Diatessaron des Tatian, an ihre Stelle zu setzen. Nicht vergessen werden darf auch, dass mit der Kanonisierung auch dieendgültige, aber unstrittige - Entscheidung fiel, die Bibel der Juden in ihrem vollen Umfang und Wortlaut als „Altes Testament“ beizubehalten. Die Verklammerung beider Teile der christlichen Bibel erfolgte theologisch in der Weise, wie sie auch schon die ersten Christen geübt hatten: dass nämlich das Neue Testament auf dem Hintergrund des Alten Testaments verstanden, nämlich als Erfüllung von dessen Verheißungen gelesen wurde. Man darf also mit der ganz überwiegenden seriösen theologischen Literatur die vier Evangelien als die wichtigsten und authentischsten Quellen für das Leben und die Verkündigung Jesu ansehen.
Damit ist aber noch längst nicht die Frage entschieden, welche Informationen aus diesen Quellen bei historisch-kritischer Herangehensweise als gesichert angesehen werden können. Selbst bei akribischster Analyse bleibt oft viel Raum für unterschiedliche Interpretationen. In solchen Fällen können manchmal die apokryphen Schriften hilfreich sein, wie in jüngerer Zeit immer öfter anerkannt wird.
Bis ins 19. Jahrhundert hatte sich die theologische, aber auch die historische Forschung mit diesen Schriften kaum befasst. Sie galten eben als minderwer- tig oder sogar häretisch und zeitlich zu spät entstanden. Das hat sich im Laufe
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des letzten Jahrhunderts geändert, seit 1873 die Didache (eine Art frühe Got-tesdienstordnung) und 1886 das Petrus-Evangelium entdeckt wurden. In jüngerer Zeit kamen weitere Papyrusfunde hinzu wie die Nag-Hammadi-Schriften (1945) sowie Fragmente des Geheimen Markusevangeliums. Besonders das unter den Nag-Hammadi-Dokumenten aufgefundene Thomas-Evangelium hat auf Grund seines aus dem archaischen Sprachstil abzuleitenden Alters zu einem Umdenken geführt.
Manchen Apokryphen ist aber auch ohne kirchlichen Segen ein langes Leben und große Wertschätzung zuteil geworden. Denn die meisten Apokryphen sind auf das Bedürfnis der Gläubigen zurückzuführen, mehr über den Hei-land, seine Herkunft und seine Wundertaten zu erfahren, als in den kanonischen Schriften steht. Sie waren und blieben Ausdruck einer vitalen Volksfrömmigkeit. Das gilt insbesondere für das Protevangelium des Jakobus, das zu zwei Dritteln aus Marienerzählungen besteht. Obwohl weder in der westlichen noch in der östlichen Kirche kanonisiert, wurde es zur geistigen Grundlage des Dogmas von der „unbefleckten Empfängnis Marias“ in der katholischen Kirche. Die Schilderungen der Verkündigung und (aus anderen apokryphen Quellen) des Todes der Maria dienten als Vorlagen für weltberühmte Gemälde und literarische Werke. Auch die Darstellung der Umstände der Geburt Jesu (in einer Höhle, später in Stall umgedeutet) stammt aus diesem apokryphen Evangelium. Die auf vielen Abbildungen zu sehenden Ochs und Esel sind erst durch das spätere Pseudo-Matthäusevangelium (um 600) hinzugefügt worden.
c) Das Übertragungsproblem
Wenn wir den Inhalt der Botschaft Jesu, aber auch der sonstigen Texten der Bibel richtig verstehen wollen, sind wir auf Übersetzungen angewiesen. Das Alte Testament ist, bis auf die Bücher Daniel und Esra, die weitgehend in Aramäisch verfasst wurden, in hebräischer Sprache geschrieben. Es wurde im 3. Jh. v. Chr. in Alexandria ins Griechische übersetzt, weil viele außerhalb Israels lebende Juden nicht mehr genügend Hebräisch verstanden. Der Name „Septuaginta“ (nach der legendarischen Zahl der 70 Übersetzer) hat sich erst ab dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert eingebürgert. Ein weiterer Grund war, dass, speziell in Jerusalem, viele gebildete Juden eine Vorliebe für die damalige „Leitkultur“, das Griechische, entwickelten. Man nannte sie
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die „Hellenisten“. So kam es, dass Griechisch um Christi Geburt die gängige Umgangssprache war, auch wenn Jesus wohl kein Griechisch gesprochen hat. Deshalb wurde das Neue Testament wohl von Anfang an in griechischer Sprache verfasst.
Abb. 1: Stark vereinfachte Darstellung der Übersetzungsschritte bis zur Lutherbibel
Die Bibel wurde um 400 n. Chr. von Hieronymus im päpstlichen Auftrag ins Lateinische übersetzt, um die Vielfalt kursierender altlateinischer Übersetzungen zu beenden. Es entstand die bekannte „Vulgata“, die auf dem Tridentinischen Konzil 1546 für verbindlich erklärt wurde. Die meisten frühen Bibelübersetzungen ins Deutsche beruhen auf dieser Vorlage. Auch Luther hat neben anderen Texten die Vulgata benutzt, als er 1522 damit begann, die Bibel erstmals aus dem Urtext ins Deutsche zu übersetzen. Die Übersetzung
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des Neuen Testaments war in wenigen Wochen abgeschlossen, das Gesamtwerk erst 1534.
Die Teildrucke und die Gesamtbibel waren absolute „Verkaufsschlager“, wie wir heute sagen würden, weil es bis dahin keine umfassenden, allgemeinverständlichen Bibelausgaben in deutscher Sprache gab und nach dem Willen der Kirche auch nicht geben sollte. Das Volk sollte Gottes Wort nur über die Vermittlung der Kirche kennenlernen. Zur großen Verbreitung der Lutherbibel trug auch die von Luther gewählte volkstümliche, anschauliche, manchmal auch deftige Sprache bei. Viele seiner Wortschöpfungen wie „Baum der Erkenntnis (1. Mose 2,9), „ein Dorn im Auge“ (4. Mose 33,55) oder „der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ (Mt 4,4) sind in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Die Lutherbibel ist in der Folgezeit immer wieder revidiert und an den aktuellen Sprachgebrauch angepasst worden, zuletzt 1984. Dabei sind auch schwerwiegende inhaltliche „Bereinigungen“ vorgenommen worden wie die Entfernung antikatholischer Thesen, das Weglassen apokrypher Texte und Anpassungen an oekumenische Erfordernisse. Neben der Lutherbibel hat es zahlreiche weitere Bibelübersetzungen gegeben, zuletzt die „Bibel in gerechter Sprache“ (2006); alle getragen von dem Bestreben, den Sinngehalt von teils weit über 2000 Jahre alten Texten für heute lebende Menschen verständlich zu machen.
Diese anhaltenden Bemühungen zeigen, dass immer noch ein erheblicher Klärungsbedarf besteht. Denn es hat sich bei den Überarbeitungen immer wieder gezeigt, dass einzelne Begriffe im Hebräischen oder Griechischen mehrdeutig sind und deshalb auch verschieden übersetzt werden können und wurden. So hat z. B. Luther das griechische Wort „aion“ aus dem Alten Testament 37mal mit „Welt“ und 75mal mit „Ewigkeit“ übersetzt. Wie sehr die Sprache die theologische Aussage beeinflussen kann, zeigt sich z. B. auch an der Frage, ob Jesus Geschwister gehabt habe. Obwohl dies in der Bibel ganz eindeutig bejaht wird (vgl. z. B. Mk 6,3), hält die katholische Kirche aus dogmatischen Gründen daran fest, dass es sich hierbei um Vettern und Basen handele. Die Begründung lautet, dass es in der hebräischen Sprache kein eigenes Wort für Vettern und Basen gebe. Die Evangelien sind aber ursprünglich in griechischer Sprache abgefasst, die sehr wohl eigene Begriffe für dieses Verwandtschaftsverhältnis hat.
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2. Der verkündigte Glaube
Nachdem wir die frühesten schriftlichen Zeugnisse unserer christlichen Überlieferung behandelt haben, wollen wir dem gegenüberstellen, was als offizieller Inhalt des christlichen Glaubens von den Kirchen gelehrt wird. Hierfür bietet sich vor allem an das gemeinsame „Apostolische“ Glaubensbekenntnis der beiden christlichen Kirchen, ergänzend auch die Sakramente. Es liegt auf der Hand, dass gerade eine junge Glaubensgemeinschaft wie die christliche einer formelhaften Bekräftigung ihrer gemeinsamen Überzeugung und weiterer symbolischer Initiationssakte bedurfte. Dies geschah zunächst in einfachster Form durch Bekenntnisse wie „Jesus der Herr“ oder „Jesus ist der Sohn Gottes“. Solche Formeln dienten als Erkennungszeichen unter Christen. Sie reichten aber nicht aus, um den Wesensgehalt des christlichen Glaubens zu beschreiben, zu dem sich ein zum Christentum Bekehrter bekennen sollte. Dabei muss man bedenken, dass der Übertritt zum christlichen Glauben entsprechend dem Taufbefehl im Matthäus-Evangelium durch Taufe vollzogen wurde und dass dies eine Erwachsenentaufe war. Von Erwachsenen aber war ein klares Bekenntnis zu erwarten, wie dies in Ansätzen schon Paulus in seinen Briefen (u. a. 1. Korintherbrief 15,3) formuliert hat. Hieraus entwickelte sich Anfang des 2. Jh. n. Chr. das sog. „altrömische Glaubensbekenntnis“, das in nur leicht veränderter Fassung Ende des 4. Jh. zum „Apostolischen Glaubensbekenntnis“ wurde. Apostolisch heißt es nicht deshalb, weil es von den Aposteln verfasst wurde, sondern weil es die von ihnen überlieferten Glaubenswahrheiten wiedergibt. Es gilt heute sowohl in der katholischen wie in der evangelischen Kirche und hat folgenden Wortlaut:
Daneben ist eine andere, längere Form des Glaubensbekenntnisses, vor allem in den orthodoxen Ostkirchen, üblich, das sog. „Nicäno-Konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis“. Es ist das Ergebnis mehrerer frühchristlicher Konzilentscheidungen zu umstrittenen fundamentalen Glaubensfragen. Der erste Streit ging um die Frage der Wesensgleichheit von Gott-Vater und Gott-Sohn. Er wurde auf dem Konzil von Nicäa im Jahre 325 in dem Sinne entschieden und so im Glaubensbekenntnis verankert, dass Jesus „eines Wesens mit dem Vater“ sei. Eine weitere Streitfrage war die über die Natur des Heiligen Geistes. Sie beschäftigte das Konzil in Konstantinopel im Jahre 381 n. Chr. Zu beiden Fragen später (S. 148 ff.) mehr. Während sich das Glaubensbekenntnis unmittelbar mit den Inhalten des Glaubens befasst, handelt es sich bei den Sakramenten um rituelle Handlungen (Zeichen), in denen die Verbindung zwischen Gott und den Menschen zum Ausdruck kommt. Das Wort kommt vom lateinischen „sacramentum“ (Weihe), das wiederum eine Übersetzung des griechischen Begriffs „mysterion“ (Mysterium) darstellt.
In der evangelischen Kirche gibt es nur zwei Sakramente (Taufe und Abendmahl), in der katholischen Kirche dagegen sieben (zusätzlich noch Firmung, Ehe, Beichte, Weihe und Krankensalbung). Beide Kirchen stimmen zwar darin überein, dass das Sakrament von Jesus gestiftet worden sein muss; dabei verlangt die evangelische Kirche, dass das Sakrament unmittelbar von Jesus eingesetzt wurde, während es nach der katholischen Lehre ausreicht, dass es
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zumindest auf Jesus zurückgeführt werden kann. Wir werden sehen, was dazu die historisch-kritische Wissenschaft sagt.
Man könnte auf die Idee kommen, auch die Zehn Gebote, den sog. Dekalog, zu den durch Jesus vermittelten Grundregeln zu zählen. Der Bibelkundige weiß freilich, dass die Zehn Gebote aus dem Alten Testament, nämlich dem zweiten (Exodus) bzw. fünften (Deuteronomium) Buch Mose stammen. Sie werden merkwürdigerweise an diesen beiden Stellen fast wortgleich wiedergegeben. Nach biblischer Überlieferung wurden die Zehn Gebote nach dem Auszug der Kinder Israel aus Ägypten Moses von Gott am Berg Sinai übergeben. Historiker gehen davon aus, dass beide Fassungen ihre endgültige Form spätestens im 5. oder 6. vorchristlichen Jahrhundert erhalten haben. Im Neuen Testament werden sie als bekannt vorausgesetzt, auch von Jesus, der an sie anknüpfte und sie im Lichte seiner Botschaft auslegte.
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B. Der historische Jesus und seine Botschaft
Dass Jesus gelebt hat, wird heute von der ernstzunehmenden Forschung nicht mehr bezweifelt. Zugegebenermaßen gibt es wenige zeitgenössische schriftliche Quellen (wie allerdings auch von manchen anderen historischen Ereignissen). Ein wichtiger Grund hierfür besteht sicher auch darin, dass seine weltgeschichtliche Wirkung erst nach seinem Tode einsetzte, ja geradezu durch ihn und den hiermit verbundenen Auferstehungsglauben bedingt war. Es ist weiter anerkannt, dass die Person und die Verkündigung Jesu nur aus seinem historischen Umfeld heraus richtig verstanden werden kann. Wie seine Gleichnisse auf die bäuerliche und handwerkliche Lebenswelt seiner Umgebung Bezug nahmen, so ist auch seine religiöse Botschaft nur auf dem Hin-tergrund seiner eigenen jüdischen Herkunft, ihrer Traditionen und Erneuerungsbewegungen zu begreifen. Nicht zuletzt spielen die politische und soziale Lage, die staatliche Zerrissenheit, die römische Fremdherrschaft, eine engstirnige geistliche Führungsschicht sowie soziale Spannungen zwischen Grundbesitzern und Tagelöhnern eine wichtige Rolle. Auch seine eigene Herkunft aus Galiläa dürfte sein Handeln geprägt haben, denn die Galiläer galten nach Mt 4, 15 schon bei Jesaja als „Volk, das im Dunkeln lebte“. Sie wurden auch von den Rabbinern wegen ihres Widerstandes gegen deren geistliche Führungsrolle nicht geschätzt.
1. Das Heilige Land
a) Siedlungsraum
Wenn wir vom Heiligen Land oder dem Land der Bibel sprechen, so meinen wir den Raum, der im AT als Kanaan bezeichnet wird, nämlich die syrischpalästinensische Mittelmeerküste bis zum Jordan, heute das Staatsgebiet Israels und Jordaniens (ohne die Wüstengebiete). Um eine Vorstellung von der Größe zu geben: das Bundesland Nordrhein-Westfalen ist mehr als doppelt so groß wie das heutige Israel (ohne die Sinai-Halbinsel). Zur Zeit Jesu lebten weniger als 500 000 Menschen in diesem Gebiet. Es war Bestandteil des sog. „fruchtbaren Halbmondes“, einer landwirtschaftlich nutzbaren Region, die die arabische Wüste im Westen, Norden und Osten umschließt. Man vermutet, dass in diesem Raum der Getreideanbau und die Haustierzucht historisch ihren Ursprung haben. Er war als Siedlungsraum traditionell umkämpft und
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Einflussgebiet wechselnder Großreiche wie in der Frühzeit Assyrien, Babylonien und Ägypten, später Persien, Griechenland und Rom. Dies alles spiegelt sich auch in der Geschichte des israelischen Volkes wider. Geografisch gliedert sich das Heilige Land in drei Teilräume, von Süd nach Nord: Judäa, Samaria und Galiläa. Jede dieser Regionen hatte eine eigene Prägung. Samaria und Galiläa gehörten dem Nordreich an, die Bevölkerung war stärker als in Judäa mit anderen Volksgruppen vermischt und stand auch deshalb bei den Judäern im Rufe, nicht besonders rechtgläubig zu sein.
b) Herkunft und Geschichte des Volkes Israel
Die Früh-Geschichte Israels liegt im Dunkel. Die Bibel erzählt sie so: Abraham, der Stammvater des Volkes Israel, kam mit seiner Familie aus Ur in Babylonien. Auf dem Wege nach Kanaan, dem heutigen Palästina, ließ er sich zunächst im nördlichen Mesopotamien nieder. Dort gebot ihm Gott: Verlasse deine Heimat und gehe in ein Land, das ich dir zeigen will. Ich will dich segnen und dich zum großen Volk machen (1. Mose, 12). Darauf zog Abraham mit den Seinen nach Kanaan, dem gelobten (= versprochenen) Land. Dort sprach Gott zu ihm: „Deinem Samen will ich dies Land geben“ und begründete damit den jüdischen Besitzanspruch auf Palästina. Mit den Worten: „Und ich will aufrichten meinen Bund zwischen mir und dir und deinem Samen nach dir ..“ (1. Mose 17,7) schloss Gott den ewigen Bund mit dem Volke Israel, machte es zum „auserwählten Volk“.
Dieses Geschehen könnte sich in der mittleren Bronzezeit (um 1700 v. Chr.) abgespielt haben. Zu dieser Zeit konnte allerdings von einem Volke Israel noch nicht die Rede sein, vielmehr müsste man von einem 12-Stämme-Bund reden.
Einige Zeit später sollen Teile der israelischen Stämme, die sog. Josephstämme, nach Ägypten abgewandert sein. Historiker gehen davon aus, dass die Nachfahren dieser israelischen Stämme unter der Führung von Moses um 1230 v. Chr. (wieder) in ihr späteres Kernland einwanderten. Diese Besiedlung ging nicht ohne Kämpfe vonstatten, zumal sich um 1200 v. Chr. bereits Seevölker (die Philister) in der Küstenregion niedergelassen hatten und ihren Siedlungsraum verteidigten. Sie wurden zum Namensgeber für Palästina, das noch in römischer Zeit Philistäa genannt wurde. Auch die Ägypter griffen in die Kämpfe ein, weil sie ihre Oberhoheit über diesen Raum gefährdet sahen.
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Hierüber berichtet eine Stele des Pharao Merenptah aus dem Jahre 1208 v. Chr. im Zusammenhang mit einem erfolgreichen Feldzug nach Kleinasien: „Israel liegt wüst und hat keinen Samen“. Dabei handelt es sich um die erste urkundliche Erwähnung des Namens Israel. „Hat keinen Samen“ ist so zu verstehen, dass die Felder des Kriegsgegners verwüstet wurden. Die Israeliten waren zunächst und für lange Zeit nomadisierende Stammesverbände ohne feste Führung. Vorübergehende Erfolge im Kampf gegen die Philister stellten sich erst ein, als Saul zum ersten König Israels gewählt wurde. Aber erst unter König David aus dem Stamme Juda gelang es, die Philister endgültig zurückzuschlagen und einen einheitlichen Staat mit der Hauptstadt Jerusalem zu gründen (um 1000 v. Chr.), der aber immer durch äußere und innere Feinde gefährdet war. Dagegen ist Davids Sohn Salomo als Friedenskönig in die Geschichte eingegangen. Er gewann großen Reichtum durch den Arabienhandel, den er gemeinsam mit den im Norden Israels siedelnden Phöniziern betrieb. Dies erlaubte ihm, den ersten, sehr prunkvollen Tempel in Jerusalem zu bauen und damit dem religiösen Kult der Israeliten ein festes Zentrum zu geben. Er förderte Kunst und Literatur und galt als weiser Herrscher, dem zahlreiche biblische Bücher und Dichtungen zugeschrieben wurden. Außenpolitisch sicherte er seine Herrschaft durch Heirat mit einer ägyptischen Prinzessin ab.
Nach seinem Tode um 926 v. Chr. kam es unter seinem Sohn Rehabeam zu einer Spaltung des Landes. Die zehn nördlichen Stämme gründeten ihren eigenen Staat, während der Stamm Juda, die Leviten und Teile des Stammes Benjamin im Süden das Königreich Juda begründeten. Diese Teilung Israels erwies sich als verhängnisvoll. Das Nordreich, ohne ein gewachsenes Zentrum und zunächst ohne zentrale Kultstätte, musste sich nach langen wechselvollen Kämpfen (übrigens auch mit dem Südreich Juda) und einem gescheiterten Aufstand der neuen Großmacht Assyrien um 720 v. Chr. ergeben. Nahezu die gesamte Bevölkerung wurde deportiert, sodass man von einer Auflösung des Nordreichs Israel sprechen kann.
Das Südreich existierte nur knapp 150 Jahre länger. Nach einer Phase wechselnder Herrschaften war das Königreich unter babylonische Hoheit geraten. Nach dem zweiten Versuch der Israeliten, sich dieser Herrschaft zu entledigen, eroberte Nebukadnezar II. 586 v. Chr. die Stadt Jerusalem, zerstörte den Tempel und verschleppte große Teile der Bevölkerung (2. Babylonische Gefangenschaft). Die Juden, wie sie damals erstmals genannt wurden, durften ihren Glauben beibehalten, was in der Abgeschiedenheit des Exils zu einer
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religiösen Rückbesinnung und Hinwendung zu strikter Gesetzestreue führte. Diese Entwicklung wurde wesentlich verstärkt durch das Auftreten neuer Propheten wie Hesekiel und Jesaja II., die einerseits Bußpredigten hielten, andererseits die Rückkehr ihres Volkes in die angestammte Heimat und die Ankunft des Messias verhießen.
Und wirklich gestattete der Perserkönig Kyros, nachdem er im Jahre 538 v. Chr. Babylon erobert hatte, den Juden die Rückkehr in die alte Heimat. Nicht alle machten davon Gebrauch. Diejenigen, die zurückgingen, waren die strenggläubigen orthodoxen Juden, die von nun an den Charakter des Judentums bestimmten. Sie bauten das zerstörte Jerusalem wieder auf und errichteten einen neuen Tempel, der 515 v. Chr. vollendet wurde. Die Perser waren in religiösen Fragen sehr tolerant. Sie setzten sogar 398 v. Chr. das Pentateuch, die Fünf Bücher Moses, als persisches Reichsrecht für die jüdischen Untertanen formell in Geltung.
Nach einer etwa 200jährigen Phase relativer Ruhe geriet Judäa im Zuge der Eroberungen Alexanders des Großen unter griechischen Einfluss. Der Hellenismus verkörperte das neue Lebensgefühl dieser Epoche und fand im vorderen Orient wie auch bei den Juden viele begeisterte Anhänger. Damit war das Überleben des Judentums, das jetzt ja nur noch in Judäa verankert war, in akuter Gefahr. Als unter den Nachfolgern Alexanders dann auch noch der jüdische Tempeldienst und die Beschneidung verboten wurden, kam es unter Führung der späteren Herrscherdynastie der Makkabäer (auch Hasmonäer genannt) zum offenen Aufstand. Er endete nach jahrelangen Kleinkriegen und bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen mit dem Ergebnis, dass die Juden ab der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts vorübergehend ihre religiöse Eigenständigkeit und staatliche Autonomie erkämpfen konnten. Als es erneut zu Machtkämpfen über die Führung von Judäa kam, griffen die Römer ein, die mittlerweile die dominierende Macht in Kleinasien geworden waren. Ihr Feldherr Pompeius eroberte 63 v. Chr. Jerusalem und gliederte Judäa als Provinz dem römischen Imperium ein. Im Zuge ihrer Politik, den Osten des Imperiums durch Vasallenstaaten abzusichern, setzten die Römer 37 v. Chr. Herodes (genannt „Der Große“) zum Herrscher über Judäa ein. Er war zwar ein Tyrann von Roms Gnaden, der, um seine Herrschaft zu sichern, sämtliche Nachkommen der Hasmonäer und Teile der eigenen Familie umbringen ließ. Den ihm im NT zugeschriebenen Kindermord von Bethlehem hat er aber nach einhelliger Meinung der Historiker nicht begangen. Er ließ in seiner Regierungszeit zahlreiche prachtvolle Bauten errichten, u. a. in Jerusa-
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Nach dem Tode von Herodes dem Großen im Jahre 4 v. Chr. wurde das Land unter seinen Söhnen aufgeteilt. Das Kernland Judäa und Samaria erhielt Archelaus, der sich aber nicht lange halten konnte, sondern von den Römern im Jahre 6 n. Chr. wegen Unfähigkeit nach Gallien verbannt wurde. Danach wurde sein Gebiet als „Provincia Iudäa“ römischen Prokuratoren unterstellt. Der fünfte dieser römischen Statthalter war Pontius Pilatus, der von 26 - 37 n. Chr. im Amt war. Er trug den Titel „praefectus Iudaeae“, wie aus einer in Caesarea gefundenen Steininschrift hervorgeht. Der in den Evangelien erwähnte und bei Markus als „König“ bezeichnete Herodes (Antipas) war ein weiterer Sohn von Herodes dem Großen, der aber nur den Titel eines “Tetrarchen“ trug (obwohl er gerne König werden wollte). Seine Herrschaft umfasste Gebiete östlich des Jordan und Galiläa, also die Heimat von Jesus 4 . Sein geschichtliches Bild ist dadurch geprägt, dass er Johannes den Täufer hinrichten ließ. Er wurde schließlich im Jahre 39 n. Chr. abgesetzt und nach Lyon verbannt, wo er auch starb 5 . Um 65 n. Chr. steigerten sich die schon lange anhaltenden Spannungen zwischen den Juden und Römern zum offenen Konflikt. Die Aufständischen konnten zwar vorübergehend Jerusalem und weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle bringen. Die Römer entsandten schließlich den Feldherrn Vespasian, der mit einem großen Heer Palästina nach und nach zurückeroberte. Unter der Führung seines Sohnes Titus wurde schließlich 70 n. Chr. auch Jerusalem eingenommen und der Tempel in Brand gesetzt. Die letzten Kämpfer und ihre Familien hatten sich auf die von Herodes dem Großen angelegte und als uneinnehmbar geltende Bergfestung Masada zurückgezogen. Aber auch diese wurde nach dreijähriger Belagerung von den Römern eingenommen, nachdem sie eine riesige Rampe aufgeschüttet hatten, woraufhin sich bis auf zwei Frauen und fünf Kinder alle 960 verbliebenen Juden gegenseitig umbrachten.
4 Dies war der offenbar der Grund, weshalb Jesus von Pontius Pilatus zu Beginn seines Prozesses zunächst zu Herodes geschickt wurde. Dieser hielt sich aus Anlass des Passahfestes gerade in Jerusalem auf. Seine Residenz befand sich in Tiberias. Diese Episode steht im Lukas-Evangelium, ist aber historisch mehr als zweifelhaft.
5 Zur Herrschaft der Herodianer vgl. auch S. 52/53.
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Zwar kam es 132 n. Chr. noch einmal zu dem sog. „Bar-Kochba-Aufstand“, der von den Römern aber schnell und blutig niedergeschlagen wurde. Fast alle Überlebenden wurden deportiert. Damit war der jüdische Staat nach 1000jährigem Bestehen endgültig untergegangen.
c) Sprache
Palästina war in biblischer Zeit auf Grund der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung, aber auch bedingt durch die wechselnden Fremdherrschaften ein Mehrsprachenland. Neben den traditionellen Landessprachen Aramäisch und Hebräisch wurde - vor allem in gebildeten Kreisen - Griechisch gesprochen, daneben auch Lateinisch als Amtssprache der Römer. Das ist der Grund dafür, dass im dritten vorchristlichen Jahrhundert die hebräische Bibel ins Griechische übersetzt und später das Neue Testament sogar griechisch geschrieben wurde.
Als die Stammväter Israels in Kanaan anlangten, sprachen sie vermutlich einen mesopotamischen Dialekt. Dieser vermischte sich im Laufe der Zeit mit der Sprache der einheimischen Kanaanäer und wurde zum Hebräischen. Dieses wurde die Umgangssprache im ganzen Land. Nach dem Babylonischen Exil (538) ergab sich eine interessante Entwicklung: während die Bibelgelehrten anfingen, die in Hebräisch verfassten heiligen Schriften zusammenzutragen, gebrauchte das Volk zunehmend andere Dialekte und Sprachen, darunter das Aramäische. Das ging so weit, dass in manchen Synagogen die Texte aus der hebräischen Bibel für das einfache Volk übersetzt werden mussten. Es ist auch ein Irrtum anzunehmen, dass das Aramäische die exotische Sprache einer kleinen Minderheit gewesen sei. Sie war vielmehr im ganzen östlichen Mittelmeerraum bis nach Persien verbreitet und verdrängte in Israel in nachbabylonischer Zeit weitgehend das Hebräische als Umgangssprache. Es war also keine Besonderheit, dass Jesus aramäisch sprach. Er sprach sicherlich auch Hebräisch, wahrscheinlich aber kein Griechisch.
Arbeit zitieren:
Dr. Wolfgang Brauße, 2009, Jesus, die Kirche und ich, München, GRIN Verlag GmbH
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