1 Julia Kristeva: Fremde sind wir uns selbst. Aus dem Franz. von Xenia Rajewsky. Frankfurt: Suhrkamp 1990. S. 11.
2
Inhalt
Einleitung 4
I.
Xenologie und die Problematik der Begrifflichkeit 5
II.
Basisdistinktion : das Andere und das Fremde 8
III.
Modi des Fremderlebens nach Ortfried Schäffter 8
IV.
Postkoloniale Theorien 9
V.
Interkulturelle Hermeneutik und Hermeneutik des Fremden 10
VI.
VII. Dekonstruktion: Vorrang der Differenz. 11
VIII. Julia Kristeva 12
Analyse des KHM 110: Der Jude im Dorn 15
IX.
Res ümee 20
X.
Literaturverzeichnis 21
XI.
3
I. Einleitung
„Fremdheit“ und „Alterität“ sind gängige Begriffe in der Terminologie der Kulturwissenschaften, die in verschiedensten Modellen unterschiedlich definiert und thematisiert werden und ein weites Bedeutungsspektrum aufweisen. Die Vielfalt an kultur-und literaturwissenschaftlichen Ansätzen, welche sich mit Bildern des Fremden und Fremdverstehen in der deutschen Literatur beschäftigen, erschwert den Einstieg in die Thematik enorm. Diese geben jedoch ein umfangreiches Angebot, mit dem sich literaturwissenschaftliche Untersuchungen auf einer soliden Basis anstellen lassen.
Nach eingehender Thematisierung der terminologischen Problematik wird in dieser Arbeit eine Auswahl an theoretischen Konzepten aus den verschiedensten kultur- und literaturwissenschaftlichen Disziplinen in Zusammenhang mit der Fremdheitsthematik vorgestellt und erläutert. Im Besonderen wird auf das Fremdheitskonzept des Subjekts von Julia Kristeva verwiesen, das, ausgehend von der Psychoanalyse Freuds und Lacans, als eine innovative Perspektive für die Literaturwissenschaft zunutze gemacht werden kann.
Die einzelnen Theorien finden im anschließenden Analyseteil Anwendung im antisemitischen Märchen „Der Jude im Dorn“ der Brüder Grimm. Die Fremdheitsthematik wird hier am Beispiel des sozialen Phänomens Antisemitismus ausführlich untersucht und versucht, Zusammenhänge mit nationalen Grenzverstehen, ideologischen Denkmustern und psychologischen Erfahrensweisen herzustellen. In die Analyse werden Kristevas Erklärungen, die „Fremderleben als ein Teil des Selbst“ verstehen, für die nähere Betrachtung des Protagonisten sowie für die Schreibweisen der Brüder Grimm integriert.
4
II. Xenologie und die Problematik der Begrifflichkeit
Der Begriff Xenologie als Bezeichnung für die interdisziplinär und interkulturell ausgerichtete Fremdheitsforschung tauchte erstmals um 1900 auf, 1977 wird dieser Begriff von Munasu Duala-M’bedy als Bezeichnung einer transdisziplinären Fremdheitsreflexion vorgeschlagen, und von Wierlacher schließlich 1987 in die interkulturelle Germanistik eingeführt. Begriffe wie „kulturelle Fremde“, „Fremdheitsforschung“ oder „Fremdheitslehre“ stammen aus der interkulturellen Germanistik. 2
Zu den Prämissen der kulturwissenschaftlichen Xenologie zählt vorrangig „die Einschätzung kultureller Vielfalt als Reichtum, Anregung und Fülle, nicht als Chaos, Unordnung und Vielerlei.“ 3 In vergleichbaren Arbeiten außerhalb des deutschen Sprachraums wird der Begriff „Alteritätsforschung“ bevorzugt. Zum Beispiel spricht Mecklenburg (1987) von Alterität als kulturelle Andersheit und ihre Differenzierungen. 4 Als Hauptgegenstände der Fremdheitsforschung werden u.a. die „Erscheinungsformen und Einschätzungen kultureller Fremdheit und des Fremden“, „Verhältnis und Interdependenz von Fremden und Eigenem“, „interkulturelle Verständigungsprobleme“, sowie die „Formen und Funktionen von Stereotypen, Vorurteilen und Xenophobie“ 5 erachtet.
Die interkulturelle Germanistik hat erkannt, dass der Begriff „fremd“ bzw. „Fremdheit“ in der deutschen Gegenwartssprache ein vielschichtiges und weitreichendes Bedeutungsspektrum aufweist. Hofmann (2006) gibt bspw. drei Bedeutungen an, welche in anderen Sprachen jeweils unterschiedlich wiedergegeben werden:
1. Fremdheit als topographischer Begriff: Fremd ist, was außerhalb des eigenen Bereichs vorkommt (ahd. fran: fern; lat. externum, peregrinum; engl. foreigner; frz. étranger).
2. Fremd ist, was einem anderen gehört, dazu gehört auch der Aspekt der Nationalität (lat. alienus; engl. alien).
2 Vgl. Alois Wierlacher, Corinna Albrecht: Kulturwissenschaftliche Xenologie. In: Einführung in die Kulturwissenschaften. Theoretische Grundlagen - Ansätze - Perspektiven. Hrsg. von Ansgar und Vera Nünning. Stuttgart, Weimar: Metzler 2008. S. 281.
3 Ebda, S. 282.
4 Vgl. ebda., S. 283.
5 Ansgar Nünning: Xenologie. In: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze - Personen -Grundbegriffe. Hrsg. von Ansgar Nünning. Stuttgart, Weimar: Metzler 1998. S. 576.
5
3. Fremd ist, was von fremder Art ist und als fremdartig gilt. Das Fremde wird als das Unvertraute wahrgenommen, das in seinem „Wesen“ grundsätzlich verschieden vom Subjekt betrachtet wird (frz. étrange; engl. strange). 6
Ortrud Gutjahr bestimmt im Hinblick auf die Bedeutungsvielfalt von „fremd“ drei Facetten der Fremdheit, die für die Problemstellungen der interkulturellen Literaturwissenschaft von entscheidender Relevanz sind. Zugrunde liegt hier die Erkenntnis, dass Differenzierungen zwischen Eigenem und Fremden wesentlich in Kategorien des Raums und der Bewegung im Raum gedacht werden. Fremde als Alteritätsrelation zur Selbstbestimmung komme laut Gutjahr unter räumlicher Perspektive in drei prinzipiellen Erscheinungsformen vor: 7
1. Der Tod als das radikale Fremde
Diese Erscheinungsform beinhaltet das Transzendente, Metaphysische und Ekstatische. Dieses ist dem Denken, Wissen und Fühlen unzugänglich, und dennoch definiert es Gutjahr als grundlegendes Verhältnis zum Leben. Die prototypische Denkfigur ihres transzendenten Fremden ist der Tod. Die Erforschung dieses transzendenten Anderen ist in der Disziplin der kulturwissenschaftlichen Xenologie jedoch nicht relevant; der zentrale Gegenstandsbereich ist demnach „die kulturelle Fremdheit und ihre Bedeutung für das einzelne menschliche Leben und für den Aufbau der Kultur(en) in Gegenwart und Geschichte.“ 8
2. Das Fremde als das noch Unbekannte:
Abseits dieser radikalen Erfahrung von Fremdheit ist bei Gutjahr die einsichtigste Erfahrung von Fremdheit das noch Unbekannte, das noch nicht Gewusste. „Die prototypische Figuren [in der Literatur] sind: Abenteurer, Entdecker, Forscher, Siedler und Kolonisatoren, die sich aus der Heimat aufmachen, um das Fremde zu suchen.“ 9
6 Vgl. Michael Hofmann: Interkulturelle Literaturwissenschaft. Eine Einführung. Paderborn: Fink 2006.
(= UTB. 2839.) S. 15.
7 Vgl. Ortrud Gutjahr: Neuere deutsche Literatur. In: Germanistik als Kulturwissenschaft. Eine Einführung in neue Theoriekonzepte. Hrsg. von Claus Benthien u. Hans Rudolf Velten. Reinbeck: rowohlt 2002. (= rowohlts enzyklopädie 55643.) S. 360f.
8 Wierlacher, Albrecht, Kulturwissenschaftliche Xenologie, S. 282.
9 Gutjahr, Neuere deutsche Literatur, S. 360.
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Arbeit zitieren:
Michaela Nocker, 2009, Fremdheit und Alterität im Grimmschen Hausmärchen "Der Jude im Dorn", München, GRIN Verlag GmbH
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