I. Einleitung
In dieser Arbeit versuche ich einen Vergleich des sozialen Lebens von GastarbeiterInnen und Landflüchtigen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf GastarbeiterInnen, die aus der Türkei nach Deutschland kamen und auf Landflucht innerhalb der Türkei. Auch wenn viele dieser GastarbeiterInnen aufgrund ihrer Migrationsgeschichte als Landflüchtige interpretiert werden können, ist diese Interpretation nicht das Ziel dieser Arbeit. Vielmehr dient der Vergleich dazu, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten, um die Frage zu beantworten, wie spezifisch die Situation der GastarbeiterInnen in Deutschland ist.
Anhand dieser Erkenntnisse lassen sich verschiedene Ansätze bewerten, die die Situation der ArbeitsmigrantInnen und ihrer Nachkommen in Deutschland erklären wollen. Große Ähnlichkeiten in der Situation von MigrantInnen, die ihr Glück in einer großen Stadt im eigenen Land suchen und solchen, die in ein fremdes Land auswandern, wären, wenn sie dauerhaft sind, ein Hinweis darauf, daß die Überschreitung von Grenzen von Nationalstaaten und nationalen Kulturen nicht zu den Faktoren gehört, die die Situation von MigrantInnen prägen.
Zur Integration von Landflüchtigen in die Großstädte gibt es zwei gänzlich unvereinbare theoretische Ansätze 1 : Die einen gehen davon aus, daß die Landflüchtigen sich Schritt für Schritt assimilieren, ihre dörflichen Verhaltensweisen und Einstellungen ablegen und zu richtigen Stadtmenschen werden. Die anderen nehmen an, daß die dörfliche Kultur so fest in den DörflerInnen steckt, daß sie sich in der Stadt weiterhin entsprechend verhalten und die Stadt infolge der Landflucht verdörflicht. Beide Ansätze sind zur Beschreibung eines sozialen Prozesses ungenügend, tatsächlich geschieht beides: MigrantInnen passen sich an ihre neue Umgebung an und beeinflussen sie. 2 In den beiden Ansätzen zeigen sich jedoch Bestandteile wichtiger Theorien. Der erste reflektiert den Glauben der Anhänger der sogenannten Modernization Theory an die zentrale Bedeutung der städtischen Mittelschicht bei der Modernisierung von Gesellschaften und die Vorstellung, daß sie nichtmoderne Gesellschaften fast unweigerlich modernisieren. Im zweiten zeigt sich eine essentielle Betrachtung von Kultur. Es wird davon ausgegangen, daß sich Menschen nicht beeinflussen und verändern können. Bei der Integration von MigrantInnen, die in fremde Länder migrieren, gibt es ähnliche Richtungen. Die einen, vor allem in den USA, gehen von einer Assimilation der MigrantInnen in die Mittelschicht
1 Karpat, Kemal, The Gecekondu: Rural migration and urbanization, Cambridge, 1976, Seite 30 2 Karpat, Kemal, The Gecekondu: Rural migration and urbanization, Cambridge, 1976, Seite 31
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der Aufnahmegesellschaft aus. 3 Andere vertreten, daß die Aufnahmegesellschaft durch die MigrantInnen verändern. Ein Beispiel für eine Politik, die versucht hat, diese Veränderungen zu akzeptieren ist die Stadt Bradford, die in den 80er Jahren weite Teile der Kommunalpolitik an der großen Zahl der MigrantInnen ausrichtet. 4
Der Vergleich wird in drei einfachen Schritten erfolgen: Im ersten Kapitel betrachte ich die sozialen Netzwerke von ArbeitsmigrantInnen in der BRD. Ihre lebensweltliche Trennung von der Aufnahmegesellschaft wird oft als Folge und/oder Grund für mangelnde Integration in diese Gesellschaft angesehen. Anschließend betrachte ich die selben Dinge für Landflüchtige, die in Istanbubl und Teheran ankommen. Im zweiten Kapitel werden die Ergebnisse der ersten beiden vergleichend nochmal zusammengefaßt. Dabei bietet zusätzlich eine Betrachtung der Migrationsgeschichten von Landflüchtigen und türkischen GastarbeiterInnen einen Ansatzpunkt dafür, GastarbeiterInnen als Landflüchtge zu interpretieren. Abschließend erfolgt die Interpretation der Ergebnisse im Bezug auf die Diskussion um die Integration von MigrantInnen in die deutsche Gesellschaft.
Bei den großen Ähnlichkeiten in Bezug auf die Bildung sozialer Netzwerke, die Integration in den Arbeitsmarkt vermittelt durch diese Netzwerke und die Bildung von Wohnvierteln, in denen sich die MigrantInnen konzentrieren, bleibt die zeitliche Dimension als zentrales Unterscheidungsmerkmal. Sowohl Landflüchtige als auch GastarbeiterInnen sind nach ihrer Ankunft in einer fremden Stadt geprägt durch die Migrationserfahrung und die Fremdheit ihres neuen Umfeldes. Die Segregation zwischen den als GastarbeiterInnen nach Deutschland gekommenen und der Aufnahmegesellschaft bleibt jedoch weitestgehend auch bei ihren Kindern und Enkelkindern bestehen. Die Integration von Landflüchtigen in ihre neue Heimat dagegen vollzieht sich wesentlich schneller.
3 Portes, Alejandro/FernándezKelly, Patricia, No margin for error: Educational and occupational archievement among disadwantaged children of immigrants, in: The annals of the american academy of political and social science, Ausgabe 620, November 2008, Seiten 1214
4 Baringhorst, Sigrid, Fremde in der Stadt multikulturelle Minderheitenpolitik, dargestellt am Beispiel der nordenglischen Stadt Bradford, Münster, 1990
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II. Das Sozialleben von Landflüchtigen und GastarbeiterInnen an Beispielen
1. Das Sozialleben von GastarbeiterInnen in Deutschland mit Fokus solche türkischer Herkunft a) Bildung sozialer Netzwerke 5
Das Zentrum des sozialen Lebens der türkischen EinwanderInnen der zweiten Generation ist ihre Familie. Auch bei ihnen gibt es noch die Tendenz, ihre EhepartnerInnen in der Türkei zu suchen und dann nach Deutschland zu holen, Heiraten mit Deutschen gibt es dagegen relativ wenige. Bei den Netzwerken, die sich aus FreundInnen und Bekannten zusammensetzen, dominieren ebenfalls ethnischhomogene Netzwerke. Diese Feststellung ist vor allem deshalb sehr wichtig, weil die informellen Informationen, die einen Zugang zum Arbeits und Wohnungsmarkt versprechen, oft über diese sozialen Netzwerke aus FreundInnen und Bekannten weitergegeben werden. Wer nun ein sehr homogenes Netzwerke hat, erhält diese Informationen nur eingeschränkt, vor allem, wenn das Freundesnetzwerk und die Familie sich komplett aus einer Minderheit rekrutiert, die von der Mehrheitsgesellschaft leicht diskriminiert und ausgeschlossen wird. b) Arbeits und Wohnungsmarkt
Bei den MigrantInnen in Deutschland läßt sich eine gewisse Tendenz feststellen, in Gebieten mit vielen Landsleuten zu wohnen. Für die TürkInnen in Deutschland gilt das besonders stark. Allerdings ist diese Tendenz in Deutschland im internationalen Vergleich sehr gering 6 und es gibt bis auf einzelne Ausnahmen keine Viertel, in denen die Deutschen nicht die Mehrheit ausmachen 7 . Viertel mit vielen MigrantInnen beherbergen üblicherweise MigrantInnen unterschiedlicher Nationalitäten 8 und viele arme Deutsche 9 . Die Korrelation von Vierteln mit hohem Anteil an MigrantInnen einer Nationalität und hohem Anteil an EmpfängerInnen von Sozialhilfe und Arbeitslosen ist bei den türkischstämmigen 5 Gestring, Norbert/Janßen, Andrea u.a., Prozesse der Integration und Außgrenzung. Türkische Migranten der zweiten Generation, Wiesbaden, 2006, Seiten 3358
6 Schönwälder, Karen/Söhn, Janina/Schmid, Nadine, Siedlungsstrukturen von Migrantengruppen in Deutschland: Schwerpunkte der Ansiedlung und innerstädtische Konzentration, Berlin, 2007, http://www.wzb.eu/ZKD/AKI/files/aki_siedlungsstrukturen_migrantengruppen_deutschland.pdf, Seite 35 7 Schönwälder, Karen/Söhn, Janina/Schmid, Nadine, Siedlungsstrukturen von Migrantengruppen in Deutschland: Schwerpunkte der Ansiedlung und innerstädtische Konzentration, Berlin, 2007, http://www.wzb.eu/ZKD/AKI/files/aki_siedlungsstrukturen_migrantengruppen_deutschland.pdf, Seite 17 8 Schönwälder, Karen/Söhn, Janina/Schmid, Nadine, Siedlungsstrukturen von Migrantengruppen in Deutschland: Schwerpunkte der Ansiedlung und innerstädtische Konzentration, Berlin, 2007, http://www.wzb.eu/ZKD/AKI/files/aki_siedlungsstrukturen_migrantengruppen_deutschland.pdf, Seite 17 9 Schönwälder, Karen/Söhn, Janina/Schmid, Nadine, Siedlungsstrukturen von Migrantengruppen in Deutschland: Schwerpunkte der Ansiedlung und innerstädtische Konzentration, Berlin, 2007, http://www.wzb.eu/ZKD/AKI/files/aki_siedlungsstrukturen_migrantengruppen_deutschland.pdf, Seite 26
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MigrantInnen höher als bei denen aus anderen Gastarbeiternationalitäten. 10 Praktische Erwägungen und Präferenzen 11 , diskriminierente Mechanismen auf dem Wohnungsmarkt 12 und der Informationsfluß in sozialen Netzwerken werden als Grüne dafür genannt.
Die räumliche Segregation wird, obwohl sie in Deutschland nicht sehr stark ist, oft in Zusammenhang mit mangelnder Integration von AusländerInnen in Deutschland genannt. 13
Da die GastarbeiterInnen nach Deutschland angeworben wurden, um freie Stellen zu besetzen, gab es anfangs keine Arbeitslosen unter ihnen und alle waren ArbeiterInnen, die eher einfache Arbeiten ausführten. In ihren Betrieben bildeten die GastarbeiterInnen das flexible Potential der Beschäftigungspolitik. Wann immer die Auftragslage schlecht war, konnten sie sehr leicht entlassen und in ihre Heimatländer zurückgeschickt werden, wurden wieder mehr ArbeiterInnen gebraucht, fanden sich leicht neue. Dieses Vorgehen hatte auch einen disziplinierenden Effekt auf die Gesamtheit der ArbeiterInnen, da sie ihnen ihre Austauschbarkeit vorführte. 14
Inzwischen sind jedoch auch viele der ehemaligen GastarbeiterInnen, die in Deutschland geblieben sind, arbeitslos. Die Arbeitslosenquote bei den türkischen EinwanderInnen der ersten Generation beträgt im Jahr 2007 19,5%, in der zweiten Generation 16,7% 15 . Diese Zahl hat sich von 1991 bis 2005 verdoppelt. 16 Gleichzeitig verdoppelte sich die Anzahl der Selbstständigen türkischer Herkunft. 43.000 türkische Staatsangehörige waren 2005 in der BRD selbstständig, das entspricht einem Anteil von 5,8%. Dazu kommen noch ca. 17.500 deutsche Staatsangehörige türkischer Herkunft. 1718
10 Schönwälder, Karen/Söhn, Janina/Schmid, Nadine, Siedlungsstrukturen von Migrantengruppen in Deutschland:
Schwerpunkte der Ansiedlung und innerstädtische Konzentration, Berlin, 2007,
http://www.wzb.eu/ZKD/AKI/files/aki_siedlungsstrukturen_migrantengruppen_deutschland.pdf, Seite 26
11 Schönwälder, Karen/Söhn, Janina/Schmid, Nadine, Siedlungsstrukturen von Migrantengruppen in Deutschland:
Schwerpunkte der Ansiedlung und innerstädtische Konzentration, Berlin, 2007,
http://www.wzb.eu/ZKD/AKI/files/aki_siedlungsstrukturen_migrantengruppen_deutschland.pdf, Seiten 13f
12 Tertilt, Hermann, Turkish Power Boys, Frankfurt/Main, 1996, Seite 115
13 Schönwälder, Karen/Söhn, Janina/Schmid, Nadine, Siedlungsstrukturen von Migrantengruppen in Deutschland: Schwerpunkte der Ansiedlung und innerstädtische Konzentration, Berlin, 2007, http://www.wzb.eu/ZKD/AKI/files/aki_siedlungsstrukturen_migrantengruppen_deutschland.pdf, Seite 1 14 Budzinski, Manfred, Gewerkschaftliche und Betriebliche Erfahrungen ausländischer Arbeiter, Frankfurt/Main, 1979, Seiten 26ff
15 Kalter, Frank/Granato, Nadia, Educational hurdles on the way to structural assimilation in Germany, in: Heath, Anthony/Cheung, Sin Yi/Smith, Shawna, Unequal chances - Ethinc minorities in western labour markets, Oxford, 2007, Seiten 290291
16 Leicht, René u.a., Die Bedeutung der ethnischen Ökonomie in Deutschland. Push und PullFaktoren für Unternehmensgründungen ausländischer und ausländischstämmiger Mitbürger, Mannheim, 2005, Seite 7 der Kurzfassung. http://www.ifm.unimannheim.de/unter/fsb/pdf/Ethnische_Oekonomie_Kurzfassung.pdf 17 Leicht, René u.a., Die Bedeutung der ethnischen Ökonomie in Deutschland. Push und PullFaktoren für Unternehmensgründungen ausländischer und ausländischstämmiger Mitbürger, Mannheim, 2005, Seiten 5f der Kurzfassung. http://www.ifm.unimannheim.de/unter/fsb/pdf/Ethnische_Oekonomie_Kurzfassung.pdf 18 Kalter und Granato's Zahlen enthalten ebenfalls deutsche Staatsangehörige türkischer Herkunft.
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Arbeit zitieren:
Karl Bär, 2010, GastarbeiterInnen und Landflüchtige, München, GRIN Verlag GmbH
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