1. Einleitung
Diese Arbeit hat das Ziel, zu untersuchen, ob ein Grundeinkommen ein Mittel einer Politik für den ländlichen Raum sein könnte.
Da es, mit einigen, für einen Vergleich mit Deutschland oder anderen europäischen Ländern gänzlich ungeeigneten Ausnahmen 1 keine Staaten gibt, die ihren BürgerInnen ein Grundeinkommen zahlen, muß jede Diskussion darüber ohne empirische Daten auskommen, was nach der Einführung eines Grundeinkommens in konkreten Fällen passiert ist. Für die Gedanken über die Auswirkungen eines Grundeinkommens auf die Gesellschaft ist daher ein möglichst konsequentes Modell sehr hilfreich. Im folgenden werde ich von einem bedingungslosen Grundeinkommen als „individuelle[n], situationsunspezifische[n], anspruchslose[n] und unbefristete[n] Bezug eines Grundeinkommensbetrags für alle StaatsbürgerInnen in
existenzsichernder Höhe, der nicht an Voraussetzungen wie Beitragszahlungen, (vorangehende) Erwerbsarbeit, Arbeitsbereitschaft, spezifische Lebenslagen (e.g. Studium, Kindererziehung) oder ähnliche Bedingungen gebunden ist ,“ 2 sprechen. Dieses Zitat stammt aus einem Text der österreichischen Soziologin Irene Pimminger, der sich mit den möglichen Auswirkungen eines Grundeinkommens auf die Geschlechterverhältnisse beschäftigt. Es verwundert nicht, daß dies Gegenstand vieler Diskussionen und Forschung ist, zielt doch das Grundeinkommen auf eine Veränderung in Bereichen, die für viele FeministInnen und SoziologInnen zentrale Themen der Geschlechtergerechtigkeit sind: Die Bewertung und Organisation von Arbeit.
Arbeit, Arbeitslosigkeit und die Mangelnde Auslastung von Betrieben und öffentlichen Dienstleistungen gehören zu den wichtigsten Faktoren beim Niedergang ländlicher Räume. Es liegt nahe, die Auswirkungen eines Grundeinkommens auf die ländliche Entwicklung zu betrachten.
Eine Beschreibung des Teufelskreises, der für den Niedergang ländlicher Räume typisch ist, ist die Basis dieser Betrachtung. Sie folgt in Kapitel 2, mit einer besonderen Hervorhebung der Rolle der Arbeitsplätze, Arbeitslosigkeit und
1 Im diktatorischen, vom Ölreichtum lebenden nordafrikanischen Staat Libyen finden sich Ansätze für das, was
wir Grundeinkommen nennen würden.
2 Pimminger, Irene, Grundeinkommen und Geschlechterverhältnisse, Wien, 2002, Seite 5.
Das unveröffentlichte Manuskript findet sich unter:
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Arbeitsauslastung. Im Kapitel 3 gehe ich der Frage nach, inwieweit ein Grundeinkommen ein Instrument ist, diese Räume zu stabilisieren. Kapitel 4 schließlich ordnet die Ergebnisse der beiden vorangehenden Kapitel in die Diskussion um ein Grundeinkommen und das Ende der Arbeitsgesellschaft ein.
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2. Strukturprobleme im ländlichen Raum
a) Definitionen
Die einfachste Definition von „ländlichem Raum“ ist die Negativdefinition. So schreibt zum Beispiel die bayerische Staatsregierung in ihrem Landesentwicklungsprogramm von 1976: „Ländlicher Raum sind die Gebiete außerhalb der (..) Verdichtungsräume.“ 3 Für die Europäische Union gehört eine jede Gemeinde mit einer Bevölkerungsdichte von unter 150 EinwohnerInnen pro km² zum ländlichen Raum. 4 Nach der Definition der EU macht der ländliche Raum 80% der Fläche der EU aus, es leben aber nur 25% der Bevölkerung dort. 5
Bei so weiten Definitionen ist es sinnvoll, verschiedene ländliche Räume voneinander zu unterscheiden. 6 Unter die Definition fallen erstens Gebiete, die durch ihre Lage in der Nähe von Verdichtungsräumen oder Verkehrsachsen besonders stark an die Entwicklung in den Metropolen angebunden sind. Andere Gebiete liegen zwar peripher, bieten jedoch aufgrund ihrer natürlichen Ressourcen besondere Erwerbsmöglichkeiten im Tourismus oder der Landwirtschaft. Drittens gibt es Gebiete, in denen es trotz geringer Verdichtung industrielles Wachstum gibt und auch solche, in denen es das in der Vergangenheit gab und die nun vom industriellen Strukturwandel getroffen werden. Schließlich bleiben zentrenferne, strukturschwache und schlecht angebundene ländliche Räume.
Obschon letztere von den typischen Problemen ländlicher Räume besonders stark betroffen sind, wirkt der Kreislauf aus (relativ) geringer Nachfrage nach und geringem Angebot an Bildungsstätten, Einkaufsmöglichkeiten, Dienstleistungen, kulturellen Einrichtungen, ect. und der daraus folgende Mangel an Erwerbsmöglichkeiten auf alle Gebiete mit geringer Bevölkerungsdichte - wenn auch auf unterschiedliche Weise.
3 Bayerische Staatsregierung (Hrsg.), Landesentwicklungsprogramm Bayern, München, 1976, zitiert nach:
Wießner, Reinhard, Ländliche Räume in Deutschland, in: Geographische Rundschau 6/1999, S. 300-304,
Braunschweig, 1999
4 Europäische Kommission, Die Entwicklung des Ländlichen Raums - Arbeitspapier zur GAP 2000, Juli 1997,
5 Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften, Die Entwicklung des ländlichen Raumes in der
Europäischen Union, Luxemburg, 2004, Seite 3
6 Wießner, Reinhard, Ländliche Räume in Deutschland, in: Geographische Rundschau 6/1999, S. 300-304,
Braunschweig, 1999
4
b) Probleme des ländlichen Raumes
Ausgehend von den eingeschränkten Erwerbs- und Bildungsmöglichkeiten zeichnet Reinhard Wießner die Strukturprobleme der ländlichen Räume als Kreislauf. Die selektive Abwanderung von insbesondere jungen, dynamischen und
aufstiegsorientierten Bevölkerungsteilen senkt die Bevölkerung direkt und langfristig durch Überalterung und Geburtenrückgang. Mit der Bevölkerung sinkt die Nachfrage und Gewerbe und Handel gehen zurück. So fallen weitere Arbeitsplätze weg und der Kreislauf schließt sich. Insgesamt verliert das betroffene Gebiet stark an Attraktivität, so daß wenig Zuwanderung stattfindet und kaum neue Betriebe angesiedelt werden.
Die Abwanderung ist jedoch kein notwendiger Teil des Problems. Die hohe Mobilität der Bevölkerung in Deutschland gibt Menschen aus gut angebundenen ländlichen Räumen die Möglichkeit, zur Arbeit (oder auch zum Studium, ect.) auszupendeln. Gemeinden mit vielen PendlernInnen sind oft mit Steuereinkommen gut ausgestattet 7 und ländliche Räume in der Nähe von Ballungsgebieten verzeichnen sogar ein Bevölkerungswachstum. Andere Probleme aus dem Kreislauf jedoch bleiben auch in diesen Gebieten, da die hohe Mobilität dazu führt, daß viele BewohnerInnen nicht nur zur Arbeit pendeln, sondern auch zum Einkaufen, um kulturelle Angebote in Anspruch zu nehmen, ect. 8
Die hohe Mobilität der Bevölkerung und wirtschaftlicher Druck führen zusätzlich zu Zentralisierung. Durch Zentralisierung von Behörden, Zusammenlegung von Schulen, Gebietsreformen, ect. gibt der Staat in ländlichen Gebieten Standorte auf und verlagert die Arbeitsplätze und das Dienstleistungsangebot in zentrale Orte. 9 Gleichzeitig laufen im privaten Sektor Konzentrationsprozesse ab. So ist zum Beispiel die Zahl der Lebensmittelgeschäfte in Deutschland von rund 150.000 Mitte der sechziger Jahre auf rund 55.000 im Jahre 2006 zurückgegangen. 10 Die Einzelhandelsketten planen mit immer größeren Verkaufsflächen, immer größeren
7 Siehe dazu: Jungfer, Klaus, Die Stadt in der Krise, Bonn, 2005, Seite 184
8 Wießner, Reinhard, Ländliche Räume in Deutschland, in: Geographische Rundschau 6/1999, S. 300-304,
Braunschweig, 1999. Siehe auch: Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, Trends der
Raumentwicklung, in: Raumordnungsbericht 2005, Seite 85.
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9 Wießner, Reinhard, Ländliche Räume in Deutschland, in: Geographische Rundschau 6/1999, S. 300-304,
Braunschweig, 1999
10 Kuhlicke, Christian/Petschow, Ulrich/Zorn, Henning, Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs im
ländlichen Raum, in: Verbraucherzentrale Bundesverband, Hat der ländliche Raum eine Zukunft?, Berlin,
2006, Seiten 127ff
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Arbeit zitieren:
Karl Bär, 2008, Ein Grundeinkommen für den ländlichen Raum?, München, GRIN Verlag GmbH
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