Inhaltsverzeichnis
Seite
Einleitung 2
Hauptteil
Die Ewigkeit 3
Erich Kästners pessimistisches Geschichtsbild 3
Weltgeschichte in Ahasver und Frau 3
Die Ehe 6
Erich Kästners Verhältnis zur Ehe - biographisch 6
Erich Kästners Verhältnis zur Ehe - literarisch 7
Die Ehe in Ahasver und Frau 7
Schlussbetrachtung 13
Literaturverzeichnis 14
1
Einleitung
Die Legende von Ahasver, dem je nach Tradition „Ewigen“ oder „Wandernden Juden“, scheint zunächst ein christlich-religiöser, antijudaistischer Stoff zu sein. Antijudaismus bezeichnet, im Gegensatz zum „modernen“ (da im 19. Jahrhundert entstandenen) rassisch definierten Antisemitismus, den zumindest vordergründig religiös motivierten Judenhass. 1 Dieser basiert auf der Vorstellung, „die Juden“ seien Schuld am Tod Jesu Christi. 2 Dass nach christlicher Überlieferung Gott gewollt hat, dass Jesus am Kreuz stirbt, wird hierbei anscheinend nicht berücksichtigt. Die Nähe zwischen der Rachephantasie der Ahasver-Legende und dem Antijudaismus ist offensichtlich: von allen Juden, die nach diesem Verständnis am Tode Christi Schuld tragen, wird Ahasver (stellvertretend) bestraft. In Erich Kästners Text „Ahasver und Frau“ 3 kommt derartiges jedoch gar nicht vor, die Religionszugehörigkeit Ahasvers und der Anlass seiner Verfluchung scheinen völlig irrelevant. Das Interesse liegt vielmehr auf dem mit dem Ahasverstoff verbundenen Aspekt der Ewigkeit. Das pessimistische Geschichtsbild Kästners findet in diesem Zusammenhang seinen Niederschlag im Text und soll daher im Zuge der Interpretation dargestellt werden. Dem unauflösbar mit dem Ahasverstoff verbundenen Thema „Ewigkeit“ gesellt Kästner jedoch etwas Ungewöhnliches hinzu: er lässt Ahasver nicht allein durch die Welt wandern, sondern in steter Begleitung seiner Ehefrau, und inszeniert dies als das eigentlich Unerträgliche der Strafe.
Bei der Untersuchung der beiden Themen des Textes, Geschichtsbild und Ehe, soll besonderes Augenmerk darauf gelegt werden, warum, also inwiefern und zu welchem Zweck der Text satirisch ist. Der Untersuchung der beiden Themen wird jeweils eine Einleitung vorangestellt, in der unter Bezugnahme auf andere Texte Kästners vorgestellt werden soll, wie er generell zu diesen Themen stand.
1 Beide sind jedoch nicht ganz klar voneinander zu trennen. Vgl.: Glaser, Hans Georg; Foerster, Manfred J.: Der Weg nach Auschwitz war vorgezeichnet. Traditionslinien des Antisemitismus in Deutschland, Aachen (Shaker Media) 2009, Seite 23
2 Vgl.: Helas, Horst u. a. [Hg.]: Neues vom Antisemitismus: Zustände in Deutschland, Berlin (Dietz) 2008, Seite16
3 Zuerst erschienen am 29.08.1925 im Leipziger Tagblatt Nr. 239, später veröffentlicht im Sammelband: Kästner, Erich: Der Karneval des Kaufmanns. Gesammelte Texte aus der Leipziger Zeit 1923-1927, hrsg. Von Klaus Schumann, Leipzig (Lehmstedt) 2004. Im folgenden wird aus diesem Band zitiert unter Verwendung der Sigle [AuF]
2
Hauptteil
Die Ewigkeit
Erich Kästners pessimistisches Geschichtsbild
Kästner, dessen Nebenfach an der Universität Geschichte war, hatte ein überraschend einfaches Welt- und Geschichtsbild: auf der einen Seite gibt es die Dummen und Schlechten, auf der anderen die Guten und Klugen, da aber die Dummen herrschen, gab es bisher in der Geschichte der Menschheit keinen Fortschritt. 4 Belege für diese Einstellung finden sich in allen verschiedenen Arten seiner Textproduktion: So lautet etwa die letzte Strophe des Gedichts „Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag":
Die Menschen werden nicht gescheit. / Am wenigsten die Christenheit, / trotz allem Händefalten. / Du hattest sie vergeblich lieb. / Du starbst umsonst. / Und alles blieb beim alten [sic!].
Im zweiten Vorwort zu seinem Kinderroman „Das fliegende Klassenzimmer heißt es:
Die Weltgeschichte kennt viele Epochen, in denen dumme Leute mutig oder kluge Leute feige waren. Das war nicht das Richtige. Erst wenn die Mutigen klug und die Klugen mutig geworden sind, wird das zu spüren sein, was irrtümlicherweise schon oft festgestellt wurde: ein Fortschritt der Menschheit. 5
Von besonderem Interesse für die Untersuchung des Textes „Ahasver und Frau“ ist außerdem, dass Kästner ein Problem darin sieht, dass Geschichte stets als Kriegsgeschichte dargestellt wird. In „Der tägliche Kram. Chansons und Prosa 1945-48“ heißt es hierzu:
Man hat uns Kriegsgeschichte für Weltgeschichte verkauft. Wollen wir denn wirklich, dass die Weltgeschichte weiterhin Kriegsgeschichte bleibt? 6
Weltgeschichte in „Ahasver und Frau“
Der erste Teil des Textes [AuF 164-166] behandelt Ahasvers Miterleben bedeutender geschichtlicher Ereignisse und geht über in eine Beschreibung der Selbstmordversuche Ahasvers. Seine Frau kommt noch nicht vor.
4 Vgl.: Mank, Dieter: Erich Kästner im nationalsozialistischen Deutschland. 1933-145: Zeit ohne Werk? Frankfurt a. M. (Lang) 1981, Seite 138: „Für Kästner wird diese Begriffsduplizität zur anthropologischen Konstante, die in seiner Betrachtung vor jedem historischen Hintergrund den ausschlaggebenden Faktor für Entwicklungsvorgänge in menschlichen Gemeinwesen darstellt.“
5 Kästner, Erich: Pünktchen und Anton. Das fliegende Klassenzimmer. Zwei Romane für Kinder von Erich Kästner, Hamburg (Dressler) und Zürich (Atrium) 2001, Seite 148. Erstmals erschienen als: Kästner, Erich: Das fliegende Klassenzimmer, Stuttgart/ Berlin (DVA) 1933
6 Kästner, Erich: Der tägliche Kram. Chansons und Prosa 1945-1948, Zürich (Atrium) 1948, Seite 47
3
Stilistisch bestimmend sind in diesem Teil der parataktische Satzbau, Steigerungen, Parallelisierungen und Wiederholungen.
Der Text beginnt mit einer Steigerung von Tausend zu Millionen: „Tausend Qualen lassen sich erdenken. Millionen Qualen sind erdacht worden.“ [AuF 164] Dies stimmt schon auf die Komik des Textes ein, da es sich um eine Abweichung von Normen logischen Argumentierens handelt: Ließen sich tatsächlich nur tausend Qualen erdenken, wäre es nicht möglich, Millionen Qualen zu erdenken.
Ahasvers Qual jedoch wird als einzigartig dargestellt und zur Verdeutlichung mit weiteren Zahlen kontrastiert, die durch Alliterationen und Homoioteleuta pathetisch stilisiert werden: „Milliarden Menschen starben. Tausend Völker verdarben. Hundert Reiche gingen vor die Hunde.“ [AuF 165, Hervorhebungen E.W.] Hieran schließt sich das „Ahasver blieb.“ [AuF
165] an, das noch achtmal wiederholt wird, zuletzt mit den Variationen: „Aber er blieb!“ [AuF 165] und „Er sagte zu und blieb.“ [AuF 166]. Zwischen diesen Wiederholungen werden geschichtliche Ereignisse heraufbeschworen oder andere Geschichtssignale gegeben; zuerst noch sehr allgemein Zerstörerisches (Krieg, Pest, Hungersnöte, Erdbeben) und Neuerungen (Religionsgründungen, Entdeckungen neuer Welten, Erfindung des Pulvers), wobei bereits auffällt, dass diese Neuerungen nicht rein positiv sind, sondern auch mit Krieg und Zerstörung einhergehen, beziehungsweise diese zur Folge haben. Im dritten Part werden Modeerscheinungen (Tuniken, geschlitzte Wämser, Escarpins, Jackettanzüge) mit typischen Waffen (Schwerter, Dolche, Floretts, Armeerevolver) derselben Zeit parallelisiert. Dies hat zum einen eine komische Wirkung, da scheinbar Harmloses und Gefährliches gleichwertig behandelt werden. Das Thema Mode wird jedoch später im Text noch einmal aufgegriffen, wobei genutzt werden wird, dass durch die Parallelisierung mit Waffen die Mode bereits die Aura des Gefährlichen bekommen hat.
Im nächsten Abschnitt wird Geschichte noch deutlicher als Kriegsgeschichte verhandelt. Bekannte Schlachten werden angedeutet: Die Varusschlacht („Teutoburger Wald“ [AuF 165]), Schlacht bei Sempach („Arnold von Winkelried“ [AuF 165]), 1. Flandernschlacht des
1. Weltkriegs („Ypern“ [AuF 165]). Auch die zugehörigen Waffen werden präzisiert: „Kattenpfeil“ (die Katten waren ein germanischer Stamm), „habsburgische Hellebarden“ und „Flügelmine“ [alle AuF 165]. Bei all diesen Ereignissen wird Ahasver tödlich verwundet ohne zu sterben. Ein wenig aus der Reihe fällt die Episode um den Herzog von Angoulème im Bois de Boulogne, da ihr keine so berühmte Schlacht zuzuordnen ist. Wahrscheinlich bezieht sich Kästner hier auf Ereignisse während der Julirevolution 1830, während derer der Herzog von Angoulème im Bois de Boulogne
4
Arbeit zitieren:
Eva Wißkirchen, 2010, Über Erich Kästners "Ahasver und Frau" , München, GRIN Verlag GmbH
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