Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG 3
II. INHALT DES ROMANS 3
III. ZEITSTRUKTUR 4
IV. ANSICHTEN UND EINSICHTEN (BEDEUTUNG DES TITELS) 7
V. INHALTLICHE UND GESCHICHTLICHE ASPEKTE DES ERINNERNS
UND VERGESSENS 8
VI. FAZIT 20
LITERATURVERZEICHNIS 22
I. WERK 22
II. SEKUNDÄRLITERATUR 22
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I. Einleitung
In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich mich mit den unterschiedlichen Aspekten des Erinnerns und des Vergessens in Heinrich Bölls 1962 geschriebenem und 1963 publiziertem Roman „Ansichten eines Clowns“ beschäftigen. Um dieses Themengebiet konkreter zu erfassen, werde ich auch die komplexe Zeitstruktur, den Titel bzw. die Form der eingelagerten Erinnerungssegmente und das Künstlertum des Clowns skizzieren, da diese Gesichtspunkte in ihrer Beziehung zueinander und unter Einbeziehung der Erinnerungs- und Vergessensstrukturelemente in meinen Augen miteinander zu kooperieren scheinen.
II. Inhalt des Romans
Hans Schnier, von Beruf „Clown, offizielle Berufsbezeichnung: Komiker, keiner Kirche steuerpflichtig, siebenundzwanzig Jahre alt“ 1 und Sohn einer wohlhabenden Industriellenfamilie, kehrt ohne berufliches Engagement und Geld in seine Heimatstadt Bonn zurück, in der auch seine Eltern und sein Bruder leben und in der er eine geschenkte Wohnung besitzt.
Ende der 50er Jahre hatte der als damals einundzwanzig Jähriger zusammen mit Marie Derkum, der Tochter eines mittellosen Ladeninhabers, Bonn verlassen, um mit ihr zusammenzuleben und seinen Lebensunterhalt als Clown zu verdienen. Marie, der dieses weder staatlich noch kirchlich sanktionierte Verhältnis nach einiger Zeit unerträglich wurde, hat Schnier verlassen und stattdessen den Katholiken Züpfner geheiratet. Mit diesem radikalen Einschnitt beginnt Schniers seelischer, gesellschaftlicher, künstlerischer und wirtschaftlicher Abstieg. Er versucht nun in seiner Bonner Wohnung sein bisheriges Leben sowie seine Beziehungen zu Familienmitgliedern und Bekannten mit Hilfe von Telefongesprächen zu reflektieren und zu rekonstruieren.
1 Böll, Heinrich. Ansichten eines Clowns. Deutscher Taschenbuch Verlag, München. Lizenzausgabe, 1. Auflage Januar 1967. Seite 7
Nach dieser Ausgabe wird der Text im folgenden durch einfache Angabe der Seitenzahl in Klammern zitiert.
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Aber auch während diesem ca. dreistündigen Aufenthalt in der Wohnung schafft er es nicht, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen und landet so schließlich als Weiß-Clown geschminkt, bettelnd und Gitarre spielend auf den Stufen des Bonner Hauptbahnhofes, um Maries Rückkehr von ihrer Hochzeitsreise abzuwarten. Die Zeitspanne von der Ankunft Schniers in Bonn über die Telefongespräche in seiner Wohnung bis hin zu dem Zeitpunkt, an dem er bettelnd vor dem Hauptbahnhof sitzt, bildet die eigentliche Romangegenwart. Durch zahlreiche Einschübe erinnerter Vergangenheit jedoch offenbaren sich dem Leser die Biographie Schniers, die Ursachen und Krisen, die zu seiner aktuellen Lebenssituation geführt haben sowie das Handlungsgerüst des Romans.
III. Zeitstruktur
Um einen Überblick über die Struktur des Textes, speziell im Bezug auf die Aspekte der vielfältig und verschachtelt vorkommenden Erinnerungssegmente, zu erhalten, muss man sich ebenfalls mit der Zeitstruktur des Romans auseinander setzen. Im Vordergrund steht zunächst die Tatsache, dass das vollständige Romangeschehen analytisch, d.h. rückwendend erzählt wird. Die Vergangenheit wird so in die Gegenwart projiziert und erhellt diese durch Rückblicke. Am Beginn steht die Krise, „deren Genese retrospektiv betrachtet und berichtet wird. Parallel dazu und selbstverständlich abhängig von diesem Bewußtwerdungsprozess des „Clowns“ entwickeln sich die Vorstellungen und Konzepte für sein gegenwärtiges Handeln und die zukünftigen Absichten. Aus solcher Verschränkung folgt die komplizierte Struktur aus Erinnerungen, Gegenwartshandlungen und Zukunftsprojektionen, die den Roman kennzeichnet - und das bis hinein in die Sprachstruktur.“ 2 Erinnerungen werden zu reflektierenden Bewertungen und indem Schnier in die Vergangenheit zurückblendet, erfasst er außerdem die Zukunft in der Vergangenheit. Die Vergangenheit ist der Behälter, der Rahmen, der als Inhalt die Zukunft, mehr, eine
2 Balzer, Bernd. Heinrich Böll. Ansichten eines Clowns. Grundlagen und Gedanken. Erzählende Literatur. Hrsg. v. Roloff, Hans-Gert. Moritz Diesterweg Verlag. Frankfurt am Main. 4. Auflage. 1999. Seite 38.
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ganze Reihe einzelner Zukünfte enthält.“ 3 Konsequenz einer solchen Konstellation ist dann ein sehr verschachteltes Zeitgefüge, in dem sich die verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen gegenseitig durchdringen, sich aber auch komplettieren. „Im fünften Kapitel der Ansichten zum Beispiel sind Gegenwartsbeschreibung und Erinnerung, Vorstellung und Ansichten, Aussage und Gespräch, Wirklichkeit und Fantasie so durcheinandergemischt, dass das Montageprinzip kaum mehr überschaubar ist. Ein kurzer Blick auf einige der Verben zeigt, wie die Spielfelder des Bewusstseins in der Clownfigur aus Gegenwartsbewusstsein, diskontinuierlichen Erinnerungen und Vorstellungsflächen aufgefächert wird: >Ich suchte (Erzählung der Vergangenheit) ... ich hätte Monika gern als Erste angerufen (Konjunktiv) ... ich sehe (Vorstellung) ... Leo nickt ( Vergangenheit als Gegenwart) ... sie hatte (Erinnerung) ...<.“ 4 Das zeitliche Nacheinander relativiert sich, dem Leser präsentieren sich innerer Monolog, erlebte Rede und stream of consciousness als eingelagerte Elemente, die ihm nach und nach das Bewusstsein des Clowns offenbaren. Abgebildet wird die Simultaneität sich gleichzeitig entwickelnder Gedanken, Vorstellungen und Gefühle der psychischen Innenwelt, die spontan-assoziativ in ungeordneter Form abläuft. Die Parallelität der Ereignisse und die Vielschichtigkeit der erlebten Welt des Clowns verhindern die Progression einer einsträngigen Handlung, weil die verzweigte Wirklichkeit nicht mehr adäquat durch bestimmbare, chronologische Illustrationen skizziert werden kann. C.A.M. Noble charakterisiert diese Entwicklung als allgemeine Entwicklung in Bölls Gesamtwerk. „Die Zeit fällt deshalb immer merklicher als chronologisch ordnendes Prinzip aus, während der Innenraum der Figuren, ihre Erinnerungen und ihr Bewusstsein zum wesentlichen Untersuchungsgegenstand werden.“ 5 „Diskontinuität von Zeit“ 6 wird zum Geschehnis und zur strukturbildenden Form. Während die Erzählzeit und die Gegenwartshandlung des Romans fast deckungsgleich sind - beide umfassen ca. 3 ½ Stunden - spiegelt die erzählte Zeit einen Großteil des Lebens von Hans Schnier wieder. Dies resultiert aus den oben
3 Holl, Oskar. Der Roman als Funktion und Überwindung der Zeit. Zeit und Gleichzeitigkeit im deutschen Roman des 20. Jahrhunderts. Bouvier. Bonn, 1968. Seite 45.
4 Noble, C.A.M.: Die „Ansichten eines Clowns“ und ihre Stellung in Bölls epischer Entwicklung. In: Jurgensen, Manfred (Hrsg.). Böll. Untersuchungen zum Werk. Bern 1975. Seite 160.
5 Ebd. Seite 155.
6 Balzer, Bernd. Das literarische Werk Heinrich Bölls. Einführung und Kommentare. Deutscher Taschenbuch Verlag. München, 1997. Seite 254
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schon erwähnten Einschüben erinnerter Vergangenheit. Weitere Elemente, die mit vorangehenden oder nachfolgenden Gedankengängen sinngemäß verbunden sind, sich aber durch eine andere Zeitebene davon abheben, sind sinnspruchhafte Passagen. Sie werden Bestandteil der Erzählgegenwart, sind aber zeitlos, d. h. auch nicht an Erinnerungen gekoppelt. Sie befassen sich mit feststehenden Tatsachen, sind Überlegungen des Clowns, füllen die Erzählzeit auf.
Beispiele.
1) „Ein Clown, der ans Saufen kommt, steigt rascher ab, als ein betrunkener Dachdecker stürzt.“ (9)
2) „Ich glaube, dass die Lebenden tot sind, und die Toten leben.“ (29) 3) „Reiche Leute bekommen ja viel mehr geschenkt als arme, und was sie kaufen müssen, bekommen sie meistens billiger ...“ (241)
Der Begriff Zeit spielt dabei eine wesentliche Rolle, denn „Zeit enthielt für Böll Augenblick, Ewigkeit, Jahrhundert. Idealerweise müsste ein Roman in einer Minute spielen können.“ 7 In dem Roman „Ansichten eines Clowns“ kommt Böll diesem Ideal - durch die explizite Reduktion der Zeit der Gegenwartshandlung - näher als in einem anderen seiner Werke.
C. A. M. Noble setzte sich ebenfalls mit dem Themenkreis „Zeit als ordnendes Prinzip“ und dem komplexen Zeitverständnis Bölls auseinander und diagnostizierte verschiedene strukturelle Gliederungselemente. „ Abgesehen von der realen Ebene, der Gegenwart, und der Reflektiv- oder Erinnerungsebene bezeichnet Böll als dritte strukturierende Schicht die Motive; und in den Ansichten wi rd das Motiv der Untreue Maries und ihrer Entscheidung, einen anderen zu heiraten, durch wiederholtes Reflektiertwerden zum die Struktur des Romans bestimmenden Angelpunkt der Aufzeichnungen. In diesem wiederholten Augenblick aus dem Erlebnis des Clowns und in der Wiederholung des Erlebnisses als Augenblick erkennt man die tiefere Bedeutung von Bölls Aussage, dass der ideale Roman „in einer Minute“ spielen müsste: der Reduzierung der Zeit auf einen Augenblick, was endgültig die Auflösung des Romans bewirken könnte, erscheint
7 Bienek, Horst. Werkstattgespräche mit Schriftstellern. Hanser Verlag. München, 1962. Seite 140.
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Arbeit zitieren:
Kerstin Runschke, 2002, Die Aspekte des Erinnerns und Vergessens in H. Böll´s "Ansichten eines Clowns", München, GRIN Verlag GmbH
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