Inhaltsverzeichnis Seite
1. Einleitung. 3
2. Arten, Ursachen und Effekte von Segregation. 4
3. Paris. 8
3.1 Rahmenbedingungen der sozial-räumlichen Pariser Stadtstruktur. 9
3.1.1 Sozioökonomische Entwicklungen in Paris. 9
3.1.2 Politische Rahmenbedingungen und Entwicklungen auf dem
Wohnungsmarkt in Paris. 11
3.2 Die ethnische und sozialräumliche Bevölkerungsstruktur in Paris. 19
3.3 Problemviertel in Paris? 27
4. London. 29
4.1 Rahmenbedingungen der sozial-räumlichen Londoner Stadtstruktur 31
4.1.1 Sozioökonomische Entwicklungen in London. 31
4.1.2 Politische Rahmenbedingungen und Entwicklungen auf dem
Wohnungsmarkt in London. 34
4.2 Die ethnische und sozialräumliche Bevölkerungsstruktur in London. 38
4.3 Problemviertel in London? 50
5. Fazit. 53
6. Literaturverzeichnis. 55
1. Einleitung
„In allen großen städtischen Räumen in Europa gibt es [...] Wohngebiete armer Menschen, Wohngebiete mit hoher Jugend- und Langzeitarbeitslosigkeit, niedrigem Bildungs- und Gesundheitsstand [...] und Kriminalität, meist mit einem hohen Anteil Einwanderer und Minderheiten, einem hohen Sanierungs- und Modernisierungsbedarf der Wohnungen [...] und unzureichender sozialer und kultureller Infrastruktur“ (Gaebe 2004: 204f.). Insbesondere Städte wie Paris und London, als internationale Handels- und Kulturzentren Europas, beherbergen Gewinner und Verlierer des wirtschaftlichen Strukturwandels.
Mit einem wachsenden Anteil an ethnischen Minderheiten und sozial-schwachen Bevölkerungsgruppen entstehen Konflikte und Probleme, die von der Politik beobachtet und gelenkt werden müssen. Insbesondere jene Viertel, die eine räumliche Konzentration von bestimmten Bevölkerungsgruppen aufweisen, können sich unter gewissen Umständen zu Problemvierteln entwickeln. Die Gründe und Auswirkungen der Konzentration von Minderheiten sind unterschiedlich und müssen in den beiden Städten näher untersucht werden.
Allerdings sind die Probleme nicht nur kleinräumig zu betrachten, da sich die Rahmenbedingungen sowohl auf städtischer, Landes- als auch auf internationaler Ebene stetig verändern. Insbesondere der internationale Städtewettbewerb lenkt die Prioritäten bzw. Finanzausgaben der Großstädte wie Paris und London und prägt somit u.a. die Gestaltung des städtischen Raums bzw. das sozial-räumliche Muster.
2. Arten, Ursachen und Effekte von Segregation
Die ungleiche Verteilung bzw. Trennung von verschiedenen Bevölkerungsgruppen bezogen auf einen (städtischen) Raum wird als Segregation bezeichnet (vgl. Heineberg 2006: 115 & vgl. Häußermann & Seibel 2004: 139). Je nach Art und Weise des Zustandekommens lassen sich verschiedene Segregationsphänomene unterscheiden. Neben demographischen Merkmalen (wie Alter oder Haushaltsgröße) bilden die sozialen und ethnischen Differenzen der Stadtbevölkerung die stärksten Segregationsmuster (vgl. Dangschat 2007: 42 & vgl. Häußermann & Seibel 2004: 143). Die sog. soziale Segregation wird vorwiegend durch sozioökonomische Kriterien wie Einkommen, Vermögen, Berufsqualifikation und Bildungsstand beschrieben und zeigt sich u.a. in dem Vorhandensein von Arbeitervierteln und wohlhabenden Villenvierteln (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 139ff., 151 & vgl. Dangschat 2007: 42). Die sog. ethnische Segregation beruht auf dem Zusammentreffen unterschiedlicher Nationalitäten sowie kulturellen Differenzen im städtischen Raum.
Wie die einzelnen Bevölkerungsgruppen letztlich im städtischen Raum verteilt sind, wird vor allem von historischen Siedlungsentwicklungen und politisch administrativen Vorgaben sowie dem Marktmechanismus beeinflusst.
Die Ursache der sozialen Segregation und der sozial-räumlichen Ungleichheit ist insbesondere im vorhandenen Wohnungsmarkt zu suchen (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 153). Zum einen wird die Angebotsseite des Wohnungsmarktes durch den Wohnungsbau bzw. seiner Akteure bestimmt. Die zur Verfügung stehenden Wohnungen mit unterschiedlichen Wohnumfeld und Wohnqualitäten bzw. -preisen limitieren letztlich die Wohnortmöglichkeiten. Zum anderen wird die Nachfrageseite des Wohnungsmarktes durch die privaten Haushalte bestimmt. Dabei spielen die Ressourcen und Präferenzen der Haushalte bzw. der verschiedenen Bevölkerungsgruppen eine entscheidende Rolle, denn diese determinieren den Handlungsspielraum bei der Wohnstandortwahl. So können auf der Nachfrageseite ökonomische (wie Haushaltseinkommen), kognitive (wie Wohnungsmarktkenntnisse) sowie soziale (wie Zugang zu sozialen Netzen) Ressourcen die Wahlfreiheit mehr oder weniger einengen (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 155ff.). Weiterhin beeinflussen spezifische Präferenzen die Wohnstandortwünsche. Demnach kann der Wunsch nach sozialer Homogenität eine treibende Kraft für den Segregationsprozess sein. In diesem Fall wird von einer freiwilligen oder aktiven Segregation gesprochen, wenn primär die Präferenzen für die Segregation verantwortlich sind. Wenn hingegen die Wohnort-
wahl überwiegend auf Restriktionen zurückzuführen ist, ist von einer gezwungenen oder passiven Segregation zu sprechen. Die Restriktionen resultieren insbesondere aus dem Mangel an finanziellen Mitteln und/ oder aus sozialer Diskriminierung (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 159). Diese Unterscheidung ist ebenfalls bei der ethnischen Segregation anwendbar. So können Vorurteile und Vorbehalte der Vermieter, aber auch eigene Präferenzen der ausländischen Haushalte zur ethnischen Segregation beitragen (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 173). „Insbesondere bei Zuwanderern spielen die lokal zentrierten Netze neben der Familie eine große Rolle“ (Häußermann & Seibel 2004: 159), denn die Nachbarschaft zu Landsleuten bietet Zu-wanderern zahlreiche Vorteile. Sie finden hier die auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Infrastruktur, sowie materielle wie auch immaterielle Hilfe. Besonders für neu Zuge-wanderte, die mit den Systemen von Arbeitsmarkt und Sozialstaat bislang nicht vertraut sind, ist diese von großer Bedeutung (vgl. Münch 2007: 49). Die gezielte Suche nach lokal konzentrierten Netzwerken trifft jedoch nicht für alle ethnischen Gruppen gleichermaßen zu. Je nach geplanter Aufenthaltsdauer, Assimilationsgrad (Grad der Anpassung einer Minderheit an eine neue Umgebung bzw. an eine Mehrheit (vgl. Hoffmann 2009) und Lebensphase ist der Wunsch nach ethnisch homogenen Nachbarschaften mehr oder weniger stark ausgeprägt (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 173f.).
Weiterhin können sich die Wohnansprüche der ethnischen Minderheiten aufgrund von besonderen demographischen (z.B. Anzahl der Haushaltsmitglieder), religiösen und/ oder sozialen Merkmalen unterscheiden, so dass nur bestimmte Wohnstandorte für sie in Frage kommen (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 177). Wenn ausländische Haushalte zu den einkommensschwächeren Haushalten einer Stadt zählen, kann die räumliche Segregation nach ethnischen Merkmalen durch die räumliche Segregation nach sozialen Merkmalen überlagert werden. Da sie sich aber in ihrer Ursache und Folgewirkung unterscheiden, müssen sie differenziert betrachtet werden (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 151 & vgl. Gaebe 2004: 202).
Das Merkmal, wie auch der Prozess der Segregation sind ein „universelles Phänomen“ (Häußermann & Seibel 2004: 146), welches mehr oder weniger stark in den Städten vorzufinden ist und mehr oder weniger als Problem wahrgenommen wird. Denn neben positiven Effekten sind auch negative Effekte zu nennen, die je nach Art und Ausmaß der Segregation hervorgerufen werden und letztlich in sog. Problem- vierteln zum Ausdruck kommen können. Es existiert jedoch keine allgemeingültige
Schwelle, an der zu erkennen ist, ab wann das Ausmaß von Segregation als schlecht oder als zu viel betrachtet werden kann bzw. muss (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 146). Zu den negativen Effekten der räumlichen Konzentration von Deklassierten und Diskriminierten gehört, dass sich ihre Erfahrungsräume und sozialen Interaktionen weitgehend auf das Quartier beschränken. Die fehlenden Kontaktchancen verhindern u.a. den Abbau von wechselseitigen Vorurteilen, wodurch eine Integration erschwert wird (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 165, 180). In den Quartieren, in denen abweichende Verhaltensmuster häufiger vorzufinden sind, als in Mittelschichtwohngebieten, fehlen besonders den Jugendlichen positive Rollenvorbilder. Durch Imitationslernen werden abweichende Normen und Verhaltensweisen übernommen, so dass sie sich immer weiter von den Normen der Mainstreamgesellschaft entfernen und sich ihre Integrations- sowie Bildungschancen zunehmend verschlechtern. Somit besteht die Gefahr, dass sie kriminelle Aktivitäten als respektierliche Handlungsalternative betrachten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen bzw. zu ermöglichen (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 165f.).
Eine häufig einsetzende, zunehmende Verwahrlosung des öffentlichen Raums, welche als Anzeichen für eine abnehmende Bindung an die eigene Lebensumwelt gesehen werden kann, verstärkt zusätzlich den Verlust des Selbstwertgefühls und die Hoffnungslosigkeit der Menschen in diesen Gebieten (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 165, 170).
Setzt in den benachteiligten Gebieten eine selektive Abwanderung und Verarmung der Bewohner ein, so kann eine weitere Abwärtsbewegung beobachtet werden (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 170). Diese Abwanderung kann den Effekt hervorrufen, dass die politische Repräsentanz schwindet und somit u.a. die Kompetenz verloren geht Forderungen wirksam an die politischen Instanzen weiterzuleiten (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 168). Weiterhin sinkt die Kaufkraft, so dass die Quantität und Qualität des Angebots an Gütern und Dienstleistungen abnimmt (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 175, 179). Unzureichende Wohnbedingungen und Infrastrukturausstattungen verstärken die benachteiligende und ausgrenzende Wirkung zusätzlich (vgl. Dangschat 2007: 35). „Ist eine gewisse Stufe der Abwärtsentwicklung erreicht, setzt ein Stigmatisierungsprozess ein“ (Häußermann & Seibel 2004: 171), welcher durch das bauliche Erscheinungsbild und eine diskriminierte Bewohnerschaft sowie durch eine bestimmte Lage in der Stadt hervorgerufen werden kann (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 169). Die stigmatisierende Außenwahrnehmung eines Quartiers beein-
flusst zum einen das Selbstwertgefühl der Bewohner, die nicht freiwillig im Gebiet wohnen und zum anderen wirkt sie sich nachteilig auf die sozialen und ökonomischen Teilhabemöglichkeiten außerhalb des Quartiers aus. So kann sie beispielsweise die Lehrstellen- und Arbeitsplatzsuche außerhalb des Quartiers merklich erschweren (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 170).
Es wird deutlich, dass ein enger Zusammenhang zwischen „Lebenschancen“ und Wohnstandort existiert (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 150) und dass es sich bei einer räumlichen Segregation von einer sozial-schwachen Bevölkerungsgruppe zumeist um eine erzwungene Segregation handeln wird, welche Probleme hervorruft. Ein Effekt der räumlichen Konzentration von Angehörigen ethnischer Minderheiten ist die „erhöhte Sichtbarkeit“ für ihre unmittelbaren Nachbarn, welche Bedrohungsgefühle auslösen sowie zu einer Verstärkung der sozialen Distanz beitragen können (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 180ff.). Ab wann die Andersartigkeit - beispielsweise in Bezug auf die Hautfarbe oder die kulturellen Normen - von der Mehrheit als fremd und bedrohlich definiert und somit als Problem betrachtet wird, hängt von der Akzeptanz der Nachbarschaft (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 183 f.) und der politischen Meinungsbildner ab. Die genannten Effekte sprechen ab einem gewissen Ausmaß eher gegen Segregation und für eine soziale Mischung im Stadtraum. Es lässt sich festhalten, dass Segregation sowohl integrativ, als auch ausgrenzend wirkt und dass für die Beurteilung der Segregation die Art und Weise des Zustandekommens von großer Bedeutung ist (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 183). Zudem kann eine Segregation bestimmter Personengruppen nicht auf ihren fehlenden Willen zur Integration zurückgeführt werden.
Die Ambivalenz der Einwanderungsproblematik zwischen Integration und Ausgrenzung stellt die Politik vor große Herausforderungen, für welche es keine einfachen Musterlösungen gibt. Um das Leitbild der Chancengleichheit zu ermöglichen, besteht nicht nur auf dem Wohnungsmarkt, sondern auch im Bildungssystem, bei der sozialen Sicherung und in Bezug auf den Arbeitsmarkt Handlungsbedarf (vgl. Häußermann & Seibel 2004: 191 ff.). Aufgrund von unterschiedlichen Ausgangsbedingungen und zur Verfügung stehenden rechtlichen und finanziellen Mitteln, unterscheidet sich dieser von Land zu Land bzw. von Stadt zu Stadt.
3. Paris
Die Hauptstadt Paris, welche aufgrund des dezentralistischen Verwaltungssystems eine besondere Stellung innerhalb Frankreichs einnimmt, erfährt als politisches, wirtschaftliches sowie kulturelles Zentrum - wie auch viele andere europäische Städtein den letzten Jahrzehnten einen erkennbaren sozio-ökonomischen Wandel, der sich u.a. auch in einer städtebaulichen wie sozialräumlichen Veränderungen wiederspie-
gelt. Mit seinen rd. 2,19 Mio. Einwohnern (Stand 2007) setzt sich die Kernstadt von Paris (= Département (75) Paris) aus 20 Stadtbezirken, den sog. Arrondissements (vgl. Abb.1 & 2), zusammen, welche jeweils aus vier Stadtvierteln, Quartieren, (vgl. INSEE 2007a vgl. Pletsch 2000: 61, 229). Zusammen mit 7 anderen bildet die Kernstadt Paris die Region Ile-de-France
(vgl. Abb.1). Die Stadtstruktur von Paris ist
durch eine erkennbare soziale und funktionale Gliederung geprägt, welche bereits in der gallo-römischen Zeit ihren Ursprung fand und sich im 19.Jh. verstärkte. Während der Wes-
ten der Stadt, als ehemaliger weltlicher Herrschaftsbereich, Wohnsitz von Hochadel und Großbürgertum, von den städtebaulichen Maßnahmen Haussmanns begünstigt wurde (vgl. Pletsch 2008: 221f.), stellt der Osten den traditionellen Ungunstraum der Stadt dar (vgl. Paal 1994: 37f.). Seit der zunehmenden Sanierung des östlichen Stadtgebietes findet eine konsequente Verdrängung der sozial-schwachen sowie ausländischen Bevölkerungsschichten aus der Kernstadt in die Pariser Vororte (die sog. Banlieue) statt (vgl. Paal 1994: 38). Dies kann als ein wachsendes Konfliktpotential der Hauptstadtregion angesehen werden.
3.1 Rahmenbedingungen der sozial-räumlichen Pariser Stadtstruktur
Die derzeitige Verteilung der sozialen und ethnischen Bevölkerungsgruppen in der Kernstadt von Paris beruht auf verschiedenen Faktoren bzw. Entwicklungen. So gehören der steigende Arbeitsplatzabbau durch Tertiärisierung, zunehmender internationaler Konkurrenz sowie der demographische Wandel zu den strukturprägenden Merkmalen. Allerdings sind, neben diesen in ganz Europa verbreitenden Entwicklungen, in Paris insbesondere die historisch gewachsenen Stadtstrukturen sowie die politischen Entscheidungen in Bezug auf den Städtebau und den Wohnungsmarkt zu betrachten.
3.1.1 Sozioökonomische Entwicklungen in Paris
Im Zuge der Industrialisierung kam es Mitte des 19. Jh. in Paris zu einem explosionsartigen Bevölkerungswachstum (vgl. Abb. 3), welches eine rasante städtebauliche Entwicklung auslöste. Aufgrund der zentralistischen Verwaltung konzentrierte sich die industrielle Produktion im besonderen Maße in Paris, woraus sich der Bevölkerungsdruck noch verschärfte (vgl. Pletsch 2000: 58). Für die hereinströmenden Arbeiter wurden schnell eine Vielzahl von billigen und schlecht eingerichteten Mietwohnungen
in den östlichen Arrondissements bzw. in den östlichen Vororten von Paris errichtet. Denn diese Gebiete dienten auch als Standort für gewerblich-industrielle Unterneh-
men, welche sich vorwiegend entlang der Flussläufe und Eisenbahnlinien im Osten der Stadt konzentrierten (vgl. Schüle 1997: 38).
Mitte der 1950er Jahre setzte ein Verlagerungsprozess vieler Industrieunternehmen ein. Zum einen weil das Stadtgebiet nicht mehr die räumlichen sowie infrastrukturellen Voraussetzungen aufwies und/ oder zum anderen weil der Staat im Rahmen seiner Dezentralisierungsbestrebungen den Unternehmen Investitionsanreize bot (vgl. Pletsch 1998: 4). Die im Zuge der Tertiärisierung neu entstehenden Arbeitsplätze entsprachen häufig nicht mehr dem Profil der im Osten ansässigen Arbeiterbevölkerung und stellten somit keine Alternative für sie dar (vgl. Pletsch & Boyer 2006). Einwohner, die von der wirtschaftlichen Prosperität profitieren konnten, zeigten eine steigende Mobilität und verließen die Viertel in Richtung Umland oder westliche Stadtteile und ließen somit die sozial-schwache Bevölkerung zurück (vgl. Paal 2006). Unterdessen wird die „Schwerpunktverlagerung der ökonomischen Dynamik von der Kernstadt in die suburbane Zone der Petite Couronne und der Grande Couronne“ (Pletsch & Paal 2006 & vgl. Abb.1) durch die Tertiärisierung der Stadtökonomie sowie durch die Suburbanisierung der Dienstleistungen verstärkt (vgl. Pletsch & Paal 2006). Somit weist der Kernstadtbereich seit 1954 eine kontinuierliche Bevölkerungsabnahme auf, während die Peripherie der Kernstadt bzw. die Region Ile-de-France (vgl. Abb.1) bis 1990 durch ein starkes Bevölkerungswachstum geprägt wird (vgl. Abb. 3). Zwischen 1954 und 2007 wuchs die Bevölkerung der Region Ile-de-France von 7,32 Mio. auf rd. 11,7 Mio. an (vgl. Pletsch & Boyer 2006 & vgl. INSEE 2007b). Die geringe Bevölkerungszunahme seit den 90er Jahren beruht auf einem relativ starken natürlichen Bevölkerungswachstum, für welches die zuziehenden jungen französischen Familien sowie der relativ hohe Anteil der ausländischen Bevölkerung eine Rolle spielen (vgl. Haubrich 2000: 43).
Bei der Betrachtung der Anteile der ausländischen Bevölkerung in Paris, muss die statistische Erfassung bzw. die Vergabe der Staatsangehörigkeit berücksichtigt werden. Zum einen erlangt jedes in Frankreich geborene Kind ausländischer Eltern mit vollendetem 18. Lebensjahr die französische Staatsangehörigkeit und zum anderen erhalten Kinder, mit einem in Frankreich geborenen Elternteil, die franz. Staatsangehörigkeit ab seiner Geburt (vgl. Engler 2007 & vgl. Französische Botschaft 2010). Als Ausländer gelten in Frankreich nur Personen ohne französischen Pass und werden als solche statistisch erfasst (vgl. Haubrich 2000: 42). So sind laut Statistik rd. 328.000 Ausländer (Stand: 2006) in Paris gemeldet (vgl. INSEE 2006a), wobei von
etwa 200.000 weiteren illegalen Ausländern ausgegangen werden kann (vgl. Paal 1996: 439). Neben den Ausländern (étrangers) werden in der französischen Statistik weiterhin die Einwanderer (immigrés) separat erfasst. „Einwanderer sind Personen, die im Ausland mit nichtfranzösischer Staatsbürgerschaft geboren sind, und sie bleiben auch dann als solche erfasst, wenn sie französische Staatsbürger werden“ (Engler 2007). So leben in Paris neben den rd. 328.000 registrierten Ausländern weitere 436.500 Einwanderer (Stand: 2006) (vgl. INSEE 2006b). Im Vergleich zu den anderen französischen Stadtregionen weist Paris somit nicht nur absolut, sondern auch prozentual den größten Immigrantenanteil auf und zeigt zudem eine große ethnische Diversifizierung (vgl. Schwabe 2005: 136). Die Immigranten unterschiedlichster Herkunft kamen insbesondere im 20.Jh. in verschiedenen „Einwanderungswellen“ nach Paris (vgl. Haubrich 2000: 42).
Von den rd. 6% in Frankreich lebenden Ausländern, leben allein rd. 40% in der Region Ile-de-France (vgl. Engler 2007& vgl. Pletsch & Boyer 2006). In der Kernstadt beträgt der Ausländeranteil ca. 15% (Stand 2006). Während sich in den umliegenden Departments der Anteil der ausländischen Bevölkerung auf einem ähnlichen Niveau bewegt, erreicht der Ausländeranteil in einigen Vierteln sogar bis zu einem Drittel der dort lebenden Bevölkerung (vgl. Pletsch 1998: 2f.).
3.1.2 Politische Rahmenbedingungen und Entwicklungen auf dem
Wohnungsmarkt in Paris
Die politischen Rahmenbedingungen bzw. Entscheidungen haben nicht nur einen starken Einfluss auf die vorhandene soziale und ethnische Segregation in der Hauptstadt, sondern sind auch als Verursacher zu betrachten. So tragen die Standorte des sozialen Wohnungsbau im Großraum Paris -nahe den großen innerstädtischen Pariser Straßen, der Boulevards, der Ringautobahn und vor allem aber in der (nördlichen) Peripherie (vgl. Abb.5) - zu einem räumlichen Segregationsmuster bei (vgl. Raoulx 2004).
Als politische Reaktion auf das hohe Ausmaß an sozialer Segregation in den französischen Städten muss das sog. Prinzip der sozialen Mischung (mixité sociale) betrachtet werden, welches sich besonders im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte zu einem Leitmotiv der französischen Stadtpolitik entwickelt hat. Hinter diesem Prinzip verbirgt sich eine Desegregationsstrategie, welche durch eine gezielte Mischung un- terschiedlicher sozialer Gruppen eine „ausgewogene“ bzw. eine „sozial diversifizierte“
Bevölkerungsstruktur anstrebt (vgl. Nieszery 2007: 229f.). Neben der Desintegrationsstrategie versucht die Pariser Stadtentwicklungsplanung seit den 70er Jahren das ökonomische und soziale Ungleichgewicht innerhalb der Kernstadt u.a. mit einer Sanierungspolitik, die zumeist Unterstützung durch den französischen Staat findet, abzubauen (vgl. Wällisch 2006).
Zuvor hatte die Politik die Zweiteilung des Stadtgebietes durch städtische Maßnahmen sowie durch ihr „Nichteinschreiten“ allerdings noch verschärft. Dabei spielte die erste Stadterneuerungsphase unter Haussmann Mitte des 19.Jh., welcher die Stadt zu einer vorbildlichen, modernen Metropole umbauen sollte, eine maßgebende Rolle. Er konzentrierte sich beim Umbau wie beim Neubau der 100.000 Wohnungen vornehmlich auf den westlichen Teil der Stadt (vgl. Paal 2006), während der östliche Teil mit seinen wenig attraktiven, aber billigen Arbeiterbezirken als Auffanglager für diejenigen diente, die sich die teuren Neubauwohnungen im Westen nicht mehr leisten konnten (vgl. Paal 1996: 439). Jene Viertel und eingemeindete Dörfer, die im Zuge des Stadtumbaus durch Haussmann vernachlässigt und während der Industrialisierung von der Arbeiterschicht besiedelt wurden, wiesen im Laufe der Zeit immer deutlichere Verfallserscheinungen auf. Eine Folge des schlechten Bauzustandes dieser Viertel waren geringe Miethöhen, welche sie für die sozial-schwächere Bevölkerungsgruppe und für Immigranten interessant machten und einkommensstärkere Haushalte wegziehen ließ. Nach Haussmann Maßnahmen erfolgte zunächst - bis auf den Bau von Repräsentativbauten - keine weitere innerstädtische Stadtentwicklung (vgl. Pletsch 2000: 62). Die lokal konzentrierten Bautätigkeiten, die mangelnde Bautätigkeit in der ersten Hälfte des 20. Jh. und die geringen Investitionen im Bereich der Bausubstanzerhaltung haben die weitere Pariser Stadtentwicklung nachteilig geprägt (vgl. Pletsch 2000: 24).
Erst ab Mitte der 60er wurde eine neue Stadterneuerungsphase eingeläutet, welche sich durch die innerstädtischen Verlagerungsprozesse anbot (vgl. Kap.3.1.1). Dabei wurde wiederum die Abbruchsanierung als Mittel gegen den zunehmenden Stadtverfall gewählt. Diese wurde erst 1977 durch den damaligen Bürgermeister Jaques Chirac eingestellt, der keine Stadterneuerung mit Hilfe von Bulldozern unterstützen wollte (vgl. Pletsch 2000: 252f.). Kündigten sich allerdings strukturverbessernde Maßnahmen der öffentlichen Hand in einem Viertel an, so kaufen private Spekulanten entsprechende Häuser auf. Somit führten die Sanierungstätigkeiten
Gentrifizierungsprozesse mit sich, welche bis heute in den östlichen Viertel zu be-
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Saskia Leissling, 2010, Segregation und ethnische Minderheiten in Paris und London, München, GRIN Verlag GmbH
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