Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Stadterneuerungspolitik von London 4
2.1. Entwicklung der 1960er und 1970er Jahre 5
2.2. Die Entwicklung der 1980er und 1990er Jahre 9
2.3. Die Entwicklung seit 2000. 12
3. Die Stadterneuerungspolitik von Paris. 14
3.1. Die 1960er Jahre und 1970er Jahre 17
3.2. Die 1980er Jahre und 1990er Jahre 19
3.3. Die Entwicklung seit 2000. 22
4. Vergleich der Erneuerungsstrategien 24
5. Fazit 27
6. Quellen 29
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1. Einleitung
Nach M. Renner zielt Stadterneuerung „auf den Erhalt und die Modernisierung vorhandener städtebaulicher Substanz“ ab (RENNER 1997: 529 zit. nach HEINEBERG 2006: 240). Dieser Definition folgend könnte Stadterneuerung immer nur auf bereits bestehende Strukturen aufbauen und diese der Zeit und den Anforderungen anpassen, um Vorhandenes besser nutzen zu können. Die Realität in den beiden untersuchten Städten zeigt jedoch, dass sich die Erneuerung in den letzten 50 Jahren keineswegs nur in Form von Sanierung bzw. Modernisierung vollzogen hat. Vielmehr haben die beiden Städte ganz unterschiedliche Strategien verfolgt, um sich den Erfordernissen der jeweiligen Zeit anzupassen und haben dabei zum Teil auch erheblich abgerissen und neugebaut. Frei gewordene und brachliegende ehemalige Industrieareale haben dabei ebenso wie heruntergekommene Wohn- und Geschäftsviertel Perspektiven für eine Erneuerung geboten. Beiden Städten gemein ist eine Entwicklung weg von der Industrie hin zur Dienstleistung, was hinsichtlich der Nutzungsanforderungen zu tiefgreifenden Veränderungen geführt hat. Gleichzeitig hat sich ein Sinneswandel vollzogen, sodass mittlerweile nicht nur der radikale Abriss und der anschließende Neubau forciert werden, sondern vielmehr erkannt wurde, dass sich das Interesse an Städten beispielsweise von Investoren und Touristen auch aus den historischen (oder zumindest historisch anmutenden) Strukturen nährt, die es zu erhalten gilt.
Auf der einen Seite zeigt sich London als eine Stadt, deren Entwicklung über Jahrzehnte von einer liberalen, wirtschaftfreundlichen Politik geprägt wurde, die starke Auswirkungen auf die Erneuerungspolitik hatte, indem dem freien Markt der Vorzug vor staatlicher Kontrolle gegeben wurde. Die Erneuerungspolitik der Stadt war dabei eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung verknüpft, denn die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bedeutete für die Stadt London tiefgreifendende Veränderungen. In den 1960er Jahren lag der Anteil der Anstellungen in verarbeitenden Wirtschaftsbereichen noch bei gut einem Drittel, während der Anteil heute 7% beträgt. Die Transformation zeigt sich dabei sowohl in der Veränderung der Bewohnerschaft als auch in den veränderten Formen der Landnutzung (BUTLER & HAMNET 2009: 47).
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Die Wanderungsbewegung in die Suburbs ab den 1960er Jahren hatte zur Folge, dass jene Quartiere, die zuvor von einkommensstärkeren und qualifizierten Arbeiterschichten bewohnt waren und in denen nun jene Bevölkerungsgruppen zurückblieben, die sich den Wegzug nicht leisten konnten, sich zu den am dringlichsten zu erneuernden Stadtgebieten entwickelten (KORFMACHER 1984: 17).
Hinzu kommt das große Erneuerungsgebiet, welches durch den Wegzug der Hafenanlagen, ebenfalls im Innenstadtbereich, in Form der Docklands erschlossen werden konnte. Des Weiteren boten auch ungenutzte Gleisanlagen, Kanalbecken und Flussufer Potential zur Erneuerung (BUTLER & HAMNET 2009: 40).
Auf der anderen Seite steht Paris als internationale Kulturmetropole, deren Erneuerungspolitik traditionell eng mit der politischen Macht verknüpft ist und stark von ihr gesteuert wurde. Die Erneuerungspolitik, deren Potential ab den 1960er Jahren schrittweise erkannt wurde, schloss neben der Abbruchsanierung zunehmend auch die erhaltende Sanierung mit ein. Bestes Beispiel hierfür ist das Marais. Besonders der Pariser Osten mit den traditionellen Arbeiterquartieren, der lange Zeit vernachlässigt worden war, rückte mehr und mehr in den Blick der politisch konservativ geprägten Stadtpolitik, auch wenn dort die Erneuerung deutlich schleppender verlief.
Des Weiteren bestimmten prestigeträchtige Großprojekte wie beispielsweise das Centre Pompidou oder die Opéra Bastille die Strategie der Stadtplaner, das städtische Gefüge mit Hilfe von Leuchtturmprojekte zu erneuern und damit gleich ganzen Quartieren neue Impulse zu geben. Hinzu kamen innerstädtische Industriebrachen wie beispielsweise das am Seineufer liegende Bercy, das nach Erneuerungsmaßnahmen neuen Nutzungen zugeführt wurde.
2. Die Stadterneuerungspolitik von London
Die Kommunalpolitik in London wurde seit den 1960er Jahren in unterschiedlicher Weise von den beiden großen Parteien der labour party und der conservative party geprägt; Angefangen mit der Policy for the Inner cities in den 1960er und 1970er Jahren, über die Einwirkungen der thacheristischen Strategien ab Ende der 1970, bis hin zu jenen Erneuerungsmaßnahmen, welche die London Docklands betrafen (KÖDER 1991: 27ff. zit. nach SCHMALS 1992: 102).
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Insbesondere der langanhaltende Einfluss einer konservativen Politik, die speziell von Margaret Thatcher geprägt wurde, wirkte lange nach, so dass die New Labour, die 1997 nach achtzehn Jahren wieder an die Macht kam, mit einer stadtplanerischen Umgebung konfrontiert war, die von einer „einseitigen marktwirtschaftlichen Orientierung dominiert war“ (SCHUBERT 2003: 249). Aufgrund der wechselnden politischen Verhältnisse hat sich auch die Erneuerungspolitik in London stetig gewandelt. Lag das Augenmerk nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor allem auf der Schaffung von neuem Wohnraum, um die Wohnungsnot zu beheben, wurde ab Ende der 1970er Jahre vor allem ein Schwerpunkt auf Zentralisierung, Deregulierung und Privatisierung gelegt (ebd.). Besonders ab den 1980er Jahren galt die Stadtplanung als verzichtbarer Bestandteil der Stadtpolitik, so dass beispielsweise im Rahmen der Docklands-Erneuerung ein Chef der Development Corporation von der „Befreiung der Docklands von den Fesseln der Stadtplanung“ sprach (DAVIES 1987: 30 zit. nach SCHMALS 1992: 115).
2.1. Entwicklung der 1960er und 1970er Jahre
Der Schwerpunkt der Stadterneuerung in den 1960er Jahren lag im öffentlichen Wohnungsbau. Die Erneuerungspolitik konzentrierte sich dabei aufgrund von begrenzten öffentlichen Mitteln verstärkt darauf, Wohngebäude mit höherer Geschosszahl zu bauen, denn während zuvor das Konzept des mixed development lediglich zwei- bis sechsgeschossige Gebäude vorsah, wurden die Geschosszahlen erhöht und ein Schwerpunkt auf Hochhausbau gelegt. Verstärkt wurde diese Entwicklung sogar noch durch eine Subventionierung, die mit der Geschosshöhe stieg (KORFMACHER 1984: 30). Dabei entsprach die Entwicklung hin zu den high rises, dem allgemeinen Trend in Architektur und Städtebau
(McCUTCHEON 1975: 92ff. zit. nach KORFMACHER 1984:30). Die bestehenden Strukturen der Reihenhäuser wurden ersetzt und „(Rest-) Altbaubestände zum Abriss“ freigegeben (SCHUBERT 2003: 249). Beispielhalft für die damaligen Vorstellung von Erneuerung im Zentrum Londons, ist der Barbican Estate, der auf einem durch Kriegsschäden zerstörten Gebiet errichtet wurde und zwischen 1969 und 1982 nach und nach eröffnet wurde und neben Geschosswohnungen auch das Museum of London, sowie ein Kulturzentrum (Barbican Centre) beherbergt (CITY OF LONDON 2009).
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Auf der anderen Seite konzentrierte sich die Wohnungsversorgung auf die Förderung des Eigenheimbereichs, so dass Eigenheime mit Zuschüssen und bis zu 100% mit zinsgünstigen Krediten gefördert wurden, während der Standard innerhalb des council housing absank und die Mieten deutlich anstiegen (KORFMACHER 1984: 31). Zudem galten die gemeindeeigenen Mietwohnungen nun, wie vor dem Krieg als „Wohnform für minderbemittelte Einkommensschichten“ (ebd.: 31).
In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre veränderte sich die Bedeutung des gemeindeeigenen Mietwohnungsbaus für die Labour-Partei drastisch. Die 250000 neuen Wohnungen, die im Wahlkampf 1965 angekündigt worden waren, wurden längst nicht alle gebaut und der private Sektor überwog beim Wohnungsbau deutlich (ebd.: 32). Begründet wurde diese Entwicklung damit, dass große Teile der Bevölkerung am gesellschaftlichen Wohlstand teilnähmen und somit bei der Errichtung von Eigenheimen unterstützt werden sollten. In der Wohnungsmarktpolitik unterscheiden sich die Konservative und die labour-Partei somit kaum noch (ebd.: 33), auch wenn es regionale Abweichungen von der veränderten Labour- Politik gab.
Mit dem 1965 gegründeten Greater London Council (GLC) gab es erstmals eine zentrale Instanz, welche sich um die Stadtplanung kümmerte. Gleichwohl musste sich diese Behörde ihren Einfluss mit den 33 boroughs der Stadt teilen, von denen jeder einzelne seine spezifischen Interessen berücksichtigt sehen wollte (GROWLING & PENNY 1988: 20).
Im Bereich des sozialen Wohnungsbaus verstärkte sich die Liberalisierung. So wurden abgeräumte Flächen in der Innenstadt nun zunehmend nicht mehr mit gemeindeeigenen Mietwohnungen bebaut, sondern gelangten mehr und mehr in die Hände von Entwicklungs- und Baugesellschaften, welche die Flächen weniger für Mietwohnungsbau, sondern vielmehr (besonders in zentralen Lagen) für Büro-und Geschäftsgebäude nutzten. Diese Entwicklung hatte zur Folge, dass für den gemeindeeigenen Mietwohnungsbau lediglich jene Flächen übrig blieben, die weniger attraktiv waren (KORFMACHER 1984: 34) und begünstigte vor allem den privaten Sektor und die großen Baugesellschaften, welche schnell zu errichtende Wohnhochhäuser bauten, in die dann jene Bewohner mangels Alternativen einzogen, deren Wohnungen zuvor abgerissen wurden. Die
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Übermacht der Baugesellschaften sorgte dabei dafür, dass die meisten Bezirke kapitulierten und die aufgezwungenen Wohnprojekte akzeptierten. Schon Ende der 1970er Jahre wurden die ersten tower blocks aufgrund der schlechten Bauqualität und hoher Folgekosten jedoch wieder abgerissen, ohne dass Bau- und Kapitalkosten schon abgezahlt waren (KORFMACHER 1984: 35). Zum Verfall der Innenstadt hinzu kamen der Mangel und die schlechte Qualität der sozialen Infrastruktureinrichtungen, wozu Kindergärten, Schulen, Gesundheitsversorgung und Grünflächen zählten (ebd.: 43).
Die 1970er Jahre waren geprägt von einer Abwanderung in der Größenordnung von etwa 750 000 Bewohnern, die dafür sorgte dass boroughts wie Hackney bis zu einem Fünftel ihrer Bewohnerschaft verloren. Die Bewohnerschaft, die wegzog, bestand dabei vor allem aus der weißen Arbeiterklasse (BUCK ET AL 1986 zit. nach BUTLER & HAMNET 2009: 44ff.).
Londons Entwicklung zu einer postindustriellen Finanzmetropole mag auch mit dem Faktor der starken Abwanderung zu tun gehabt haben. Es fand gewissermaßen ein partieller Austausch der Bewohnerschaft statt, der dafür sorgte, dass Arbeiter die Stadt verließen und gleichzeitig neue Bewohner mit Anstellungen im Non-manual und managerial- Sektor Häuser in Londons Suburbs erwarben. Die verbleibende Arbeiterbewohnerschaft konzentrierte sich vor allem im social housing (BUTLER & HAMNET 2009: 45). Die Geschwindigkeit, in der neue Mietwohnungen im öffentlichen Wohnungsbau errichtet wurden, sank jedoch bereits, denn während 1974 noch 19 386 neue Häuser und Wohnungen für das public housing errichtet worden waren, waren es 1984-1985 gerade einmal 1 920 (GOWLING & PENNY 1988: 26) und obwohl die Problematik des public housing (unausgewogene Bewohnerstruktur, Baumängel, mangelhafte Infrastruktur) noch längst nicht gelöst waren, wandte sich die Politik der Stadterneuerung zunehmend Fragen der Wirtschaft zu (ebd.: 20).
Im Jahre 1976 verabschiedete der Greater London Council (GLC) den Greater London Development Plan, der wiederum in einzelne structure plans und local development plans untergliedert war, die mit den Flächennutzungsplänen und den Bebauungsplänen der BRD vergleichbar sind (KORFMACHER1984: 17). Bei der Umsetzung haben dabei die unterschiedlichen politischen Interessen in den
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einzelnen Boroughs starken Einfluss, denn die unterschiedliche sozioökonomische Struktur des Stadtgebietes spiegelt sich auch in der „kommunalpolitischen Machtverteilung zwischen […] der Labour Party bzw. der Conservative Party“ (KORFMACHER 1984: 17ff.) wider. Diese politische Konstellation hatte nicht nur zur Folge, dass sich die Wohnungs- und Stadterneuerungspolitik unterscheidet, sondern dass es zudem Kontroversen zwischen einzelnen Boroughs, oder je nach politscher Konstellation, unterschiedlich besetzen GLC kam (ebd.: 18).
Mit der Wahl von Margaret Thatcher zur Premierministerin wurde 1979 ein radikaler Politikwechsel vollzogen (SCHUBERT 2003: 250). Die vorherige Ausrichtung auf die Stärkung des Sozialstaates wurde aufgelöst und durch eine tiefgreifende Liberalisierung in allen Bereichen der Politik ersetzt. Zunehmend wurde die lokale Ebene der Politik zu Lasten einer steigenden Macht der Zentralregierung geschwächt. Im Rahmen dieser veränderten Politik setzte auch eine Privatisierung des kommunalen Wohnungsbaus ein, welche durch den Housing Act von 1980 gestärkt wurde (ebd.).
Mit dem Housing Act erhielten die Mieter von Sozialwohnungen die Möglichkeit, die bewohnte Wohnung zu einem Vorzugspreis zu kaufen. Die daraus resultierenden Privatisierungseinnahmen kamen dabei nicht den Kommunen, sondern dem Budget des Zentralstaates zu Gute. Diese Right to buy-Strategie (RTB) hatte zur Folge, dass Gebiete mit bessergestellten Mietern nach dem Erwerb instandgesetzt und modernisiert wurden, während sich die Probleme in Gebieten, in denen sich die Bewohnerschaft den Erwerb der eigenen Wohnung nicht leisten konnte, weiter verschärften. Gleichzeitig ging mit der Privatisierung durch RTB auch eine Spekulation einher, die sich darin äußerte, dass Mieter ihre Wohnung zu einem günstigen Preis kauften, um sie dann anschließend zum Marktpreis weiterzuverkaufen.
Insgesamt wurde durch diese Strategie der Privatisierung der Bestand von „mietpreisgünstigen und belegungsgebundenen Sozialwohnungen“ deutlich reduziert und gleichzeitig „die soziale Spaltung und Polarisierung der Gesellschaft verschärft“ (ebd.).
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Arbeit zitieren:
Saskia Leissling, 2010, Stadterneuerungsstrategien in Paris und London seit den 1960er Jahren, München, GRIN Verlag GmbH
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