Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Das Bewusstsein und die bikamerale Psyche 3
2.1 Das Modell des Bewusstseins von Jaynes 3
2.1.1 Eigenschaften des Bewusstseins 3
2.2 Die bikamerale Psyche 5
2.2.1 Allgemeine Beschreibung der bikameralen Psyche 5
2.2.2 Halluzinationen und G otter 5
2.2.3 Neurophysiologische Grundlagen der bikameralen
Psyche 6
2.2.4 Sozial- und kulturtheoretische Auswirkungen der
bikameralen Psyche 7
2.2.5 Zusammenbruch der bikameralen Psyche 7
2.3 Beweismaterial f ur Jaynes’ Thesen 8
2.3.1 Beweismaterial in alten Kulturen 8
2.3.2 Aktuelles Beweismaterial 9
2.4 Auswirkungen auf die Gegenwart 10
2.4.1 Schizophrenie 10
2.4.2 Das allgemeine bikamerale Paradigma 10
2.5 Kritik 12
3 Reflexion 13
4 Anhang 14
4.1 Literaturverzeichnis 15
4.2 Glossar 15
5 Versicherung der selbstst andigen Anfertigung der Facharbeit 16
1 Einleitung
My god has forsaken me and disappeared,
”
My goddess has failed me and keeps at a distance. The good angel who walked beside me has departed. “ (Inschrift einer Steintafel (Ludlul Bel Nemequi) aus Mesopotamien, 1350 v. Chr.).
Was ist Bewusstsein und woher kommt es? Ist es m¨ oglich, dass Bewusstsein, wie wir es kennen, sich erst entwickelte? Die vorgelegte Facharbeit besch¨ aftigt sich mit der von Julian Jaynes entwickelten These, dass sich das menschliche Gehirn bis vor ungef¨ ahr 3000 Jahren in einem Zustand befand, den er als bikamerale Psyche bezeichnet. Diese These pr¨ asentierte er in dem 1982 publizierten Werk The Origin of Consciousness in The Breakdown of the Bicameral Mind, welches drei B¨ ucher umfasst. Im ersten Buch besch¨ aftigt er sich mit dem Bewusstsein, in dem zweiten mit dem Beweismaterial und im dritten mit den Auswirkungen auf die aktuelle Zeit. Ich habe mich entschlossen meine Facharbeit ebenso zu gliedern, mich aber auf das vorgestellte Modell des Bewusstseins und der bikameralen Psyche zu konzentrieren.
Jaynes Hauptthese ist die der bikameralen Psyche. Dennoch gibt es neben ihnen noch 3. ” Nebenthesen“. Die erste ist, dass Bewusstsein auf Sprache basiert. Die zweite ist, dass man den Zeitpunkt der Entstehung des Bewusstseins datieren kann und die dritte, dass es eine neurophysiologische Grundlage f¨ ur die bikamerale Psyche gibt. Ich stolperte ¨ uber das Thema nur durch Versehen, was sich auch dadurch erkl¨ aren l¨ asst, dass es unbekannt ist. Meine Motivation ging gr¨ oßtenteils davon aus, dass es sowohl sehr umfassende, interessante als auch un¨ ubliche Richtungen angibt. Das Finden von Literatur, neben Jaynes’ Werk, fiel mir schwerer.
So hatte ich am Ende der Facharbeit viele Ausschnitte aus Fachzeitschriften, die es im Internet zu finden gab. Generell half mir das Internet bei diesem Thema sehr, da es neben dem Hauptwerk keine Literatur dazu in den deutschen Bibliotheken gibt. Hier wurde mir bewusst, wie wichtig es auch ist, eine einheitliche Wissenschaftssprache zu haben.
2
2 Das Bewusstsein und die bikamerale Psyche
2.1 Das Modell des Bewusstseins von Jaynes
Jaynes beginnt seine Erkl¨ arung mit dem, was das Bewusstsein nicht ist. Laut Jaynes ist das Bewusstsein weder eine Aufzeichnung von Erfahrung noch das Medium des Lernens, des Urteilens, der Konzeptbildung oder des Denkens.
1
Es ist hingegen grunds¨ atzlich eine Art ”
d.h. die F¨ ahigkeit etwas wahrzunehmen ”
strukturiert darzustellen beschreibt Jaynes die verschiedenen Eigenschaften.
2.1.1 Eigenschaften des Bewusstseins
Als erste Eigenschaft des Bewusstseins nennt Jaynes Spatialisierung (von lat. spatium, Ausdehnung, Raum). Diese beschreibt, dass wir das Bewusstsein in einem ¨ ınneren”, geistigen Raum zu finden meinen. So sehen wir unser Bewusstsein in unserem K¨ opfen und meinen es auch in anderen K¨ opfen zu sehen. Man mag Spatialisierung als ” Verr¨ aumlichung des
Bewusstseins“ verstehen. So wird alles in diesem metaphorischen Raum gegen¨ uberstellt und betrachtet. 3
Der zweite Aspekt des Bewusstseins ist die Exzerpierung (von lat. excerpere, ” herauspfl¨ ucken“). Diese bedeutet, dass wir im Bewusstsein niemals etwas als Ganzes sehen sondern immer nur verschiedene Aspekte (Exzerpte). Diese Exzerpte sind analog zu dem ” Sehen“ von wirklichen
Gegenst¨ anden. Auch hier sind wir nur in der Lage immer Teilaspekte zu betrachten.
So besteht unsere Wirklichkeit niemals aus den Dingen, wie sie sind, sondern nur aus den Exzerpten, die wir von ihr machen. So kann man sich vorstellen, dass diese Exzerpierung von etlichen Faktoren abh¨ angt. Das Weltanschauung eines Menschen sowie sein ” Bild von
seinen Mitmenschen“ spielen u.a. eine große Rolle. Exzerpte unterscheiden sich von Erinnerungen insofern, dass Exzerpte Erinnerungen strukturieren. Das heißt, wenn wir unser an eine bestimmte Zeit erinnern wollen, greifen wir ein Exzerpt aus der damaligen Zeit auf und gehen ¨ uber Bewusstheitsassoziationen zu anderen Exzerpten uber. 4 ¨
1 Jaynes, Julian. Der Ursprung des Bewusstseins, Rowohlt Verlag 1993, S.70
2 [Kittel, Wolf. Ein moderner Blick auf die Mutation von[sic!] mythischen zum mentalen Bewusstsein
3 Jaynes, Julian. Der Ursprung des Bewusstseins, Rowohlt Verlag 1993, S.86-88
4 Jaynes, Julian. Der Ursprung des Bewusstseins, Rowohlt Verlag 1993, S.89-91
3
Der dritte und vierte Aspekt ist das Ich. Hier wird unterschieden zwischen dem Ich (qua Analogon) und dem Ich (qua Metapher). Unter dem Ich (qua Analogon) versteht man die agierende Vorstellung seiner Selbst im Bewusstsein. So stellt man sich vor verschiedene Dinge zu tun und trifft aufgrund dieser Vorstellungen und deren Ergebnissen Entscheidungen. Dieses Ich ist somit analog zu dem reellen Ich, in dem es agiert. 5 Das Ich (qua Metapher) hingegen ist die distanzierte Vorstellung
unserer Selbst im Bewusstsein. So sehen wir uns ” geistig“ wie wir etwas
tun. Diese distanzierten Vorstellungen werden auch als ” autoskopische Vorstellungen“ bezeichnet.
6 Das Ich (qua Metapher) ist wichtig f¨ ur die Selbstreflexion. Ein wichti-
ger Teil des Bewusstseins ist das Bewusstseins des Bewusstseins, d.h. die Selbstselbstreflexion (mir ist bewusst, dass ich bewusst bin). Die 5. Eigenschaft des Bewusstseins ist die Narrativierung (von lat. narrere, “erz¨ ahlen ” ). Hier wird durch das Ich (qua Analogon) eine Lebensgeschichte geschrieben. Diese Lebensgeschichte, besser Narrativierung, wird dauerhaft von unserem ” Selbst-Stellvertreter“ gepr¨ agt.
Widerum pr¨ agt die Narrativierung das Selbstbild eines Menschen. Jede Entscheidung t¨ atigen wir weil unsere Narrativierung uns bestimmte Handlungs- und Entscheidungsmuster vorgibt. 7
Ein Beispiel hierf¨ ur w¨ are die die freudige Arbeit eines Sch¨ ulers an seiner Facharbeit, weil er f¨ ur sich eine wissenschaftliche Karriere geplant hat. Hier kommen die geplante Lebensgeschichte sowie das Selbstbild des Sch¨ ulers zusammen. Wir ” narrativieren“ aber nicht nur unser Ich (qua Analogon) aber auch Fakten. So stellen wir uns vor, dass, wenn wir einen deprimierten Sch¨ uler sehen, er vielleicht eine schlechte Note erhalten hat. All dies z¨ ahlt zur Narrativierung.
Der 6., und zuletztgenannte, Aspekt des Bewusstseins ist die Kompatibilisierung. Hier ist eine Assimilation im Bewusstsein gemeint d.h., hier werden Exzerpte und Narrativierung angepasst. Neue Exzerpte werden kompatibel zur Narrativierung und alten Exzerpten gemacht. Die Kriterien, die f¨ ur diese Kompatibilisierung notwendig sind, begr¨ unden die Struktur der Wirklichkeit. 8
5 Ebd., S.91.
6 Ebd., S.92.
7 Ebd., S.92/93
8 Jaynes, Julian. Der Ursprung des Bewusstseins, Rowohlt Verlag 1993, S.95
4
2.2 Die bikamerale Psyche
Jaynes geht von einem drei geteilten Modell des historischen Bewusstseins aus. Der erste Teil ist der der bikameralen Psyche (hier sollte man aber nicht von ” Bewusstsein“ sprechen), den ich im folgenden beschreiben werde. Der zweite ist der des modernen, probleml¨ osenden Menschen. Der dritte sind Teile der bikameralen Psyche in modernen Erscheinungs-formen, wie z.B. Schizophrenie und Hypnose. 9
2.2.1 Allgemeine Beschreibung der bikameralen Psyche
Die bikamerale Psyche (von lat. bi, zwei und lat. camera, Raum, in Anlehnung an das politische Zweikammersystem (Bikameralismus)) beschreibt ein Zweikammerpsyche. 10 Diese kommt komplett ohne Bewusstsein aus
(wie bereits genannt wurde, ist das Bewusstsein nicht das Medium f¨ ur das Lernen, das Denken, das Urteilen oder die Konzeptbildung). Das Handeln des bikameralen Menschen ist nur durch sein Tun und das was ihm wiederf¨ ahrt gepr¨ agt. Nun mag man sich fragen, warum das ganze als zweigeteilt bezeichnet wird. Dies h¨ angt mit Ausnahmesituationen f¨ ur den bikameralen Menschen zusammen. In unseren Bewusstsein entscheidet die Narrativierung wie wir mit Ausnahme- oder Problemsituationen umgehen. Der bikamerale Mensch hingegen wartet auf eine bikamerale Stimme (in Form von Geh¨ orshalluzinationen), die ihm sagt was zu tun ist. 11
2.2.2 Halluzinationen und G¨ otter
Die Geh¨ orshalluzinationen des bikameralen Menschens waren gleichgeschaffen wie moderne Geh¨ orshalluzinationen.
So ¨ ahneln die Geh¨ orshalluzinationen des bikameralen Menschen denen eines Schizophrenen. Somit kann uns unser wissen ¨ uber diese Halluzinationen helfen, die des bikameralen Menschen zu verstehen. Die Halluzinationen kommentieren, fordern zu etwas auf oder geben Anweisungen. 12
Meistens werden diese Halluzinationen mit etwas assoziert. Bei der bikamerale Psychen waren dies G¨ otter.
Die n¨ achste Frage die sich stellt, ist, wie diese Halluzinationen ausgel¨ ost werden. Oder anders, warum man der bikamerale Mensch Anweisungen von den G¨ ottern erh¨ alt. Die Antwort ist einfach: Stress.
9 Sher, Leo. Revue de psychiatrie et de neuroscience. Neuroimaging, auditory hallucinations, and the bicameral mind Vol. 25/2000
10 Jaynes, Julian. Der Ursprung des Bewusstseins, Rowohlt Verlag 1993, S.121
11 Ebd., S.122
12 URL: http://www.onmeda.de/symptome/halluzinationen.html (27.2.2010)
5
Die Stressschwelle, ab der es bei Menschen zu Halluzinationen kommt, ist bei psychisch gesunden Menschen sehr hoch. Bei zu psychoseneigenden ist sie jedoch niedriger. 13 Vor 3000 Jahren jedoch, zur Zeit der bikame-
ralen Psyche, war diese Schwelle weit niedriger. So kam es bereits bei neuartigen Situationen oder Anforderungen zu Halluzinationen. Den Halluzinationen wird und wurde gehorcht, weil sie als nah bzw. distanzlos empfunden wurden, und weil die bikamerale Stimme keine reelle Repr¨ asentation, ¨ uber die man sich ein Meinungsbild bilden konnten. Somit kam es zu keinem Widerspruch, da es keinen Grund zur Kritik an der Stimme gab (wer w¨ urde schon G¨ otter kritisieren?). 14 Die Allgegen-
wart der Stimmen und die kulturelle Hierarchie der Stimmen als G¨ otter f¨ uhrten zudem zu gewollten Gehorsam des bikameralen Menschens.
2.2.3 Neurophysiologische Grundlagen der bikameralen Psyche
Die These der bikamerale Psyche kann sich keiner neurophysiologischen Grundlagen entbehren. Da es sich bei den Geh¨ orshalluzinationen um sprachlich vermittelte Nachrichten handelt, sind die Sprachenzentren und besonders ihre Lage im Gehirn von besonderem Interesse. Dies sind das Broca-Zentrum, das Wernicke-Zentrum sowie das mo-torische Sekund¨ arrindenzentrum (vgl. Anhang Abbildung I.). Letzteres ist f¨ ur die Artikulation verantwortlich, w¨ ahrend das Broca-Zentrum auch den Wortschatz, Tonfall und Grammatik beeinflusst. Das Wernicke-Zentrum wird f¨ ur ” Wortschatz, Bedeutung, Satzbau und das Verstehen gesprochener Sprache“.
Wie aus der Beschreibung hervorgeht ist das Wernicke-Zentrum f¨ ur den normalen Sprachgebrauch am wichtigsten. Alle Sprachzentren sind meistens in der linken Gehirnhemisph¨ are zu finden 15 , aber unter verschie-
denen Bedingungen (Verletzung des Thalamus-Stamms, das Wernicke-Zentrum kommt in der dominanten Gehirnhemisph¨ are vor) k¨ onnen sie auch in der rechten Hemissph¨ are vorkommen.
Dies l¨ asst jedoch die Fragestellung aufkommen, warum die Sprachzentren heutzutage meistens in der linken Hemissph¨ are vorhanden sind. Jaynes geht davon aus, dass dies durch den evolution¨ aren Selektionsdruck bedingt ist. So war die rechte Gehirnhemisph¨ are einst die H¨ alfte der ” Sprache der G¨ otter“. Spezifischer kann man sagen das das Zentrum, dass diese Stimmen in Form von Anweisungen produzierte, das Pendant zu
13 Jaynes, Julian. Der Ursprung des Bewusstseins,, S.131-133.
14 Jaynes, Julian. Der Ursprung des Bewusstseins,, S.135-140.
15 Ebd., S. 143-144
6
dem Wernicke-Zentrum in der rechten Gehirnhemisph¨ are 16 ist. Geh¨ ort wurden diese von der vorderen Kommissur 17 . Wenn nun die rechte Ge-
hirnh¨ alfte durch Stress erregt wurde, kam es zu Geh¨ orshalluzinationen die als G¨ otter geh¨ ort wurden. 18
2.2.4 Sozial- und kulturtheoretische Auswirkungen der bikameralen Psyche
Das Vorhandensein der bikameralen Psyche sorgte f¨ ur eine bestimmte Gesellschaftsordnung. Die bikamerale Psyche kam durch hohen evolution¨ aren Selektionsdruck, der eine neue soziale Ordnung forderte, auf und f¨ uhrte zur Entwicklung von kleinen J¨ ager-Sammlergruppen zu großen agrikulturellen Gesellschaften. So handelt es bei bikameralen Staaten um hierarchische Theokratien. 19 Die Geh¨ orshalluzinationen erm¨ oglichten es,
dass die Anweisungen eines Herrschers immer mit mitgef¨ uhrt wurden. Diese Halluzinationen wurden durch gegebene laute Befehle entweder des Individuums selbst oder eines Herrschers beeinflusst. 20 Allerdings handelt
es sich bei diesen Halluzinationen nicht nur um Reproduktionen der Befehle des Herrschers. Sie entwickeln sich weiter und geben neue Befehle ab. Bemerkenswert ist jedoch, dass diese immer in Zusammenhang mit denen des Herrschers stehen. 21 Man sollte hierbei nicht vergessen, dass
die Menschen kein Bewusstsein besaßen (wie oft schon erw¨ ahnt), sondern Hinweisreize“ 22 reagierten. nur auf ”
2.2.5 Zusammenbruch der bikameralen Psyche
Durch die neuen Gesellschaftsstrukturen und durch den Erfolg der agrikulturellen Gesellschaften kam es zur ¨ Uberbev¨ olkerung und zu einer ho-
hen Komplexit¨ at. Mit mehr und mehr Menschen stimmten die Stimmen uberein. Der zweite große Punkt neben ¨ immer mehr nicht ¨ Uberbev¨ olkerung
ist das Aufkommen der Schrift. Wenn etwas aufgeschrieben wird hat es weit weniger Macht als eine Stimme im Kopf und man kann sich leichter davon abwenden. In all dem Chaos des Zusammenbruchs zusammen mit großen Migrationen von Bev¨ olkerungen und Naturkatastrophen (z.b. die minoische Eruption) kam es zu verschiedenen Auswirkungen (siehe 2.4 Auswirkungen auf die Gegenwart) und zu ersten Formen des Bewusst-
16 Anhang,Abbildung 2., ” Halluzinationszentrum“
17 Anhang, Abbildung 2., ” Commissura anterior“
18 Ebd., S. 146-150
19 [5], S. 10
20 Jaynes, Julian. Der Ursprung des Bewusstseins,, S. 198
21 Ebd.
22 Ebd.
7
seins. So ist der Grieche Solon (638 v. Chr. - 558 v. Chr.) der erste uns bekannte Mensch mit dem Bewusstsein, was wir kennen. Der Aphorismus Gnothi seauton (gr. ” Erkenne dich selbst!“), welches ihm
und anderen zugeschrieben wird, ist die erste Form des verschriftlichen Bewusstseins. Wie soll man sich selbst erkennen, wenn man nicht ¨ uber Eigenschaften des Bewusstseins (s. 2.1.1. Eigenschaften des Bewusstseins) und somit Selbstreflexion verf¨ ugt. Ebenso wie in Griechenland kam es auch in China (¨ uberliefert durch das Shijing) zu ersten Formen des Bewusstseins.
2.3 Beweismaterial f¨ ur Jaynes’ Thesen
Jaynes Thesen wurden nicht nur von ihm selbst sondern auch in verschiedenen Teilbereichen gepr¨ uft. Bereiche, aus denen Beweismaterial stammt, sind die der Anthropologie, Arch¨ aologie, Literatur, Linguistik, Neurologie, Psychatrie, Psychologie und Theologie. 23 Jaynes konzentriert sich
bei seinen Beweisen auf Material aus antike Kulturen. Ich werde dieses Beweismaterial nur kurz behandeln und mich auf aktuelle Beweise konzentrieren.
2.3.1 Beweismaterial in alten Kulturen
Ein großer Teil des Beweismaterial von Jaynes basiert auf ¨ uberlieferten
Schriften aus der Zeit des Zusammenbruchs der bikameralen Psyche. Jaynes konzentriert sich bei seinen Ausf¨ uhrungen auf auf Homers Ilias, das alte Testament und andere Schriften.
Der Ilias ist die erste Schrift der Menschheitsgeschichte welche sich gut f¨ ur die Erkl¨ arung von Jaynes Thesen eignet. M¨ undliche ¨ Uberlieferungen
gab es bereits um 1230 v. Chr., die erste Niederschrift erfolgte zwischen 900 und850 v. Chr.. 24 Grunds¨ atzlich kann man sagen, dass im Ilias kein
Bewusstsein gezeigt wird. Es gibt zwar einige Ausnahmen, dennoch wird es besonders in den ¨ alteren Teilen der Schrift deutlich, dass kein Bewusstsein gedacht ist.
Ebenso gibt es kein Anzeichen von Bewusstsein in den ¨ alteren B¨ uchern des alten Testaments 25 (z.B. Amos) im Gegensatz zu den neueren B¨ uchern
(z.B. Ecclesiastes).
Auch die Ausbreitung von G¨ otterbilder in allen antiken Kulturen ist
23 Kujisten, Marcel. Summary of Evidence URL:
http://www.julianjaynes.org/evidence summary.php (20.2.2010)
24 Jaynes, Julian. Der Ursprung des Bewusstseins,, S. 100
25 Kuijsten, Marcel. URL: http://www.julianjaynes.org/evidence summary.php (28.2.2010)
8
wichtig, da diese richtige G¨ otter darstellen sollten und dazu gebraucht wurden Halluzinationen hervorzurufen. 26
Die Bestattungsrituale in alten Kulturen sind zu beachten, da hier Essen und anderen n¨ utzlichen Gegenst¨ anden beigelegt wurden, da die Menschen immer noch die Stimmen der Toten h¨ oren konnten und somit dachten sie w¨ urden immer noch am Leben teilhaben. 27
2.3.2 Aktuelles Beweismaterial
Aktuelles Beweismaterial unterst¨ utzt alle vier Thesen Jaynes’. Die neurophysiologischen Grundlagen der bikameralen Psyche wurden besonders durch Neuroimaging gepr¨ uft. So wurde in einem Experiment ein rechth¨ andiger schizophrener Mensch, der best¨ andige Halluzinationen erlitt untersucht.
Es zeigte sich, dass die Geh¨ orshalluzinationen ausschließlich in dem Halluzinationszentrum in der rechten Gehirnhemisph¨ are auftreten. 28 Dies
best¨ atigt Jaynes Annahme ¨ uber die Lage der Halluzinationen.
Neben Schizophrenen sind Split Brain Patienten interessant. So wurde festgestellt, dass beide Gehirnh¨ alften als einzelne Personen agieren k¨ onnen. 29
Ebenso konnte festgestellt werden, dass bei Split Brain Patienten und Patienten mit Gehirnsch¨ adigungen, Sprachbildung in der rechten Hemissph¨ are m¨ oglich ist. Bei Epilepsie oder Erregung des rechten Gehirnlappens kann es zu verst¨ arkter Religi¨ osit¨ at kommen. 30 Auch das die Halluzina-
tionen h¨ aufig kritisierend sind, erkl¨ art sich dadurch, dass ein Zusammenhang zwischen der rechten Gehirnhemisph¨ are und negativen Emotionen bestehen. 31
Geh¨ orshalluzinationen sind selbst heutzutage noch weiterverbreitet als bislang genommen. Dies spricht f¨ ur die These, dass es vor unserem Bewusstsein noch die bikamerale Psyche gab.
Ein interessanter Punkt sind zudem die soziokulturellen Faktoren die Halluzinationen ausl¨ osen. 32 W¨ ahrend in der westlichen Welt schamvoll mit
Halluzinationen umgegangen wird ( ” Stimmen h¨ oren kann nicht normal sein.“) gibt es in anderen Kulturen, insbesondere in ” primitiven“ auch
26 Ebd.
27 Ebd.
28 [8]
29 Kuijsten, Marcel. URL: http://www.julianjaynes.org/evidence summary.php (28.2.2010)
30 ??????
31 Ebd.
32 [9]
9
heutzutage noch bikameral-¨ ahnliche Gesellschaften. 33
Ebenso sind Tr¨ aume in diesen ” primitiven“ und in den bikameralen Ge-
sellschaften unterschiedlich, so gibt es meist nur ein Erscheinen eines Gottes der einen Rat oder eine Warnung ¨ ubermittelt.
2.4 Auswirkungen auf die Gegenwart
2.4.1 Schizophrenie
Das erste Aufkommen von Schizophrenie ist aus der Zeit direkt nach dem Zusammenbruch der bikameralen Psyche zu erkennen. Das griechische Wort ” Paranoia“ ist hierf¨ ur bedeutend. Dieses bedeutet nicht wie heute, etymologisch falsch, Verfolgungswahn. Es kommt viel mehr von para + nous, was soviel bedeutet wie ” neben dem Geist noch einen zweiten haben“. 34
Schizophrenie ist somit ein teilweiser R¨ uckfall in die bikamerale Psyche. Auch zeigen die Halluzinationen von Schizophrenen vermehrt religi¨ osen Inhalt. 35
2.4.2 Das allgemeine bikamerale Paradigma
Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben
”
ihn get¨ otet, - ihr und ich! Wir alle sind seine M¨ order! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? St¨ urzen wir nicht fortw¨ ahrend? Und r¨ uckw¨ arts, seitw¨ arts, vorw¨ arts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht k¨ alter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? [. . . ] Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn get¨ otet! Wie tr¨ osten wir uns, die M¨ order aller M¨ order?“ (Friedrich Nietzsche) 36
33 Kuijsten, Marcel. URL: http://www.julianjaynes.org/evidence summary.php (28.2.2010)
34 Jaynes, Julian, Der Ursprung des Bewusstseins, S. 561
35 Ebd. S. 571
36 Dass dieses ”Gott ist tot“ in einem anderen Kontext gebraucht wurde ist mir bewusst. Dennoch passt das Zitat als solches zu der Idee der bikamerale Psyche (und
den anderen Thesen)
10
Nietzsche bezieht sich hierbei auf das verkommen der (christlichen) Moral. ¨ unendlicher Schmerz“[...] ” wor- Ahnlichsieht dies Hegel, der schrieb: ”
auf die Religion der neuen Zeit beruht - das Gef¨ uhl: Gott selbst ist tot“. Dieses passt zu dem Konzept der bikameralen Psyche, denn hier sind die G¨ otter tot und die Religion bringt nur einen symbolischen ” Schmerz“ auf
etwas totgesagtes wieder zu wollen. Im Folgenden werde ich dies genauer erl¨ autern.
Mit dem Zusammenbruch der bikameralen Psyche kam es ersten Formen der Religion. Man fing an Opfergaben zu bringen, Astrologie und andere Orakel zu nutzen um die Stimmen der G¨ otter zu ersetzen. Was hier bei deutlich wird, ist das Streben nach Authorisierung. Jaynes spricht von einer ” archaischer Autorit¨ at“, die zwar nicht mehr vor-handen ist, der wir aber immer noch folgen wollen. Es gibt keine G¨ otter mehr, die uns lenken k¨ onnen. Alles was mit Religi¨ osit¨ at zu tun hat ist ein Verlangen nach Authorisierung.
Dieses geh¨ ort zu dem allgemeinen bikameralen Paradigma 37 .
Dieses Paradigma besteht zu dem aus dem kollektiven kognitiven Imperativ und dem Trancezustand. Erster ist ein ” System von kollektiven Glaubens¨ uberzeugungen oder von auf kultureller ¨ Ubereinkunft beruhenden Erwartungen und Vorschriften“ 38 .
Durch Induktion wird die Aufmerksamkeit von diesem Imperativ nur auf bestimmte Bereiche gelegt.
Der Trancezustand wird gekennzeichnet durch verringertes Bewusstsein bis zum Bewusstseinsschwund. Das Ich (qua Analogon) ist hier stark geschw¨ acht. Die ” archaische Autorit¨ at“ kann sowohl ein Gott als auch ein Mensch sein. Er bekommt von dem Individuum und seiner Kultur die ubertragen. 39 Macht ¨ uber den kollektiven kognitiven Imperativ ¨
Mit diesem Paradigma lassen sich so totalit¨ are Regime erkl¨ aren. Im Unterricht der Klasse 9. h¨ orten wir h¨ aufig die Frage ” Warum folgten soviele
Menschen dem Nationalsozialismus?“. Das obige gibt eine Antwort hier drauf. Sicherlich keine, die wir h¨ oren wollen, denn ebenso f¨ allt organisierte Religion in dieses Paradigma.
37 Jaynes, Julian. Der Ursprung des Bewusstseins,, S. 441
38 Ebd., S. 442
39 Ebd.
11
2.5 Kritik
If we are going to use this top-down approach, we are going
”
to have to be bold. We are going to have to be speculative, but there is good and bad speculation, and this is not an unparalleled activity in science. [. . . ] Those scientists who have no taste for this sort of speculative enterprise will just have to stay in the trenches and do without it, while the rest of us risk embarrassing mistakes and have a lot of fun.“ (Daniel Dennett).
Dennett bezieht sich hier auf Jaynes’ kontroverse These ebenso wie auf das Wesen der Wissenschaft. Da Jaynes’ These viele Bereiche der Wissenschaft (u.a. Arch¨ aologie, ¨ altere Geschichte) ” auf den Kopf“ stellen w¨ urde
versteht Dennett sie als spekulativ, allerdings f¨ ur gute Spekulation. Jaynes’ These fand noch keine besondere Beachtung bei der breiten Masse der Wissenschaftler. Es ist hingegen falsch, dass es nicht durch Experten gepr¨ uft wurde. 40 Da sich Jaynes These in 4. Unterthesen aufgliedert 41 ,
muss auch jede einzeln Beachtung in der Kritik finden. Bis zum heutigen Tag gibt es nur drei Kritikpunkte, die nicht von Jaynes und anderen widerlegt wurden (s. 2.3.2):
1. Das Entstehen des Bewusstseins durch kulturelle Bedingungen klingt nicht ernst zunehmen“ 42
”
2. Zur Zeit Jaynes gab es noch keine neuropsychiatrische Basis seiner Schlußfolgerungen. 43
3. Das Halluzinationen im Geist eines Menschen mal eine wichtige Rolle gespielt haben sollen ist schwer hinzunehmen. 44
Der 1. und der 3. Punkt sind nicht zu widerlegen, da es sich um keine wissenschaftliche Kritik handelt sondern das Verlangen nach ¨ Uberpr¨ ufung
bevor man das neue Paradigma akzeptiert. Der 2. Punkt ist heutzutage gegeben. 45 Der britische Zoo- und Biologe Richard Dawkins kommt auf
den Punkt:
40 Marcel Kujisten URL: http://julianjaynes.org/myths-vs-facts.php (28.2.2010)
41 s. Einleitung
42 URL:http://en.wikipedia.org/wiki/Bicameralism (psychology) (28.2.2010)
43 Ebd.
44 [6]
45 s. 2.3.1 ” Aktuelle Beweislage“
12
It is one of those books that is either complete rubbish or a
”
work of consummate genius, nothing in between! Probably the former, but I’m hedging my bets.“ 46
3 Reflexion
Ich habe das Thema der bikameralen Psyche hier nur angeschnitten. Selbst Jaynes sagt in seinem Werk (welches rund 620 Seiten umfasst) das es weit weg von vollst¨ andig oder umfassend sei und es in vielen Teilen mehr Forschung bed¨ urfe. Dennoch hoffe ich, die aufgeworfenen Fragestellungen beantwortet und nebenbei einen interessanten Einblick in das umfassende Weltbild, das mit den Thesen kommt, gezeigt zu haben. Ich habe beantwortet, wie Bewusstsein entstand und einen Einblick in die bikamerale Psyche gegeben.
Die Tragweite der Thesen Jaynes habe ich versucht zu verdeutlichen. Diese spielen insbesondere eine große Rolle bei den Auswirkungen f¨ ur die heutige Zeit.
46 [7], S.342
13
4.1 Literaturverzeichnis
[1] Jaynes, Julian. The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind Boston; Houghton Mifflin Company, 1976
[2] Jaynes, Julian. Der Ursprung des Bewusstseins Rowohlt Verlag, 1993
[3] Sher, Leo. Revue de psychiatrie et de neuroscience. Neuroimaging, auditory hallucinations, and the bicameral mind Vol. 25/2000
[4] Kittel, Ingo-Wolf. ¨ Uberarbeitete Fassung des Vortrags des Autors auf der Jahrestagung der Jean Gebser Gesellschaft. Ein moderner Blick auf die Mutation von mythischen zum mentalen Bewusstsein 2006
[5] Jaynes, Julian. Canadian Psychology. Consciousness and the Voices of the Mind Vol. 27 (2), April 1986, Halifax
[6] Dennett, Daniel. Canadian Psychology. Julian Jaynes’s Software Archeology Vol. 27 (2): 149-154, April 1986, Halifax
[7] Dawkins, Richard. The God Delusion Houghton Mifflin, 2006 [8] Lennox BR, Bert S, Park G, Jones PB, Morris PG. Spatial and tem-poral mapping of neural activity associated with auditory hallucinations. The Lancet 1999;353:644.
[9] Al-Issa, Ihsan. International Journal of Social Psychiatry Sociocultural Factors in Hallucinations Vol. 24, No. 3, S. 167-176, 1978
4.2 Glossar
Split Brain Split Brain (englisch: geteiltes Gehirn) ist in der Hirnforschung eine heute nur noch als letztes Mittel eingesetzte Behandlungsmethode von Epilepsie. Dabei wird der Balken (Corpus callosum), der die beiden Hirnhemisph¨ aren miteinander verbindet, durchtrennt.
Selektionsdruck Selektionsdruck bezeichnet die Einwirkung (den ” Druck“)
eines Selektionsfaktors auf eine Population von Lebewesen. Selektionsfak-toren sind Umweltfaktoren, die einen Einfluss auf das ¨ Uberleben einer
Population in einer bestimmten Umwelt haben.
15
Arbeit zitieren:
Christopher Poppe, 2010, Das Bewusstsein und die bikamerale Psyche, München, GRIN Verlag GmbH
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Ausarbeitung, 39 Seiten
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Psychologie - Lernpsychologie, Intelligenzforschung: neuer Titel erschienen: Das Bewusstsein und die bikamerale Psyche
Christopher Poppe hat einen neuen Text hochgeladen
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