Luchino Viscontis Film „Die Verdammten“ („Götterdämmerung“) ist ein deutschitalienisches Melodram über den sukzessiven Verfall einer Familie und verhandelt tabuisierte Verhaltensweisen wie Habsucht, Profilneurose, Machtmissbrauch und frevelhafte Lustprinzipien wie Inzucht und Kindesmissbrauch vor der historischen Kulisse des Nazi-Deutschlands. „La caduta degli dei“ lautet der italienische Originaltitel und bezieht sich auf den vierten Teil von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen, Götterdämmerung“. „Die Verdammten“ ist der erste Film in Viscontis Reihe, die zwischen 1969 und 1972 entstand und den Namen Deutsche Trilogie trägt. ("Die Verdammten", "Tod in Venedig" und "Ludwig II“) Sie intendiert eine intensive Auseinandersetzung und Reflektion mit der deutschen Kultur und Geschichte und jeder Film zählt fürwahr zu seinen Meisterwerken. Das Lexikon des internationalen Films rezensiert das Werk in folgender Manier: „Viscontis erster Teil seiner Deutschen Trilogie ist der Versuch, im Gewand eines opernhaften Melodrams Verbindungen zwischen moralischer Dekadenz, sexueller Neurose, schöngeistiger Todessehnsucht, narzisstischer Selbstbezogenheit und politischem Opportunismus aufzuzeigen. Stellenweise gelingt die Analyse faschistoiden Bewusstseins eindrucksvoll, insgesamt aber schwächt die Inszenierung allzu oft die historische Brisanz des Stoffes durch ihre dekorative Weitschweifigkeit und artifizielle Stilisierung.“ 1
Das Jahr 1933: Joachim von Essenbeck (Albrecht Schoenhals) wacht patriarchalisch über seine Familie und das dazugehörige erfolgreiche Stahlunternehmen. Es kommt zunehmend zu Verwicklungen, da er sich aus seiner politischen Ansicht heraus weigert, mit den Nationalsozialisten zu sympathisieren oder sich gar zu verbünden. Schon längst aber haben sich Parteimitglieder und politische Befürworter an der opulenten Essenbecker Familientafel eingefunden. Joachims Tochter (Ingrid Thulin), welche stark neurotische Züge birgt, deren Sohn Martin (Helmut Berger) die ganze Familie mit einer Bühnendarbietung als Marlene Dietrich schockiert, lässt sich mit dem opportunistischen Friedrich Bruckmann (Dirk Bogarde) ein, welcher andererseits von Sophies Cousin, dem SS-Offizier Aschenbach (Helmut Griem) ausgenutzt wird, um die Stahlwerke auf nationalsozialistischen Kurs zu bringen. SA-Mitglied Konstantin von Essenbeck (Reinhard Kolldehof) versteht sich als oppositioneller Feind der SS und besitzt ebenso ein ausgeprägtes Machtstreben. Herbert Thallman (Umberto Orsini) spricht sich mit aller Deutlichkeit gegen die Faschisten aus, was ihm und seiner Ehefrau Elisabeth (Charlotte Rampling) zum verhängnisvollen Debakel wird. 2
1 Koll, H. Peter: Lexikon des internationalen Films. Marburg: Schüren Verlag 2010.
2 Vgl. http://www.arte.tv/de/film/Luchino-Visconti/406310,CmC=490154.html (am 28.08.11)
Zur Geburtstagsfeier des Familienoberhauptes Joachim erreicht die Familie die Nachricht vom Reichstagsbrand. Um das Fortbestehen seiner Familie und des Unternehmens bemüht, trifft Joachim die Entscheidung, seine Feindschaft gegenüber den Nazis aufzugeben. Im selben Atemzug ernennt er seinen Neffen Konstantin zum stellvertretenden Leiter der Stahlwerke. 3
In der Nacht wird der Großindustrielle Joachim ermordet und sein Schwiegersohn Herbert, welcher in politischer Hinsicht ein Liberaler ist, wegen Totschlages bezichtigt. Er muss daraufhin die Flucht antreten.(wird schlussendlich von der Gestapo verhaftet) Martin bleibt als einziger Erbe übrig, wird aber von seiner Mutter Sophie überzeugt, diese Spitzenposition im Unternehmen an ihren geliebten Komplizen Friedrich Bruckmann abzutreten. Während Konstantin in der „Nacht der langen Messer“ (Analogie zum Röhm Putsch 1934) sein Leben verliert, fällt Martin Aschenbach in die Hände, welcher ihn über die Pläne seiner Mutter in Kenntnis setzt. Martin rächt sich alsdann auf perfide Art und Weise, indem er Sophie und Friedrich Bruckner in den Selbstmord treibt. Martin versteht sich nun als parteitreuer Nazi und übergibt ihnen somit die Führerschaft über das große Stahlwerk Essenbeck. 4
Der französische Philosoph Gilles Deleuze (1925-1995) beschäftigte sich in seinen beiden filmtheoretischen Bänden „Bewegungsbild und Zeitbild“ (Kino I und Kino II) intensiv mit der Kinophilosophie und Kinogeschichte. Seine Bände stellen einen Bruch zum semiotischen Verständnis über den Film dar und propagieren ein Kino, welches als philosophische Praktik verstanden werden kann.
In dieser Arbeit soll auf seine viergliedrige Verfallstheorie eingegangen werden, die er in seinem Buch „Das Zeit-Bild: Kino 2“ in Bezug auf Viscontis Film-Oeuvre aufstellte. Deleuze führt vier fundamentale Elemente ins filmische Feld.
Zum ersten geht es um den Verfall der kristallinen aristokratischen Welt der Reichen. Dieser Prozess wird unter anderem auch in den Filmen Il Gattopardo, Morte a Venezia, Gruppo di famiglia in un interno und natürlich in Ludwig II. thematisiert. In „Die Verdammten“ wurde ebenfalls die Darstellung einer reichen Großindustriellenfamilie gewählt, die ihrem eigenen Verfallsprozess mit allen Konsequenzen ins Gesicht blicken musste. Suso Cecchi D’Amico, die Co-Autorin von Visconti, zeigte die intendierte Analogie zur industriellen Familiendynastie Krupp auf, die zu den wichtigsten Rüstungslieferanten im 2. Weltkrieg zählte und ihren grandiosen wirtschaftlichen Erfolg auf das Bündnis mit den Nationalsozialisten, ergo Hitler gründete. Eine nächste Parallele lässt sich zu Thomas Manns
3 Vgl. http://www.filmstarts.de/kritiken/101350-Die-Verdammten/kritik.html (am 21.02.11)
4 Vgl. http://www.filmstarts.de/kritiken/101350-Die-Verdammten/kritik.html (am 21.02.11)
Arbeit zitieren:
2011, Luchino Visconti „Die Verdammten“ - Eine Filmrezension unter Einbeziehung der Verfalls-Theorien von Gilles Deleuze, München, GRIN Verlag GmbH
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