Der Begriff Grund erfährt im Verlauf der Untersuchung Schellings eine starke Modifikation. In der Einleitung der Freiheitsschrift wird er als ein Strukturmoment des Grund-Folge-Verhältnisses eingeführt, um den Pantheismus- bzw. Fatalismusvorwurf gegen jegliches Vernunftsystem zu widerlegen. Im Hauptteil der Untersuchung wird es als ein „Wesen, das Grund von Existenz ist“ vom „Wesen als Existierenden“ unterschieden - eine Unterscheidung, die für die ganze Untersuchung grundlegend sein soll. Zum Schluss und „Höhepunkt der Untersuchung“ (SW 406) hat Schelling die indifferente Einheit beider als „Ungrund“ bezeichnet, der nach der göttlichen Offenbarung erst als absolute Identität der Liebe erscheint. Weil der Grund (mindestens wörtlich gesehen) immer Grund von etwas ist, kann es eine interessante Perspektive sein zu zeigen, in welcher Beziehung der jeweilige Grund zu dem Etwas, das sich auf dem Grund bezieht, steht. Diese Beziehung möchte ich als den dreifachen Sinn der Identität interpretieren.
I. I. I. I. Sch Sch Sch Schö ö ö öpferische pferische pferische pferische Identit Identit Identit Identitä ä ä ät: t: t: t: Das Das Das Das Grund-Folge-Verh Grund-Folge-Verh Grund-Folge-Verh Grund-Folge-Verhä ä ä ältnis ltnis ltnis ltnis von von von von
Gott Gott Gott Gott und und und und Welt Welt Welt Welt
Um den identifizierenden Pantheismus zu widerlegen, hat Schelling die klassische Unterscheidung von Spinoza eingeführt, also die zwischen Gott als „was in sich ist und allein aus sich selbst begriffen wird“ und dem Endlichen als „was notwendig in einem andern ist, und nur aus diesem begriffen werden kann“ (SW 340). Dadurch ist nicht nur die bloße Identität von Gott und Weltdingen verneint, indem er betont, dass das Endliche „toto genere von Gott verschieden“ ist (ebd.), sondern es wird das Verhältnis beider als ein Grund-Folge-Verhältnis definiert. Gott ist also „der allein selbständige und ursprüngliche, der allein sich selbst bejahende [...], zu dem alles andere nur wie Bejahtes, nur wie Folge zum Grund sich verhalten kann“ (ebd.). Dies ist wiederum nur aufgrund einer neuen Bestimmung des Identitätsprinzips verständlich. Die Identität des Subjekts mit dem Prädikat besagt keineswegs die Einerleiheit oder den unmittelbaren Zusammenhang beider. Das Verhältnis, das im Identitätsgesetz herrscht, trägt viele Namen in der Logik: Grund-Folge, Eingewickelte-Entfaltete,
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implicitum-explicitum, antecedens-consequens. Im formalen Sinne besagt dieses Verhältnis, dass der Grund das Wahrmachende für die Folge ist 3 . Hier geht es lediglich darum, dass die Aussagen über das Prädikat nur aufgrund von denen über das Subjekt wahr sein können. Das Subjekt ist also die Wahrheitsbedingung für das Prädikat. Wenn wir in diesem Sinne von der Identität Gottes mit den Weltdingen sprechen, dann bewegt sich diese Identität immer noch im logischen Bereich der Aussagen, als ob der Pantheismus besagen würde, dass alle Aussagen über die Weltdinge von den Aussagen über Gott abgeleitet werden sollen. Doch weil im Pantheismusvorwurf des Vernunftsystems behauptet wird, dass alle Weltdinge mit Gott identisch sind, geht es um eine Debatte im Seinsbereich. Wie kann Schelling mit einer Sinnverwandlung in der Logik einen Vorwurf in Hinsicht auf das Sein widerlegen? Schelling versteht das Grund-Folge-Verhältnis und das Identitätsprinzip eher im „reellen Sinn“ (SW 345) als im formalen. Damit ist die Identität als eine „unmittelbar schöpferische“ (ebd.) ausgedeutet. Sie ist deswegen schöpferisch, weil es in dieser Identität um ein Schöpfungsverhältnis Gottes mit der Welt geht (1), und weil das Sein der Weltdinge ummittelbar von dem des Gottes abhängig ist (2). Die Widerlegung des Pantheismus geht also folgendermaßen: Weil die Identität des Endlichen mit Gott (damit auch die Immanenz desselben in Gott) eine unmittelbar schöpferische ist, in der ein Grund-Folge-Verhältnis ausgedrückt wird, ist die in diesem Verhältnis implizierte Abhängigkeit der Ding als Folge des Grundes nur eine genetische, jedoch keine Abhängigkeit in Hinsicht auf das Sein. Deswegen kann zwischen dem Freiheitsanspruch des Geschöpfs (also des Menschen), der eher zu dessen Wesen/Sein gehört, und der Abhängigkeit desselben als Folge von Gott als Grund, die lediglich in Hinsicht auf die Genese des Menschen besteht, kein richtiger Widerspruch bestehen. Die schöpferische Identität Gottes mit der Welt hebt also nicht die Freiheit des Menschen auf. Das Ziel der Schöpfung ist keine absolut determinierte Welt, sondern die Selbstoffenbarung Gottes in einem freien Wesen: „Die Folge der Dinge aus Gott ist eine Selbstoffenbarung Gottes. Gott aber kann nur offenbar werden in dem, was ihm ähnlich ist, in freien aus sich selbst handelnden Wesen; für deren Sein
3 Vgl. Anmerkung von Buchheim 31. Schelling: Über das Wesen der menschlichen Freiheit. S. 95 Seite 3 von 14
es keinen Grund gibt als Gott, die aber sind, so wie Gott ist. Er spricht, und sie sind da.“ (SW 349)
In Bezug auf den Begriff des Grundes können wir das Bisherige so zusammenfassen: Schelling hat den Gott als Grund einmal als logisch Begründenden/Wahrmachenden, einmal als Seinstiftender 4 der Weltdinge interpretiert. Die schöpferische Identität beider ist also eine Bestimmung, die im logischen wie im Seinsbereich dominiert. Heideggers Denken weist insofern Parallelen zum Denken Schellings auf, als er auch die rein logische Bestimmung des Satzes der Identität kritisiert und versucht hat, sich über die Identität als solche Gedanken zu machen. 5
II. II. II. II. zusammengeh zusammengeh zusammengeh zusammengehö ö ö örende rende rende rende Identit Identit Identit Identitä ä ä ät: t: t: t: die die die die ontologische ontologische ontologische ontologische
Unter scheidung Unter scheidung von von von von Grund Grund Grund Grund und und und und Existenz Existenz Existenz Existenz Unter scheidung Unter scheidung
Schelling unterscheidet am Anfang seiner Untersuchung schon zwischen „dem Wesen, sofern es existiert, und dem Wesen, sofern es bloß Grund von Existenz ist“ und erwähnt, dass es „die nämliche Unterscheidung ist, auf welche die gegenwärtige Untersuchung sich gründet“ (SW 357).
Die grundlegende Bedeutung dieser Unterscheidung für die Untersuchung im Rahmen der Freiheitsschrift zeigt sich hauptsächlich daran, dass die Gerechtigkeit Gottes trotz der Existenz des menschlichen und natürlichen Übels gewährleistet ist, denn die „Natur - in Gott“ ist „ein von ihm zwar unabtrennlich, aber doch unterschiedenes Wesen“ (SW 358), so dass Gott als das Absolute (also als Existierender im Unterschied zu seiner Natur/seinem Grund) die freie Tat des Menschen zum Bösen nicht verschulden kann. Jedoch hat diese Unterscheidung noch einen nachträglichen Einfluss, der nach Heideggers Interpretation das gesamte Verständnis der neuzeitlichen Philosophie über die Subjektivität umdrehen soll. Im Folgenden werde ich zuerst auf die intensive Analyse dieser Unterscheidung in Schellings eigenem Text eingehen, um dann in die Interpretation Heideggers einzusteigen.
4 Dies auch im alten Sinne der ersten Ursache.
5 Vgl. GA. Bd. 79, S. 115 Seite 4 von 14
1. 1. 1. 1. Schellings Schellings Schellings Schellings Unterscheidung Unterscheidung Unterscheidung Unterscheidung von von von von Grund Grund Grund Grund und und und und Existenz Existenz Existenz Existenz in in in in der der der der Freiheitsschrift Freiheitsschrift Freiheitsschrift Freiheitsschrift
In seiner „Darstellung meines Systems“ im Jahr 1801 hat Schelling bereits die Unterscheidung von „Grund von Existenz“ und „Existierendem“ in ein und demselben Wesen der „absoluten Identität“ eingeführt. 6 In der Freiheitsschrift hat er deswegen dieses Begriffspaar als solches nicht ausführlich behandelt, sondern gebraucht diese Unterscheidung schon von Anfang an, um Gott als das absolute Wesen zu definieren. Nachdem er in der Einleitung das Verhältnis Gottes zu den Weltdingen als schöpferische Identität interpretiert hat, ist nun die Schöpfung thematisch. Weil aber der „reale und lebendige Begriff“ der Freiheit „ein Vermögen des Guten und des Bösen sei“ (SW 352), muss nun erklärt werden, woher die Menschen als Geschöpfe Gottes das Vermögen des Bösen überhaupt haben können, ohne Gott selbst als Schöpfer des Bösen tadeln zu müssen.
Sehr spekulativ beginnt er mit dem traditionellen Begriff Gottes. Weil das Begriffspaar Grund und Existenz als ontologische Kategorie bestimmt ist, muss die Seinsweise Gottes als eine solche verstanden werden, die in den Grund und die Existenz Gottes geschieden ist. Da der Begriff Gottes selbst schon impliziert, dass „nichts vor oder außer Gott“ (SW 357) sein kann, muss er „den Grund seiner Existenz in sich selbst haben“ (SW 358). Wenn dies im traditionellen Sinne als causa sui verstanden wird, ist diese Unterscheidung immer noch eine formale. Der Begriff Grund, der nur noch zur Aushilfe genommen wird, um das philosophische Denken aus der unendlichen Regression des Kausalverhältnisses retten zu können, bleibt er ein „bloßer Begriff“ (ebd.), dessen Erklärungskraft sehr beschränkt ist. Diesen bloßen Begriff möchte Schelling durch „etwas Reelles und Wirkliches“ ersetzen.
„Dieser Grund seiner Existenz, den Gott in sich hat, ist nicht Gott absolut betrachtet, d. h. sofern er existiert; denn er ist ja nur der Grund seiner Existenz, Er ist die Natur - in Gott; ein von ihm zwar unabtrennliches, aber doch unterschiedenes Wesen.“ (ebd.) Der Grund als Grund der Existenz soll der Existenz Gottes zwar dem Begriff nach schon
6 Schelling: Über das Wesen der menschlichen Freiheit. Hamburg: Meiner 1997. S. 112 (Anmerkung 101 von Buchheim) Seite 5 von 14
Arbeit zitieren:
Deng Zhang, 2009, Der dreifache Sinn der Identität in Schellings Freiheitsschrift, München, GRIN Verlag GmbH
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