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Inhalt: Seite
1. Einleitung 3
2. Wirklichkeit 3
3. Medienwirklichkeit - Theoretische Grundlagen 5
3.1 Ereignisse zu Nachrichten - Die Nachrichtenwert-Theorie 5
3.2 Journalisten als Torhüter - Die Gatekeeper-Forschung 8
3.2.1 Der individualistische Ansatz 8
3.2.2 Der institutionale Ansatz 8
3.2.3 Der kybernetische Ansatz 8
3.3 Zwischenbilanz 9
4. Medienwirklichkeit - Praktische Umsetzung 9
4.1 Programmgestaltung öffentlich-rechtlicher und privater
Fernsehprogramme 9
4.2 Rolle des Fernsehens für den Rezipienten 11
4.3 Auslandsberichterstattung 14
5. Schlussbetrachtung 16
6. Literatur 17
3
1. Einleitung
Immer wieder wird in unserer Gesellschaft kritisiert, die Medien, allen voran das Medium Fernsehen, würden das Weltbild gegenüber den Rezipienten deutlich anders wiedergeben als es in Wirklichkeit ist und ihnen dadurch falsche Werte von ihrer Umwelt und der Gesellschaft vermitteln. Diese Arbeit soll sich vordergründig mit dem Thema der Wirklichkeitsverzerrung durch das Medium Fernsehen auseinandersetzen und klären, unter welchen Gesichtspunkten überhaupt eine Verzerrung stattfindet. Welche Faktoren nehmen auf die Wirklichkeitsverzerrung durch die Medien Einfluss? Um darauf näher einzugehen, muss zu jedoch zuvor geklärt werden, was Wirklichkeit ist und wie sie selbst definiert wird. Nach welchen Kriterien konstruieren wir selbst Wirklichkeit und unter welchen Bedingungen wird, im Gegensatz dazu, Wirklichkeit von den Medien konstruiert?
2. Wirklichkeit
Nach Auffassung der Soziologen Berger und Luckmann wird Wirklichkeit von der Gesellschaft konstruiert. Jene Wirklichkeit, die ihrem Verständnis nach als „Alltagswelt“ beschrieben wird, ist Resultat „jedermanns Gedanken und Taten“. 1 So unterscheidet sich diese Alltagswelt, jene Wirklichkeit erster Ordnung mit anderen Wirklichkeiten grundlegend darin, dass sie eine intersubjektive Welt ist. Wir teilen ihre Wirklichkeit mit anderen Individuen, während im Unterschied dazu, andere Wirklichkeiten wie beispielsweise die unserer Träume, nur für uns selbst erlebbar und somit auch nur für uns selbst subjektiv wirklich sind. 2 In diesem Prozess hilft uns die Sprache als Konstrukt gesellschaftlicher Interaktion, die Welt für uns begreiflich zu machen, sie zu objektivieren. Denn die „Sprache ist der Speicher angehäufter Erfahrungen und Bedeutungen“ die wir in uns aufbewahren, „um sie kommenden Generationen zu übermitteln“. 3 Darüber hinaus wird durch Sprache die Welt in unserem Bewusstsein selbst erst realisiert. Im Gespräch dient sie dazu, Objektivationen zu vermitteln, die in uns selbst, durch unser Bewusstsein, zu Objekten werden.
1 Vgl. Berger/Luckmann 1977, S. 21
2 ebd., S. 25
3 ebd., S. 39
4
Die wichtigste Form der gesellschaftlichen Interaktion in der Alltagswelt nimmt laut Berger und Luckmann an dieser Stelle die Vis-á-vis-Situation 4 ein. Sie begründet sich in der grundsätzlichen Erfahrung mit anderen Personen, Angesicht zu Angesicht.
Über den sprachlichen Austausch von Objektivationen hinaus nehmen wir im direkten Gespräch mit anderen auch Mimik und Gestik wahr, welche uns beim Verstehen des Anderen behilflich sind. Sie sind Ausdruck von Empfindungen, Gedanken oder Wünschen, die uns dabei unterstützen, unser Gegenüber besser zu verstehen und Objektivationen zu verwirklichen. So bildet in diesem Zusammenhang die Vis-á-vis-Situation für uns die Vertrauteste Art der Interaktion. Diese Art der Vis-á-vis-Situation macht sich aber auch das Fernsehen zu nutze. Denn die Welt und unsere Gesellschaft sind zu komplex, als dass wir sie allein durch unsere eigenen und direkten Erfahrungen realisieren können. Mit Hilfe der Massenmedien sind wir heute in der Lage, auch Vorstellungen von der Realität über unseren eigenen Erfahrungshorizont hinaus zu entwickeln, wie beispielsweise von Bereichen der Politik , der Wirtschaft und anderen. 5 Dem Fernsehen als Instrument zur Konstruktion von Wirklichkeit wird hierbei eine führende Rolle zugeschrieben. Durch seine Möglichkeiten der Kombination von Bild, Ton und Text kann das Fernsehen die eigene Erfahrung von Wirklichkeit perfekt nachstellen. Ausgestrahlte Bilder vom anderen Ende der Welt erscheinen uns, als sähen wir sie mit unseren eigenen Augen und in Sendungen wie beispielsweise der Tagesschau wird uns glaubhaft gemacht, dass wir uns in einer interaktiven Vis-á-vis-Situation mit Jens Riewa befänden. Dann stellt sich jedoch die Frage, ob Fernsehen als Massenmedium die Wirklichkeit nur nachstellt, bzw. nach welchen Kriterien es selbst Wirklichkeit konstruiert. Daraus ergibt sich wiederum die Frage, inwieweit sich diese Konstruktion der Wirklichkeit von Massenmedien von unserer eigenen Wirklichkeitskonstruktion unterscheidet?
4 ebd., S. 31f.
5 zitiert nach Wegener 1994, S. 35f.
5
3. Medienwirklichkeit - Theoretische Grundlagen
Nach Meinung von Niklas Luhmann ist die Wirklichkeit von Massenmedien doppeldeutig zu verstehen. Die eigene Realität der Massenmedien besteht nach seiner Auffassung in ihren eigenen Operationen. „Es wird gedruckt und gefunkt. Es wird gelesen. Sendungen werden empfangen.“ 6 Die faktische Wirklichkeit der Massenmedien besteht demnach aus den in ihnen selbst ablaufenden Kommunikationen. Die zweite Wirklichkeit der Massenmedien existiert darin, „was für sie oder durch sie für andere als Realität erscheint“. 7 Demzufolge besteht die Realität der Massenmedien selbst aus einem Beobachten. Sie sind Beobachter der Wirklichkeit. Um ihre eigene Wirklichkeit zu verstehen, werden wir selbst zu Beobachtern zweiter Ordnung, indem wir die Beobachtungen der Massenmedien beobachten.
Massenmedien werden also in diesem Zusammenhang als Beobachter erster Wirklichkeit oder Realität und Rezipienten als Beobachter einer Wirklichkeit zweiten Grades dargestellt. Folglich kommt es durch das System der Massenmedien zu einer Realitätsverdopplung. Und dennoch konstruieren wir unsere eigene Wirklichkeit von der Gesellschaft und der Welt mit Hilfe der Medien, da ihre Komplexität für uns aus erster Erfahrung nicht erreichbar ist. Die Medien tragen also grundlegend zur Formung unseres Weltbildes bei, indem sie uns erzeugte und verarbeitete Informationen übermitteln, die sie selbst beobachten. In diesem Prozess der Informationsübertragung lebt das Mediensystem wie kein anderes von aktuellen Informationen.
3.1 Ereignisse und Nachrichten - Die Nachrichtenwert-Theorie
Am deutlichsten lässt sich diese Tatsache im Programmbereich der Nachrichten und Berichte erkennen. 8 Täglich aktuelle Nachrichten gehören für uns zum normalen Alltag. So wunderlich ist es, dass Nachrichten einerseits den Charakter von Neuigkeit und Überraschung besitzen, bedeutende Ereignisse andererseits, gegensätzlich ihrer eigentlichen Natur, täglich geschehen. Darüber hinaus werden Ereignisse über die berichtet wird, so dargestellt, als dass sie selbst erst
6 Luhmann 2004, S. 12
7 ebd., S.14
8 vgl. Luhmann 2004, S. 53f.
6
vor kurzer Zeit, ja geradezu gegenwärtlich geschehen sind. Luhmann spricht von einer gesellschaftsweiten Beobachtung der Ereignisse, die sich nahezu gleichzeitig mit den Ereignissen selbst ereignet 9 . Im Sinne dieser Umwandlung von Unwahrscheinlichkeiten in Wahrscheinlichkeiten hat sich im Laufe der Zeit das Berufsfeld des Journalismus herausgebildet. Der Journalismus funktioniert nach eigenen Kriterien. Im Nachrichten-Journalismus etwa ist ein Regelwerk entstanden, das Ereignisse nach bestimmten Kriterien bewertet und anschließend zu Nachrichten werden lässt. Große Aufmerksamkeit erlangte diesbezüglich Einar Östgaard 1965 durch seine Studie zur Theorie der Nachrichtenselektion. Demzufolge verfügen Ereignisse über Nachrichtenwerte, die darüber entscheiden, ob ein Ereignis zur Nachricht wird und wie stark es von den Medien durch Platzierung, Umfang und Gestaltung herausgestellt wird. Östgaard gibt auch Auskunft darüber, dass der Nachrichtenwert den Journalisten nicht nur als Entscheidungshilfe dient, sondern gleichermaßen die Berichterstattung verzerren kann.
Demnach sind Nachrichtenwerte dafür verantwortlich, inwieweit sich dass Weltbild in den Medien vom wirklichen Weltbild unterscheidet. 10 An die Nachrich-tenwert-Theorie von Östgaard knüpfen Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge an, indem sie dem Nachrichtenwert von Ereignissen zwölf Kriterien unter-ordnen, die sie selbst als Nachrichtenfaktoren definieren. Je stärker demnach die Merkmalsausprägung von Ereignissen ist und je mehr Nachrichtenfaktoren auf ein Ereignis zutreffen, desto eher besteht für dieses Ereignis die Wahrscheinlichkeit, dass es zur Nachricht wird. Nach Galtung und Ruge gliedern sich diese Nachrichtenfaktoren wie folgt: 11
• Frequenz - Je mehr der zeitliche Ablauf eines Ereignisses der Erscheinungsperiodik der Medien entspricht, desto wahrscheinlicher wird das Ereignis zu Nachricht.
• Schwellenfaktor / Intensität - Es gibt einen Schwellenwert der Auffälligkeit, den ein Ereignis überschreiten muss, damit es registriert wird.
9 ebd., S. 55
10 vgl. Fischer Lexikon Publizistik 2002, S. 355
11 Definition der Nachrichtenfaktoren im Fischer Lexikon Publizistik 2002, S. 357
7
• Eindeutigkeit - Je eindeutiger und überschaubarer ein Ereignis ist, desto eher wird es zur Nachricht.
• Bedeutsamkeit - Je größer die Tragweite eines Ereignisses, je mehr es persönliche Betroffenheit auslöst, desto eher wird es zur Nachricht.
• Konsonanz - Je mehr ein Ereignis mitvorhandenen Vorstellungen und Erwartungen übereinstimmt, desto eher wird es zur Nachricht.
• Überraschung / Unvorhersehbarkeit - Je überraschender ein Ereignis ist, desto größer ist die Chance, das es zur Nachricht wird, allerdings nur dann, wenn es im Rahmen der Erwartungen überraschend ist.
• Kontinuität - Ein Ereignis, das bereits als Nachricht definiert ist, hat eine hohe Chance, von den Medien auch weiterhin beachtet zu werden.
• Variation - Der Schwellenwert für die Beachtung eines Ereignisses ist niedriger, wenn es zur Ausbalancierung und Variation des gesamten Nachrichtenbildes beiträgt.
• Bezug zu Elite-Nation - Ereignisse, die Elite-Nationen betreffen (wirtschaftlich oder militärisch mächtige Nationen), haben einen überpro-portional hohen Nachrichtenwert.
• Bezug auf Elite-Personen - Entsprechendes gilt für Elite-Personen, d.h. prominente und/oder mächtige einflussreiche Personen.
• Personalisierung - Je stärker ein Ereignis personalisiert ist, d.h. sich im Handeln oder Schicksal von Personen darstellt, desto eher wird es zur Nachricht.
• Negativismus - Je negativer ein Ereignis, d.h., je mehr es auf Konflikt, Kontroverse, Aggression, Zerstörung oder Tod bezogen ist, desto stärker wird es von den Medien beachtet.
So wie die Nachrichtenfaktoren den Wert von Nachrichten bestimmen und somit über Ihr Erscheinen, Ihre Aufmachung und Platzierung entscheiden, befasst sich auch ein weiterer Ansatz mit der Beeinflussung der Nachrichtenselek- tion.
8
3.2 Journalisten als Torhüter von Nachrichten - Die Gatekeeper-Forschung
Die Gatekeeper-Forschung geht von der Frage aus, wie die Nachrichtenauswahl von Seiten des Journalisten beeinflusst wird. Ihre Geschichte wird begründet in den Untersuchungen des Sozialpsychologen Kurt Lewin 12 . Während der 40er Jahre untersuchte er das Kaufverhalten von Hausfrauen. Er untersuchte unter anderem, welche Lebensmittel beim Einkauf ausgewählt werden und welche nicht. Die Untersuchungen zeigten, dass jeder persönliche Selektionsprozess nach bestimmten Kriterien erfolgt.
3.2.1 Der individualistische Ansatz
David Manning White übernahm diese Idee und übertrug sie auf die Nachrichtenauswahl von Redakteuren. In seinen Untersuchungen beobachtete er die Arbeitsweise des Lokal-Redakteurs Mr. Gates und analysierte nach welchen Kriterien Mr. Gates Nachrichten selektiert, die er selbst für erscheinungswürdig hält. White kam zu dem Ergebnis, das die Art der Selektion von Mr. Gates auf individualpsychologische Faktoren zurückzuführen ist.
3.2.2 Der institutionale Ansatz
Über den individualistischen Ansatz hinaus entstand Mitte der 50er Jahre durch Walter Giebler und Warren Breed der institutionale Ansatz mit der Theorie, Nachrichtenselektionen werden beeinflusst durch Organisationsstrukturen in Institutionen und durch die Rolle der Journalisten. Demnach unterliegen Journalisten organisatorischen Zwängen wie zum Beispiel dem Einhalten der redaktionellen Linie oder der Politik des Verlegers. Weitere beeinflussende Faktoren des institutionalen Ansatzes bilden demnach auch Nachrichtenagenturen, die bereits eine Vorauswahl an Nachrichten für die Medien treffen.
3.2.3 Der kybernetische Ansatz
Ein weiterer Ansatz der Gatekeeper-Forschung ist 1980 mit den Untersuchungen von Gertrude Joch Robinson entstanden. Die Resultate ihrer Untersuchungen, die den kybernetischen Ansatz bilden, ergaben, dass Medienunternehmen
12 Kunczik/ Zipfel 2001, S. 241ff.
9
geschlossene Organisationen bilden, die wie Organismen arbeiten und sich unter den Umständen des Selbsterhaltungstriebes den äußeren Lebensbedingungen anpassen, die sich wiederum auf den Selektionsprozess von Nachrichten auswirken.
3.3 Zwischenbilanz
Nachrichtenwert-Theorie und Gatekeeper-Forschung zeigen also, durch welche Faktoren die Nachrichtenselektion beeinflusst und das Weltbild in den Medien verzerrt wird und sich dadurch vom wirklichen Weltbild unterscheidet. 13 Des weiteren ist der Nachrichtenwert-Theorie entgegenzusetzen, dass es eine Reihe von Ereignissen gibt, die nicht über eine ausreichende Zahl von Nachrichten-faktoren verfügen und demnach unbeachtet bleiben. Die Gatekeeper-Forschung belegt, dass gerade bei privatwirtschaftlichen Medienunternehmen die Nachrichtenselektion von der Zahl der Rezipienten abhängig ist. Im Fernsehen zeigen sich diese Auswirkungen besonders. Anders als die Programme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die auf der Grundlage von Gebühren finanziert werden, sind die Programme des privaten Rundfunks auf Werbeeinnahmen angewiesen, denn wie bereits erwähnt, ist für sie folglich eine hohe Rezipientenzahl ausschlaggebendes Kriterium. Doch wie unterscheidet sich die Programmgestaltung der privaten Fernsehprogramme unter dem Aspekt der Erwirtschaftung von Profiten, gegenüber den öffentlich-rechtlichen Programmen, die über Fernsehgebühren finanziert werden?
4 Medienwirklichkeit - Praktische Umsetzung
4.1 Programmgestaltung von öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehprogrammen
In seiner Programmanalyse aus dem Jahr 1999 zeigt Udo Michael Krüger die Unterschiede in der Programmstruktur von öffentlich-rechtlichem und privaten Fernsehen. Gegenstand seiner Untersuchung bilden die Vollprogramme ARD, ZDF, RTL, SAT.1 und ProSieben. 14 Darin zeigen sich deutliche Unterschiede in der Programmgestaltung von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern. Un-
13 Vgl.Fischer Lexikon Publizistik 2002, S. 355
14 Vgl. Krüger in Media Perspektiven 7/2000, S. 283
10
ter dem Aspekt der Bildung und Information der Zuschauer hat das ZDF mit der Summe seiner Informations- und Bildungssendungen mit 650 Minuten (10,8h) täglich, die längste Sendedauer. Diese unterscheidet sich deutlich von RTL, dem führenden Programm der privaten Vollprogramme, das mit einer Sendedauer von insgesamt 334 Minuten (5,6h) knapp über der Hälfte der Sendedauer vom ZDF liegt. Weitere deutliche Unterschiede sind ersichtlich im Bereich der nonfiktionalen Unterhaltung . Das ZDF liegt mit dem Anteil seiner nonfiktionalen Unterhaltung, der 112 Minuten ausmacht (1,9h) 15 , deutlich unter der Sendeleistung von RTL, die 310 Minuten (5,2h) beträgt. Da sich die privaten Fernsehvollprogramme im Unterschied zu den öffentlich-rechtlichen nicht aus Gebühren, sondern durch Werbung finanzieren, ist auch ihr Anteil an Werbung im Gegensatz zu ARD und ZDF deutlich höher. Der Anteil an täglich ausgestrahlter Werbung beträgt bei RTL 220 Minuten (3,7h), im ZDF lediglich 25 Minuten. 16
Die beschränkte Dauer von Informationssendungen, der Anteil an Nachrichtensendungen im ZDF hat hier mit 153 Minuten (2,6h) den höchsten Wert, ist bereits ein Indikator dafür, dass eine umfassende und hintergründige Berichterstattung im Sinne einer objektiven Wirklichkeitsdarstellung nicht möglich ist. Wichtige Inhalte werden auf ein Minimum an harten Fakten reduziert, um in der wenigen Zeit des Programms über eine größere Zahl an internationalen und nationalen Ereignissen berichten zu können.
Umso schwieriger wird es für privatwirtschaftliche Medienunternehmen, einer verzerrungsfreien Wirklichkeitsdarstellung gerecht zu werden, da sie dem zusätzlichen Zwang der Erwirtschaftung von Profiten unterlegen sind, die sie durch Werbung erwirtschaften. Sie müssen ihr Programm in erster Linie nach den Wünschen der Rezipienten gestalten, um eine möglichst hohe Quote zu erreichen und damit die Attraktivität und den Preis ihrer Werbezeiten zu steigern. Daher legen sie im Unterschied zu den öffentlich-rechtlichen Fernsehprogrammen, die überwiegend informieren und bilden, mehr Gewicht auf den Programmbereich der Unterhaltung. Wenn jedoch die privaten Fernsehprogramme mit Unterhaltung mehr Zuschauerquote machen, als mit Informationssendungen, stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien Rezipienten den
15 meiste nonfiktionaler Unterhaltung im öffentl.-rechtl. Fernsehen in der ARD: 122 Minuten (2,0 h)
16 Vgl. Krüger in Media Perspektiven 7/2000, S. 283
11
Medien Informationen entnehmen. Sind Zuschauer mehr an Unterhaltung als an Information interessiert und welchen Stellenwert haben private und öffentlich-rechtliche Fernsehprogramme für die Rolle des Rezipienten in der Gesellschaft?
4.2 Rolle des Fernsehens für den Rezipienten
Im Rahmen der ARD/ZDF Langzeitstudie Massenkommunikation 2000 haben Christa-Maria Ridder und Bernhard Engel Images und Funktionen der Massenmedien untersucht und miteinander verglichen 17 . Untersuchungsgegenstand waren die Medien Fernsehen, Hörfunk, Tageszeitung und Internet. In der Rangfolge der täglichen Nutzungsdauer dieser 4 Medien nimmt das Fernsehen mit 185 Minuten (3,1h) den 2. Platz hinter dem Hörfunk (Nutzungsdauer: 206 Minuten; 3,4 Std.) ein. Ihnen folgen die Tageszeitungen (30 Minuten) und das Internet (13 Minuten). Vergleicht man die Nutzungsmotive der einzelnen Medien miteinander, kommt man zu folgenden Ergebnissen:
Nutzungsmotive der Medien im Direktvergleich (in %, n=4933) 18
Ferns. HF TZ Web
um mitreden zu können 41 14 38 6
um Denkanstöße zu bekommen 39 17 36 8
um mich zu informieren 35 14 44 8
um mich zu entspannen 54 38 7 1
um Spaß zu haben 55 30 7 8
um mich nicht allein zu fühlen 52 36 6 3
um den Alltag zu vergessen 59 29 6 2
aus Gewohnheit 45 31 22 1
um mich im Alltag zurechtzufinden 35 19 38 6
Basis: Befragte, die mindestens zwei Medien mehrmals im Monat nutzen, (n=4933)
Das Nutzungsmotiv, sich über den eigenen Erfahrungshorizont hinaus, ein Bild von der Welt und der Gesellschaft zu machen, kommt dem Medium Tageszeitung am nächsten. Die wichtigsten 3 Nutzungsmotive für Tageszeitungen sind Information, Zurechtfinden im Alltag und das Mitreden, also der eigene Stand in der Gesellschaft. Das Fernsehen hingegen wird in erster Linie zum Abzu-
17 Ridder/Engel, in Media Perspektiven 3/2001, S. 102
18 Tabelle Ridder/ Engel, in Media Perspektiven 3/2001, S. 112
12
schalten genutzt und ferner dazu, den Alltag zu vergessen. Die wichtigsten Kriterien, nach denen Hörfunk genutzt wird sind Entspannung, Einsamkeit und Spaß. Das Internet wird trotz seiner geringen täglichen Nutzungsdauer überwiegend dafür genutzt, Denkanstöße zu bekommen, sich zu informieren und aus Gründen des Faktor Spaß. Setzt man nun die Bereiche Tageszeitung und Fernsehen in den direkten Vergleich, dann ergibt sich, dass Tageszeitungen in erster Linie informationsorientiert genutzt werden, währenddessen das Fernsehen einen unterhaltenden Nutzencharakter hat. In Bezug auf die Integration in die Gesellschaft und das Erfahren der Wirklichkeit und der Welt anhand von Wissen, werden Tageszeitung häufiger genutzt als das Fernsehen. Für dieses Nutzungsmotiv nimmt das Fernsehen eine sekundäre Stellung ein. Doch wie unterscheiden sich Nutzungsmotive innerhalb des Systems Fernsehen? Wie unterscheiden sich die öffentlichen-rechtlichen Programme in ihrer Nutzung gegenüber den Privaten?
Die folgende Tabelle vergleicht öffentlich-rechtliche und private Fernsehprogramme hinsichtlich ihrer Nutzungsmotive.
Nutzungsmotive öffentlich rechtlicher und privater Fernsehprogramme in %: 19
Basis: Befragte, die mindestens mehrmals im Monat Fernsehen, (n=4884)
Auch innerhalb der Fernsehlandschaft zeichnen sich deutliche Unterschiede zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehprogrammen ab. Während die Öffentlich-rechtlichen überwiegend dazu genutzt werden, sich zu informie-
19 Tabelle Ridder/ Engel, in Media Perspektiven 3/2001, S. 116
13
ren, Denkanstöße zu bekommen und mitreden zu können, stehen ihnen die Privaten mit unterhaltungsorientierten Motiven wie Spaß, Entspannung und dem Motiv des Alltagsvergessens gegenüber.
Nach der Frage, was öffentlich-rechtliche und private Fernsehprogramme leisten, ergab eine Befragung der Rezipienten folgende Resultate:
Leistung öffentlich-rechtlicher und privater Fernsehprogramme in %: 20
Basis: Befragte, die mindestens mehrmals im Monat fernsehen, (n=4884)
Demnach dienen die öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme mit ihren Leistungen primär der politischen Meinungsbildung und der Entnahme zuverlässiger und glaubwürdiger Informationen und vermitteln „gesellschaftliche und kulturelle Werte“. 21 Sie vermitteln ihren Rezipienten also Werte unserer Gesellschaft und helfen bei alltäglichen Dingen. In ihrem Programm überwiegen Themen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Justiz, Kultur und Wissenschaft. 22 Die privaten Fernsehprogramme erfüllen im Direktvergleich mit den öffentlichrechtlichen Programmen die primäre Aufgabe der Entspannung. Sie sprechen die ganze Familie an und liefern interessante Themen in Gesprächssendungen.
20 Tabelle Ridder/ Engel, in Media Perspektiven 3/2001, S. 118
21 Ridder/ Engel, in Media Perspektiven 3/2001, S. 125
22 Vgl. Krüger in Media Perspektiven 7/2000, S. 289
14
Darüber hinaus lässt sich bei den privaten Fernsehvollprogrammen die Absicht erkennen, harte politische Informationen kontinuierlich zu reduzieren. 23 Ridder und Engel erkennen besonders in der Hauptsendezeit der Privaten eine fortschreitende Entpolitisierung des Programmangebots und spekulieren folglich über eine Entpolitisierung der Gesellschaft. Ihre Angebotsschwerpunkte der Privaten beziehen sich zunehmend auf die Themenbereiche Human Interest, Prominenz, Lifestyle, Katastrophen, Unglücke und Kriminalität. 24 Im Sinne der Vermittlung von Werten aus Gesellschaft und Kultur sowie als Vermittler zuverlässiger und glaubwürdiger Informationen durch das Fernsehen, scheint diese Funktion also nur noch durch die öffentlich-rechtlichen Programme gewährleistet.
4.3 Auslandsberichterstattung
Darüber hinaus sollen die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten über „die politischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen“ der restlichen Welt „umfassend und ausführlich“ berichten. 25 Gewährleistet werden sollen diese Vorgaben vor allem durch rechtliche Bestimmungen, da in ihnen den öffentlichrechtlichen Programmen der Auftrag der Grundversorgung auferlegt ist. In den Vorschriften für das Fernsehprogramm ZDF etwa, ist unter dem §5 der Gestaltung von Sendungen festgelegt, dass „Fernsehteilnehmern in Deutschland ein objektiver Überblick über das Weltgeschehen, insbesondere ein umfassendes Bild der deutschen Wirklichkeit vermittelt werden soll.“ 26 Ferner sollen die Sendungen „eine freie individuelle Meinungsbildung fördern“ und „das Geschehen in den einzelnen Ländern und die kulturelle Vielfalt Deutschlands“ angemessen darstellen. Weiter heißt es unter dem §6 der Berichterstattung: „Die Berichterstattung soll umfassend, wahrheitsgetreu und sachlich sein. Herkunft und Inhalt der zur Veröffentlichung bestimmten Berichte sind sorgfältig zu prüfen.“ 27 Überwacht werden sollen die Vorschriften durch die Aufgaben des Fernsehrates. Die Analyse des Korrespondentennetzes für die internationale Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme widerspricht jedoch ihren
23 Vgl. Ridder/ Engel, in Media Perspektiven 3/2001, S. 125
24 ebd., S. 289
25 Hörburger 1996, S. 190
26 ebd., S. 38, zitierte Rechtsvorschriften für das ZDF, Mainz 1995
15
rechtlichen Bestimmungen. Vorab ist zu sagen, dass dem ZDF und der ARD aufgrund ihrer sichergestellten Finanzierung durch Rundfunkgebühren und ihrem längeren Bestehen gegenüber den privaten Fernsehvollprogrammen ein größeres internationales Korrespondentennetz zur Verfügung steht. Das ZDF verfügt über insgesamt 20 Auslandsstudios in Brüssel, Istanbul, Johannesburg, Kairo, London, Moskau, Nairobi, New York, Paris, Peking, Rio de Janeiro, Rom, Singapur, Skandinavien, Tel Aviv, Teheran, Tokio, Warschau, Washington und Wien.
Das Korrespondentennetz der ARD erstreckt sich sogar über 25 Auslandsstudios, die in Beijing, Brüssel, Buenos Aires, Genf, Istanbul, Johannesburg, Kairo, London, Madrid, Mexiko-City, Moskau, Nairobi, New Delhi, New York, Paris, Prag, Rom, Singapur, Stockholm, Straßburg, Südosteuropa, Tel Aviv, Tokio, Warschau und Washington liegen 28 . Vergleicht man die beiden Korrespondentennetze miteinander, so fällt auf, dass sowohl ARD und ZDF Auslandsstudios in gleichen Metropolen besitzen. Grund dafür ist die Konkurrenzsituation beider Medienanstalten. 29 Darüber hinaus ist jedoch kaum vorstellbar, dass die Korrespondentennetze für einen objektiven Überblick über das Weltgeschehen und das Geschehen der einzelnen Weltländer ausreicht. Demzufolge ist auch die Vermittlung eines umfassenden Bildes der deutschen Wirklichkeit gefährdet, wenn man unter deutscher Wirklichkeit auch die Wirklichkeitsvorstellungen der Deutschen über die restliche Welt versteht.
Grund dafür ist die Positionierung der Auslandsstudios, die einer „bündnispolitischen Gewichtung des Westens“ 30 einher gehen. In sekundärer Rangfolge verteilen sie sich auf den Ostblock und auf einige wenige Sitze in der dritten Welt. Allein für den Kontinent Afrika sind die ARD und das ZDF mit seinen jeweils in Kairo, Nairobi und Johannesburg befindlichen Auslandsstudios für insgesamt 53 Länder 31 deutlich unterrepräsentiert. Ebenfalls verwunderlich ist, dass allein das ARD-Auslandsstudio in Nairobi eine Berichterstattung aus über 40 Ländern in Ost-, Zentral- und Westafrika gewährleisten soll. Das beste Beispiel hierfür war die Berichterstattung über die Jemenkrise im Mai 1994. 32 Die Krise traf bei
27 ebd., S. 38
28 Korrespondentennetze aus den Internet-Domains ZDF.de und ARD.de
29 vgl. Hörburger 1996, S. 190
30 ebd., S.191
31 Brockhaus 1997
32 vgl. Hörburger 1996, S. 191
16
der deutschen Fernsehberichterstattung völlig überraschend ein und weder ZDF noch ARD waren anfangs in der Lage, ausreichende Informationen und notwendige Hintergrundberichte zu liefern.
5 Schlussbetrachtung
Es hat sich herausgestellt, dass die Medien, und mit ihnen auch das Fernsehen, ihre eigenen Wirklichkeiten konstruieren. Dennoch tragen sie grundlegend zur politischen Meinungsbildung und Vermittlung gesellschaftlicher und kultureller Werte bei und sind unter diesem Aspekt für die Gesellschaft sogar unabdinglich. Unter welchen Gesichtspunkten eine Verzerrung der Wirklichkeit durch die Medien stattfindet, konnte dargestellt und auf verschiedene Ursachen zurückgeführt werden. So zeigt sich, dass die Art und Weise des Erscheinens von Nachrichten durch Nachrichtenwerte festgelegt ist. Ebenso wurde veranschaulicht, wie der „Bezug zu Elite-Nationen“, der selbst auch einen Nachrichtenfaktor bildet, grundlegenden Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Auslandsberichterstattung genommen hat. Des weiteren ließen sich auch andere Einfluss-faktoren in der Verzerrung von Wirklichkeitsdarstellungen in den Medien (Fernsehen) aufzeigen. Nicht zuletzt tragen die Journalisten einer Verzerrung bei, indem sie durch eigene individualpsychologische Merkmale und organisatorische Zwänge die Nachrichtenselektion beeinflussen. Besonders auffällig sind hierbei private Medienunternehmen, die Wirklichkeit sogar vorsätzlich verzerren, um mit entsprechender Quote Zuschauer zu binden und folglich ihr eigenes Überleben sichern.
Im Fernsehbereich leisten die öffentlich-rechtlichen Programme den größten Anteil an verzerrungsfreier Wirklichkeitskonstruktion. Dennoch sind sie nicht unbelastet von äußeren Einflüssen. Ihre Aufgaben sind zwar gesetzlich verankert, dennoch nehmen journalistische Arbeitsprozesse auch auf ihre Berichterstattung Einfluss. Infolge dessen liegt am Ende die Verantwortung auch beim Rezipienten selbst, in kontroverser Haltung unterschiedliche Medien zu nutzen, um so einer eigenen Meinungsbildung über Gesellschaft und Wirklichkeit außerhalb seines erfahrbaren Horizontes nachzugehen. Diese Rechte werden ihm von staatlicher Seite gewährleistet und sind in Artikel 5 des Grundgesetzes ver- ankert.
17
6 Literatur
• Berger, L. Peter / Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. 5. Auflage, Frankfurt am Main 1980
• Wegener, Claudia: Reality TV. Fernsehen zwischen Emotion und Information. Opladen, 1994
• Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. 3. Auflage, Wiesbaden 2004
• Noelle-Neumann, Elisabeth / Schulz, Winfried / Wilke, Jürgen: Fischer Lexikon Publizistik / Massenkommunikation. Frankfurt am Main 2002
• Kunczik, Michael / Zipfel, Astrid: Publizistik. Köln / Weimar / Wien / Böhlau 2001
• Krüger, Udo Michael: Unterschiedliches Informationsverständnis im öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehen. In Media Perspektiven 7/2000, S. 278-296
• Ridder, Christa-Maria / Engel, Bernhard: Massenkommunikation 2000: Images und Funktionen der Massenmedien im Vergleich. In Media Perspektiven 3/2001, S. 102-125
• Hörburger, Christian: Krieg im Fernsehen. Tübingen 1996
• Bertelsmann: Der Brockhaus. Leipzig / Mannheim 1997
• ARD / ZDF: Homepages. 2004
Arbeit zitieren:
Sebastian Schlehofer, 2004, Wirklichkeitsdarstellung in den Medien - Eine Analyse von öffentlich-rechtlichem und privatem Fernsehen, München, GRIN Verlag GmbH
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