Inhaltsverzeichnis
1. Sigmund Freuds Konzept des „Unbewußten“ S.3
1.1 „Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse“ S.4
1.2 „Das Ich und das Es“ S.13
1.2.1 Die Einführung des „Ich“ auf Basis des ersten topischen Modells S.15
1.2.2 Das „Ich“ als „Grenzwesen“ zwischen Innen und Außen S.17
1.2.3 Das „Es“ als „großes Reservoir“ des Ich S.19
1.2.4 Das „Über-Ich“ S.19
1.2.5 Das „Ich“ und das „Es“ im Bann von Libido und Todestrieb S.22
1.2.6 Zu den Abhängigkeiten des „Ich“ S.25
2. Schluss S.26
Literaturverzeichnis
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„Das Unbewußte ist eine regelmäßige und unvermeidliche Phase in den Vorgängen, die unsere
psychische Tätigkeit begründen; jeder psychische Akt beginnt als unbewußter und kann entweder so
bleiben oder sich weiterentwickelnd zum Bewußtsein fortschreiten.“
(Sigmund Freud, in: Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse 1 , 1912)
1.Sigmund Freuds Konzept des „Unbewußten“
Ziel dieser Arbeit ist die Untersuchung von Freuds Begriff des „Unbewußten“. Dabei soll gezeigt werden, welche Rolle das „Unbewußte“ für die Theorie der Psychoanalyse spielt. Es sollen dafür zwei Schriften Freuds auf ihre Konzeption des „Unbewußten“ untersucht werden. Dabei werden Irene Berkels 2 , Cord Friebes 3 , Günter Göddes 4 und J. Laplanches und J.-B. Pontalis‘ 5 Untersuchungen zum Begriff des „Unbewußten“ bei Freud hinzugezogen.
Freuds Konzeption des Unbewußten war nie gleichbleibend, sondern unterlag einem „stetigen Inhaltswandel“ 6 . Laplanche und Pontalis stellen fest, dass „das Unbewußte“ als feststehender Begriff eines der von Freud in seiner ersten Theorie des psychischen Apparates beschriebenen Systeme ist 7 . Während in dieser ersten Theorie, der sogenannten ersten Topik, ab 1900 8 die Hauptunterscheidung innerhalb des psychischen Apparates die der Bereiche „unbewußt“, „vorbewußt“ und „bewußt“ ist, wendet sich Freud ab 1920 9 in seiner zweiten Topik von dieser Aufteilung und von einem substantivierten „Unbewußten“ ab und beschreibt das psychische Geschehen anhand der drei Instanzen „Es“, „Ich“ und „Über-Ich“ 10 . Ziel der folgenden Untersuchung von zwei Texten Freuds, die repräsentativ für die beiden Topiken stehen, ist zum einen die Funktionsweise und Interdependenzen der Systeme „Ubw“, „Bw“ und „Vbw“ und der Folgesysteme „Es“ , „Ich“ und „Über-Ich“. Vorrangig soll es jedoch darum gehen , auf welche Weise die Tatsache eines „Unbewußten“ dabei von Freud methodisch begründet und etabliert wird.
1 Freud, Sigmund, Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse, in: Fischer-
Studienausgabe, Band III, Frankfurt a. M. 1969, S.33
2 Berkel, Irene: Sigmund Freud, Paderborn 2008.
3 Friebe, Cord: Theorie des Unbewußten, Würzburg 2005.
4 Gödde, Günter: Traditionslinien des „Unbewußten“, Tübingen 1999.
5 J. Laplanche/J.-B. Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse, Frankfurt a. M. 1972.
6 Gödde, Traditionslinien, a.a.O., S. 11
7 Laplanche/Pontalis, „Unbewußt, das Unbewußte“, a.a.O., S.562
8 Laplanche und Pontalis sehen das siebte Kapitel der 1900 geschriebenen „Traumdeutung“ als erste Schrift der
ersten topischen Konzeption des psychischen Apparates an, in: Ebenda, S.505; Gödde spricht ebenfalls von der
erstmaligen Einführung des „Unbewußten“ als „terminus technicus“ mit Freuds Schrift der „Traumdeutung“, in:
Gödde, Traditionslinien, a.a.O., S.17
9 Ebenda, S. 507
10 Laplanche/Pontalis, „Topik, topisch“, Ebenda, S.503
3
Vor allem der Aufsatz „Das Ich und das Es“ gehört zu Freuds sogenannten metapsychologischen Schriften. Unter metapsychologisch vorgehenden Analysen versteht Freud Modellbeschreibungen wie die eines fiktiven „in Instanzen geteilten psychischen Apparates“ 11 , die nicht auf der Basis von Erfahrung, sondern ausschließlich theoretisch erarbeitet wurden. Was dies für die Definition des „Unbewußten“ bedeutet, wird sich im Folgenden genauer zeigen. Was an dieser Stelle interessant erscheint, ist Laplanches‘ und Pontalis‘ Hinweis darauf, dass Freud in seiner Metapsychologie den Versuch sah, „die metaphysischen“ Konstruktionen zu berichtigen, die wie der Aberglaube oder bestimmte Formen der Paranoia in äußere Mächte projizieren, was in Wirklichkeit zum Unbewußten gehört“ 12 . Ausgehend von dieser Metaphysikkritk soll im Folgenden besonders darauf geachtet werden, wie Freud seine psychoanalytische Methode von der philosophischen Gedankenwelt abgrenzt.
1.1 „Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse“ 13
Der Aufsatz aus dem Jahr 1912 ist laut „Editorischer Vorbemerkung“ der Fischer-Studienausgabe „eine der wichtigsten theoretischen“ 14 Schriften Freuds. Diese Einschätzung der Herausgeber sei darauf zurückzuführen, dass Freud in dem nur wenige Seiten umfassenden Aufsatz seinen ersten ausführlichen Versuch unternimmt, die „Hypothese“ von „unbewußte(n) seelische(n) Prozesse(n)“ zu begründen und die „Verwendung des Ausdrucks „unbewußt“ zu erläutern“ 15 . So lauten die einleitenden Worte Freuds, er wolle „möglichst klar darlegen, welcher Sinn dem Ausdruck „Unbewußtes“ in der Psychoanalyse, nur in der Psychoanalyse, zukommt“ 16 . Die hier bewusst gewählte Redundanz im Verweis auf die Psychoanalyse gibt gleich zu Beginn des Aufsatzes Aufschluss über den theoretischen Rahmen, in dem Freud sich bewegen - und nicht bewegen will. Er bereitet damit zwei Textstellen vor, in denen er seine Theorie vom „Unbewußten“bereits in ihrer Entstehung -von der Philosophie abgrenzt.
Freud beginnt seinen Aufsatz mit der Grundbeobachtung, dass „eine (mentale) Vorstellung“ in einem Moment noch „in meinem Bewußtsein gegenwärtig sein und im nächsten Augenblick (bereits) daraus verschwinden“ 17 kann. Das Verschwinden und Wiederkehren
11 Laplanche/Pontalis, „Metapsychologie“, a.a.O., S.307
12 Ebenda S.308
13 Sigmund Freud, Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse (mit
Editorischer Vorbemerkung), a.a.O., S. 25-36
14 Ebenda, S.28
15 Ebenda, S.28
16 Ebenda, S.29
17 Ebenda, S.29
4
derselben Vorstellung, oder allgemein desselben „psychischen Elements“, führt Freud zu der Annahme eines Ortes, in dem sich diese Vorstellung zwischenzeitlich aufhalten muss, während sie nicht vom Individuum erinnert wird. Dieser Ort, dessen Lokalität Freud zunächst nur mit „Seelenleben“ und „Geist“ angibt, stellt er dem Bewußtsein gegenüber. Im Bewußtsein hingegen, hielten sich die Vorstellungen „latent“ auf, wenn sie von uns erinnert werden. Freud operiert hier zwar mit traditionell philosophischen Begriffen (Seele, Geist, Bewußtsein), doch nur das „ Bewußtsein“ gibt ihm dazu Anlass, seine Verwendung des Begriffes von der philosophischen abzugrenzen. Er führt dazu den möglichen Einwand der Philosophie an, „daß die latente Vorstellung“, von der er spricht, „nicht als Objekt der Psychologie vorhanden gewesen sei, sondern nur als physische Disposition für den Widerablauf desselben psychischen Phänomens“ 18 . Diese angebliche Weigerung der Philosophie, den psychischen Apparat differenzierter betrachten zu wollen, könne nur aufrechterhalten werden, weil „eine solche Theorie (…) das Problem (der Psychologie) einfach umgeht, indem sie daran festhält, dass „bewußt“ und „psychisch“ identische Begriffe sind“ 19 . Wie Gödde hervorhebt, bezieht sich Freud damit auf die philosophische Tradition Decartes‘, der das Bewußtsein mit der Seele gleichsetzt und damit alles Psychische 20 ins Bewusste verlagert 21 . Wie Laplanche und Pontalis herausstellen, stellt Freuds Reaktion auf diese traditionelle philosophische Auffassung eine Grundannahme der psychoanalytischen Theorie dar, nämlich die Ablehnung, „das Gebiet des Psychischen durch das Bewußtsein zu definieren“ 22 . An dieser Stelle soll versucht werden, Freuds bisheriges methodisches Vorgehen zu verstehen. Freud sagt weiter, daß die Philosophie „offenbar im Unrecht ist, wenn sie der Psychologie das Recht bestreitet, eine ihrer gewöhnlichsten Tatsachen, wie wollen.“ 23 das Gedächtnis, durch ihre eigenen Hilfsmittel erklären zu
Wie Freud hier argumentiert, wenn er auf die eigenen psychologischen Hilfsmittel verweist, thematisiert Friebe im Rahmen seiner Auseinandersetzung mit den Thesen Adolf Grünbaums, der die Psychoanalyse mit philosophischen Mitteln kritisiert. Grünbaum behaupte, Freud entwickle mit seiner generellen methodischen Vorgehensweise ein
18 Sigmund Freud, Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse (mit
Editorischer Vorbemerkung), a.a.O., S.29
19 Ebenda, S.29
20 Die hier vorgenommene Gleichsetzung von Seele und Psychischem, erklärt sich über die vor Descartes
geltende Seelenlehre, gemäß der hinter dem Bewußtsein eine substantielle Seele als Trägerin der psychischen
Vorgänge angenommen wurde, in: Gödde, Traditionslinien, a.a.O., S.179
21 Ebenda, S.179
22 Laplanche/Pontalis, „Bewußtheit - Bewußtsein“, a.a.O., S.97
23 Sigmund Freud, Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse (mit
Editorischer Vorbemerkung), a.a.O. S.29
5
„Immunisierungsmanöver“ 24 gegen jede Art von theoretisch ansetzendem Einwand gegen die Psychoanalyse. Ein Symptom werde „zunächst theorieunabhängig beschrieben“, anschließend würde eine Ursache dafür behauptet und diese dann „gegen den Nachweis immunisiert, daß etwas ganz anderes als Ursache zu gelten hat, indem er diesen Nachweis unter Verwendung psychoanalytischer Theorie „widerlegt““ 25 . Dieses von Grünbaum behauptete Schema kann ansatzweise auch im bisher geschilderten Argumentationsverlauf von „Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse“ wiederentdeckt werden. An die Stelle der Beschreibung eines Symptoms tritt die Beobachtung einer dem Bewusstsein entschwundenen und wieder auftauchenden Vorstellung. Die Behauptung eines „Ortes“, an dem sich diese Vorstellung vorübergehend aufgehalten hat, gibt die Ursache dieser Beobachtung an. Schließlich erfolgt die „Immunisierung“ gegenüber möglicher Einwände der Philosophie unter Entgegnung der These eines vom Psychischen unterschiedlichen Bewussten. Nach Grünbaum gleicht Freuds Art der Abgrenzung von der Philosophie mehr einer demonstrativen Setzung seiner Thesen, denn einer argumentativen Entkräftung von vorhergehenden Auffassungen. Denn tatsächlich behandelt Freud das angesprochene philosophische Problem eines dem Bewußtsein zugehörigen Psychischen nicht länger, als es dazu bedarf, seine These vom separat des Bewusstseins vorhandenen „Unbewußten“ zu postulieren.
Bevor hier auf Friebes Einwände gegen Grünbaums negative Einschätzung der psychoanalytischen Theoriefindung eingegangen wird, soll die zweite Behandlung eines philosophischen Einwandes durch Freud im Text untersucht werden. Zunächst umreißt dieser jedoch die benannten psychischen Wesenheiten „Bewußtes“ und „Unbewußtes“ näher. Die Vorstellung, die „wir im Bewußtsein (…) wahrnehmen“, soll fortan „bewußt“ genannt werden. Jene, die nur „latent“ aber mit Sicherheit irgendwo „im Seelenleben (…) wie (dem) Gedächtnis“ vorhanden ist, heißt fortan „unbewußt“ 26 . Freuds Definition einer „unbewußten Vorstellung“ erscheint dabei beeindruckend vage:
„Eine unbewußte Vorstellung ist dann eine solche, die wir nicht bemerken, deren Existenz wir aber
trotzdem auf Grund anderweitiger Anzeichen und Beweise zuzugeben bereit sind.“ 27
Den Eindruck einer zunächst „uninteressant deskriptiven“ oder „klassifikatorischen“ Definition entkräftet er jedoch zugleich, indem er eine weitere empirische Beobachtung
24 Cord Friebe, Theorie des Unbewußten, a.a.O., S.20
25 Ebenda, S.20
26 Sigmund Freud, Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse (mit
Editorischer Vorbemerkung), a.a.O., S.29
27 Ebenda, S.29
6
anführt, die eine Unterscheidung zwischen „unbewußt“ und „bewußt“ eindrücklich machen soll: die Erkenntnisse aus dem „Experiment der posthypnotischen Suggestion“ 28 . Die Tatsache, dass ein zuvor Hypnotisierter nach Erwachen eine Handlung ausführt, die ihm während der Hypnose befohlen wurde, sich an den Befehl zur Handlung aber nicht mehr erinnern kann, beweist für Freud, „dass der Vorsatz im Geiste jener Person in latenter Form oder unbewußt vorhanden war, bis der gegebene Moment kam, in dem er dann bewußt geworden ist“ 29 . Anhand dieser Situation eines zur Handlung gewordenen unbewussten Gedankens, lässt sich für Freud eine finale und entscheidende Differenzierung der psychischen Begebenheit des „Unbewußten“
Fähigkeit, „wirksam“ 30 werden zu können. feststellen, nämlich dessen
Diese Feststellung wirksamer unbewusster Vorstellungen ist Bedingung von Freuds nun folgender zentraler These, die er anhand seiner früheren Forschungen zur Hysterie noch einmal untermauert. Diese Haupt-These seines Aufsatzes besagt, dass das „Vorwalten wirksamer unbewußter Ideen“ in der therapeutischen Situation der Analyse „als das Wesentliche (…) aller anderen Formen von Neurosen enthüllt“ 31 wird. Es kann demzufolge festgehalten werden, dass die Annahme eines „wirksamen Unbewußten“ für Freud als theoretisches und praktisches Grundgerüst seiner psychoanalytischen Theorie fungiert. Gödde bezeichnet „das Unbewußte“ als „wissenschaftliche Basisannahme“ 32 Freuds. Freud formuliert später im Text, „das Unbewußte“ sei eine „regelmäßige und unvermeidliche Phase begründen“ 33 in den Vorgängen, die unsere psychische Tätigkeit
Die nicht vorselektierte, ‚freie Assoziation‘ von Gedanken, wird später von Freud als direkter therapeutischer Weg zum „Unbewußten“ und der Aufdeckung von dessen Inhalten angesehen Behandlung“ 34 erhoben 35 . und „zur Grundregel der psychoanalytischen
Der philosophische Zweifel an der „Existenz eines unbewußten Gedankens“ 36 , welcher eine Bedrohung von Freuds Grundannahme darstellt, ist deshalb auch Thema seiner erneuten Auseinandersetzung mit der Philosophie. Der philosophische Einwand, den Freud beschreibt,
28 Sigmund Freud, Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse (mit
Editorischer Vorbemerkung), a.a.O., S.30
29 Ebenda, S.30
30 Ebenda, S.31
31 Ebenda, S.31
32 Gödde, Traditionslinien, a.a.O., S.189
33 Sigmund Freud, Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse (mit
Editorischer Vorbemerkung), a.a.O., S.33
34 Irene Berkel, a.a.O., S.16
35 Laut Laplanche und Pontalis ist die „Methode der freien Assoziation dazu bestimmt, eine determinierte
Ordnung des Unbewußten hervorzuheben“, in: Laplanche, Pontalis, “Assoziation, freie“, a.a.O., S.79
36 Sigmund Freud, Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse (mit
Editorischer Vorbemerkung), a.a.O., S.32
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Anne Breimaier, 2008, Sigmund Freuds Begriff des „Unbewußten“, München, GRIN Verlag GmbH
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