1 Einleitung
Schon seit Anfang des 13. Jahrhunderts wurde das so genannte „Weiße Porzellan“ von den europäischen Fürstenhöfen zu hohen Preisen aus China importiert, wo man schon 4 Jahrhunderte vorher mit dem Brennen von Hartporzellan begonnen hatte. August der Starke, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, war fasziniert von den Tassen und Gefäßen aus Fernost, die die zahlreich in Mode gekommenen Genussgetränke besser zur Geltung kommen ließen. Er dachte, käme er hinter das Geheimnis des Porzellans, würde er seinen Rivalen in Sachen Prunkentfaltung und Selbstdarstellung voraus sein. Dieses Ziel wurde 1708 durch die Fertigstellung des ersten weißen europäischen Hartporzellans erreicht und gewann in den darauffolgenden Jahren immer mehr an Bedeutung (vgl. Pietsch 2000, S.9 ff). Mit welchen Strategien schaffte es die Porzellanmanufaktur Meissen bis in die Moderne ihre Existenz zu sichern?
Nach einem Blick auf die Entstehungsgeschichte der Meissener Porzellanmanufaktur soll zunächst kurz der Wettstreit der zwei berühmtesten Künstler der Meissener Geschichte beschrieben werden. Anschließend wird über die Strategien der Manufaktur Meissen zur Existenzsicherung von Anfang an berichtet, wobei hinsichtlich zur Fragestellung ein besonderes Augenmerk auf die Existenzsicherung in der Moderne gerichtet wird. Abschließend folgt die chronologisch dargestellte Geschichte der Manufaktur Meissen, um einen übersichtlichen Eindruck über den Werdegang der Manufaktur zu erlangen. Besonders wichtig für diese Arbeit waren die Bücher von Ulrich Pietsch und Bettina Schuster. Ein besonderer Dank geht an den erfahrenen Sammler Erwin Anneessen, der mir in einem Interview die Gründe der Faszination der Sammler darstellte und mit interessanten Informationen zu dieser Facharbeit beitrug (vgl. Anhang Interview). Aufgrund der unterschiedlichen Namensgebung der Manufaktur Meissen und der Stadt Meißen, bezieht sich in meinem Text die Schreibweise Meissen auf die Manufaktur. Zudem bin ich aufgrund der begrenzten Seitenzahl der Facharbeit sowie der mir vorgegebenen Fragestellung nicht weiter auf die verschiedenen Herstellungsvorgänge eingegangen.
2 Entstehungsgeschichte der Meissener Porzellanmanufaktur
Es war um das Jahr 1295 als man in Europa zum ersten Mal durch den venezianischen Kaufmann und Fernost-Reisenden Marco Polo von einem geheimnisvollen Material hörte, aus dem man im fernen China Gefäße von einzigartiger Schönheit fertigte. Als sich diese Gefäße
mit Beginn des 17. Jahrhunderts über die ersten europäischen Märkte zunehmend verbreiteten, hatte deren Werkstoff jedoch noch keinen Namen (vgl. Friedel 1993, S.12). Zu dieser Zeit galt Porzellan als Inbegriff von erlesenem Geschmack und wurde praktisch mit Gold aufgewogen, welches dem weißen Porzellan auch zu seinem Synonym „Weißes Gold“ verhalf (vgl. Internet 2). Schon immer war es zwischen Herrscherhöfen üblich gewesen diplomatische Geschenke, zur Pflege politischer Beziehungen, einzusetzen.
Porzellangeschenke nahmen eine besondere Stellung ein (vgl. Burg 2004, S.9), da in den Tassen und Gefäßen aus Fernost, die zu der Zeit neu aufkommenden Genussgetränke wie Tee, Kakao oder Kaffee, viel besser zur Geltung kamen (vgl. Internet 2). Diese allgemeine Begeisterung für das chinesische Porzellan, im Zuge der Chinamode, weckte auch bei Friedrich August dem Starken seine Leidenschaft für dieses kostbare und exotische Luxusprodukt. Daraufhin wollte er im Jahre 1727 das so genannte Holländische Palais in ein Porzellanschloss, später aufgrund des dort angesammelten fernöstlichen Porzellans auch Japanisches Palais genannt, umwandeln, um seine wertvollen Schätze dort unterzubringen (vgl. Pietsch 2006, S.5). Diese sehr kostspielige Sammelleidenschaft des Königs hatte zur Folge, dass sie die Staatsfinanzen zu ruinieren drohte. Es gab nur einen Ausweg: Man musste jemanden finden, der entweder Gold oder Porzellan herstellen konnte! Aus diesem Grund nahm August der Starke im Jahre 1701 den Apothekergesellen und angeblichen Alchemisten 1 Johann Friedrich Böttger fest, der sich aufgrund seiner vorgetäuschten Goldmacherfähigkeit auf der Flucht aus Berlin vor dem Preußenkönig befand und in Wittenberg sächsisches Gebiet betreten hatte. August der Starke hoffte durch den angeblichen Alchemisten an Gold zu gelangen, um sich weiterhin sein kostspieliges Vergnügen leisten zu können. Er überführte jedoch den Betrüger und zwang ihn daraufhin, zusammen mit dem Mathematiker und Physiker, Johann Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, der sich schon seit 1699 mit Versuchen zur Nachahmung des chinesischen Porzellans beschäftigt hatte und dem Freiberger Bergrat Gottfried Pabst von Ohain, keramische Versuche durchzuführen, um das Geheimnis der chinesischen Porzellanrezeptur zu enträtseln. Innerhalb kürzester Zeit baute Böttger einen Manufakturbetrieb auf (vgl. Pietsch 2000, S.9 f.), dessen Sitz sich zunächst in der Albrechtsburg in Meißen befand, da diese als sehr sicher galt, um das Geheimnis, des von Böttger im Herbst 1707 erfundenen roten Feinsteinzeugs, auch Böttgersteinzeug genannt, zu bewahren. Dieses rote Feinsteinzeug, aufgrund der mit einem
1 Als Alchemist galt jemand, der im Mittelalter Versuche durchführte, um unedle Stoffe in edle, besonders in
Gold, zu verwandeln (vgl. Dr. Wermke 2007, S.48).
Halbedelstein Jaspis vergleichbaren Härte, auch Jaspisporzellan genannt, war der Vorläufer des weißen Porzellans. Es konnte poliert, geschliffen, sowie geschnitten werden. Seine rote Farbe entstand durch das von Böttger verwendete eisenhaltige Material. Bereits ein Jahr später experimentierte Böttger mit dem Material Kaolin 2 , sodass er im Jahre 1709 seine Erfindung des weißen Porzellans dem König in einem Memorandum offiziell vorstellen konnte. Das chinesische Porzellan war der Auslöser, um das Geheimnis der Zusammensetzung dieses Porzellans zu lüften. Das erste europäische Porzellan gestaltete sich allerdings als eine komplett eigenständige Neuerfindung, da es aus einer ganz anderen Zusammensetzung bestand. Das Meissener Porzellan glich zwar von seiner Qualität dem des asiatischen Porzellans, welches August der Starke in seinem Porzellanschloss sammelte, es war allerdings unübertroffen in seiner Formgestaltung sowie in seiner Verzierung (vgl. Schuster 2008, S.34 ff), sodass August der Starke hierfür einen besonderen Platz in seinem Porzellanschloss auswählte (vgl. Pietsch 2006, S.5). Nachdem Böttgers Erfindungen wissenschaftlich untersucht und anerkannt wurden (vgl. Pietsch 2008, S.25 f.), erfolgte am 23. Januar 1710, per Dekret, die öffentliche Bekanntgabe der Gründung der Porzellanmanufaktur Meissen, mit Sitz in der Albrechtsburg, wo Böttger als Administrator fungierte (vgl. Internet 1). Aufgrund des großen Erfolges erhielt Böttger im Jahre 1714 offiziell seine Freiheit zurück. Er arbeitete noch freiwillig bis zu seinem Tod im Jahre 1719 in der Manufaktur (vgl. Schuster 2008, S.124). Im Jahre 1861 folgte ein Standortwechsel der Manufaktur ins Meißener Triebischtal, wo sie bis heute noch erfolgreich existiert (vgl. Schuster 2008, S.126).
3 Der Wettstreit der herausragensten Künstler der Meissener Porzellanmanufaktur Einer der Geheimnisträger der Zusammensetzung des Meissener Porzellans, Samuel Stöltzel, verriet 1719 diese an eine Wiener Porzellanmanufaktur, um so Ruhm zu erlangen, was jedoch misslang. Am 16. Mai 1720 brachte Stöltzel den begabten Maler Johann Gregorius Höroldt aus Wien nach Meissen, um damit sein Vertrauen zum König wieder herzustellen. August der Starke verschonte ihn, da nun seine Wiener Konkurrenz durch den Verlust Höroldts geschwächt war (vgl. Pietsch 2000, S.10). Höroldt, der 1696 als Sohn eines einfachen Schneiders in Jena zur Welt kam, veränderte nicht nur das Künstlerische der Manufaktur Meissen, sondern brachte auch einige technische und organisatorische Neuerungen mit ein.
2 Kaolin ist ein feines, eisenfreies, weißes Gestein, das als Hauptbestandteil Kaolinit, ein Verwitterungsprodukt
des Feldspats, enthält. Es wird hauptsächlich in der Papier- und Porzellanherstellung verwendet (vgl. Internet 4).
Zudem gab er der Manufaktur nicht nur ein Markenzeichen in Form der Kurschwerter 3 aus dem Kursächsischen Wappen, er führte ebenfalls einen bis heute beliebten Dekorstil, die Chinoiserie 4 , ein, der das Porzellan kostbar und elegant wirken lässt. Höroldt dekorierte die Tassen, Becher und Kannen mit Chinesenfiguren, die der damaligen Chinamode entsprachen, wobei er darauf achtete relativ unabhängig vom echten chinesischen Dekor zu bleiben (vgl. Rückert 1982, S.38 f.). Zudem begann sich die Manufaktur Meissen zur Zeit Höroldts intensiv mit der blauen Unterglasurmalerei 5 zu beschäftigen, die ihm jedoch wenig Entfaltungsfreiraum für sehr feine Dekore ließ. Sein Ehrgeiz führte dazu, dass er sich trotzdem berühmte Chinoiserien mit diesem neuen Verfahren zu entwerfen (vgl. Röntgen 2004, S.21 f.).
Nachdem der Lehrling Johann Joachim Kaendler im Jahre 1730 während seiner Ausbildung sehr positiv aufgefallen war, wurde er nur ein Jahr später von August dem Starken persönlich nach Meißen befohlen. Der junge Hofbildhauer erkannte sofort die Eigenheiten des neuen Werkstoffes Porzellan und stellte daraus in schneller Folge eine Vielzahl an lebensgroßen Tierplastiken her (vgl. Friedel 1993, S.67). Das war der Beginn der 44-jährigen Karriere des in Fischbach, nahe Dresden, im Jahre 1706 geborenen Pfarrsohns. Kaendler erfand einen eigenen plastischen Stil, wodurch das Meissener Porzellan sich endgültig vom chinesischen Porzellan abhob (vgl. Rückert 1989, S.49 ff).
Kaendler geriet in einen Wettstreit mit dem Maler Johann Gregorius Höroldt, der sich nun auch mit der Porzellanherstellung versuchte. Kaendler schrieb, aufgrund Höroldts Unfähigkeit, einen Beschwerdebrief an die Manufakturkommission. Das führte dazu, dass Höroldt nun unter Aufsicht arbeiten musste und Kaendler, aufgrund seines Erfolges, die komplette Aufsicht über die Porzellanherstellung erhielt. Höroldt blieb im Jahre 1763 nur noch die Aufsicht über die Farbenherstellungen. 1765 erkrankte er und verbrachte seine restlichen 10 Lebensjahre als einfacher Pensionist in Meißen. 1775 starben beide Künstler, die der Manufaktur Meissen die bis heute kostbarsten Stücke erschaffen hatten. (vgl. Pietsch 2000, S.15). Bis heute gelten beide als die genialsten Künstler, die je in der Manufaktur Meissen gearbeitet haben. Unter Sammlern sind die Originalstücke aus dieser Zeit das
3 (vgl. Bilderanhang Kurschwerter)
4 Chinoiserie ist der Begriff für (Kunst-) Gegenstände mit Verzierungen nach chinesischem Vorbild (vgl.
Internet 5).
5 Unterglasurmalerei ist die Bemalung von Keramiken, bevor man die Glasur aufbringt (vgl. Internet 5).
Begehrteste und nur mit guten Beziehungen zu erwerben, sodass es schon ein Glücksfall für Sammler ist, wenn ein Replikat neu aufgelegt wird und man dies erhält (vgl. Anhang Interview).
4 Strategien zur Existenzsicherung der Meissener Manufaktur von der Gründung bis zur Moderne
4.1 Luxusbedürfnisse der damaligen Hofgesellschaft
Durch die seit dem Spätmittelalter aufkommende Chinamode in Europa und somit der Ursprung für die Bemühungen, um die Nachahmungen des Porzellans zu übernehmen (vgl. Schuster 2008, S.34), wurden in der Manufaktur Meissen zunächst Formen und Dekore ganz einfach aus dem Fernosten übernommen, sodass Fabelwesen und Motive aus der fernöstlichen Mythologie diese Porzellane schmückten. Johann Gregorius Höroldt wollte mit seinen Chinoiserien die beliebte Traumwelt des Europäers vom ostasiatischen Paradies im 18. Jahrhundert darstellen, womit er zusammen mit der Entwicklung der Schmelzfarben 6 , die dem Porzellan strahlende Schönheit verschafften, die Erwartungen der Europäer übertraf (vgl. Schuster 2008, S.38 f.). Im Jahre 1728 wurde erstmalig ein Service als geschlossenes Ensemble mit einheitlichem Dekor fertig gestellt. Besonders beliebt war es bei den Hofgesellschaften ein Service mit dem Wappen des jeweiligen Besitzers zu dekorieren (vgl. Schuster 2008, S.40). Schon immer war es zwischen Herrscherhäusern üblich gewesen, diplomatische Geschenke zur Pflege der politischen Beziehungen einzusetzen, wobei Porzellan nun einen hohen Stellenwert einnahm (vgl. Pietsch 2004, S.9). Bei Tisch wurde der Nachbar nach seinem Porzellan eingestuft, denn es hieß, „Wie der Herr, so sein Geschirr“ (vgl. Schuster 2008, S.41). Zudem kam in Europa eine neue Mode, in Form von Genussgetränken auf, die in Porzellangefäßen nicht nur viel besser zur Geltung kamen (vgl. Internet 2), sondern aufgrund ihrer Henkel auch vorm Verbrennen der Hände während des Einschenkens und Trinkens schützten (vgl. Schuster 2008, S.42). Ende des 18. Jahrhunderts entstand Kaendlers berühmtes Dekor „Zwiebelmuster“, welches schon 1715, von August dem Starken in Auftrag gegeben wurde, da die blaue Unterglasurfarbe des Zwiebelmusters seiner Meinung nach der Farbe eines Königs entsprach und sie klar, kontrastreich, sowie elegant wirke (vgl. Röntgen 2004, S.7). Die Grundelemente entsprachen exotischen Blüten und
6 Schmelzfarben bestehen aus einem Farbmittel aus gemahlenem Glas, dem zur Farbgebung Metalloxide
beigemengt werden. Da sie bei Keramiken auf die Glasur aufgebracht werden, heißen sie auch Überglasurfarbe
(vgl. Internet 5).
Arbeit zitieren:
2009, Porzellanmanufaktur Meissen , München, GRIN Verlag GmbH
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