Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Das aporetische Verhältnis von Substanz und Allgemeinem. 3
2.1 Das Problem des wissenschaftlichen Anspruchs. 3
2.2 Die drei Prämissen des hermeneutischen Dilemmas. 4
3 Zwei Lösungsversuche 7
3.1 Das allgemeine εἶδος 7
3.2 Das individuelle εἶδος. 9
4 Das εἶδος weder individuell noch allgemein betrachtet 11
5 Fazit 14
Literaturverzeichnis 15
1 Einleitung
Aristoteles steht mit dem Versuch der Überwindung der Platonischen Ideenlehre vor einer seiner größten Herausforderungen. Manch ein Exeget behauptet gar, er sei in dieser Unternehmung gescheitert und letztendlich zum Platonismus zurückgekehrt. 1 Das Problem, dem sich Aristoteles gegenüber sieht, ist ein Erkenntnisproblem: Die Frage nach der Erkenntnismöglichkeit von Substanz und Form. Die Aporie ergibt sich aus dem mit dieser Frage verknüpften Verhältnis von Einzelding und Allgemeinem; denn nur vom Allgemeinen könne es Erkenntnis geben. Was aber allem zugrunde liegt, insofern alleiniger Erkenntnisgegenstand sein kann, ist allein das Einzelne. Er selbst nennt sie die „schwierigste und am notwendigsten zu erörternde Frage“ (Met. B 4, 999a24 f.).
Mein Impetus in dieser Arbeit richtet sich auf den Versuch einer prägnanten Darstellung der hermeneutischen Schwierigkeiten der Explikation zur Substanz- und Formerkenntnis in den unter dem Titel Metaphysik zusammengefassten Schriften und einer synoptischen Betrachtung verschiedener Interpretationsansätze zur Lösung des Problems. Stützpfeiler dieser Unternehmung soll eine hinsichtlich der Fragestellung aspektorientierte Diskussion des Buches Z der Metaphysik und ebenda vorwiegend der im 13. Kapitel diskutierten Frage nach dem Verhältnis von Substanz und Allgemeinem sein.
Die Arbeit erfolgt in drei Sequenzen: Zunächst soll die Vorraussetzung der Problematik und das hermeneutische Dilemma der Metaphysik anhand einer Prämissenüberprüfung der Aristotelischen Überlegungen geklärt werden. In einer zweiten Sequenz sollen zwei sich antithetisch gegenüberstehende Lösungsansätze des erläuterten Problems vorgestellt werden, die zwar wichtige Erkenntnisschritte zur Lösung des Problems erbringen, jedoch aufgrund eklatanter Widersprüche nicht als endgültige Lösung gelten können. In der abschließenden Sequenz soll ein dritter Lösungsansatz vorgestellt werden, der den Versuch unternimmt, einen Mittelweg zwischen den Widersprüchen der vorangegangenen Ansätze hindurch und aus ihnen heraus zu finden.
1 Vgl. z.B. HIRSCHBERGER 1979, Bd. I, S. 191 ff.
2
2 Das aporetische Verhältnis von Substanz und Allgemeinem
Wenn es nämlich nichts gibt neben den einzelnen Dingen, die einzelnen Dinge aber unendlich viele, wie ist es dann möglich, von den unendlichen Dingen Wissenschaft zu erlangen? Denn nur insofern erkennen wir alles, als es etwas Eines und Identisches gibt und ein Allgemeines vorliegt. (Met. B 4, 999a24-29)
Unbestritten kann dieser Einleitung zur 8. Aporie des Problemkatalogs der Metaphysik nachgesagt werden: Aristoteles war sich des aporetischen Verhältnisses von Substanz und Allgemeinem bewusst und versucht es aufzulösen. Uneinig ist man sich in der Forschung hingegen darüber, ob und wenn, auf welche Weise ihm dies gelang. Dieses hermeneutische Problem hat seinen Ursprung darin, dass es so scheint, Aristoteles behalte alle ein Dilemma konstituierende Prämissen bei. In diesem Abschnitt will ich daher auf jene problematische Ausgangslage näher eingehen, indem ich zunächst darlege, woraus sich die Problematik überhaupt ergibt, um darauf aufbauend das hermeneutische Dilemma vorzustellen.
2.1 Das Problem des wissenschaftlichen Anspruchs
Wenn eine wissenschaftliche Betrachtung von Erfolg sein soll, so versucht sie notwendig etwas zu treffen, das allgemeine Gültigkeit besitzt. Das setzt voraus, dass es etwas gibt, das allgemein gültig ist. Diese Grundprämisse aller Wissenschaftlichkeit macht auch Aristoteles zu Beginn seiner metaphysischen Schriftenreihe explizit: „Die Kunst [Wissenschaft - Anm. d. Vf.] entsteht dann, wenn sich aus vielen durch die Erfahrung gegebenen Gedanken eine allgemeine Annahme über das Ähnliche bildet.“ (Met. A 1, 981a5-7) Diese wichtige Prämisse birgt eine, für einen Wahrheitsliebenden schwere Entscheidung: Die Wahrheitssuche ist darum bemüht Wahrheiten über die Welt zu treffen. Wie im obigen Zitat deutlich geworden, wird auch von Aristoteles konstatiert, dass diese aus lauter Einzeldingen besteht. Jedoch ist dem formulierten Wissenschaftsprinzip nach etwas Allgemeines der Gegenstand der Erkenntnis. Hiernach muss entweder eine ontologische Parallelwelt zu den Einzeldingen angenommen oder aber die Möglichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis überhaupt bestritten werden. Platon sah keine Möglichkeit dieser Entscheidung aus dem Weg zu gehen und entschied sich bekanntlich für ersteres. 2 Obwohl Aristoteles diese Entscheidung ablehnt, so
2 Die Opposition zu seiner hierfür entwickelten Ideenlehre, die Dementierung der Möglichkeiten wissen-
schaftlicher Erkenntnis, ist in der sophistischen Tradition zu finden. Von dieser versuchte sich Platon ve-
3
schlägt er sich doch nicht auf die Seite der Opposition. Die maßgeblich in den Büchern Z und H der Metaphysik explizierte Substanzlehre soll ein Konzept liefern, wissenschaftliche Erkenntnis nicht abstreiten zu müssen, ohne eine neben der Welt der Einzeldinge bestehende Welt der Universalien anzunehmen. Doch dieses Konzept birgt, wie bereits angesprochen, ein erhebliches Interpretationsproblem durch scheinbare Beibehaltung drei sich widersprechender Prämissen, die an dieser Stelle skizziert werden sollen.
2.2 Die drei Prämissen des hermeneutischen Dilemmas
Die erste Prämisse betrifft die Bestimmung der Substanzen: Eine Substanz im vorzüglichen (μάλιστα; Cat. 5, 2a11) Sinne, so ist es in der Kategorienschrift (Kategorien) expliziert, sei dadurch gekennzeichnet, dass sie, gegenüber allem anderen Seienden, am meisten selbstständig seiend sei. Aristoteles bezeichnet sie als erste Substanz (πρώτη οὐσία; vgl. ebd.). Dieses Verständnis ergibt sich aus einer vorwiegend sprachphilosophischen Betrachtung zwei möglicher Prädikationsweisen innerhalb einer Proposition der Form ‚S ist P‘, 3 von denen vier Selbstständigkeitsgrade abgeleitet werden (vgl. Cat. 2, 1a16-1b9). Das am meisten selbstständig Seiende sei das, was weder in der einen noch in der anderen Weise von einem Subjekt prädiziert werden könne (vgl. Cat. 5, 2a11-14). Der Name einer Substanz kann hiernach also nie Prädikat, sondern nur Subjekt einer Proposition der Form ‚S ist P‘ sein. Da nur die Namen einzelner Dinge selbst nicht von etwas anderem prädiziert werden können, weil alles letztlich von ihnen prädiziert werde (vgl. Cat. 5, 2a34 f. u. 2b5 f.), hält Ross treffend fest: „Obviously […] Aristotle is thinking of substance as the individual thing.” 4 Dass Aristoteles von dieser vermutlich bereits früh entwickelten Position nicht abgerückt ist, wird durch folgende Konstatierung der Kontraposition in der Metaphysik deutlich: „Es scheint nämlich unmöglich zu sein, daß irgend etwas von dem, was als Allgemeines bezeichnet wird, Wesen sei.“ (Met. Z 13, 1038b8-9; vgl. auch Met. Z 16, 1041a3-5)
hement abzugrenzen. Programmatisch für diese Position steht der Homo- Mensura- Satz des Protagoras:
„Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“
3 Differenziert wird die essentielle von der akzidentiellen Prädikation, durch die Unterscheidung der
Inhärenzrelation von der Ausgesagt- werden- von- Relation (vgl. Cat. 2, 1a20-29). Essentiell prädizierbar
sei dieser Unterscheidung nach allein das, dessen Definition auf das Subjekt übertragbar sei, von dem es
prädiziert wird (vgl. Cat. 5, 2a19-34). Akzidentiell prädizierbar ist, aufgrund nur dieser zwei
Relationsmöglichkeiten der Prädikation, im Umkehrschluss das, was sinnvoll von einem Subjekt
prädiziert werden kann, ohne dass eine Transitivität der Definition vorliegt.
4 ROSS 1995, S. 171.
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Arbeit zitieren:
Raphael Borchers, 2010, Substanz- und Formerkenntnis, München, GRIN Verlag GmbH
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