Gliederung
I. Einleitung
II. Widerstand und Konformismus der katholischen Kirche im Dritten Reich diskutiert
anhand einer Untersuchung der Reaktion auf die Euthanasie durch Adolf Kardinal
Bertram und Clemens August Graf von Galen, Bischof von Münster
1. Euthanasie
1.1. Begriffserläuterung
1.2. Euthanasie im Nationalsozialismus
1.3. Bekanntwerden der NS-Euthanasie in der katholischen Kirche
2. Adolf Kardinal Bertram
2.1. Kurze Übersicht über sein Leben
2.2. Reaktionen auf die Euthanasie
2.3. Handlungsmotive
3. Clemens August Graf von Galen
3.1. Kurze Übersicht über sein Leben
3.2. Reaktionen auf die Euthanasie
3.3. Handlungsmotive
III. Zusammenfassende Betrachtung
IV. Quellenverzeichnis
V. Literaturverzeichnis
I. Einleitung
Im Zeitraum zwischen 1933 und 1945 wurde Deutschland von dem totalitären Regime des Nationalsozialismus unter Adolf Hitler beherrscht. Dieses System zielte unter anderem darauf ab, die christlichen Kirchen durch List und Täuschung erst auf dessen Seite zu ziehen, dann Schritt für Schritt durch Gleichschaltung zu entmachten, um schließlich den Nationalsozialismus zur Staatsreligion zu machen.
Das Regime fand in Deutschland viele Anhänger, allerdings gab es auch zahlreiche Einzelpersonen oder Organisationen, die sich der Unterdrückung entgegenstellten. Beides fand sich auch bei den Bischöfen der katholischen Kirche. Doch es ist durchaus nicht einfach, heute noch nachzuvollziehen, wie verschiedene Personen hinsichtlich des Nationalsozialismus eingestellt waren, bzw. aus welchen Gründen heraus sie handelten.
Anhand der Euthanasie im Nationalsozialismus soll im Folgenden diskutiert werden, ob sich, am Beispiel Adolf Kardinal Bertrams und Clemens August Graf von Galens, deutsche Geistliche dem Regime gegenüber konform oder oppositionell verhielten. Es soll untersucht werden, wie die Nachricht der Tötung unheilbar kranker Menschen das deutsche Episkopat erreichte, wie beide Geistliche reagierten und warum sie es genau auf diese Art und Weise taten. Die historische Forschung hat, trotz des Verlustes der Münchner Bischofsakten, auf viele Dokumente, Briefe und vor allem Predigten zurückgreifen können, die zwar nur einen recht kleinen Ausschnitt geben können, aber dennoch so aussagekräftig sind, dass auf die Motive der beiden Kirchenmänner geschlossen werden kann.
II. Widerstand und Konformismus der katholischen Kirche im Dritten Reich diskutiert anhand einer Untersuchung der Reaktion auf die Euthanasie durch Adolf Kardinal Bertram und Clemens August Graf von Galen
1. Euthanasie
1.1. Begriffserläuterung
Der Begriff „Euthanasie“ kommt ursprünglich aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie Sterbehilfe, womit Erleichterung des Endes eines mit Sichrehit und auf qualvolle Weise endenden Menschenlebens gemeint ist.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde dies vorallem mit der darwinistischen Idee vom „Kampf ums Dasein“ in Verbindung gebracht, wobei man von der Notwendigkeit sprach, die „Minderwertigen“, gerade nachdem im Krieg die „Wertvollen“ getötet wurden, zum Beispiel durch Sterilisierung auszumerzen.
Dabei weitete man den Kreis der Betroffenen imm weiter aus (z.B. auf Alkoholiker, Epileptiker, Psychopathen, Landstreicher, Verbrecher, Prostituierte, Körper- und Geistesschwache, Krüppel, etc.). Ein in der Weimarer Republik diskutiertes Sterilisierungsgesetz wurde dennoch abgelehnt. 1
1.2. Euthanasie im Nationalsozialismus
Adolf Hitler nahm diese Gedanken in sein Buch „Men Kampf“ auf, indem er andeutete, die Natur suche sich nur die Besten als „wert“ aus und vernichte die „Schwachen“. Der Wert des individuellen Lebens, eines Geisteskranken oder eines geistig gesunden unheilbar Kranken, wurde in einer Art „Kosten-Nutzen-Rechnung“ für die Allgemeinheit bestimmt. Mit konkreten Maßnahmen allerdings wartete die Spitze des nationalsozialistischen Regimes auf den Beginn des Zweiten Weltkrieges, da man in Friedenszeiten befürchtete, die Öffentlichkeit und das Ausland würden ungünstig reagieren. 2
An der Jahreswende 1938/39 bat ein Elternpaar namens Knauer Hitler, dem Leben ihres geistig schwer behinderten Kindes ein Ende machen zu dürfen. Später kam der Film „Ich klage an“ in die Kinos, dessen Handlung und Problemstellung auf die NS-Euthanasie einstimmen sollte. 3 Ab dem 18. August 1939 wurden Hebammen und Ärtze verpflichtet, mißgebildete Kinder zu melden, welche dann in sogenannte „Kinderfachabteilungen“ gebracht und dort durch Injektionen mit Morphium, Scopolamin, durch Beibringung von Luminal oder durch Verhungernlassen getötet wurden. 4
All dies geschah unter dem Vorwand des Krieges, man bräuchte Betten, Unterbringung und Ärtze für die Verwundeten aus der Schlacht. 5
Hitler erließ ein „Ermächtigungsschreiben“ für die Euthanasie in Deutschland, das auf den Kriegsbeginn zurückdatiert wurde, welches verfügte, „daß nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“ 6 , ein Gesetz wurde allerdings nie verabschiedet. Die Betroffenen wurden in verschiedene Lager gebracht (es gab insgesamt sechs
1 Kogon, Egon (Hrsg.): Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas. Eine Dokumentation. Frankfurt am Main, 1983, S. 27.
2 Ebd., S. 28.
3 Benz, Wolfgang (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus, 4. Auflage, München, 1997, S. 245.
4 Kogon, Egon: Nationalsozialistische Massentötungen, S. 29.
5 Benz, Wolfgang: Enzyklopädie, S. 245.
6 Ebd., S. 246.
Euthanasieanstalten, von denen jeweils vier immer gleichzeitig in Betrieb waren 7 ) und innerhalb sehr kurzer Zeit entweder durch Vergiften oder durch Gas getötet. Die Angehötigen erhielten einen kkurzen Brief mit der Mitteilung, der Patient sein unter natürlichen Umständen gestorben, die Asche sei gegen ein Entgelt zu erhalten. Obwohl die Tötungsaktionen strenger Geheimhaltung unterlagen, drangen dennoch Informationen an die Öffentlichkeit (dazu mehr unter 2.2.). 8 Nach dem 3. August 1941 wurde dem Euthanasieprogramm durch Führererlass offiziell Einhalt geboten, allerdings wurde eine sogenannte „wilde“ Euthanasie fortgesetzt. Der NS-Euthanasie fielen mehr als 70.000 Menschen zum Opfer, während der späteren „wilden“ Euthanasie starben schätzungsweise weitere 50.000 Menschen.
1.3. Bekanntwerden der NS-Euthanasie in der katholischen Kirche
Kirchliche Stellen erhielten nur allmählich und fragmentarisch Kenntnis von der „Aktion zur Vernichtung lebensunwerten Lebens“ der Nationalsozialisten. Es dauerte Monate, bis die rätselhafte Häufung plötzlicher Todesfälle von Geisteskranken keinen anderen Schluß mehr zuließ, als den einer planmäßigen Beseitigung.
Von Januar 1940 ab wurden zunächst die Heilanstalten in Pommern, Berlin/Brandenburg, Sachsen, Hamburg und Württemberg von der Abholaktion erfasst. Da dies Regionen mir ausschließlich oder überwiegend protestantischer Bervölkerung waren, waren evangelische Kirchenmänner Wochen oder gar Monate früher alarmiert als die katholischen Bischöfe. 9
Ende Juli 1940 erhielt Galen zweifelsfreie Informationen über die Tötung von Geisteskranken, die ihn aufgrund der Dringlichkeit des Erfahrenen veranlasste, Adolf Kardinal Bertram noch vor der geplanten Bischofskonferenz vom 20.-22. August 1940 darüber zu informieren. 10
2. Adolf Kardinal Bertram
2.1. Kurze Übersicht über sein Leben
Adolf Kardinal Bertram wurde am 14. März 1859 in Hildesheim geboren. Er besuchte bis 1877 das bischöfliche Gymnasium Josephinum, studierte anschließend Theologie in Würzburg und wurde Priester in der Diözese Hildesheim, später auch Diözesanbischof. 1886 übernahm er das Amt des Dombibliothekars, 1889 machte man ihn zum Assesor des Generalvikariates, 1893 zum Domvikar, 1894 zum Domkapitular, 1896 zum Generalvikariatsrat und 1905 zum Generalvikar. 1914 zog Bertram nach Breslau, wo er zum Fürstbischof geweiht, später zumKardinal ernannt wurde, außerdem Vositzender der Fuldaer Bischofskonferenz und Erzbischof wurde. Anfang 1945 zog sich
7 Kogon, Egon: Nationalsozialistische Massentötungen, S. 34.
8 Benz, Wolfgang: Enzyklopädie, S. 246.
9 Volk, Ludwig: Episkopat und Kirchenkampf. In: Stimmen der Zeit, Band 198, Freiburg, 1980, S. 600f.
10 Sanstede-Auzelle, Marie-Corentine: Clemens August Graf von Galen. Bischof von Münster im Dritten Reich, Münster, 1968, S. 45.
Arbeit zitieren:
Johanna Lechner, 2002, Widerstand und Konfromismus der katholischen Kirche im Dritten Reich (Untersuchung der Reaktion auf die Euthanasie durch Kardinal Bertram und Bischof von Galen), München, GRIN Verlag GmbH
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