Inhalt
1 Einleitung 3
1.1 Begriffsdefinitionen
1.1.1 Positivismus
1.1.2 Wertfreiheit und Kritischer Rationalismus
1.1.3 Ideologie und Kritische Theorie
2 Hauptteil 7
2.1 Adornos Standpunkt
2.1.1 Konzept der Gesellschaft
2.1.2 Erkenntnistheoretische und methodologische Auswirkungen
2.1.3 Wertbegriff und erkenntnistheoretische Auswirkungen
2.1.4 Kritikbegriff und erkenntnistheoretische Auswirkungen
2.1.5 Rangfolge der Humanwissenschaften: Position der Soziologie
2.1.6 Bestimmung der Soziologie
3 Schluss 10
3.1 Adornos Argumentationsstrategie
3.1.1 Impressionen anderer Teilnehmer
3.1.2 Mögliche Gründe missverständlicher Auffassungen
Literaturverzeichnis
2
1 Einleitung
Als Positivismusstreit wird die Auseinandersetzung um die Methodenvielfalt der Soziologie zwischen der Kritischen Theorie und dem Kritischen Rationalismus bezeichnet. Der Positivismusstreit war nicht nur ein Streit der Theorie, sondern auch einer der soziologischen Institutionen. Es existierten zwei große internationale Soziologie- Vereinigungen (vgl. Dahms 1994, 320). Die International Sociological Association (ISA, gegründet 1949) war inhaltlich progressivantifaschistisch, das Institut International de Sociologie (IIS, gegründet 1893) eher konservativ. Beide Vereinigungen hatten deutsche Sektionen, zwischen denen es verschiedene inhaltliche Spannungen gab. Eine kaum überschaubare Theorien- und Methodenvielfalt zeichnet die moderne deutsche Soziologie aus. Aus
wissenschaftstheoretischer Sicht vor allem durch die hermeneutisch verfahrenden (theoretischen) Geisteswissenschaften zum einen und den experimentell überprüfenden bzw. messenden (empirischen) Naturwissenschaften zum anderen. Am deutlichsten zeigen sich diese Richtungen in der andauernden Auseinandersetzung von qualitativer und quantitativer Sozialforschung und deren passend favorisierter Forschungsdesigns. Die Existenz beider Richtungen und deren zeitweise Verflechtung, schließt die Möglichkeit nicht aus, dass sich die Ansätze, jedoch mit unterschiedlicher Gewichtung, gegenseitig durchdringen. Der „Positivismusstreit“ nach Adorno, welcher auf einer Tübinger Arbeitstagung der deutschen Gesellschaft für Soziologie 1961 stattfand und maßgeblich von Ralf Dahrendorf mit organisiert wurde, lies die bis dahin latenten Differenzen der jeweiligen Forschungsausrichtungen und Theorien unter den deutschen Soziologen erstmals in komplexer Art öffentlich werden. Karl R. Popper (1902- 1994), stellungnehmend zu theoretisch und methodologischen Problemen der Soziologie, steht ebenso wie Theodor W. Adorno (1903-1969), als Vertreter der Frankfurter Schule argumentierend mit einem dialektisch-kritischen Theorieentwurf der Sozialwissenschaften, im Fokus der Diskussion. Aufgrund der Tatsache, dass Adorno Popper als „Positivist“ titulierte, selbst aber unter konstantem Ideologieverdacht stand, bezüglich der objektiv oder wertenden Verfahrensweise der Sozialwissenschaften, erscheint es in diesem Zusammenhang notwendig zunächst einige Begriffsklärungen vorzunehmen, um den thematischen Rahmen des Positivismusstreits darstellen zu können und folglich auf den Beitrag Adornos einzugehen. Der Einfachheit halber werden lediglich die geläufigen Definitionen von ,,Positivismus", ,,Ideologie" und ,,Objektivität" bzw. ,,Wertfreiheit" dargestellt.
Darauf aufbauend sollen einige von Adornos Thesen aufgeführt werden, die anhand seiner Argumentationsstrategie gefestigt werden sollen. Da der seine Wurzeln im Ersten Weltkrieg tragende Positivismusstreit nicht nur eine Diskussion in sich einschließt, sondern einflussreich im soziologischen Bezug war und Veränderungen hervorrief, sollen abschließend Eindrücke anderer Teilnehmer ihre Berechtigung finden.
1.1 Begriffsdefinitionen
1.1.1 Positivismus
Die Namensgebung und erste Institutionalisierung des Positivismus geht auf Auguste Comte (1798-1857) zurück. Im 19. Jahrhundert wurde der Positivismus vorübergehend zu einem internationalen humanistischen Religionsersatz ausgebaut, der alles Transzendente aus den Überlegungen ausschloss. Jedoch entstanden rasch Differenzen zwischen der erkenntnistheoretischen Position, die vor allem die Wissenschaftsdiskussion auf sich zog, und dem institutionalisierten Positivismus, der einen Religionsersatz anstrebte. Im Allgemeinen versteht man unter dem Positivismus eine Erkenntnis- und Denkrichtung, die fordert, Erkenntnisse auf die Interpretation „positiver Befunde“ zu beschränken. Als „positiv“ werden ebenso wie in den Naturwissenschaften Befunde bezeichnet, die unter vorab definierten Bedingungen einen Nachweis erbringen. Die positive Erkenntnis ist also gleichzusetzen mit der Erfahrungserkenntnis, deren Weg von begründeten Einzelaussagen auf allgemeine Aussagen, also von der Beobachtung zur Theoriebildung führt. Demnach werden Erkenntniswege, die von abstrakten Voraussetzungen abhängig sind vom Positivismus ausgeschlossen. Eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin ist der Positivismus aber nicht, eher eine bereichs- und ansatzweise unterschiedlich stark ausgeprägte Auffassung von Wirklichkeit im beschriebenen Sinn. Daraus werden jeweils entsprechende methodologische Konsequenzen gezogen. In Übereinstimmung lehnen sowohl Popper als auch Adorno die „szientistische“ (vgl. Adorno 1972, 126) Verfahrensweise der Naturwissenschaften für die Sozialwissenschaften ab, da sie dem gekennzeichneten positiven Erkenntnisweg folgen. Hinsichtlich dieses Arguments kann Popper nicht als „Neopositivist“ benannt werden.
Arbeit zitieren:
Julia Böhm, 2011, Der Positivismusstreit - Adornos Standpunkt, München, GRIN Verlag GmbH
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