Inhalt
I Einleitung 1
II Organisation und Funktion 2
III Die Universität als Organisation 5
IV Die humboldtsche Universität als Antiorganisation 7
V Fazit 9
VI Literaturverzeichnis 11
I Einleitung
Die deutsche Universität ist seit dem 19. Jahrhundert durch das Paradigma der Einheit von Forschung und Lehre geprägt. Diese Vorstellung, die hauptsächlich Wilhelm von Humboldt popularisierte, weist einige Probleme auf, die sich in der Umsetzung der Massenuniversität, die in den 70er Jahren etabliert wurde, bemerkbar machen. Beim Konzept der Massenuniversität sollte die Universität als Ort der sozialen Mobilität, über den Erwerb von Bildung, etabliert wer-
den. 1 Dabei wird aber möglicherweise das Bildungsideal Humboldts konterkariert, auch wenn eine soziale Öffnung im Sinne Humboldts gewesen sein mag. So sei „die Humboldtsche Universitätsidee […] von einem Bildungsgedanken ausgegangen, der nicht mehr reaktualisiert werden“ 2 könne. Nun stellt sich die Frage, woran dies liegt.
Unter der Annahme, dass Gesellschaft komplexitätsreduzierend ist und dies ihr Sinn ist, liegt es nah, anzunehmen, dass auch Universität als Organisation komplexitätsreduzierend wirkt. Dies, so die These, liegt daran, dass Gesellschaft, aufgrund doppelter Kontingenz, das Individuum stark irritiert und damit im Zusammenspiel mehrerer Individuen, also ihren Kommunikationen, Mechanismen gefunden werden müssen, die die doppelte Kontingenz, die Emergenz verursacht, zu reduzieren, um so Kommunikationssicherheiten zu erzeugen und damit auch die Organisation der Universität in mehr oder weniger starre kontingenzreduzierende Mechanismen einzubinden, die dann aber dem humboldtschen Bildungsideal entgegenstehen, da dies gerade von einer möglichst hohen Kontingenz lebt.
Um diesen Sachverhalt sowie die These zu klären, bietet es sich an, zu überprüfen, wie die Universität sich als Organisation konstituiert. Hierzu wird zu nächst unter systemtheoretischer Perspektive luhmannscher Prägung die Organisation der Universität an Hand der Grenzziehung
zwischen ihr und ihrer Umwelt, also die Konstituierung als autopoietisches System, 3 skizziert, um daraufhin untersuchen zu können, inwiefern die Voraussetzungen der getroffenen Grenzziehungen mit dem humboldtschen Bildungsgedanken vereinbar sind und welche gesellschaftliche Funktion sie einnimmt. Hierfür werden die gesellschaftlichen und individuellen Voraussetzungen für Universität geklärt und mit den von der Systemtheorie gesellschaftlich notwendig konstruierten Funktionsweisen verglichen.
1 Vgl. Baecker 2007a: 106
2 Luhmann 1992b: 82
3 Zum Konzept der Autopoiesis vgl. Maturana / Varela 2010
1
II Organisation und Funktion
Organisierte soziale Systeme bilden die Voraussetzungen für die moderne Gesellschaft. 4 Sie institutionalisieren Kommunikationsmöglichkeiten und ermöglichen damit eine Reduzierung
der doppelten Kontingenzen; 5 also der Komplexität von Welt innerhalb der potentiell möglichen Kommunikationen. Dies geschieht, indem über Inklusions- und Exklusionsmechanismen Entscheidungen innerhalb der Organisation getroffen werden, die auf bereits getroffenen Entscheidungen aufbauen, und somit der Organisation ermöglicht wird, diese als Selbstreferenz zu beobachten und dementsprechend von Fremdreferenz unterscheiden zu können. Damit konsti-
tuiert sie über die operative Schließung des Systems ihre System-Umweltgrenze. 6 Selbstreferenz ist hierbei kontingenzreduzierend und ermöglicht nur so der Organisation ihre kommuni-
kativ und damit semiotisch konstruierte Einheit aufrechtzuerhalten. 7 Letztendlich existiert die Organisation dann solange, wie es ihr gelingt anschlussfähige Kommunikation in Form von
Entscheidungen 8 , d.h. Kommunikationen, die die Kontingenz 9 der darauffolgenden Entscheidungen, also dem re-entry der Form in die Form, 10 so stark zu reduzieren erlaubt, dass diese eine Handlungssicherheit innerhalb der Organisation zu kommunizieren erlaubt, weil nun die potentiellen Möglichkeiten, die als Folgeentscheidung auf die getroffene Entscheidungen gefällt werden können, stark eingeschränkt werden. Nun kann die Organisation durch Komplexitätsreduktion Entscheidungssicherheiten erzeugen, die ihr die Anschlussfähigkeit dieser für weitere Entscheidungen ermöglicht. Dies ist allerdings nur unter der Entfaltung der Paradoxie der komplexitätsreduzierenden Komplexität zu verwirklichen. So muss die Organisation Kommunikationsstrukturen ausbilden, die für sich gesehen wieder komplex sind, dabei aber die Kontingenz der potentiellen Kommunikationsmöglichkeiten reduziert und damit die vorherige Komplexität zu Gunsten neuer struktureller Komplexität reduziert. Im organisationalen Zusammenhang kann nur über den Aufbau neuer Komplexität alte Komplexität reduziert wer-den. 11
4 Vgl. Luhmann 1998; 824ff.
5 Vgl. Luhmann 1987
6 Vgl. Stichweh 2007: 40
7 Vgl. Lotman 2010: 170ff.
Kontingenz gemeint sein. Vielleicht könnte man sogar von einer multiplen Kontingenz ausgehen. Dazu wären weitere Analysen notwendig.
10 Vgl. Spencer-Brown 1999: 60ff.
11 Vgl. Luhmann 2005a: 64
2
Einer der hauptsächlichen Inklusions- und Exklusionsmechanismen, die über Entscheidungen konstruiert werden, und damit Entscheidungen, die die Grenzziehung der Organisation zwi-
schen ihr und ihrer Umwelt ermöglichen, ist die Mitgliedschaftsentscheidung, 12 die von der Organisation getroffen werden kann 13 und somit die Kommunikationsmöglichkeiten innerhalb der Organisation, durch Inklusion ihrer Mitglieder und Exklusion der Nicht-Mitglieder, weiter reduziert. Innerhalb der Organisation differenzieren sich, durch Entscheidungen konstruiert, Kommunikationsstrukturen aus, die wiederum kontingenzreduzierend wirken. Hierfür hat sich
der Begriff der Hierarchie 14 etabliert. Je stärker diese ausdifferenziert ist umso stärker wirkt sie kontingenzreduzierend, da nun nur noch bestimmte Kommunikationswege möglich sind; entfaltet dabei aber die Paradoxie der komplexitätsreduzierenden Komplexität. Die Kommunikationswege können dabei sehr einseitig ausfallen und nur bestimmte potentielle Entscheidungen als möglich erscheinen lassen, die dadurch die Selbstreferenz der Organisation stark von den Beschreibungen der Organisation durch Beobachter innerhalb der Gesellschaft entkoppelt. Dies führt zu einer Eigendynamik innerhalb der Organisation, die dann nur noch aus der Selbstreferenz als rational konstruiert werden kann und in ihrer Umwelt im Allgemeinen auf Unverständnis stoßen dürfte. Dieser Effekt wird durch die Differenz Mitglied/Nicht-Mitglied verstärkt. Hierbei bewirken Mitgliedschaftsregeln, dass ein bestimmtes Verhalten eines jeden einzelnen Mitgliedes, außerhalb der Organisation würde dieses wohl in der Regel als absurd aufgefasst werden, an den Tag gelegt wird. Wird gegen diese Regeln verstoßen, also ein für die Organisation unerwartetes Verhalten praktiziert, welches dabei kommunikativ relevant ist,
muss die Organisation selegieren 15 und letztendlich einen cross verursachen, der in der darauffolgenden Oszillation der Form 16 das betroffene Mitglied mit Exklusion aus der Organisation sanktioniert.
Durch diese kontingenzreduzierenden Entscheidungen, 17 die nun die Organisation generiert hat, kann sie Sicherheit erzeugen. Es ist nun nicht mehr alles möglich. Vielmehr existiert jetzt
tieren und Teil ihrer Umwelt werden.
14 In diesem Zusammenhang spricht Luhmann vom Begriff der Stelle (Luhmann 1988: 172), Weber vom Begriff der Bürokratie (Weber 1972: 125), der im Zusammenhang mit der Universität, zu mindest der Massenuniversität, als evident erscheint.
15 Vgl. Luhmann 2005b: 13f.
16 Vgl. Spencer-Brown 1999: 54ff.
17 Hierbei sei angemerkt, dass prinzipiell jede Entscheidung, da sie eine Begrifflichkeit und damit Unterscheidung voraussetzt immer das nicht Bezeichnete exkludiert und so nur noch einen Teil der Gesamtheit der Form bezeichnet (vgl. Spencer-Brown 1999), kontingenzreduzierend ist. Innerhalb einer Organisation wird diese Kontingenzre-
3
Arbeit zitieren:
Jan Tobias Fuhrmann, 2010, Universität als Antiorganisation, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen: Universität als Antiorganisation ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen: neuer Titel erschienen: Universität als Antiorganisation
Jan Tobias Fuhrmann hat einen neuen Text hochgeladen
Die Humboldt-Universität Unter den Linden 1945 bis 1990
Zeitzeugen - Einblicke - Analy...
Wolfgang Girnus, Klaus Meier
Der Dialog in Management und Organisation Illusion oder Perspektive
Eine systemtheoretische Zuspit...
Michael Rautenberg
Sechzig Jahre Pädagogik für Behinderte an der Humboldt-Universität zu ...
Ein geschichtlicher Abriss
Klaus-Peter Becker, Klaus-Dietrich Große
Die Juristische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin im Umbruch
Die Jahre 1948 bis 1951
Kristin Kleibert
Humboldt: On Language: On the Diversity of Human Language Construction...
Wilhelm Von Humboldt, Wilhelm Humboldt, Humboldt Wilhelm Von
Engineering Self-Organising Systems
Methodologies and Applications
Sven A. Brueckner, Giovanna Di Marzo Serugendo, Anthony Karageorgos, Radhika Nagpal
Humboldt: On Language: On the Diversity of Human Language Construction...
Wilhelm Von Humboldt, Wilhelm Humboldt, Michael Losonsky
0 Kommentare