Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung
2. Kater Murr
2.1. Das Zitat im Murr-Teil
2.1. Der Murr-Teil als Parodie auf den Bildungs- und Entwicklungsroma
3. Kapellmeister Johannes Kreisler
3.1. Das Zitat in der Kreislerbiographie
3.2. Kunst, Künstlertum und Liebe
3.3. Ironie und Humor
4. Bibliographischer Nachweis
1. Einleitung:
E.T.A. Hoffmanns Roman „Lebensansichten des Katers Murr“ bietet im Zuge einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung eine Fülle an Betrachtungs- und Untersuchungsmöglichkeiten. Die vorliegende Arbeit beschränkt sich daher bei der Beschäftigung mit diesem Werk auf die beiden Hauptcharaktere, Kater Murr und Johannes Kreisler. Sie werden dabei im Einzelnen betrachtet . Es sei hier jedoch angemerkt, dass die Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, da schon allein diese beiden Figuren schier unerschöpflich sind. Wie im Inhaltsverzeichnis zu erkennen, wurden deshalb einzelne, wichtige Aspekte herausgegriffen, denen sich diese Arbeit widmet. An dieser Stelle soll außerdem eine kleine Einleitung, bzw. Hinführung zum Roman geliefert werden:
„Das Urerlebnis, das E.T.A. Hoffmanns ganzes Werk durchzieht, ist der radikale Dualismus von Ideal und Wirklichkeit, der unlösbare Konflikt zwischen dem gemeinen Alltag und dem hochgespannten Menschengeist, der die Erdenwirklichkeit übersteigen und den Himmel des Ideals erstürmen will. [...] Die lustige erzählerische Fiktion, kraft der sich durch ein Versehen des Setzers in die eine Biographie Fetzen einer anderen eingeschlichen haben, geht bekanntlich auf Jean Paulsche Anregungen zurück.“ 1 Die zwei verschiedenen Biographien stehen also nicht für sich selbst, sondern sind durch ihre ständige gegenseitige Unterbrechung ineinander verwoben. Dualismus entsteht durch die verschiedenen Welten, die des philiströsen Katers und die des Musikers und wahren Künstlers Kreisler. „Die Kreislergestalt [ist] [...] eine unglaublich tiefere Konzeption als der literarische Kater, und ebenso ist der Kreislerteil des Romans unverkennbar der primäre und substantiellere, der Murrteil der abgeleitete, durch seine Kontrastfunktion bestimmte Bestandteil des Romans.“ 2 Das Vorwort, sowie auch schon der Titel, ziehen hingegen die ganze Aufmerksamkeit auf den Murrteil, der sich als der eigentliche Roman ausgibt, der Kreislerteil ist laut Vorwort lediglich ein Versehen. Weiterhin zeichnet sich der Murrteil dadurch aus, dass er eine durchgängige, ununterbrochene und vor allem auch chronologische Biographie liefert. Der Kreislerteil weist im Gegensatz dazu Lücken auf, ebenso ist die Anordnung der Teile nicht chronologisch. In dieser Umkehrung selbst steckt ironischer Gehalt. „Das Unwesentliche und banale pflanzt sich fest und breit im Leben auf und verherrlicht sich selber in lückenloser Selbstdarstellung;
1 Meyer, Herman: Das Zitat in der Erzählkunst. Zur Geschichte und Poetik des Europäischen Romans, Frankfurt
a. M. 1988, S. 114.
2 Ebd., S. 114/115.
das wesentliche Menschentum ist unstet und flüchtig, es wird an den Rand gedrängt [...].“ 3 Die beiden Teile unterscheiden sich jedoch nicht in ihrer sprachlichen Stilebene. An ein paar Beispielen sei das gezeigt:
In durchaus ernstgemeintem Pathos verwendet Hoffmann, um Kreislers, Meister Abrahams, Julias innere Aufwühlung auszudrücken, Wendungen wie „ein unnennbar süßes Weh durchbebte sein Inneres“, „von tiefstem Entsetzen erfaßt“, „daß mich tiefe Schauer durchbebten“, „von innern Schauern durchbebt“. Und wie drückt sich der verliebte Murr aus, als er die holde Miesmies niesen hört? „O, der Ton durchbebte mein Innerstes mit süßen Schauern, meine Pulse schlugen - mein Blut wallte siedend durch alle Adern, - mein Herz wollte zerspringen, - alles unnennbar schmerzliche Entzücken, das mich außer mir selbst setzte, strömte heraus in dem lang gehaltenen Miau! das ich ausstieß.“ „Kreisler: „nicht auszusprechen vermag ich die Marter meines Zustandes, wenn [...] mir dann plötzlich alles elend, nichtig, farblos, tot erschien und ich mich versetzt fühlte in eine trostlose Einöde“.
Murr: „Denn muß ich nicht überall gewahren, daß ich allein stehe wie ein der tiefsten Einöde, da ich nicht dem jetzigen Zeitalter, nein, einem künftigen der höheren Bildung angehöre, da es keine einzige Seele gibt, die mich gehörig zu bewundern versteht!“. Was im einen Bereich echte Sprache der Seele ist, wird im anderen in seichter Eitelkeit zerredet.“ 4
Murr ist arrogant und eingebildet, gibt nur die Weisheiten anderer wieder, und das nicht einmal korrekt. Er hält sich dabei für einen begnadeten Schriftsteller, trotzdem ist er dem Leser sympathisch. Denn „[...] obwohl er sich unter die Schriftsteller gemischt hat, ist er Natur. Das macht ihn liebenswert. Alles schwülstige Reden verdeckt nicht seine Triebe.“ 5 „Der zufällige technische ‚Fehler’ wird zum Ursprung des Genies, durch die ‚Dummheit’ eines Tieres tritt ein geniales Werk [die Biographie Kreislers] hervor [...]. Ein nach Maßgabe des Logos aufgebautes Buch ist ein Allerweltsbuch, Genialität hingegen entspringt der ‚Einfalt’. Tatsächlich ist das Tier dann der Dumme und spielt [...] Genie.“ 6
3 Ebd., S. 115.
4 Meyer, S. 116.
5 Loevenich, Heinz: Einheit und Symbolik des Kater Murr. Zur Einführung in Hoffmanns Roman. In: Der
Deutschunterricht 16(1964) Heft 2, hg. von Robert Ulshöfer, Stuttgart 1964, S. 80.
6 Kofman, Sara: Schreiben wie eine Katze: zu E.T.A. Hoffmanns „Lebens-Ansichten des Katers Murr“ [Aus d.
Franz. von Monika Buchgeister u. Hans-Walter Schmidt], Graz/Wien 1985, S. 69/70.
2. Kater Murr
2.1. Das Zitat im Murr-Teil
Zitiert wird aus Werken von Goethe, Schiller, Lessing, Jean Paul, Tieck, Knigge, Lafontaine und anderen. Der meist zitierte Autor überhaupt ist Shakespeare, und zwar in der Schlegel-Tieckschen Übersetzung. Weitere ausländische Autoren und zitierte Autoren des Altertums sind Rousseau, Cervantes, Tasso, Ovid, Vergil und andere. Die Zitate Murrs sind nur selten wortwörtlich, meistens werden entlehnte Originalzitate umformuliert, von Murr der Begebenheit angepasst, und ganz oft begegnen dem Leser lediglich Zitat-Bruchstücke, die ebenfalls nicht immer mit dem Original übereinstimmen. Weiterhin gibt es zwei verschiedene Arten der Zitatverwendung bei Murr. Zum einen sind es Zitate, die von Murr als solche explizit verwendet werden, zum anderen sind es Zitate, die ohne Kenntlichmachung in die Autobiographie hinein genommen wurden, also nicht als solche ausgewiesen sind. Bei Letzteren handelt es sich in vielen Fällen um Zitate, die durch ihre häufige Verwendung vor allem dem belesenen Leser sofort ins Auge springen.
Murr verwendet ständig Zitate und noch häufiger macht er sich des Plagiats schuldig, d.h. der widerrechtlichen Übernahme und Verbreitung von fremden geistigen Eigentum, zum Beispiel Passagen aus fremden Arbeiten ohne Zitatkennzeichnung und Quellenangabe, worauf an zwei Stellen sogar der Herausgeber aufmerksam macht. Diese Zitate werden von Murr auf die Katzennatur zugeschnitten, banalisiert und damit parodiert. Er verwandelt zum Beispiel „Schwachheit, dein Name ist Weib !“, aus Shakespeares „Hamlet“, in „O Appetit, dein Name ist Kater!“ (S. 55) 7 „Was in seiner Gestalt sichtbar wird, ist die entsetzliche Banalisierung des Dichterwortes, das seichte Zerreden der hohen Inhalte der deutschen Dichtung, schon zur Zeit ihrer großen Blüte selber.“ 8 Hohe Inhalte vertragen eben die Verbindung mit banalen Dingen, wie Milchbrei, Heringsfischen und Hühnerknochen nicht, sie werden dadurch nur lächerlich gemacht. „Als erste Diagnose des einsetzenden Verfalls der deutschen Bildung ist der Kater Murr über alle partielle Literatursatire hinaus ein Werk von eminent kulturkritischer Bedeutung, [...] [e]s ist vor allem die kulturkritische Symptomatik, die diesen Roman und die in ihm gehandhabte Zitierkunst uns Nachlebenden so unschätzbar wertvoll macht.“ 9 Im
7 Seitenangaben in Klammern zitiert nach: Hoffmann, E.T.A.: Lebensansichten des Katers Murr nebst
fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, Frankfurt a.
M. 2001.
8 Meyer, S. 130.
9 Meyer, S. 130.
Folgenden sollen noch einige Zitate Murrs angegeben werden um seine banalisierende ‚Zitierkunst’ zu verdeutlichen:
Kants kategorischer Imperativ, dem hier ein Genickbruch erteilt wird: „[...] irgendwo gelesen zu haben, ein jeder müsse so handeln, daß seine Handlungsweise als allgemeines Prinzip gelten könne, oder wie er wünsche, daß alle rücksichts seiner handeln möchten [...].“ (S. 141) Leibniz’ ‚Theodizee’-Gedanke:
„[...] daß die Welt mit ihren Freuden, als da sind Bratfische, Hühnerknochen, Milchbrei etc., die beste ist [...].“ (S. 286) Parodie auf ein „Faust“-Zitat:
„[...] wochtags ihren Besen führt und Sonntags denn am besten karessiert!“ 10 (S. 360) Die Entstellung von Goethes „Jägers Abendlied“:
„Im Walde schlich ich still und wild, gespannt mein Feuerrohr.“ 11 (S. 211)
2.2. Der Murr-Teil als Parodie auf den Bildungs- und
Entwicklungsroman
Um darzustellen, wie und warum es sich beim Murr-Teil um eine Parodie auf den Bildungs-und Entwicklungsromans handelt, ist es notwendig zu betrachten, wie uns der Entwicklungsbzw. Bildungsroman seit der Weimarer Klassik begegnet:
Laut Definition ist es sein Ziel, die Entwicklung „[...] eines Menschen von einer sich selbst noch unbewussten Jugend zu einer allseits gereiften Persönlichkeit [...]“ darzustellen. „Dieser Bildungsgang [...] führt über Erlebnisse der Freundschaft und Liebe, über Krisen und Kämpfe mit den Realitäten der Welt zur Entfaltung der natürlichen geistigen Anlagen [...], zur Klarheit des Bewusstseins [...], häufig ist die Reifung zum Künstler Gegenstand des Romans.“ 12
10 aus Goethe: „Faust“. Zitat im Original: Die Hand, die Samstags ihren Besen führt, / Wird Sonntags dich am
besten karessieren.
11 aus Goethe: „Jägers Lied“. Zitat im Original: Im Felde schleich’ ich still und wild,/ Gespannt mein Feuerroh,/
Da schwebt so licht dein liebes Bild,/ Dein süßes Bild mir vor,/
12 Metzler, S. 351.
Arbeit zitieren:
David Siener, 2003, E.T.A. Hoffmanns "Lebensansichten des Katers Murr", München, GRIN Verlag GmbH
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