Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Vergleichbarkeit des Piachi im Findling und des Michael Kohlhaas? 1
2.1 Inhaltlich. 1
2.2 Sprachlich. 2
3. Charakterliche Disposition zur Selbstrache vs. äußere Zwänge 3
3.1 Antonio Piachi. 3
3.2 Michael Kohlhaas. 6
4. Der Racheakt 8
4.1 Auslöser und Verlauf 8
4.2 Folgen und Ausgang. 10
5. Vergleichende Wertung 11
5.1 Bewertung durch den Erzähler. 11
5.2 Interpretationsmöglichkeiten und eigene Wertungsansätze. 13
6. Literatur 16
1. Einleitung
Was ist geschehen, dass zwei gesellschaftlich so integrierte und angesehene Bürger wie der Güterhändler Antonio Piachi im Findling 1 und der Roßhändler Michael Kohlhaas 2 in der gleichnamigen Erzählung plötzlich zu Mördern werden? Dass der eine in seiner „Wuth“ (F, S. 55,13) gegen seinen eigenen (Adoptiv-)Sohn Gewalt anwendet und der andere mit allen Mitteln gegen ein ganzes „Land“ (MK, S. 42,3) vorgeht? Die so unterschiedlichen wie von Grund auf ähnlichen Motive ihrer Racheakte und die womöglich durch äußere Umstände gegebene Legitimation derselben wie auch die jeweils den Leser in seiner Meinungsbildung zu beeinflussen versuchende Erzählerhaltung will ich in meiner Arbeit exemplarisch untersuchen. Dabei widme ich mich hauptsächlich dem Findling als Grundlage und ziehe den Kohlhaas zum Vergleich heran.
2. Vergleichbarkeit des Piachi im Findling und des Michael Kohlhaas?
2.1 Inhaltlich
Es mag auf den ersten Blick befremdlich erscheinen, zwei so unterschiedliche Charaktere, insbesondere angesichts ihrer noch unterschiedlicheren Umfelder, allein wegen der ihnen gemeinsamen Eigenschaft, durch eine Verkettung von Umständen bzw. „Vorfällen“ 3 zum Mörder geworden zu sein, miteinander vergleichen zu wollen. Sollten auch keine grundsätzlichen Übereinstimmungen in der charakterlichen Veranlagung oder zwischen den jeweils am Fortgang des Geschehens Beteiligten festzustellen sein, so ist ihnen doch zumindest der Auslöser für ihren Wandel zum Mörder gemeinsam. Die Machtlosigkeit gegen ihnen widerfahrenes Unrecht und die mangelnde Unterstützung der Obrigkeit in ihrer Sache lassen ihnen, so scheint es, keinen anderen Ausweg, denn den Tod als Mittel der Befreiung zu wählen - zunächst den anderer und dadurch schließlich den eigenen. In beiden Novellen ist ein innerfamiliärer Todesfall der Anlass zum eigenmächtigen, gesetzeswidrigen und deshalb folgenreichen Handeln. So können auch die Erzählungen selbst keine andere Lösung finden als den Tod ihrer Protagonisten: er ist „nicht nur Ordnungsstörer, wie z. B. in allen Novellen Kleists, die stets durch eine Katastrophe initiiert werden, er ist zugleich Stifter von Ordnung“. 4
1 Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke. Brandenburger Ausgabe. Das Bettelweib von Locarno. Der
Findling. Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik. Basel und Frankfurt a. M.: Stroemfeld 1997,
II/5. Im Folgenden zitiert unter F; alle mit F versehenen, in Klammern gesetzten Seitenangaben im
laufenden Text beziehen sich auf diese Ausgabe.
2 Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. München: Deutscher Taschenbuchverlag 3 1997. Im Folgenden zitiert unter MK; alle mit MK versehenen, in Klammern gesetzten Seitenangaben im laufenden
Text beziehen sich auf diese Ausgabe.
3 vgl. Günter Oesterle: Der Findling. Redlichkeit versus Verstellung - oder zwei Arten, böse zu wer-
den. In: Walter Hinderer (Hg.): Interpretationen. Kleists Erzählungen. Stuttgart 1998, S. 157.
4 Günter Blamberger: Tod. In: Kleist-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart/Weimar 2009,
S. 370.
1
2.2 Sprachlich
Die von Kleist in beiden Erzählungen verwendete, ihm eigene Ausdrucksweise der Gefühl(s-Exzess)e ähnelt sich stark; immer wieder tauchen in beiden Texten die gleichen emotionalen Begriffe auf, wie z. B. „Schmerz“ (F, S. 22,4; MK, S. 41,18), „Rache“ (F, S. 57,5; MK, S. 38,2) und „Thränen“ (F, S. 22,7; MK, S. 37,9). Das im Kohlhaas hauptsächlich als Intensivierung emotionaler Befindlichkeit symbolisch verwendete Bild der „Hölle“ (MK, S. 44,1) ist im Findling (F, S. 57,3) weitaus stärker Ausdruck von Glauben. Neben diesem zweideutig gebrauchten Weltanschauungssymbol finden sich aus dem Bereich des Glaubens und der Kirche viele weitere Anspielungen auf den wie auch die direkte Nennung des „Kirchenstaat[es]“ (F, S. 56,2) im Findling, beispielsweise „Bigotterie“ (F, S. 25,1f.) oder „Carmeliterkloster[ ]“ (F, S. 25,3f.). Auch im Kohlhaas wird eindeutig christlich gefärbtes Vokabular wie „Gottvergessener“ (MK, S. 54,21), „Engel des Gerichts“ (MK, S. 39,6) oder „Christen“ (MK, S. 44,28) großzügig verwendet, bis hin zur Einbindung des Repräsentanten „Doktor Martin Luther“ (MK, S. 53,20f.) selbst. Die sicherlich in ihrer Bedeutung für die Gesamtinterpretation der Novelle nicht zu unterschätzende religiöse Thematik im Kohlhaas kann ich in dieser Arbeit jedoch nicht berücksichtigen, insbesondere da die Erzählung ausschließlich zum Vergleich von Einzelaspekten hinzugezogen werden soll. Ein weiteres in beiden Erzählungen gebrauchtes Wortfeld ist das des Rechts. Zwar ist dieses weniger explizit im Findling vertreten, sondern wird dort höchstens durch den „Kirchenstaat“ angedeutet und ist in diesem als „Gesetz“ (F, S. 56,2) zur Regelung von Hinrichtungen straffällig gewordener Bürger wie Piachi von Bedeutung. Das (Nicht-)Vorhandensein des Rechts im Findling wird vielmehr unterschwellig vermittelt - im Gegensatz zum Kohlhaas, in dem der Erzähler wie auch alle Beteiligten mit Rechtsbegriffen nur so um sich werfen. Häufig verwendete juristische Begriffe sind dort „Gerechtigkeit“ (MK, S. 23,14), „Rechtssache“ (MK, S. 24,2), „Rechtsschluß“ (MK, S. 38,3), „Mandat“ (MK, S. 42,3), „Klage“ (MK, S. 64,11), „Staatsgewalt“ (MK, S. 65,6) oder „Amnestie“ (MK, S. 63,9). Wenn er auch unterschiedlich stark sprachlich hervorgehoben wird, lässt insbesondere der den beiden Novellen inhärente rechtliche Konflikt Vergleiche zwischen denselben zu. Dabei stellt sich natürlich die immer wiederkehrende Frage nach der „Schuld“ (MK, S. 14,31) - welche Michael Kohlhaas höchstpersönlich abzuschätzen weiß, da sein „Rechtgefühl […] einer Goldwaage glich“ (MK, S. 14,28f.) und welcher im Findling gleich zu Beginn die Nicolo angeblich innewohnende „Unschuld“ (F, S. 20,12) gegenübergestellt wird. 5
3. Charakterliche Disposition zur Selbstrache vs. äußere Zwänge
Erschöpfend ist die Frage nach der Schuld in beiden Fällen kaum zu beantworten; unzählige teilweise nahezu undurchschaubare Verstrickungen erlauben keine eindeutige Bestimmung der jeweiligen Anteile der Beteiligten an der Eskalation. Die in den Texten selbst enthaltene Suche nach der Schuld, bei welcher der Leser durch den Erzähler mehr verwirrt als aufgeklärt wird, bezeichnet Günter Blamberger als „Prozessspiel“ 6 . Der im Folgenden behandelten Frage, inwieweit die zu Mördern werdenden Familienväter die Selbstjustiz tatsächlich im Sinne der von Kohlhaas proklamierten „Gerechtigkeit“ (MK, S. 23,6) üben und ob ihre jeweiligen Reaktionen angemessen oder sogar rechtmäßig sind, setze ich voraus, dass sie, wie auch die Mehrfachrechtsprechung am Ende des Kohlhaas aufzuzeigen versucht, nicht die alleinigen Verantwortlichen ihrer Taten sind.
3.1 Antonio Piachi
Der spätere Adoptivvater Nicolos, des Findlings, wird im Wesentlichen bezüglich äußerlicher Eigenschaften beschrieben, hinsichtlich seiner charakterlichen Eigenschaften nur implizit durch die Darstellung der anderen Charaktere. Er wird eingeführt als ein „wohlhabender Güterhändler in Rom“ (F, S. 19,1f.) und Ehemann einer „jungen[n] Frau“ (F, S. 19,6) namens Elvire, mit der er keine Kinder hat und die von ihm, „dem Alten[, auch] keine Kinder mehr zu erhalten hoffen konnte“ (F, S. 24,14f.). Aus erster Ehe allerdings blieb ihm sein „Sohn P a o l o, ein[ ] eilfjährige[r] Knabe[ ]“ (F, S. 19,9f.) - bis zum Zusammentreffen mit dessen Ersatz Nicolo, das für Piachis leiblichen Sohn den Tod und für den Vollwaisen Nicolo die Adoption durch den trauernden Vater bedeutet. Sobald sich „der Alte“ dem „Flehen[ ]“ (F, S. 20,8) seines künftigen Sohnes erbarmt, um anschließend nach Bemerken der begangenen Unvorsichtigkeit, der Inkonsequenz seiner „väterliche[n] Fürsorge“ 7 , vergeblich zu versuchen, „seiner wieder los [zu] werden“ (F, S. 21,8) und ihn dennoch bei der zweiten Abreise wiederum mitnimmt, wird er von ihm mit Nichtbeachtung gestraft. „Das abrupt veränderte Verhalten des Findlings nach seinem Einstieg in den Wagen […], insbesondere aber sein […] Nüsseknacken ausgerechnet angesichts des empfindsam trauernden Piachis, legt die Hypothese nahe, daß eine Disposition zu Nicolos späteren ‚Übeln’ […] schon vor Eintritt in die Kleinfamilie vorlag“. 8 Ob der Grund für Nicolos Verhaltensumschwung in dessen leicht angedeuteter „[S]cheu[ ]“ (F, S. 23,12) liegt oder darin, dass er sich, so wie es sich später in der Beziehung zu seiner Adoptivmutter Elvire wiederholt (vgl. F, S. 44,4f.), so lange bemüht, wie er eine Chance auf die erwünschte Aufmerksamkeit und Rettung aus seiner Situation wittert, lässt sich nur vermuten. In diesem Verhalten
6 Blamberger: Der Findling, S. 134.
7 Oesterle: Der Findling. Redlichkeit versus Verstellung, S. 159.
8 ebd., S. 166f., zit. nach Gönner 1989.
3
Arbeit zitieren:
Aarun Freudenstein, 2010, Selbstjustiz bei Heinrich von Kleist, München, GRIN Verlag GmbH
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