beschreiben, ohne jedoch einen „Weg“ zu diesem Zustand über ein adäquates, verwandtes Verb zu liefern, so muss dieser Zustand als Utropie 4 verstanden werden. Das zustandsbeschreibende Substantiv muss durch ein wortverwandtes Verb und optional über ein substantiviertes wortverwandtes Verb zu/in/für… dem zustandsbeschreibenden Substantiv führen:
A befreit sich (durch den Akt der Befreiung) in die Freiheit.
Das Wasser kocht zu dem Kochen.
Beispiele für diese sprachliche Ebene sind: Verschiedenheit, Anarchie, Kultur, Multikulturalismus und Identität, Mann, Frau und Kind. Desweiteren muss die inhaltliche Ebene erfüllt werden:
Das Beispiel der Vielfalt, welches behandelt wurde, soll hier noch einmal exemplarisch dargelegt werden:
D vervielfältigt E (durch den Akt der Vervielfältigung) zu der Vielfalt.
Kontextuell erfüllt diese Konstruktion keinen Sinn, im Gegenteil, sie widerspricht sich eher. Auch das deutsche vervielfältigen hat mit der Bedeutung des Wortes Vielfalt nichts gemein, sondern würde eher mit copy/copier/kopieren also der Vervielfältigung eines Gleichen assoziieren lassen. Vielfalt und vervielfältigen teilen denselben Wortstamm, unterscheiden sich jedoch auf einer anderen Bedeutungsebene.
Diversité als Zustand, als Ziel einer Handlung, sagt also nichts über den „Weg“, über die Handlung zum Erreichen des Ziels an sich aus. Es verschweigt diesen Weg aufgrund seiner Nichtexistenz und charakterisiert sich somit als utropisch. Dementsprechend kann sie nur als Betrachtung von etwas Existentem oder als „Bestandsaufnahme“, im Falle der Diversity 5 einer Gesellschaft, dienen.
4 Im Vergleich zu der Utopie (griech. „ohne Ort“), die eine gewisse, wenn auch fernliegende Erreichbarkeit eines Zustandes beinhaltet, ist dies bei der Utropie (griech. „ohne Weg“) absolut ausgeschlossen. Diese „Weglosigkeit“ soll ab hier sprachlich weiter analysiert werden.
5 Diversity ist in diesem Fall die Theorie, das Konzept hinter dem Begriff, verdeutlicht durch Großschreibung.
2
Diversity beschreibt in dem Falle die diversité im Sinne von positiver, also ökonomisch nutzbarer, Vielfalt der Identitäten in einer Gesellschaft. Doch was sind identities/ identitées/Identitäten? Rein sprachanalytisch lässt sich identité auf dem selben Weg dekonstruieren wie diversité: Es führt kein zielorientiertes Verb zur identité, welches sich wie das Substantiv aus dem lateinischen idem(dasselbe, dieselbe ,derselbe) ableitet. Die ebenfalls lateinstämmigen Verben identify/identifier/identifizieren hingegen bestehen aus idem und facere (bauen, tun, machen). In Anlehnung an Candace West und Don H. Zimmerman 6 sowie deren produktiver Rezeption möchte ich in diesem Falle vom doing identity sprechen. Das „dazugehörige“ Substantiv ist in diesem Fall indentification/identification/ Identifikation, also der Akt der (un)bewusste Nachahmung bis hin zur Internalisierung. Die Identität ist als Zustand nicht tragbar, sondern ebenfalls utropisch. Zur Erläuterung soll hierzu der Différance-Begriff von Jacques Derrida hinzugezogen werden. Demnach steht die Bedeutung einer Äußerung niemals fest. Sprache als Medium ist nach ihm so vielfältig wie die Sprecher_innen und Höhrer_innen. Der Konflikt zwischen Signifikant und Signifikat ist dem Akt des Sprechens so inhärent, dass eine exakte Übermittlung von Gedanken nicht zu gewährleisten ist 7 . Derrida symbolisiert dies an der Unterscheidung zwischen différence und différance, welche in der Aussprache nicht zu unterscheiden sind, dabei jedoch eine andere Bedeutung haben. Selbst für die sprechende Person kann das Gesagte oder Geschriebene in der Rückführung, also Re-Lektüre, niemals dieselbe Bedeutung innehaben wie zum Zeitpunkt der Preisgabe. Die Différance lässt die Entstehung von Identitäten aufgrund der ständigen Verschiebung von Bedeutungsebenen nicht zu, da sich diese niemals exakt vermitteln lassen würden. Fuchs versucht dies zu umgehen und spricht von „einem Zustand der Latenz“ einer Person, also einer „latenten Identität“. Diese wiederum möchte ich nicht übersehen, halte ich wiederum für stark fremderzwungen und würde sie als eine negative Auswirkung der Diversity betrachten, die es zu kritisieren gilt. Zumal Fuchs die „Latenz“ in ihrer temporären Größe nicht näher beschreibt beziehungsweise „Latenzlosigkeit“ vollkommen negiert.
6 West, Candace; Zimmerman, Don H: Doing Gender, in: Gender and Society 1987.
7 Dies ist meines Erachtens weit über sprachliche Äußerungen, zum Beispiel im Bereich der Mimik und Gestik anzuwenden.
3
Wenn diversité im Falle der Diversity aus identitées besteht und es diese nach den vorangegangen Ausführungen, außer utropisch, nicht geben kann, dann dient die diversité der Diversity nicht einmal als Bestandsaufnahme.
Diese Bestandsaufnahme definiere ich hier als „das Erkennen von Identitäten“. Ein Mittel dafür, welches ich hier anschneiden möchte, ist die „Intersektionalität“. Diese ist ein Konzept, welches die Zusammenwirkung von verschiedensten Diskriminierungen auf Personen analysieren will. Dabei wird nicht versucht die einzelnen, über Diskriminierung definierten Identitäten zu trennen, sondern es versucht, neue Identitäten mithilfe der Zunahme der „überkreuzten“ Diskriminierungen zu konstruieren. Dem gegenüber steht das auf Deleuze und Guattari aufbauende Theorem der „Assemblage“, welche temporäre, anti-identitäre, labile „Gefüge“ bildet und somit die statistische Auswertung der „Intersektionalität“ verweigert.
Die Differenz in seiner grammatikalischen Form der différence ist schon rein sprachlich aktiv, bildend und zielorientiert.
Differéntier schafft (über die differénciation) die différence.
Die Differenz als Konzept oder Theorem kann zum Einen den Anspruch der Diversity aufgreifen und als Bestandsaufnahme dienen. Dabei versucht sie jedoch nicht, starre Identitäten oder Kategorien zu erkennen und isoliert zu betrachten. Sie ist vielmehr eine prozessorientierte Analyse, die den „Weg“ mehr betrachtet als den „Ort“. Das heißt, der Abschluss der Betrachtung steht außer Frage - der Weg ist das Ziel. Eine Gesellschaft, die Unterschiede und Differenzen schuf, schafft und schaffen wird, kann demnach viel eher durch die Differenz als die Diversity „erklärt“ werden. Zu diesem Zweck möchte ich die „Assemblages“ als „Anti-Intersektionalität der Differenz“ beschreiben. Assemblage wie auch Differenz teilen den Anspruch der Unmöglichkeit einer dauerhaften, gar temporären Erfassung von Identitäten. So ist es möglich westeuropäische Gesellschaften als „Differenzgefüge“ zu charakterisieren, die Menschen in Kategorien einordnen und somit unterscheiden. Da dies jedoch nicht kontinuierlich fortlaufend geschieht und besonders um Diskriminierungen und deren gerichtete Gewalt nicht zu verharmlosen, möchte ich hier den Begriff
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Arbeit zitieren:
Paul Gensler, 2011, Diversity - Kritik einer Utropie, München, GRIN Verlag GmbH
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