Inhaltsverzeichnis
Einleitung 2
1 Grundlagen der Konfliktsoziologie 3
1.1 Die Anfänge der Konflikttheorie: Georg Simmel, Lewis Coser und Ralf
Dahrendorf 3
1.2 Entstehung und theoretische Entwicklung der Konfliktsoziologie Dahrendorfs 6
2 Struktur und Prozess, Ordnung und Wandel: Grundzüge und Annahmen der
Soziologie von Parsons und Dahrendorf 9
2.1 Struktur und Ordnung: Parsons Funktionalismus 10
2.2 Die Konfliktsoziologie im Gegensatz zu Parsons 12
2.3 Prozess und Wandel: Dahrendorfs Konfliktsoziologie und -typologie 15
3 Resümee 18
Literaturverzeichnis 19
1
Einleitung
Die vorliegende Bachelorarbeit setzt sich mit der Konfliktsoziologie und ihrer Entstehungsgeschichte auseinander. Ziel der Arbeit ist eine Darstellung der konfliktsoziologischen Theorie mit Fokus auf die theoretischen Überlegungen Ralf Dahrendorfs und ein Aufzeigen der Abgrenzung zu Parsons Modell der funktionalen sozialen Systeme. Hierbei sollen folgende Fragen abgehandelt werden: Inwiefern hat der Strukturfunktionalismus inhaltlich zur Entstehung einer Konfliktsoziologie beigetragen? Was sind die zentralen Thesen und Fragestellungen der Konfliktsoziologie? Der Aufbau der Arbeit wurde wie folgt gewählt: Im ersten Kapitel werden die Grundlagen der Konfliktsoziologie angeführt und es wird auf Georg Simmels Aufsatz „Der Streit“ verwiesen. Des Weiteren findet hier eine Vorstellung der wichtigsten Theoretiker (Lewis Coser und Ralf Dahrendorf) statt. Hier steht vor allem ein Greifbarmachen der inhaltlichen Überlegungen der Konfliktsoziologie bezüglich ihrer Definitionen und Typen des Konflikts im Vordergrund, damit auf dieser Basis im Folgenden aufgebaut werden kann. Im zweiten Kapitel wendet sich die Arbeit einer genaueren Betrachtung der Theorie von Ralf Dahrendorf zu und es findet sich sodann eine Gegenüberstellung der Theorien von Parsons und Dahrendorf. Abschließend werden die zentralen Thesen im Werk Dahrendorfs abgehandelt.
In der Arbeit wurde bewusst auf eine genauere Beschreibung des Strukturfunktionalismus und der Ideen Parsons verzichtet, da er nicht Mittelpunkt meiner Analyse sein soll. So werden etwa die Patternvariablen nur am Rande erwähnt. Allerdings wird kurz erläutert, dass auch Parsons den Konflikt nicht völlig aus seiner Theorie ausklammert. Die Arbeit ist rein theoretisch. Ich habe nicht empirisch gearbeitet. Somit wurde als Grundlage ausschließlich Literatur verwendet. Die Relevanz der Fragestellung liegt darin, dass dies für eine größere Arbeit (wie etwa eine Master- oder Diplomarbeit) eine gute Grundlage darstellt und ich eventuell später im Studium auf meinem in der Bachelorarbeit erworbenen Wissen aufbauen könnte, um in diesem Bereich weiterzuarbeiten. Ziel der Arbeit ist eine übersichtliche Darstellung der Konfliktsoziologie als Gegenposition zur Theorie von Parsons und ein Aufzeigen der Relevanz dieses theoretischen Ansatzes, dem meiner Meinung nach in den Studienplänen der Sozialwissenschaften noch immer zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.
2
1 Grundlagen der Konfliktsoziologie
1.1 Die Anfänge der Konflikttheorie: Georg Simmel, Lewis Coser und
Ralf Dahrendorf
Konflikte spielen in vielen Alltagssituationen auf individueller Ebene eine große Rolle. Sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich sieht sich wohl jeder Mensch mit ihnen konfrontiert. Sie können je nach ihrer Intensität verschiedene Folgen haben. Es gibt aber auch Konflikte auf anderen als der persönlichen Ebene; man denke an die klassischen Konflikte zwischen zwei Gesellschaftsschichten. Doch was steckt hinter all diesen Konflikten, welche Formen können sie annehmen und welche Auswirkungen haben sie in einer Gesellschaft? Diese Fragen sollen im Folgenden beantwortet werden. Hierbei wird eine kleine Entstehungsgeschichte der Konfliktsoziologie anhand ihrer zentralen Theoretiker Simmel, Coser und Dahrendorf umrissen. In diesem Kapitel wird ebenso schon ein kurzer Ausblick auf das zweite gegeben, in dem die Theorie Parsons eine Rolle spielen wird. Vorerst soll aber auf den Ausgangspunkt der Konflikttheorie, Simmels Aufsatz „Der Streit“, eingegangen werden.
In Simmels Analyse von Konflikten liegt der Fokus nicht auf einem Warum (warum entstehen Konflikte) oder Wie (wie machen sie sich bemerkbar), sondern auf einem konkreten Was (was sind Konflikte), einer Beschreibung von Tatsachen (welche Formen nehmen sie an). 1 Bei Simmels Definition von Konflikten lässt sich erstmals eine Anschauungsweise erkennen, die sie nicht als etwas Bedrohliches ansieht. „Konflikte sind keine Ausnahme oder Erscheinungen, welche die >Ordnung< der Gesellschaft in Gefahr bringen. Dort wo man sie als Formen verstehen kann, stellen sie nicht die Gesellschaft in Frage, sondern sind die Gesellschaft.“ 2 Sie gehören wie „jede Wechselwirkung unter Menschen“ 3 zur Vergesellschaftung. Ein Beispiel hierfür ist der Rechtsstreit, bei dem die gegnerischen Parteien sich einem gemeinsamen Gesetz fügen. Generell werden persönliche von unpersönlichen Konflikten unterschieden. Erstere finden zwischen zwei Parteien statt, die direkt gegeneinander kämpfen. Sie entstehen aus Frustration. Ein Beispiel für die zweite Ausprägung, den indirekten Konflikt, findet man in der Konkurrenz, bei der nicht der Streit mit dem Gegner, sondern die eigentliche Zielerreichung im Vordergrund steht. So muss aus der Konkurrenz nicht notwendigerweise
1 Vgl. Stark, 2008, S. 83.
2 Stark, 2008, S. 85.
3 Simmel, 1908, S. 186.
3
ein Sieger hervorgehen. Die zentralen Simmelschen Begriffe Individualisierung und Differenzierung sind es, die eine Analyse der Wirkung von Konflikten ermöglichen. Die vielen verschiedenen Rollen und sozialen Kreise, die eine Person ausübt oder denen sie angehört, führen zu inneren Konflikten, gleichsam entstehen solche durch die Differenzierung zwischen Personen. 4
Die Konfliktsoziologie als solche, die auf den eben erläuterten Annahmen Simmels aufbaut, entstand in einem bewegten geschichtlichen Kontext. Die 1950er und 1960er Jahre zeigen historisch ein konfliktreiches Muster auf. Verschiedene Gruppen von Menschen aus verschiedenen Schichten begannen sich für ihre Rechte einzusetzen. Dies fand in den Studentenprotesten von 1968 in Deutschland seinen Höhepunkt. Auch international waren einige Konflikte zu beobachten: In den USA gab es Demonstrationen von Schwarzen, die ihre Bürgerrechte einforderten und in verschiedenen Kolonien kam es zu Aufständen. 5 Im Amerika der selben Zeit war eines der größten, richtungsweisenden Paradigmen Talcott Parsons Strukturfunktionalismus, ein Modell der Gesellschaft als System, das sich durch gewisse Funktionen selbst erhält. Durch Kontrolle von verschiedenen Abläufen kann es seine soziale Ordnung beibehalten. Eine Bedrohung dieses Systems stellt die soziale Umwelt dar. Daraus resultiert Parsons zentrale Fragestellung nach dem Überleben in ebendieser. Eine sehr starke Konzentration auf die soziale Ordnung und ein Beharren auf der Annahme, eine Übereinstimmung aller Mitglieder einer Gesellschaft zu den gegebenen gemeinsamen Normen sei nötig, war es, die zur Kritik am Parsonschen Modell führte. Man kann hierbei seine Theorie als normativ beschreiben, da sie auf ihre Art möglicherweise die momentan vorhandene soziale Ordnung zu erhalten sucht. Denn bei der großen Relevanz, die auf die Zustimmung der Menschen zu den allgemeinen Normen gelegt wird, wird die bedeutende Rolle von Konflikten ausgespart: Parsons beschriebene soziale Ordnung bleibt starr und kann sich im Prinzip nur schwer verändern oder weiterentwickeln. Dies wird durch Cosers funktionalistische Konfliktsoziologie ergänzt. Dabei schließt er an Simmel an, wenn er feststellt, dass Konflikte einen fixen Platz in der Gesellschaft haben und nicht nur destruktive Funktionen ausüben. Allerdings will Coser nicht wie Simmel alle Arten von Konflikten in seine Theorie integrieren, sondern aufgrund des funktionalistischen Ausgangspunktes nur solche, die systemerhaltende Funktionen ausüben. Daher statuiert er die Differenzierung von echten und unechten Konflikten. Auch dies ist ein Unterschied zu
4 Vgl. Stark, 2008, S. 85ff.
5 Vgl. Brock, 2009, S. 216f.
4
Simmel, da dieser in gewisser Weise seine Konfliktformen skaliert. Sie befinden sich auf einer Spannweite, die mit Kämpfen zwischen zwei konkreten Parteien beginnt (dies wurde vorher als persönlicher Konflikt dargestellt) und bis zur Konkurrenz reicht, bei der keine Person bekämpft wird, sondern bei der zwei gegnerische Parteien ihren (getrennten) Weg zum Ziel gehen. Coser unterscheidet hingegen nur mehr zwei Konfliktformen. Seine echten Konflikte (funktionale Konflikte) lassen sich als jene beschreiben, die in genau solchen unpersönlichen Situationen wie der Konkurrenz dazu dienen, die soziale Ordnung zu erhalten. Im Gegensatz dazu sind es dysfunktionale, unechte Konflikte, welche wie bei Simmel aus persönlichen Gründen wie Frustration ausgetragen werden. Aus Cosers theoretischen Überlegungen lässt sich ableiten, dass eine Gesellschaft, die Konflikte akzeptiert und Normen nicht zu starr befolgt, funktionalere Konflikte innehat. 6 Genauer gesagt ist es der unechte Konflikt, der eher ein Mittel zum Zweck als ein wirklicher Streit um Interessen ist. Bei ihm steht die Wut oder der Hass auf gegnerische Parteien im Vordergrund und es wird durch ihn versucht diesen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Echte Konflikte sind hingegen jene Konflikte, deren Ursache differenzierte Interessen sind. Diese Form ist prinzipiell schlichtbar. Inwiefern unechte Konflikte vergesellschaftende Auswirkungen haben, wird von Coser hinterfragt. Zu den Wirkungen von Konflikten beschreibt Coser, dass ideologisch widersprüchliche Konflikte für ein diktatorisches System desintegrativ wirken. Sind hingegen allgemeingültige Grundnormen vorhanden, können Konflikte wichtig und unvermeidbar sein und positive Konsequenzen tragen. So zum Beispiel in einer Demokratie, in der Arbeiter mithilfe ihrer Gewerkschaft für eine bessere Bezahlung streiken. In diesem Fall verstärken die Konflikte den Zusammenhalt des Ganzen. Coser betrachtet nicht nur Konflikte, die innerhalb einer sozialen Einheit auftreten, sondern auch sogenannte externe Konflikte. Sie bestehen zwischen zwei zusammenhaltenden Einheiten, die nicht gleich groß sein müssen. Ein Beispiel hierfür ist der Konflikt im Umgang eines Staates mit Immigrantengruppen, wenn sein Rechtssystem von den kulturellen Gepflogenheiten der Einwanderer abweicht. Wichtig ist vor allem das Befolgen gemeinsamer Werte. Sie sind es, die die Gruppe in Konfliktsituationen aneinanderschweißt und stärkt. 7
Ralf Dahrendorf, der dritte relevante Konfliktsoziologe, geht hingegen einen Schritt weiter und teilt die verschiedenen Konflikte, die es gibt, in Kategorien ein. Dabei differenziert er sie nach der Größe der gesellschaftlichen Gruppe, in der der Konflikt stattfindet und nach
6 Vgl. Stark, 2008, S. 92ff.
7 Vgl. Brock, 2008, S. 227f.
5
Arbeit zitieren:
Christina Guggenberger, 2011, Die Entstehung der Konfliktsoziologie als Gegenmodell zum Strukturfunktionalismus Talcott Parsons, München, GRIN Verlag GmbH
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