1. Einleitung
Dieses Jahr jährt sich zum 65. Mal das Attentat von Stauffenberg und seinen Verschwörern. Jüngst verfilmte sogar Hollywood mit Tom Cruise in der Hauptrolle die Geschehnisse um den 22. Juni 1944. Über die Qualität und die Besetzung lässt sich natürlich streiten, allerdings wird somit der Welt auch einmal das „andere“ Deutschland während des 2.Weltkriegs gezeigt. In Deutschland kennt man die Gruppe um Stauffenberg schon lange und verehrt sie als Helden. Auch andere Widerstandsgruppen wie der Kreisauer Kreis und die Weiße Rose rücken mehr und mehr ins Rampenlicht. Andere wiederum werden nur flüchtig betrachtet oder sogar ganz verschwiegen. Eine dieser Gruppen, die bis heute zu wenig Beachtung erlangte und in eine falsche politische Richtung gedrängt wurde, ist die „Rote Kapelle“. Diese wird in dieser Seminararbeit näher untersucht. Die Arbeit geht anfangs auf die Erklärung des Begriffs der „Roten Kapelle“ ein. Dann werden die wichtigsten Personen der „Roten Kapelle“ mit einer kurzen Biographie behandelt. Als nächstes werden die Entstehung, die Aktivitäten und die Zielsetzungen der Gruppe besprochen. Zum Schluss wird die Frage, ob die „Rote Kapelle“ als Widerstand bezeichnet werden kann, thematisiert.
Die Forschungslage stellte sich bei der Recherche für diese Seminararbeit als sehr schwierig heraus. Viele Bücher stellten noch die veraltete Sichtweise auf das Thema dar. Und auch die wenigen Bücher, die die neu erforschte Ansicht vertreten, unterscheiden sich. Außerdem beschränkt sich die Literatur auf Ausführungen von nur wenigen Autoren. Die Hauptwerke, denen diese Hausarbeit zu Grunde gelegt ist, sind das Buch von Peter Steinbach „Widerstand im Widerstreit“, der Aufsatz von Jürgen Danyel „Zwischen Nation und Sozialismus: Genese, Selbstverständnis und ordnungspolitische Vorstellungen der Widerstandsgruppe um Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen“ und „Für ein anderes Deutschland“ von G. Ueberschär.
2. Der Begriff „Rote Kapelle“
Den Namen die „Rote Kapelle“ gab sich das Widerstandsnetzes nicht selbst, sondern stammt von der deutschen militärischen Abwehr. Er wurde eigentlich für die unbekannte Brüsseler und Pariser Spionageorganisation um Julius Trepper, die für den sowjetischen Nachrichtendienst arbeiteten, benutzt und wurde aufgrund technischer Kontakte zwischen den Gruppen auch der Berliner Gruppe zugeordnet. 1 Man kann in verfolgungsgeschichtlichen Quellen die starke Irritation der Gestapo im Zuge der Untersuchungen erkennen. Verhaftungen von vielen Frauen und Männern unterschiedlichster Herkunft entsprachen in keinster Weise den gängigen Feinbildrastern der Geheimen Staatspolizei gegenüber den sonst
1 Vgl. Steinbach, Peter: Widerstand im Widerstreit, 2. Auflage, Paderborn;München;Wien Zürich 2001,, S. 250.
1
hierarschisch gegliederten kommunistischen Gruppen. 2 Man kann also sagen, dass dieser Name später auch einfach als Pauschalbezeichnung für vorwiegend linksintellektuelle Widerstandsgruppen in Berlin galt, um wahrscheinlich auch die Propaganda gegen die Sowjetunion zu verstärken.
3. Der Kern der „Roten Kapelle“
3.1. Arvid Harnack 3
Arvid Harnack wurde am 24.05.1901 in Darmstadt geboren. Er wuchs in einer liberalen Familie auf. Aus dem Wunsch heraus Hochschullehrer wie sein Vater und sein Onkel zu werden, begann Harnack ein interdisziplinäres Studium der Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre und promovierte auch. Er setzte sein Studium nach der juristischen Doktorprüfung im Fach der Nationalökonomie in Großbritannien und den USA fort. Der hochbegabte Student wurde 1931 zum Doktor der Philosophie promoviert. Während seiner Zeit in den USA schrieb Harnack seine zweite Dissertation über die amerikanische Arbeiterbewegung und befasste sich mit ordnungs- und wirtschaftspolitischen Grundproblemen. Ab 1931 leitete Harnack mit Friedrich Lenz 4 die „ Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetischen Planwirtschaft (Arplan)“. In dieser Gruppe waren die Hauptthemen die krisenhaften Entwicklungen der Weltwirtschaft und ihre Folgen für die einzelnen Staaten und wie sich diese durchbrechen lassen. Nach der Machtergreifung Hitlers wird die Arbeitsgemeinschaft aufgelöst und auch sein Hauptwerk „ Die marxistische Arbeiterbewegung in den Vereinigten Staaten“ konnte er nicht mehr veröffentlichen. Harnack stellte sich von Beginn an gegen den Nationalsozialismus und beschloss das Regime von innen zu bekämpfen. Er wurde beim Reichswirtschaftsministerium eingestellt und trat sogar 1937 in die NSDAP ein, um unauffälliger gegen das Regime arbeiten zu können. Nach jahrelangem Kampf gegen das NS-Regime wurden er und seine Frau Mildred Harnack am 07.September 1942 verhaftet. Arvid Harnack wurde am 19. Dezember desselben Jahres zum Tode verurteilt und drei Tage später hingerichtet.
2 Vgl. Danyel, Jürgen: Zwischen Nation und Sozialismus: Genese, Selbstverständnis und ordnungspolitische Vorstellungen der Widerstandsgruppe um Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen, in: Steinbach, Peter (Hg.) und Tuchel, Johannes (Hg.): Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Berlin 1994, S.471
3 Vgl. Steinbach, P.: Widerstand im Widerstreit, S.237/238 und S. 252.
4 Begründer der Giessener Schule und der Nationalökonomie.
2
3.2. Mildred Harnack 5
Mildred Harnack, geborene Fish, wurde am 16.09.1902 in Milwaukee/Wisconsin geboren. Sie kam aus einer Kaufmannsfamilie. Mildred Harnack lehrte an der Universität Madison Literaturwissenschaft, wo sie Arvid Harnack kennenlernte und im Sommer 1926 heiratete. Sie folgte ihrem Mann nach Deutschland und arbeitet dort als Lektorin für amerikanische Literaturgeschichte an der Berliner Universität. Nach ihrer Entlassung 1933, trat sie eine Stelle am Berliner Abendgymnasium an. Durch ihre guten Beziehungen zur amerikanischen Botschaft gelangte die Gruppe z.B. an Reden von Roosevelt, Nachrichten über den spanischen Bürgerkrieg und Kommentaren zu Hitlers Politik. Durch ihr Engagement konnte Mildred mehr und mehr Frauen und Männer für Widerstandstätigkeiten gewinnen. Sie war an allen Aktionen des Widerstands beteiligt und wurde schließlich gemeinsam mit ihrem Mann am 07. September 1942 festgenommen. Anfangs nur zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt, wurde das Urteil unter dem Druck Hitlers aufgehoben. Die zweite Hauptverhandlung endete mit der Todesstrafe. Mildred Harnack wurde am 16. Januar 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.
3.3. Harro Schulze-Boysen 6
Harro Schulze-Boysen wurde am 02.09.1909 als Großneffe des Admiral Alfred v. Tirpitz in Kiel geboren. Er wurde Herausgeber der Zeitschrift „gegner“. Dies eröffnete ihm vielfältige Kontakte. 1933 wurde seine Zeitschrift verboten und begann nach einer kurzen Haft in einem Berliner SA-Folterkeller eine Ausbildung an der Verkehrsfliegerschule in Warnemünde. Durch seine Sprachbegabung erhielt er 1934 eine Stelle im Luftfahrtsministerium. Nach und nach bildete sich um ihn ein enger Freundes- und Widerstandskreis. Schulze-Boysen und Harnack können als die führenden Köpfe des Widerstandskreises „Rote Kapelle“ bezeichnet werden. „Unter dem Eindruck des spanischen Bürgerkrieges ist er 1938 erstmals bereit, dienstliche Kenntnisse an die Sowjetunion weiterzugeben. Harro Schulze-Boysen verleugnet niemals seine ursprünglichen Gedanken und Ziele und sammelt nach seiner Hochzeit im Jahr 1936 zielstrebig einen Kreis um sich, in dem philosophische Probleme und politische Grundfragen erörtert werden.“ 7
Harro Schulze-Boysen beteiligte sich an den Aktionen des Widerstands maßgeblich. Er arbeitete Fluschriften aus, nahm an Zettelklebeaktionen teil und hatte Kontakte zu anderen Hitler-Gegnern. Durch einen Zufall wurde ein Funkspruch ermittelt in dem sein Name
5 Vgl. Steinbach, Peter und Tuchel, Johannes: Lexikon des Widerstands, 2. Auflage, München 1998, S.86/87.
6 Vgl. Steinbach/Tuchel: Lexikon des Widerstands, S.177/178.
7 http://www.gdw-berlin.de/b17/b17-2-harnack.php.
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Arbeit zitieren:
Stefanie Zeder, 2009, Die rote Kapelle, München, GRIN Verlag GmbH
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