Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
0. EINLEITUNG. 6
1. GRUNDLEGENDE DISKUSSION UM SOZIALISATIONSTHEORETISCHE
GRUNDANNAHMEN UND IHRER PÄDAGOGISCHEN RELEVANZ 14
1.1. Zur historischen Entwicklung sozialisationstheoretischer Paradigmen. 16
1.2. Rollentheoretische Konzepte in der Erziehungswissenschaft 22
2. DIE FAMILIE: SOZIOKULTURELLE UND GESELLSCHAFTSHISTORISCHE
ASPEKTE DER FAMILIENSTRUKTUR 31
2.1. Überlegungen zu einer biophysisch-substrukturellen - Bedingtheit der
Familienstruktur 33
2.2. Zum Verhältnis von Gesellschaft und Familie: Grundlegende Überlegungen
zur Familie als gesellschaftliche Erziehungs- und Sozialisationsinstanz. 36
2.3. Historischer Wandel der Familie 43
2.3.1. Die Auflösung des "ganzen Hauses" 45
2.3.2. Die Entdeckung der Kindheit als eigenständige Entwicklungsphase 47
2.3.3. Zum Funktionswandel der Familie 48
2.4. Zur neueren Entwicklung von Autoritäts- und Arbeitsteilungsverhältnissen52
2.4.1. Zur bürgerlichen Geschlechterphilosophie: Polarität und Komplementarität
53
2.4.2. Familiale Geschlechtsrollen: Elternschaft und Arbeitsteilung 57
2.5. Zwischenbemerkung 61
3. FAMILIENSOZIOLOGISCHE THEORIEBILDUNG. 63
3.1. Familiensoziologische Perspektiven zum Begriff "Familie" 63
3.2. Das funktionalistische Paradigma 66
3.3. Ansätze einer interpretativen Familiensoziologie. 73
4. SOZIOLOGICHE GRUNDLAGEN FÜR EINE THEORIE DER IDENTITÄTSBILDUNG
78
4.1. Theoriegeschichtliche Rekonstruktion der Rollentheorie. 80
4.2. Zur sozialisationstheoretischen Relevanz der Rollentheorie 86
4.3. Die strukturfunktionalistische Theorie PARSONS. 91
4.4. GOULDERs Kritik an der PARSONSschen Theorie. 95
4.5. Zur Theorie des Symbolischen Interaktionismus MEADs 102
4.6. Zur Begründung einer kritischen Rollen- und Interaktionstheorie 104
4.6.1. Das Identitäts- und Rollenkonzept bei GOFFMAN 105
4.6.2. Das Identitäts- und Rollenkonzept bei HABERMAS und KRAPPMANN. 108
4.6.3. Das Konzept der Rollenübernahme bei KELLER. 112
4.7. Exkurs: Norm und psychosexuelle Entwicklung 118
4.8. Zwischenbemerkung 122
5. "ELTERLICHES ERZIEHUNGSVERHALTEN": ZUR ALLGEMEINEN
PROGRAMMATIK DER ERZIEHUNGSSTILFORSCHUNG 124
5.1. Elterliches Erziehungsverhalten - Begriffsbestimmung 126
5.2. Das "mechanistische" Programm und bedingungsanalytische Probleme 131
5.3. Zur theoretisch-methodischen Pluralität. 136
5.4. Erzieherisches Handeln und Handlungsträger 140
6. DIMENSIONEN ELTERLICHEN ERZIEHUNGSVERHALTENS: KONZEPTE UND
ERGEBNISSE 145
6.1. Typenkonzepte 145
6.2. Die familiale Kommunikationsstruktur Schichtzugehörigkeit und
Bildungsgrad der Eltern 153
6.3. Elterliche Erziehungsvorstellungen. 158
6.4. Geschlechtstypische Unterschiede im tatsächlichen Verhalten. 162
6.5. Erlebtes Erziehungsverhalten und Persönlichkeitsentwicklung. 168
7. ZUR BEDINGUNGSSTRUKTUR VON ELTERN-KIND-INTERAKTIONEN. 172
7.1. Einordnung des Konstrukts "elterliches Erziehungsverhalten" in ein
rollentheoretisches Rahmenkonzept 175
7.1.1. Der normative Aspekt von Eltern-Kind-Interaktionen. 179
7.1.2. Die individuelle Ausgestaltung der Elternrolle: Zur Relation von
Erziehungseinstellung und Erziehungsvorstellung 182
7.1.3. Rahmenpersönlichkeit und Erziehungsverhalten 187
7.1.4. Grunddimensionen elterlichen Erziehungsverhaltens als Kennzeichnung
des Interaktionsklimas. 189
7.2. Der Zusammenhang von elterlicher Identität und Strukur der Eltern-Kind-
Interaktionen. 192
7.2.1. Relevanzkriterien des funktionalistischen Ansatzes: Normative Aspekte -
Zur elterlichen Rollenidentität 193
7.2.2. Relevanzkriterien des interaktonistischen Ansatzes: Individuelle und
situative Aspekte 199
8. SCHLUßBETRACHTUNG 215
Anmerkungen : 226
0. EINLEITUNG
Um welche Bedingungen es sich in Art und Umfang des Erziehungsgeschehens handelt, darauf wi rd in der Erziehungswissenschaft sehr differenziert geantwortet. Hinsichtlich der Bedingungen und Bedingungsstrukturen für das Erziehungsgeschehen und der Verwirklichung von Erziehungszielen bietet die Erziehungswissenschaft ein sehr differenziertes Bild. Viele erziehungswissenschaftliche "Objekttheorien" favorisieren Einzelbedingungen und Teilstrukturen von Teilbedingungen. Dabei ist Gegenstand inhaltlicher Kontroversen zwischen den einzelnen Richtungen im allgemeinen: - Die Persönlichkeit des Erziehers und sein Handeln - Die Lernfähigkeit und Bildsamkeit des Educanden - Die Interaktions - und Kommunikationsstruktur zwischen - Erzieher und Educand
- Kleingruppen wie Familie und Schulklasse, in denen Erziehung primär stattfindet, ihre Struktur und Dynamik - Die sozioökologische Nahumwelt
- Die soziale, wirtschaftliche und politische Makrostruktur - Die Kultur, Werte und Normen, das System von Objektivationen, Institut ionen
Wenn man auch davon ausgeht, daß der gesamte Problembereich der Mittel, Maßnahmen und Bedingungen der Erziehung die wissenschaftliche Forschung zu erfassen hat, so ist doch der zentrale Aspekt der erzieherischen Einflußnahme der Handlungsträger selbst, also der Erziehende mit seinen Absichten, Haltungen und Handlungskompetenzen.
Eine erziehungswissenschaftliche Theorie muß aber, obwohl sie die Person des Erziehenden als zentrale Bedingung des Erziehungsgeschehens und -erfolges ansieht, eine polykonditionale Theorie sein, in der alle Bedingungen des Erzie-
hungsgeschehens und -resultates erfaßt werden. Nur dadurch wird sie der komplexen Bedingungsstruktur menschlicher Entwicklung und der intendierten, bewußten sowie der unbeabsichtigten und indirekten Einflüsse, gerecht. Obwohl die Interaktion zwischen Erziehenden und Educand eine zentrale Teilbedingung des Erziehungsgeschehens darstellt, spricht gegen ihre Verabsolutierung (gerade in der geisteswissenschaftlichen Pädagogik), daß diese Beziehung auch durch die Rollen bestimmt wird, die sie im Rahmen einer Erziehungsinstitution wie Familie und Schule inne haben. Der "Erziehungserfolg" hängt so wesentlich von den institutionellen Regelungen ab, die das pädagogische Beziehungsverhältnis mitbestimmen und charakterisieren.
Erzieherisches Handeln wird aber allein aus gesellschaftlichen Rollenzuweisungen, institutionellen Regelungen und sozioökonomischen Bedingungen nicht erklärbar. Im konkreten Erziehungsverhältnis spielt das konstruktive und kreative Potential und die Handlungskompetenz des Erziehenden eine wesentliche Rolle.
Theorien, die mit Einzelbedingungen des Erziehungsgeschehens arbeiten, darf nicht jeder Erkenntnis- und Erklärungswert abgesprochen werden, da sie als partielle Theorien auf einem Teilsektor zur Aufklärung der hochkomplexen Bedingungs- und Zusammenhangsverhältnisse beitragen und eine wesentliche Vorarbeit für die Konstituierung einer umfassenden Erziehungstheorie leisten. Wesentlich ist dafür, das besondere Gewicht und die Wirkungsweise von Teilstrukturen in einem Gesamtbedingungszusammenhang zu berücksichtigen. Gegenstandsbereich dieser Arbeit ist die Interaktionsstruktur des sozialen Systems "Familie". Zentrale Annahme ist dabei, daß das elterliche Verhalten gegenüber dem Kinde wesentlich das Interaktionsklima und grundlegende Interaktionsmuster bestimmt.
In der gegenwärtigen Diskussion ist viel vom "Niedergang" der Familie und einer "Sinnkrise" der Jugend die Rede. Die konservative Familiensoziologie macht häufig Desorganisationserscheinungen der Familie für die Sinn- und Motivationskrise der Jugend verantwortlich, wie auch für die Phänomene "Sucht" und "Gewalt". Jedoch besteht in dieser Interpretation die Gefahr einer zu mono-
kausalen Interpretation dieser Erscheinungen und die Vernachlässigung exogener gesellschaftlicher Entwicklungen, wie Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit usw. Alle diese gesellschaftlichen Faktoren sind nicht nur exogene Bedingungen einer Persönlichkeitsentwicklung, sondern wirken unmittelbar auf familiale Kommunikations - und Interaktionsprozesse. Die Erfassung dieser Zusammenhänge soll jedoch nicht Aufgabe dieser Arbeit sein.
In dieser Arbeit liegt der Schwerpunkt der Betrachtung auf das "elterliche Erziehungsverhalten". Dieses begriffliche Konstrukt impliziert einen Komplex unterschiedlicher Bedeutungsebenen. Zum einen deutet der positionale Hinweis "elterlich" auf ein spezifisches Interaktionsfeld mit einer spezifischen institutionellen Verfassung und Organisation. Zum zweiten impliziert der Begriff "Erziehung" die traditionelle Vorstellung von Erziehung als bewußt-intendierte gleichgerichtete Einflussnahme vom Erziehenden auf den Edukanden. Der Begriff "Verhalten" deutet auf die orthodox-behavioristische Auffassung des Verhaltensbegriffs als beobachtbare psycho-motorische Aktivität eines Subjekts. Desweiteren deutet der Wortlaut des Themas auf ein besonderes Interaktionsverhältnis zwischen Erziehenden und Edukand, deren interaktionale Beziehung durch die "sozialen Rollen" gekennzeichnet ist, die sie im Rahmen eines institutionell-organisierten Handlungsfeldes inne haben.
Erziehung gehört zu den "selbstverständlichen Rollen", die Eltern auszuüben haben. Dies ist nicht im Sinne eines kontinuierlichen Geschehens gemeint, welches sich ständig bewußt vollzieht, sondern in akuten Situationen der Notwendigkeit im Sinne erzieherischer Einsicht und Verantwortung. Direkte erzieherische Handlungen heben sich auf Grund ihres relativ hohen Reflexionsniveaus von dem "Strom" des relativ unreflektierten Umganges der Eltern mit den Kindern ab. Das resultiert aus der Tatsache, daß Eltern die Erziehung ihrer Kinder als "quasi-natürlich" empfinden und somit besondere Ansprüche ihrer "Erzieherrolle" und daraus resultierenden inneren Konflikten weniger reflektieren. Eltern sind einfach "da" für ihre Kinder; damit stehen die Eltern den Kindern mit ihrem "Selbst" entgegen und nicht mit der ständig bewußt präsenten Erziehungsabsicht eines z.B. Berufspädagogen. Hierin liegt die spezifische Besonderheit des "Erzie- hungsverhältnisses" zwischen Eltern und Kind, welche auf Grund einer "quasi-
natürlichen" Organisation gekennzeichnet ist.
Die dieser Arbeit zugrundeliegende Fragestellung lautet: Inwiefern kann dem "elterlichem Erziehungsverhalten" eine Interaktionsstruktur zugrunde gelegt werden, aus der sich strukturelle Bedingungen dieses Verhaltens ableiten lassen? Und inwiefern bildet di eses Verhalten im Kontext sozialer, institutioneller und ökonomischer Strukturbedingungen der Familie eine Determinante kindlicher Persönlichkeitsentwicklung?
Hier deuten sich zwei wesentliche Prämissen der Fragestellung an, unter denen das Konstrukt "Elterliches Erziehungsverhalten" geklärt werden kann: Zum einen stellt sich die Variable "Erziehungsverhalten" - unter entsprechender Problemstellung - als abhängige Variable dar. Hier gilt die Klärung des Konstrukts "Elterliches Erziehungsverhalten" hinsichtlich seiner strukturellen Bedingungen für das Zustandekommen bestimmter Erziehungsstilmerkmale. Der Aufweis sozioökonomischer Bedingungen könnte hier zum Beispiel die interindividuelle Varianz in den Merkmalen des Erziehungsverhaltens aufklären und so individuell-therapeutische Interventionen als gering wirksam einschätzen. Zum zweiten läßt sich die Variable "Erziehungsstil" analytisch als unabhängige Variable verwenden, in der die Klärung dieses Konstruktes hinsichtlich seiner direkten Einflüsse auf Persönlichkeitsvariablen des Kindes von Bedeutung ist. Der hier entwickelten Problematik liegt die Annahme zugrunde, daß sich die Identität und grundlegende sozial-kognitive Kompetenzen des Heranwachsenen im primären Sozialisationsraum "Familie" entwickeln. Die Bedeutung des elterlichen Erziehungsverhaltens als strukturelle Bedingung für die Genese der kindlichen Identitätsbildung ist in der Sozialisationsforschung und in der so-zialwissenschaftlich-orientierten Pädagogik allgemein anerkannt. Insofern ist das Konstrukt "elterliches Erziehungsverhalten" als analytisches Instrument zur Fassung struktureller Bedingungen der ontogenetischen Entwicklung nicht nur als unabhängige Variable, sondern auch als abhängige Variable von Bedeutung. Die Genese kindlicher Identitätsbildung soll im Zusammenhang mit den Grenzdimensionen elterlichen Verhaltens, also in Abhängigkeit zum familialen Interaktionsklima, beleuchtet werden. Die Betonung in dieser Arbeit liegt jedoch
auf die Klärung des Konstrukts "elterliches Erziehungsverhalten" als abhängige Variable. Es gilt die Frage, inwieweit strukturelle Bedingungen der institutionellen und personalen Familienorganisation, sozioökologische Bedingungen, gesellschaftliche Normen sowie Persönlichkeitsmerkmale des Elternteils einen zus ammenhängenden Bedingungskomplex für das Zustandekommen grundlegender Dimensionen (Verhaltensdispositionen) des Elternverhaltens darstellen. Die Struktur des elterlichen Verhaltens soll dabei systematisch aus der Bedingungsstruktur familialer Interaktionsprozesse abgeleitet werden, welche wiederum ihre Bedingungsstruktur im sozio-gesellschaftlichen Umfeld hat, in dem die Familie eingebettet ist. Dazu wird als zentraler theoretischer Aspekt dieser Arbeit das Konstrukt "Elterliches Erziehungsverhalten" in ein rollentheoretisches Rahmenkonzept eingeordenet. Das bedeutet eine "rollentheoretischinteraktionistische Verifizierung" dieses Konstruktes, also die Identifizierung der wesentlichen Komponenten des Elternverhaltens als Komponenten des Rollen-handelns; diese Komponenten sind rollentheoretisch begrifflich zu fassen. Auf dieser Grundlage kann die Bedingungsstruktur der interaktionalen Eltern-Kind-Beziehung aus einer rollentheoretisch orientierten Theorie des sozialen Handelns deduziert werden, welche sich im Kapitel sieben als allgemeines Rahmenkonzept darstellt; in dem funktionalistische, sowie interaktionistische und kritische Rollenkonzepte in komplementärer Weise ein "dynamisches" Rollenkonzept darstellen sollen (Kapitel 7).
Es ist hier anzumerken, daß das elterliche Erziehungsverhalten nicht unter einem klinischen Aspekt behandelt wird. Das in der gängigen Familientherapie zugrundegelegte systemische Familienmodell läßt die Diagnostik von klinischen Phänomenen zu. Für die Diagnostik von problematischen Interaktionsmustern wird meistens von mindestens drei Organisationsebenen der Familie ausgegangen: Der individuellen, interpersonellen und gesamtsystemischen Ebene. Der hier behandelte rollentheoretische Ansatz erlaupt den Schnittpunkt von individueller und interpersoneller Ebene und kann gut in ein systemisches Familienmodell integriert werden. Klinisch relevant wäre der Schnittpunkt aller Ebenen unter besonderer Berücksichtigung der Funktionsweise des gesamten Familien- systems mit seiner besonderen Struktur von Hierarchien und intrafamilialen
Grenzen und Regeln. Dieser klinische Aspekt des Interaktionssystems "Familie" tritt in dieser Arbeit in den Hintergrund. Im Vordergrund steht der positionale Verweis des Erziehungsverhaltens als familien-/ erziehungssoziologische Interpretation und nicht als Abhandlung zu klinischen Phänomenen in familialen Beziehungen.
Als "Vorarbeit" einer rollentheoretischen Konzeptualisierung des "elterlichen Erziehungsverhaltens" soll in mehreren Schritten vorgegangen werden. Im ersten Kapitel soll das Verhältnis der Erziehungswissenschaft zu soziali-sationstheoretischen Paradigmen und rollentheoretischen Konzepten allgemein beleuchtet werden, um Status und Relevanz dieser theoretischen Ansätze für die pädagogische Argumentation der ontogenetischen Entwicklung, besonders für die nähere Bestimmung der Kategorie des Subjekts als normativen Aspekt, zu diskutieren. Zudem geht es hier um die Darstellung der Abhängigkeit des Persönlichkeitsbegriffes vom jeweiligen gesellschaftshistorischen Kontext und Wissenschaftsverständnisses.
Im zweiten Kapitel wird der gesellschaftshistorische Charakter der Familienstruktur thematisch. Hier steht das Verhältnis von Gesellschaft und Familie im Mittelpunkt der Betrachtung. Es soll deutlich werden, daß sich die Familie nicht als ahistorische Kategorie verwenden läßt und ihre Funktionen und Disfunktionen mit dem Umstrukturierungsprozeß der letzten 200 Jahre zusammenhängen. Desweiteren werden Annahmen über biologisch determinierte Wesensheiten von Mann und Frau vor dem Hintergrund gesellschaftshistorischer Entwicklungen relativiert. Dies wird besonders vor dem Hintergrund geschlechtstypischer Arbeitsteilung als Ausdruck der Geschlechtsrolleninterpretation relevant. Implizite Rollenerwartungen der Geschlechtsrollen lassen sich aus Differenzierungsprozessen im Verlauf der historisch-gesellschaftlichen Strukturveränderungen in den letzten zweihundert Jahren erklären, die vorallem zur Trennung von Familien- und Erwerbsleben geführt haben. Einige sozialhistorische Betrachtungen sollen die his-torische Variabilität und die gesellschaftliche Prägung des Zusammenhangs von Geschlecht und Geschlechtrollen deutlich machen und auch die Wirksamkeit älterer Normensysteme bis in das heutige Verständnis der Geschlechtercharaktere aufweisen.
Im dritten Kapitel werden grundlegende Perspektiven amiliensoziologischer Theoriebildung dargestellt und diskutiert. Unter verschiedensten Fragestellungen, Forschungsinteressen und Methoden wird die Familie als Objekt soziologischer Betrachtungen behandelt. Obwohl sich eine quantitative Mehrheit funktionalistischer Ansätze hierzulande abzeichnet, bildet sich hierzu immer mehr eine interpretative Richtung aus, die besonders die Genese von Interaktionskompetenzen und Identitätsbildung zum Schwerpunkt hat. Beide Ansätze bilden in ihrer kritischen Gegenüberstellung eine koplementäre Grundlage für ein "dynamisches" Familienkonzept.
Familiensoziologische Interpretationen gründen sich in den meisten Ansätzen auf zwei wesentliche sozialisationstheoretische "Stränge", welche die Grundlage für rollentheoretisch orientierte Theorien der Identitätsbildung und sozialen Interaktion darstellen. Diese werden im vierten Kapitel ausführlich dargestellt und diskutiert, da diese in komplementärer Weise den theoretischen Rahmen für ein "dynamisches" Familienkonzept bilden können, in dem sowohl makrostrukturelle Interdependenzen der Handlungsorientierung zur Geltung kommen, als auch die mikrostrukturelle Dynamik familialen Geschehens als Ausdruck interpretativer, individueller Prozesse der "Rollenausführung" unter Hinzunahme der Ka-tegorie sozial-kognitiver Handlungskompetenzen der Interaktionspartner; durch der auch die Genese der Ausbildung dieser Kompetenzen in der Familie hinsichtlich der Identitätsbildung thematisch wird.
In Kapitel fünf und sechs geht es um eine begriffliche und theoretischmethodische Verortung des Konstrukts "Elterliches Erziehungsverhalten" in einer allgemeinen Programmatik der Erziehungsstilforschung. Hier wird deutlich, daß dieser Gegenstandsbereich als Forschungsgegenstand weder über eine einheitliche theoretisch-methodische Konzeption verfügt, also in empirischer Hinsicht ungeklärt ist, noch über einheitliche Untersuchungsergebnisse, die eine umfassende Theorie stützen könnten, da eine Vielzahl unzusammenhängender Daten keine einheitlichen und schlüssigen Interpretationen zuläßt. In Kapitel sieben geht es um eine "synthetische Fassung" der vorgestellten theoretischen Ansätze. Gleichermaßen stellen beide theoretischen "Stränge" eine Theorie dar, die den Zusammenhang von Identitätsbildung und Interaktion auf-
zeigt. Sie eignen sich daher als theoretische Grundlage der Analyse elterlichen Erziehungsverhaltens. Aufzugeigen ist, daß elterliches Erziehungsverhalten von beiden Komponenten (normative und interpretative) bestimmt ist und daß eine kritische Gegenüberstellung beider rollentheoretischer Ansätze unter Hinzunahme einiger wesentlicher Elemente der kritischen rollen- und interaktions -theoretischen Rezeptionen wesentliche Strukturbedingungen von Eltern-Kind-Beziehungen aufzuzeigen vermag. Die hier diskutierten theoretischen Ansätze sind nicht unmittelbar für eine empirische Analyse verwendbar, da sich in vielen Kategorien Schwierigkeiten in der Operationalisierung ergeben. Auch die interpretative Familienforschung ist in empirischer Hinsicht nicht völlig geklärt. Ein methodisches Problem ist die Verknüpfung qualitativer Forschungsmethoden mit den traditionellen quantitativen Erhebungsverfahren. Die empirisch-methodische Umsetzung der hier angesprochenen Theorien wäre eine Voraussetzung für die empirische Analyse des Problembereichs "elterliches Erziehungsverhalten". Vor einer solchen empirisch-methodischen Umsetzung steht jedoch die theoretische Klärung der jeweiligen Ansätze und ihrer Schwierigkeiten sowie eine sinnvolle Integration des Konstruktes "Elterliches Erziehungsverhalten" in ein theore- tisches Rahmenkonzept; das soll Aufgabe der vorliegenden Bemühungen sein.
1. GRUNDLEGENDE DISKUSSION UM SOZIALISATI-ONS-THEORETISCHE GRUNDANNAHMEN UND IHRER PÄDAGOGISCHEN RELEVANZ
Sozialisationsforschung im engeren Sinne ist eine empirisch-
wissenschaftlich-kausale Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen der Persönlichkeitsentwicklung. 1 Diese allgemein gültige Definition legt den Schwerpunkt sozialisationstheoretischer Überlegungen auf die strukturellen Bedingungen ontogenetischer Subjektentwicklung im soziokulturellen Umfeld. Zentraler Aspekt sozialisationstheoretischer Paradigmen für die pädagogische Argumentation ist der der "Persönlichkeit". Während in soziologischer Betrachtung "Persönlichkeit" eher als die Konstitution des "empirischen Subjekts" verstanden wird, deren zugrundeliegenden soziogesellschaftlichen Strukturbedingungen für die Klärung der Ontogenese im Vordergrund stehen, gilt für die pädagogische Diskussion vor allem die nähere Bestimmung der Kategorie des Subjekts als normativer Aspekt der Argumentation als zentral. Die vorangegangende Definition von "Sozialisati-onsforschung", also eines implizit enthaltenden Sozialisationsbegriffes, weist neben den analytisch zu erfassenden strukturellen Bedingungen der Ontogenese der Subjektbildung den Aspekt der "Persönlichkeit" selbst aus. "Persönlichkeit" kann verstanden werden als konstitutive Struktur des "empirischen Subjekts" und als "Vorstellung über einen reifen Menschen" auf gesamtgesellschaftlicher, wissenschaftlicher und individueller Ebene. Insofern stellt dieses "Subjekt-Modell" ein Erziehungs- bzw. Sozialisationsziel dar, welches gleichermaßen sozia-lisationstheoretischer und erziehungswissenschaftlicher Theoriebildung zugrundeliegt. Dieser normative Aspekt sozialisationstheoretischer Überlegungen ist Relevanzkriterium erziehungswissenschaftlicher Theoriebildung. Da die Vorstellung über einen "reifen" Menschen in der Gesellschaft verankert ist, ist auch in der wissenschaftlichen Theoriebildung eine wertfreie Orientierung nicht möglich. Somit ist die Entwicklung und Bildung sozialisations- und erziehungstheoretischer Paradigmen im Kontext des gesellschaftlichen Hintergrundes zusehen und wesentlich aus diesem abzuleiten.
Im ersten Abschnitt liegt der Schwerpunkt der Betrachtung auf die konkre-
te historische Bedingtheit und Relativität der Sozialisationsforschung. Es ist hier Anliegen, ein begriffliches Vorverständnis und die Begrifflichkeit der Sozialisati-onsforschung zu erweitern und "falsche Fixierungen zu lösen". 2 Weitgehend stützend auf Ausführungen von GEULEN und HURRELMANN soll hier die Entwicklung grundlegender theoretischer Paradigmen, die das Verhältnis von Natur Mensch Gesellschaft thematisieren, rekonstruiert werden, um herauszustellen, daß ein Begriffsverständnis von Erziehung, Entwicklung und Persönlichkeit immer im konkreten gesellschaftshistorischen Kontext zusehen ist und auch das heutige Verständnis von Gesellschaft und Persönlichkeit als Erziehungsziel nicht als absolut zu gelten hat.
Im zweiten Teil dieses Kapitels wird das Menschenbild als Leitfigur der modernen Erziehungswissenschaft dargestellt und in diesem Zusammenhang die Auseinandersetzung der Erziehungswissenschaft mit verschiedenen Rollenkonzepten thematisiert. Hier soll deutlich werden, daß die sozialisationstheoretische Klärung der Ontogenese des Subjektes als Prozeß der Vergesellschaftung und Individuation wesentlich unter Zuhilfenahme rollentheoretischer Konzepte erfolgt und die pädagogische Diskussion um das Menschenbild im engen Zusammenhang zur Diskussion der verschiedenen Rollenkonzepte steht, welchen wiederum verschiedene Menschenbilder zugrundeliegen. Hinter der Zielgebung von Erziehung steht im allgemeinen ein bestimmtes Menschenbild, das Bild vom selbst bestimmenden, autonomen, aufgeklärten Menschen. Eine immer stärkere Orientierung der Pädagogik an der Soziologie ab den sechziger Jahren, die Übernahme primär sozialisations- und rollentheoretischer Konzepte führte zu einem "Soziologismus". 3 Mit der Rollentheorie ist die Auseinandersetzung der Pädagogik am stärksten. HURRELMANN unternimmt den Versuch, "Lücken im Anpassungssyndrom zu erspähen und für die Pädagogik zu thematisieren". 4 Dabei nennt HUR-RELMANN das Ziel der Erziehung als eine Hinführung zu gesellschaftlichen Rollen, das Individuum zur Übernahme sozialer Rollen zu befähigen, die den individuellen Neigungen und Anlagen am ehesten entsprechen, und damit auf gesellschaftliche Rollenanforderungen basierend zum selbstverantwortlich und selbstbestimmend handelnden Subjekt zu entwickeln. 5 Der in diesem Kapitel behandelte Gegenstandsbereich ist im Rahmen des
Arbeitsthemas von daher relevant, als die Bestimmung des Verhältnisses von Erziehungstheorie und Rollentheorie grundlegende Fragen zur "Erziehung des Kindes als Rollenlernen" aufklärt und so die Struktur des Erziehungsgeschehens hinsichtlich Bedingungen und Folgen der Ontogenese des Subjekts als Struktur sozialer Interaktion und Identitätsbildung in primären Sozialisationsfeldern im Verhältnis zu rollentheoretischen Sozialisationsmodellen thematisch wird.
1.1. Zur historischen Entwicklung sozialisationstheoretischer Paradigmen
Sozialisationsforschung ist im engeren Sinne eine empirisch-
wissenschaftlich-kausale Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen der Persönlichkeitsentwicklung. GEULEN betont die konkrete historische Bedingtheit und Relativität der Sozialisationsforschung. 6 Dies zu verdeutlichen soll Anliegen im folgenden Unterkapitel sein.
Die Wurzeln von "Sinnelementen" einer Sozialisationstheorie liegen schon in der antiken Philosophie. Hier beginnt die Diskussion um die zentrale Frage, inwiefern der Mensch in seinem Wesen durch reale Bedingungen geprägt wird oder demgegenüber ein Invariantes, Absolutes (vom göttlichem Willen bestimmt) ist (Z.B. PROTAGORAS, PLATON, ARISTOTELES). Doch betont GEULEN, daß die Auffassung einer Ontogenese der platonisch-aristotelischen Anthropologie nicht unbedingt die sozialisationstheoretische Annahme "einer kausalen Abhängigkeit individueller Bewußtseinsstrukturen von historischgesellschaftlichen Bedingungen" impliziert. 7 Sie geht mehr von einer Verwirklichung eines als Gattungsmerkmal angelegten Logos durch Umwelt und Erziehung aus. Diese klassische Auffassung ist teilweise in die sozialisationstheoretische Diskussion der Gegenwart hinsichtlich reifungstheoretischer Positionen der Entwicklungspsychologie eingegangen. 8
Eine entscheidende Errungenschaft der Philosophie der Aufklärung nennt GEULEN das Menschenbild, in welchem seine Identität als Vernunftwesen ihren Niederschlag findet. Entscheidend jedoch für die Entwicklung des Sozialisations- paradigmas ist der englische Empirismus; als Wegbereiter der angloamerikani-
sche Psychologe BACON. 9 Wesentlich und spezifisch ist aus der englischen Philosophie der Gedanke, daß Wissen und Erkenntnis aus der Erfahrung, also im Kontext zur Umwelt kommen. HOBBES führt diesen Gedanken weiter in der Annahme, daß die Psyche von gesetzmäßig wirkenden Ursachen dependent sei. Demgegenüber steht die rationalistische Strömung, insbesondere von DESCARTES und LEIBNITZ vertreten, die von einem wissenschaftstheoretischen Dualismus von Bewußtsein und Realität ausgeht.
Als gegensätzlicher Akzent der französischen Aufklärungsphilosophie, die besonders durch den Gedanken an die befreiende Kraft der Wissenschaft geprägt ist, fordert ROUSSEAU die Rückbesinnung zur "tragenden Kraft der Natur". In dieser Hinsicht räumt er der Erziehung einen hohen Stellenwert ein, in der der Zögling frei von kulturellen Einflüssen zwanglos seine natürlichen Anlagen entfalten soll. Somit postuliert ROUSSEAU einen Gegensatz zwischen menschlicher Natur und Gesellschaft. Es wird eine Anpassung an die Natur intendiert und nicht an die Gesellschaft. GEULEN geht davon aus, daß ROUSSEAUs Erziehungskonzeption als Gegenteil einer umweltbedingten Sozialisation postuliert wird. 10 Besonders relevant für die Sozialisationstheorie ist die Philosophie des 19.Jahrhunderts, die sich im Zuge der Industrialisierung besonders der Gesellschaft zuwendet und die Soziologie als eigenständige Disziplin (insbesondere durch COMTE 1842) hervorbringt. Neben einer impliziten Thematisierung von Gesellschaft ist besonders der kausale Aspekt von Gesellschaft und Individuation von Bedeutung. Ein wichtiger Vertreter dieser Philosophie ist HEGEL mit seiner Theorie der Dialektik von objektivem und subjektivem Geist. Werte und Normen von Staat, Gesellschaft und Familie als objektiver Geist schlagen sich im subjektivem Geist des menschlichen Wesens nieder und durchdringen einander. In der Thematisierung der Ontogenese lehnt HEGEL entschieden die nativistische The orie ab und räumt für die Pädagogik dem Erzieher die wesentliche Funktion des Vermittlers des "objektiven Geistes" ein. Hier wird das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft nicht als einseitige kausale Determination gesehen, sondern als Einheit und Bedingung der Entfaltung der Persönlichkeit. 11 Die Identifikation von Individuum und Gesellschaft bei HEGEL bilden die Grundlage für einige Annah- men der heutigen Rollentheorie, besonders für die Theorie der Identitätsbildung
als Reflektion an einem "Nicht-Ich". HEGEL schafft damit eine gesellschaftsthe oretische Grundlage, von der neben MARX auch Autoren wie DURKHEIM und FREUD ausgingen, die den entscheidenden Ansatz des sozialisationstheoretischen Paradigmas begründeten. 12 Als Opposition zum Hegelianismus vertrat die sogenannte historische Schule Mitte des 19.Jahrhunderts (insbesondere HER-DER) die Auffassung, daß der Mensch aus anthropologischer Sicht als ein durch biologische Konstitution unzureichend ausgestattetes Mängelwesen sei, welchesin Weiterführung einer pädagogischen Konsequenzder Erziehung bedarf. Ausgehend vom Hegelianismus und Historismus thematisiert und integriert der Historische Materialismus, insbesondere MARX und ENGELS, die realen materiellen Bedingungen der Menschwerdung. Produktionsmittel stehen im dialektischem Verhältnis zur Natur und werden gesellschaftlich organisiert. Gesellschaftliche Lebensbedingungen werden durch das Gleichgewicht oder Ungleichgewicht von Produktionsverhältnissen bestimmt und bestimmen die gesellschaftliche Entwicklung gleichermaßen. So postuliert MARX, daß reale gesellschaftliche Verhältnisse das Bewußtsein determinieren, daß der Mensch "das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse ist". 13 Wesentlich für die Sozialisationsthematik ist hier die Anerkennung eines Zusammenhangs historisch sich entwickelnder Strukturmerkmale eines Systems und der milieudeterministischen Formung der Individuen; wobei der zentralekategoriale Punkt die "Tätigkeit" ist. Während Vertreter des Evolutionismus; wie COMTE (inbesondere als Vertreter des Positivismus), SPENCER, DARWIN; den Menschen als Produkt einernach eigenen Gesetzen ablaufenden Geschichte und Gesellschaft ansehen, sieht MARX die Gesellschaft als objektives Produkt menschlicher Tätigkeit als Bedi ngung wie auch Ziel des Handelns (Dialektik). Es werden nunmehr die wesentlichen geisteshistorischen Positionen zusammengefaßt: Während ARISTOTELES, LEIBNITZ und HEGEL eine wesenhafte, homogene Identität zwischen Mensch und Gesellschaft postulieren, geht ROUS-SEAU von einem unversöhnlichem Gegensatz zwischen Natur und Gesellschaft aus und schlußfolgert die Notwendigkeit von der Anpassung der Gesellschaft (ihrer Wertorientierung) an die natürlichen Anlagen des Menschen. HOBBES zieht aus diesem Gegensatz die Konsequenz der Schaffung von Instanzen, die die
menschliche Natur an gesellschaftliche Bedürfnisse und Normen adaptieren. MARX sieht die Gesellschaft als Produkt und Bedingung menschlichen Handelns (der Tätigkeit: marxistische Dialektik). 14
Erste Artikulierungen des Sozialisationsgedankens gehen unter anderen von COOLEY (1902) aus, aus dem der MEADsche Gedanke des symbolischen Interaktionismus weitergeführt wird und mündet in dem Gedanken der Identitätsbildung durch Antizipation von Vorstellungen und Erwartungen anderer Gesellschaftsmitglieder. DURKHEIM kommt in Anlehnung an HOBBES und ROUSSEAU zu dem Begriff des "conscience collektive", welcher die Verinnerlichung der Werte einer Gesellschaft durch ihre Mitglieder impliziert. In diesem Zusammenhang postuliert DURKHEIM einen Antagonismus zweier Bestandteile der Persönlichkeit: Zum einen der "private Teil" der Triebe, des Physischen und die sinnliche Wahrnehmung; zum anderen der soziale oder moralische Teil, der durch Sozialisation erworben wird. Antagonismus deshalb, weil sich diese beiden Instanzen der ps ychischen Dynamik "gegenseitig widersprechen und verneinen". 15 GEULEN verweist auf das Postulat in DURKHEIMs Theorie der verinnerlichten gesellschaftlichen Instanz mit "Zwangscharakter", welche im Gegensatz zur asozialen und egoistischen Natur des Menschen steht, und sich deutlich auf das HOBBESsche Paradigma stützt. 16 In dieser Hinsicht thematisiert auch FREUD sehr früh (1908) das Problem, in der die Gesellschaft dem Individuum weitgehende Einschränkung seiner Triebbedürfnisse abverlangt.
Als die wesentlichen Ansätze einer Sozialisationstheorie, die durch Paradigmen aus unterschiedlichen geistesgeschichtlichen und biographischen Voraussetzungen entstanden sind, nennt GEULEN die Psychoanalyse, die behavioristische Lerntheorie und MEADs Theorie der Interaktion. Theorien darüber hinaus, die zwar nicht direkt die konkrete Genese, jedoch die Vergesellschaftung des Menschen thematisieren, sind nach GEULEN zwar für die Sozialisationstheorie als Grundlegung allgemein bedeutsam, jedoch erstgenannten primär relevanten Theorien für sozialisations -theoretische Fragestellungen unterzuordnen. 17 FREUDs entwickelte komplexe Theorie der psychischen Dynamik von "Über-Ich", "Ich" und "Es" hat in wesentlichen Punkten des sozialisations -theoretischen An- satzes starke Affinität zu DURKHEIMs Antagonismus von triebhafter und gesell-
schaftlicher psychischer Instanz. Bemerkenswert ist dies in Hinblick auf die Tatsache, daß FREUDs Weiterentwicklung der ICH-Psychologie weniger sozialisations-genetisch, als vielmehr systematisch ausgerichtet war. Den wesentlichen Verdienst der Psychoanalyse sieht GEULEN in der Grundlegung einer kulturanthropologischen Forschung mit Beginn der dreißiger Jahre durch die psychogenetische Theorie, bzw. die psychoanalytische Deutung des Zusammenhangs zwischen Persönlichkeitsstruktur, Sozialisationsbedingungen und kulturellen Erscheinungen. 18 Für die behavioristische Lernforschung als dominierende Richtung der Psychologie in Amerika in den dreißiger und vierziger Jahren ergab sich eine empirisch optimale fundierte Grundlegung zu einer Sozialisationstheorie auf Grund ihres dezidiert positivistischen Wissenschaftsverständnisses. Die Lerntheorie, die Verhaltensveränderungen und Verhaltensdispositionen über äußere Ereignisse zu bestimmen versucht, hat - insbesondere im Bereich der Konditionierung emotionaler Reaktionen über Kognition und Verbalisierung - ihre Relevanz für die Erklärung bestimmter Lernvorgänge erfolgreich demonstriert. Jedoch hat sie auf Grund ihrer spezifischen Focussierung nur bestimmter Lernprozesse in der Sozialisationsforschung nie richtig Fuß gefaßt. Zum einen erklärt GEULEN dies mit der Unmöglichkeit, ein gesellschaftlich handlungsfähiges Subjekt über ein Bündel von Stimulus-Response-Verbindungen erklären zu können, zum anderen ließe sich Interaktion nicht auf den Begriff der Verstärkung reduzieren. 19 Unter dem Einfluß des Pragmatismus entwickelt MEAD eine Theorie der "sozialen Konstitution" des Subjekts. MEADs Theorie als Begründung eines symbolisch-interaktionistischen Ansatzes postuliert konsequent die Konstitution wesentlicher Strukturen des Subjekts aus Interaktion, Kooperation und Sprache. Die Hauptproblematik sieht GEULEN in der Integration der MEADschen, wenig systematisierten, philosophischen Ansätze in den Kontext erfahrungswissenschaftlicher Sozialisationsforschung. 20
Die empirische Sozialisationsforschung hat eine hohe Relevanz für die Entwicklung sozialisationstheoretischer Paradigmen. Die Ablösung des psychoanalytischen durch sozial-kognitive Ansätze sichert nicht unbedingt einen objektiven Zugang zur Realität. GEULEN weist darauf hin, daß Methodologie und Technik der empirischen Forschung, aus der letzlich Erfahrung interpretiert wird, zur
Konstruktion von Theorien führen kann, die unter Umständen eine "künstliche Scheinrealität schaffen können". 21 Als Vorgabe der empirischen Sozialisationsforschung nennt GEULEN die Ethnologie, die den Kontext von Lebenswelt und Verhaltensstrukturen bzw. den Persönlichkeitstypus in ihrer Variabilität besonders gut deutlich macht.
Nach dem zweiten Weltkrig wird die psychoanalytisch und kulturanthropologische Orientierung der Sozialisationsforschung abgelöst durch eine Differenzierung in der Einbeziehung vielfältiger Disziplinen wie Soziologie, Psychiatrie, Biologie, Linguistik u.a. Neue Sozialisationskontexte wie Peer-group, Schule, Massenmedien, soziale Schichten und Subkulturen stehen im Vordergrund. GEU-LEN beobachtet, daß ab den sechziger Jahren die Beschränkung der Wahl abhängiger Variablen wie Aggressivität, Abwehr, psychosexuelle Entwicklung, Leistungsmotivation als vorwiegend psychoanalytische Paradigmen, abgelöst oder erweitert wurden durch Variablen wie Sprache und kognitive Fähigkeiten. 22 Als eine Reaktion auf eine "fatale Entwicklung" der Sozialisationsforschung in der Bundesrepublik in den siebziger Jahren durch Simplifizierung der Problematik, Generalisierung von Einzelaussagen, teilweise hervorgerufen durch die Studentenbewegungen, nennt GEULEN die "Reszientifizierung der Sozialisationsproblematik" in der Bundesrepublik in der neuesten Zeit ab Mitte der achziger Jahre. Dies zeige sich in der Weiterentwicklung der Rollentheorie, weiteren Rezeptionen des symbolischen Interaktionismus, ökologischer Ansätze und der Anwendung des Sozialisationskonzeptes auf Institutionen wie der Familie, Schule und Beruf. 23
Zur Programmatik einer umfassenden Sozialisationsheorie Trotz der vielfältigen disparaten theoretischen Ansätze der Sozialisations-forschung, die sich in ihrer Fragestellung auf immer mehr Lebensbereiche ausweitet und differenziert, betonen GEULEN & HURRELMANN die Notwendigkeit einer "einheitlichen, synthetischen Fassung des Sozialisationsbegriffs". 24 Ausgehend davon, daß dem Sozialisationsbegriff thematisch die Frage nach den Bedi ngungen der Entwicklung des Menschen zu einem gesellschaftlich handlungsfähi- gen Subjekt zugrundeliegt, bezeichnen GEULEN & HURRELMANN (1982), die vor-
rangige Frage als die nach der "Persönlichkeit" als zentralen Bezugspunkt der Sozialisationstheorie. Die Aufhellung der kausalen Prozesse von Umwelt und aktiv lernendes und wirkendes Subjekt, also die Herausstellung der Bedingungsstruktur zur Bildung einer "Persönlichkeit" kann als die Kernintention der Soziali-sationsforschung bezeichnet werden. Der Persönlichkeitsbegriff als grundlegend für die Entfaltung des genetischen Parts einer Sozialisationstheorie ist offensichtlich -selbst bei pragmatischer Herangehensweise einer, aus der empirischen Fragestellung, Reduzierung auf wenige Persönlichkeitsvariablen nicht einfach aus sich selbst zu entwickeln. Die Tatsache der vielfältigen Interpretationen dieses Begriffs in unterschiedlichen historischen Kontexten läßt die Vermutung naheliegen, daß Vorstellungen von "Persönlichkeit" in der Gesellschaft fundiert sind. Das hieße für die sozialisationstheoretische Herleitung dieses Begriffes die Begründung eines gesellschaftstheoretischen Rahmens. 25 Ansätze hierfür liegen schon bei DURKHEIM im Postulat des verinnerlichten "Kollektivbewußtseins". Der Aspekt des sozialen Handelns, der nach Meinung von GEULEN & HURRELMANN in der neueren Diskussion im Vordergrund steht, läßt die sozialisationstheoretische Fragestellung dahingehend zielen, inwiefern sozialisierte Individuen ihre Gesellschaft handelnd gestalten und inwiefern die Gesellschaft eine kausale Bedingung für das soziale Handeln darstellt. 26
Als Weiterentwicklung klassischer Theorieansätze können Lern- und Ver-haltenstheorien, Entwicklungstheorien, Psychoanalytische Theorien, Rollen- und Interaktionstheorien sowie Gesellschaftstheorien gelten, die sich in der Sozialisa-tionsforschung etabliert haben.
1.2. Rollentheoretische Konzepte in der Erziehungswissenschaft
In diesem letzten Teil des ersten Kapitels geht es das Menschenbi ld als Leitfigur der modernen Erziehungswissenschaft. Im Zusammenhang mit diesem normativen Aspekt pädagogischer Argumentationen in sozialisationstheoretischen Fragestellungen zur ontogenetischen Entwicklung soll die Auseinandersetzung der Erziehungswissenschaft mit verschiedenen rollentheoretischen Konzep- ten dargestellt und diskutiert werden. Es gilt also zu fragen, inwiefern sich ver-
schiedene Rollenkonzepte für die Klärung der Ontogenese des Subjekts im Rahmen epistemischer Subjekt-Modelle (Menschenbilder) eignen und inwieweit die pädagogische Akzeptanz rollentheoretischer Konzepte mit jenen "Menschenbi ldern" in Beziehung steht. Dabei wird deutlich, daß -wie schon im ersten Teil ausgeführt - Rollenkonzepte vor dem jeweiligen Hintergrund gesellschaftlicher Verhältnisse entwickelt wurden und somit selbst eine Vorstellung vom "sozialisierten Menschen", also ein epistemisches Subjekt-Modell, implizieren. Die pädagogische Auseinandersetzung erfolgt so primär mit den in den Rollenkonzepten enthaltenden "Menschenentwurf". Weiter gilt die Frage nach der Verknüpfung einer Sozia-lisationstheorie mit einer Erziehungstheorie und dem Verhältnis nach Erziehungswissenschaft und Soziologie allgemein.
Hinter der Zielgebung von Erziehung steht im allgemeinen ein bestimmtes Menschenbild, das Bild vom selbst bestimmenden, autonomen, aufgeklärten Menschen. Kurz umrissen sollen zunächst zwei wesentliche Wissenschaftsmodelle werden, die sich am Beginn der modernen Erziehungswissenschaft als "Ausgang der geisteswissenschaftlichen Epoche" darstellen. 27 Die "empirischanalytische" und die "kritisch-dialektische" Erziehungswissenschaft setzen in ihrem "Bestreben zur Transformation der Pädagogik zu einer sozialwissenschaftlichen Disziplin" unterschiedliche Präferenzen. 28 Die empirisch-analytische Richtung nimmt für sich die Bewahrung der wissenschaftlichen Rationalität in Anspruch, MEINBERG räumt ihr das einzig richtige Wissenschaftsverständnis ein, aus denen wissenschaftstheoretische Kriterien abgeleitet werden. 29 Der Ursprung dieses Modells liegt im "Positivismus" vor allem bei COMTE, der als Wahrheit wissenschaftlich-positive Erkenntnis identifiziert. Das Menschenbild dieser modernen empirisch-analytisch verfahrenden Erziehungswissenschaft ist der "Vers-tandesmensch", ein Leitbild der analytischen Wissenschaftslehre, welcher von Vernunftglauben "durchdrungen ist" und von daher der Pflicht gegenübersteht, der Welt kritisch gegenüberzutreten. 30
Die kritisch-dialektische Wissenschaftsauffassung hat aus dem "Positivismusstreit" ein anderes Bild vom "Verstandesmenschen". Das erkenntnistheoretische Fundament der Kritisch-dialektischen Theorie geht nach MEINBERG auf HA- BERMAS, HORKHEIMER und ADORNO zurück. Ohne auf die Genese des Theorie-
streites hier weiter eingehen zu wollen, sollen kurz die Parallelen und Unterschiede des Menschenmodells der "analytischen" und "dialektischen" Richtung umrissen werden. Beide stellen die rationale Organisiertheit des Menschen in den Vordergrund und als Ausgangspunkt. Die Grundbestimmung des Menschen besteht nach HABERMAS in seinem "emanzipiertem Bewußtsein". 31 Die Kontrastfigur zum "emanzipierten Menschen" ist der "entfremdete Mensch", welcher durch "verzerrte Kommunikation" gekennzeichnet ist. 32 Beide Richtungen orientieren sich an Menschenbilder, sie vermitteln Wert-orientierungen über den Menschen, sind also normativ. Die Leitfigur der kritischen Erziehungswissenschaft ist der "emanzipierte Mensch" das der analytischen Erziehungswissenschaft der "theoretische Mensch", welcher das menschliche Dasein nach "der Logik der Vernunft einrichtet". 33
Mit dem Versuch einer "anthropologischen These" sagt MEINBERG, daß Theorien der Sozialisation ausnahmslos um den "Homo sociologicus" kreisen. 65
Die Sozialisationsforschung kommt der pädagogischen Theorie und Praxis entgegen, wurde zum "Allgemeinplatz der Wissenschaft", in dem seit Ende der sechsziger Jahre vermehrt sozialisations -theoretische Ergebnisse rezipiert wurden. Jedoch gelang es nicht, auf metatheoretischer Ebene, "die Sozialisations-theorie überzeugend mit einer Erziehungstheorie zu verknüpfen". 37 Lange Zeit hatte die Rollentheorie für die Erziehungswissenschaft große Bedeutung, wobei MEINBERG kritisiert, daß die Erziehungswissenschaft den in sich divergenten Rol- lenbegriff "ohne größeres Zögern in dieser Wissenschaft einbürgerte". 38
DAHRENDORF war nach dem 2.Weltkrieg der erste Fürsprecher der Rollen-theorie im deutschsprachigen Raum. In DAHRENDORFs Essay finden und überschneiden sich metatheoretische, gegenstands -spezifische und moralphilosophische Problemschichten. DAHRENDORF beabsichtigte, den Wissenschaftscharakter der Soziologie klarzustellen und führt ihn dabei auf anthropologische Sachverhalte, "die ihren Schnittpunkt im Homo sociologicus haben". Das eigenartige Spannungsverhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum begründet DAHRENDORF mit der Rollenträgerschaft des Individuums. Entgegengesetzt zum "pessimistischen" Modell DAHRENDORFs, in der das Individuum die Last der "unbarmherzigen Rollen" zu tragen hat, hat sich seit Beginn der siebziger Jahre in der modernen Erziehungswissenschft ein Bild herausgestellt, das die Sozialität des Menschen aus einer anderen Sicht betrachtet. Als "Urheber" hat MEAD schwerpunktmäßig Begriffe wie Identität, Interaktion und Handlungsfähigkeit eingeführt, denen "innerhallb der Erziehungswissenschaft ein besonderes Rezeptionsschicksal widerfahren ist". 39 In der erziehungswissenschaftlichen Rezeption wurden MEADs Gedanken vorallem im Zuge der "sozialwissenschaftlichen Wende" der Pädagogik interessant, und besonders KRAPPMANN ließ in seiner Monographie "Soziologische Dimensionen der Identität" auf Grundlage des "symbolischen Interaktonismus" ein soziologisches Identitätskonzept entstehen. Die sozialwissenschaftliche Wende ließ nichts unversucht, um Prozesse der menschlichen Sozialisation zu ergründen. 40 Der symbolische Interaktionismus hat das erziehungswissenschaftliche Denken bereichert, "aber eine pädagogische Handlungs-theorie in seinem Geiste ist bislang Desiderat geblieben". 41 Die Intersubjektivität des Menschen und seines Handelns konstituiert MEADs Teorie der Persönlichkeit ebenso wie sein Menschenbild. Sozialisation ist kein Prozeß, der die Personalisation des Menschen unbeeinflußt ließe, wie umgekehrt die Individuation die Sozialisation beeinflußt. Entgegen DAHRENDORFs Argumentation vom IndividuumSozialisationsVerhältnis als Oppositionsmodell, kooperieren bei MEAD Individuum und Gesellschaft. MEADs Sozialpsychologie will das menschliche Selbstbewußtsein erhellen.
Selbstbewußtsein erlangt das Individuum im Umgang mit anderen Menschen, dank derer er für seine eigene Identität zum Objekt werden kann. Dies setzt "reflexive" und "rationale" Intelligenz voraus, mit dem der Mensch im Gegensatz zum Tier zum einen sein Verhalten und deren Folgen antizipieren kann und zum zweiten zu sich selbst "Ich" sagen kann, also aus sich selbst heraustreten und in einem objektiven Handlungszusammenhang bringen kann. Das Individuum muß sich selbst aus der Perspektive anderer sehen können, indem sich das Individuum in den anderen "hineinversetzt" dessen "Haltung übernommen werden soll". 43 Dabei bedient sich der Mensch signifikanter Symbole, insbesondere der verbalen und nonverbalen Sprache. MEADs Identitätsmodell ist zweiseitig: Zum einen behauptet er die Einheit zwischen gesellschaftlichen und individuellem Sein, zum anderen die Einheit im Subjekt zwischen I und me und deren Verschmelzung. Das erstere nennt MEINBERG das "sozialisatorische" und das zweite "individuumzentrierte" Modell bzw. Identitätsform. Da aber das individuumzentrierte gesellschaftliche Prozesse widerspiegelt, gelingt MEAD nicht die Begründung dieser "Zweigleisigkeit", das "I" hat nicht die "synthetische Kraft, die MEAD ihr zugedacht hat". 44 Der moralische Aspekt des Handelns besteht bei MEAD erst durch die Freiheit des Individuums, welche "durch das I attestiert wird". 45
Neben MEAD hat auch GOFFMAN als Vertreter des symbolischen Interaktionismus für die moderne Erziehungswissenschaft an Bedeutung gewonnen, jedoch gegenüber MEAD "andere farbliche Akzente gesetzt". 47 Auch für GOFFMAN ist das Gesellschaftliche in jeder Hinsicht das Primäre, für ihn ist der Mensch "primär ein Schauspieler". Während DAHRENDORF von einer Dualität der Rollendiktatur in der Öffentlichkeit und davon verschonte Privatsphäre ausgeht, ist für GOFFMAN das Selbst immer Rollenträger und wird nur dadurch zum Menschen. Die Rolle mag dann eine ärgerliche Tatsache sein, aber sie gibt die Vorausset-
zung zum Selbstwerden des Menschen. Während für DAHRENDORF das eigentliche Selbst außerhalb der Rolle existiert, ist für GOFFMAN die Rolle eine "strukturelle Voraussetzung" für die Genese des Selbst, welches somit seinen Ursprung in der Sozialität hat. 48 Diese Überzeugung haben MEAD und GOFFMAN gemeinsam, wobei sich GOFFMAN mit dem Theorem der "Rollendistanz" von MEADs Identitätskonzept absetzt. Dieses Theorem soll zeigen, daß der rollenspielende Mensch zwischen Rollenvorschriften und tatsächlichem Verhalten trennen kann. "Die Rollendistanz bringt zum Ausdruck, daß das Selbst nicht bruchlos in seine Rollen aufgeht .". 49 Die Rollendistanz ist für GOFFMAN ein "typisch-nichtnormativer Aspekt" einer "typischen Rolle", die dem Individuum die Möglichkeit des Abstandnehmens von Rollenvorschriften einräumt und ihn so nicht zum fremdbestimmten "Befehlsempfänger" durch Rollenvorschriften werden läßt. GOFFMANs Identitätskonzept stützt sich auf drei analytische Kategorien, der sozialen, persönlichen und die der Ich-Identität. Das Bild des "ausbalancierten Menschen" lehnt sich stark an das Konzept des symbolischen Interaktionismus. HABERMAS und KRAPPMANN rezipierten dieses "neue" Bild "zu einer beträchtlichen Publikumsgunst" auch innerhalb der Erziehungswissenschaft. 50 Der "emanzipierte" und "ausbalancierte" Mensch bestärkt das Modell des rationalen Menschen, welches ja auf die HABERMASsche Erkenntnistheorie zurückgeht. Man kann sagen, daß HABERMAS Identitätsmodell die triadische Identitätsklassifikation übernimmt und auch mit dem symbolischen Interaktionismus übereinstimmt, eher begrifflich umgewandelt ist. In seinem Identitätskonzept stellen soziale und personale Identität den Sozialisationspol dar, wogegen die Ich-Identität auf den Individuierungsprozeß abzielt. Auch das KRAPPMANNsche Identitätskonzept bedient sich dem GOFFMANschen Vokabular, wobei für ihn wie auch für andere deutsche Rezipienten die Ich-Identität und die Gleichgewichtsfrage wesentlicher ist als für GOFFMAN. 51 Eine Überbetonung der balancierten Ich-Identität bringt eine Gewichtung der soziologischen Betrachtung auf identitätsfördernde Kompetenzen in der Identitätsentwicklung, welche für GOFFMAN nicht so relevant sind. Hinsichtlich der Rollendistanz erweitern KRAPPMANN und HABERMAS das GOFF-MANsche Verständnis der Rollendistanz auf sozio-struktureller Ebene auf die Per- sönlichkeitsebene. 52 Der "Gleichgewichtsmensch" bei HABERMAS ist das Ebenbild
und die Konkretisierung des "emanzipierten Menschen", dabei ist die Genese der "natürlichen" Identität über die "Rollenidentität" zur ICH-Identität ein Fortschritt der Rationalität. 53
SCHALLER (1974) als Vertreter der kritischen Richtung beobachtet ebenfalls seit den sechziger Jahren in der Pädagogik eine immer stärkere Orientierung an der Soziologie, die Übernahme primär der sozialisations - und rollentheoretischer Konzepte führte zu einem "Soziologismus". 54 Anlehnend an KUCKARTZ sieht SCHALLER den Begriff der Erziehung als Anpassung, den Vorgang der Erziehung als Anpassungsleistung der Gesellschaft; jedoch betont er im Sozialisationsbegriff dessen doppelten Komponente von Anpassung und Auseinandersetzung. Nach KUCKARTZ soll Sozialisation Anpassung und Autonomie verwirklichen, denn nur der partiell Autonome erfüllt die Erwartungen der Gesellschaft. SCHALLER kritisiert das Autonomieverständnis im diesen Zusammenhang, welcher eigentlich doch Anpassung "an eine Gesellschaft mit Konflikten und Widerständen" bedeutet. 55 Selbst Erziehung mit Sozialisation in diesem Sinne gleichgesetzt kann "aus dem Teufelskreis der Affirmation nicht heraus und versagt unter dem Anspruch der Ausbreitung von Humanität". 56 Auch rollentheoretische Konzepte tendieren -nach SCHALLER- auf ein Modell der Erziehung als Anpassung. Autonomie im Sinne der kritischen Erziehungswissenschaft kann nur heißen, den Educanden zu ermuntern, "sich kommunikativen Gruppenprozessen anzuschließen, in denen die Gruppe über sich hinausgeht und sich wie den einzelnen neue Möglichkeiten der Lebensführung eröffnet". 57 Unter den sozialisationstheoretischen Ansätzen kann man im allgemeinen zwischen lerntheoretischen, psychoanalytischen und rollentheoretischen Soziali-sationstheorien unterscheiden. Mit letzter ist die Auseinandersetzung im pädagogischen Kontext am stärksten. Aus der Perspektive der kritischen Erziehungswi ssenschaft unternimmt HURRELMANN den Versuch, "Lücken im Anpassungssyndrom zu erspähen und für die Pädagogik zu thematisieren". 58 HURRELMANN nennt das Ziel der Erziehung als eine Hinführung des Edu-kanden zu "gesellschaftlichen Rollen, sie zur Übernahme sozialer Rollen zu befähigen, die den individuellen Neigungen und Anlagen am ehesten entsprechen, und damit auf gesellschaftliche Rollenanforderungen basierend zum selbstver-
antwortlich und selbstbestimmend handelnden Subjekt zu entwickeln".59 Dem hält SCHALLER entgegen:
Obwohl HURRELMANNs Versuche, in Sozialisierungsprozessen der Individuierung und Selbstbestimmung breiteren Raum zuzugestehen (im Gegensatz zum DURKHEIMschen erzieherischen Sozialisationsprozeß, welcher auf Homogenität gesellschaftlicher Erwartungen im Bewußtsein des Educanden abzielt) näher an ein Menschenbild der kritischen Erziehungswissenschaft herangehen, unterstellt SCHALLER lediglich die Absicht, das Gesellschaftsgebilde im Ganzen dynamisch zu halten. 61 SCHALLER fordert statt Sozialisation eine Erziehung, die die Grenzen der, durch die Rollenbestimmung fixierten Individuen, Gegebenheiten im Sinne kommunikativer Prozesse überschreitet. Da der Rollenträger nur daran interessiert ist, "nicht aus der Rolle zu fallen", wird Sinn und Zweck "gesellschaftlichen Tuns" nicht reflektiert, die Frage danach untergraben. Insofern ist nach SCHAL-LER die gesellschaftliche Vermittlung des Individuums keine Verteilung und Zuweisung von Rollen. 62 Da Erziehung eine Funktion der Gesellschaft darstellt und umgekehrt, nennt SCHALLER Gesellschaft und Erziehung als eine "dialektische Verschränkung". 63
Es ist deutlich geworden, daß die Erziehung als Vermittlung gesellschaftlicher Werte und Normen als das Hinführen des Edukanden zu gesellschaftlichen Rollen vor dem Hintergrund der jeweiligen Leitbilder verschiedener Richtungen sehr kontrovers diskutiert wird. Es soll nicht Aufgabe dieser Arbeit sein, systematisch die konkurierenden Rollenkonzepte mit einer Theorie der Erziehung zu verknüpfen. Es sollte aber deutlich geworden sein, daß Erziehung als Rollenlernen des Kindes vor dem Hintergrund verschiedener gesellschaftstheoretischer Perspektiven und verschiedener wissenschaftstheoretischer "Entwürfe" als normative "Leitbilder" problematisch ist. Ein, der pädagogisch orientierten sozialisa-tionstheoretischen Klärung der ontogenetischen Subjektbildung zugrundeliegen- des, epistemisches Subjekt-Modell dürfte weitgehend den jeweiligen Status eines
rollentheoretischen Konzeptes als the oretische Grundlage für die Klärung von Sozialisations- und Identitätsbildungsprozessen bestimmen. Andersrum dürfte die Entwicklung kritischer Rollen- und Interaktionstheorien auch zur Veränderung erziehungswissenschaftlicher Positionen hinsichtlich der den Erziehungsthe-orien zugrundeliegenden "Menschenbilder" führen, welche meistens in den Dimensionen "Vergesellschaftung Individuierung", "mit sich entfremdet mit sich identisch" und "konform emanzipiert" gekennzeichnet sind. 64
2. DIE FAMILIE: SOZIOKULTURELLE UND GESELL-SCHAFTSHISTORISCHE ASPEKTE DER FAMILIEN-STRUKTUR
In der Auseinandersetzung mit dem System "Familie", der komplexen Bedingungsstruktur der in ihr ablaufenden Interaktionsprozesse und der Komplexität der makrostrukturellen Interdependenzverältnisse erscheint es sinnvoll, auf den historisch wandelbaren Charakter der Familie zu verweisen. Zum einen kann der Vergleich zwischen historischen und aktuellen Daten die grundsätzlichen Thesen der Dynamik menschlicher Vergesellschaftung unterstützen und Annahmen über natürliche Sachverhalte relativieren. Zum anderen hängt die Entwicklung der modernen Kleinfamilie trotz aller notwendigen Differenzierung unmittelbar mit sozioökonomischen Entwicklungen der letzten 200 Jahre zusammen und die heutigen familialen Funktionen und Dysfunktionen entwickelten sich in diesem Zeitraum. Die Wurzeln der modernen Kleinfamilie können also bis zur Umbruchperiode zwischen vorindustriellen Haushaltsformen und der bürgerlichfrühkapitalistischen Entwicklungsperiode zurückverfolgt werden. Die Familienstruktur der heutigen Kleinfamilie mit ihren Problemen der Geschlechtsrollendi fferenzierung und Arbeitsteilung und dem Verhältnis von binnenfamilialen Raum und gesellschaftlichen Außenbereich läßt sich bis zur bürgerlichen Familie des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Das historische Interesse kann also einem soziologischem Erkenntnisinteresse zugeordnet werden, in der es in erster Linie um eine idealtypische Beschreibung der Entstehung der bürgerlichen Familie des 19.Jahrhunderts geht, die in ihrer Struktur als "Prototyp" der heutigen Kleinfamilie gesehen werden kann. Das Aufzeigen ihrer Genese dürfte vor allem zur Klärung ihrer strukturellen Möglichkeiten und Grenzen beitragen. Es soll im folgenden deutlich werden, daß sich die Familie nicht als stabile ahistorische Kategorie verwenden läßt. Es lassen sich im Prozeß des sozialen Wandels unterschiedliche Familienformen und Funktionen nachweisen. Ein oberflächlich gesehender historischer Funktionsverlust der Familie läßt sich letzlich als Funktionswandel interpretieren. Deutlich wird dies in der Soziali- sationsfunk- tion der Familie und dem Begriff der Kindheit, der sich mit diesem Wand-
lungsprozeß im heutigen Verständnis herausbildete. Im 19. Jahrhundert wird Kindheit vorallem in den bürgerlichen Familien zu einer Lebensphase, die von der außerhäuslichen Umwelt getrennt ist. Durch die konkret unmittelbare Beziehung der Mutter zum Kind sind Kindheit und Mutterschaft im abgeschlossenen Binnenraum der bürgerlichen Familie grundsätzlich verschieden als in den Familienformen der älteren Gesellschaft.
Die Familie nimmt für die Vergesellschaftung des Individuums und für die Gesellschaft eine strategische Stelle ein. Soziales Verhalten in der Familie, ihre Wertorientierungen und Verhaltensmuster sind Modell 65 und Repräsentanz für gesellschaftliches Sozialverhalten insgesamt. Das hier angedeutete grundsätzliche Verhältnis von Gesellschaft und Familie soll im zweiten Abschnitt dieses Kapitels besonders unter dem Aspekt der Vergesellschaftung des Menschen durch und in der Familie angesprochen werden.
In den Sozialwissenschaften ist man sich weitgehend darüber einig, daß nicht biologische Unterschiede die Ursache, sondern lediglich der Anlaß der Geschlechtsrollen sind. 66 Die Frage nach einem Zusammenhang von Arbeitsteilungs- und Autoritätsverhältnissen als Ausdruck geschlechtlicher Differenzierung soll, nach grundsätzlichen Überlegungen zu einer bio-physischen Bedingtheit der Familienstruktur überhaupt, Schwerpunkt in den letzten beiden Abschnitten di eses Kapitels sein. In Sozialisationstheorien ist die Geschlechtsrolle von zentraler Bedeutung für die Erklärung der Entwicklung der kindlichen Geschlechtsidentität. Die geschlechtliche Arbeitsteilung in der Familie bildet eine strukturelle Bedi ngung für die unterschiedlichen Aneignungsbedingungen der geschlechtlichen Identität für Jungen und Mädchen.
Implizite Rollenerwartungen der Geschlechtsrollen lassen sich aus Differenzierungsprozessen im Verlauf der historisch-gesellschaftlichen Strukturveränderungen in den letzten zweihundert Jahren erklären, die vorallem zur Trennung von Familien- und Erwerbsleben geführt haben. Die folgenden sozialhistorischen Betrachtungen sollen die historische Variabilität und die gesellschaftliche Prägung des Zusammenhangs von Geschlecht und Geschlechtrollen deutlich machen und auch die Wirksamkeit älterer Normensysteme bis in das heutige Verständnis der Geschlechtercharaktere aufweisen.
2.1. Überlegungen zu einer biophysisch-substrukturellen -Bedingtheit der Familienstruktur
Es stellt sich die Frage nach den Kräften, welche die Beziehungen innerhalb der Familie so strukturieren, daß die Struktur flexibel ist und doch eine verläßliche Orientierung bietet um ein Chaos zu vermeiden. ZIGANN unterscheidet zwei wesentliche Faktoren, die das fast unbegrenzte Potential an Verhaltensmöglichkeiten einschränken: Der bio-physische und der soziokulturelle Faktor. Wenn der Familie eine Rollenstruktur für die Kärung von Interaktionsprozessen zugrundegelegt wird, sollte die Frage nach einer möglichen Gewichtung biologischer Strukturtatsachen als Interaktionsbedingungen nicht ohne weiteres ausgeschlossen werden. Dieser Abschnitt befaßt sich mit dem bio-physischen Faktor. Hier handelt es sich scheinbar um Gegebenheiten, die deterministisch das Verhalten der "Gattung Mensch" beeinflussen. 67 Unter bio-physischen Faktoren lassen sich hinsichtlich von Verhaltensdispositionen klassifikatorisch "allgemein materielle" Faktoren, wie die allgemeinsten "Raum und Zeit" und "biosoziale" Faktoren, wie vor allem Geschlecht und Generation. Damit ist die Annahme verbunden, daß mit der Qualifizierung der Personen als Mann, Frau oder Kind Verhaltensdispositionen naturgegeben sind. ZIGANN verweist auf Ergebnisse der Ethnologie, in denen zum Ausdruck kommt, daß solche Verhaltensdispositionen keinesfalls "natürlich" begründet sind, sondern eine kulturspezifische Ursachehaben.
Die Zuweisung eines bestimmten Status, besonders hinsichtlich eines Au-toritätsgefälles zwischen Mann und Frau auf der Grundlage biologisch zu nennender Merkmale erfahren also eine kulturelle Interpretation. Vor dem Hinter-grund dieser sozio-kulturellen Tatsachen ist die Theorie von der Einnahme von Macht- und Dominanzpositionen durch Machttriebe oder -instinkte zu relativieren. Ein weiterer Aspekt ist die "Mystifizierung" des "Blutes". Zwar kann durch die Bestimmung der Blutgruppe "Affinitäten" zwischen Personen abgeleitet wer-
den, jedoch reichen diese Merkmale nicht für die Bestimmung formaler Ver-wandtschaftsgrade aus. Das Gewicht bio-sozialer Faktoren für die Regulierung sozialen menschlichen Verhaltens verdeutlicht sich unter dem direktem Vergleich zwischen dem angeborenen Verhalten höher entwickelter Tiere und dem Verhalten des Menschen. Zu beobachten sind bei Tieren durchaus solche Phänomene wie Werbung, Treue, kollektive Kindererziehung sowie eheliche Verteidigung nach außen. Solche differenzierten Ablaufmechanismen legen den Schluß nahe, auch die menschliche Ausprägung von Ehe und Familie als bio-physische Disposition zu beücksichtigen. Dem hält ZIGANN entgegen, daß der Mensch durch seine Vernunft- und Sprachbegabung sowie der Moral subjektiv rekonstruiert und somit der Welt und sich selbst als ihren Bestandteil Distanz entgegenzubringen vermag; somit nicht über Instinkte an sie gebunden ist. "Im Gegensatz zum Tier ist (der Mensch) ein gesellschafts- und weltschaffendes Wesen.". 69 MALIN-KOWSKI charakterisiert die Unterschiede zwischen Tier- und Menschenfamilie wie folgt: Die Reproduktionsleistung (Aufzucht) der Familie ist bei Tieren instinktgesichert; beim Menschen hingegen ist die Familie als soziale Organisation kulturell gesichert. Indem die Familie unter die Kontrolle kultureller Elemente gerät, modifizieren die Instinkte zu kulturellen Bedingungen sozialer Organisation. 70 Somit bildet die Familie ein Feld für die Weitergabe und Kontinuität von kulturellen Werten auf der Grundlage emotionaler Bindungen der Beteiligten. Dadurch bestehen Familienbindungen über die Reproduktionsleistung hinaus und die Familienorganisation weitet sich aus. Diese Eigenschaft der sozialen Grundeinheit "Familie" ist für die Entstehung von Kultur überhaupt konstitutiv. 71 Somit ist Familie ein funktionales Element der Kultur. Die Gewichtung biologischer Fak-toren für Dispositionen menschlichen Verhaltens relativiert sich vor dem Hinter-grund soziokultureller Modifikations - und Kompensationskapazitäten - sie führen zu einer kulturspezifischen Modifikation der Wertigkeiten der biologischen Grundlagen. Diese nennt ZIGANN
Die Plastizität menschlichen Verhaltens, die Instinktreduktion und die Fä-
higkeit der Distanz zur Natur erlauben keine eindeutige Verortung bestimmter Verhaltensweisen im biologischen Substrat des Menschen. Dagegen ist die Behauptung, daß viele Wurzeln sozialer Verhaltensweisen in einem hohen Ausmaß biologisches Erbe sind, durch gegenläufige, rein kulturell bedingte Verhaltensweisen nicht eliminierbar/ falsifizierbar. Natur und Kultur bilden eine "Synthese", die eine klare Differenzierung in die eine oder andere Richtung nicht ohne weiteres zuläßt. MÜHLFELD hält den Analogieschluß der Ableitung der Tierfamilie aus der menschlichen Familie für problematisch, da dieser "Anthropomorphismus", also die Beschreibung eines tierischen Sachverhalts mit dem Terminus der menschlichen Sprache nicht gerechtfetigt ist. 73
Ob aus der Sexualität der Familismus des Mannes deduzierbar ist, ist gerade vom Ausgangspunkt des "soziologischen Vaters" (MALINKOWSKI) fragwürdig. Auch die Mutter-Kind-Beziehung läßt sich nicht ohne weiteres aus der biologischen Determinierung der Mutterrolle deduzieren, da auch mütterliches Verhalten im Sozialisationsprozeß erlernt und kulturell geprägt wird.
Sexueller Dimorphismus und Konsanguinität als biologische Fundierung der Familie ist auch im Hinblick auf Adoption und Kibbuz -Erziehung problematisch. 75 Es ist anzunehmen, daß der biologische Organismus auf kulturelle Normen einwirkt, aus der sie kulturspezifisch interpretiert werden. Weiter kann davon ausgegangen werden, daß biologische Eigenschaften und Merkmale menschliche Familiensysteme ermöglichen, ihnen eine gewisse Variationsbreite und Begrenzung geben, in deren Raum sich kulturell differente spezifische Formen realisieren. Die Rolle des Mannes oder der Frau ist nicht aus einer biologischen Determinierung heraus zu rechtfertigen und zu begründen (weil die Frau gebärt und stillt, hat sie häusliche und pflegerische Aufgaben zu übernehmen). Sehr stark artikuliert sich der Aspekt der biologischen Fundierung in der Thematik des Inzesttabus. Jedoch ist das Inzesttabu, deren Formulierung über kulturelle Bewe rtung, älter als erbbiologische Kenntnisse, die eine biologisch orientierte Diskussi- on entfachten. 76 Ethnologen wie z.B. MALINKOWSKI wiesen schon frühzeitig auf
die soziale und nicht biologisch orientierte Verwandtschaftsbestimmung hin. Er wies nach, daß bei primitiven Völkern auf Grund fehlender Kentnisse über biologische Kausalzusammenhänge Inzestvorschriften nicht auf der Grundlage von Kenntnissen über biologische Generationsprozesse beruhen. "Somit kann die Degenerationsthese als biologische Begründung des Inzesttabus als falsifiziert betrachtet werden.". 77
Es ist den Ausführungen von MALINKOWSKI und MÜHLFELD jedoch entgegenzuhalten, daß die Unkenntnis über biologische Kausalzusammenhänge in bestimmten Völkern nicht mit einer rein kulturellen Exagomievorschrift gleichzusetzen ist. Inzesttabuvorschriften, die nicht auf biologische Erkenntnisse beruhen, können gerade deshalb auf Instinkte basieren, das schließt auch ihre kulturelle Überformung und Interpretation nicht aus. Auch in Hinblick auf die Tatsache, daß biologische Tatsachen kulturell interpretiert werden, läßt den Schluß naheliegen, daß ohne biologische Unterschiede keine soziokulturelle Interpretation erfolgen könnte, dieselben also in gewisser Weise konstitutives Moment für die strukturelle Verfassung der Familie sind.
2.2. Zum Verhältnis von Gesellschaft und Familie: Grundlegende Überlegungen zur Familie als gesellschaftliche Erziehungs- und Sozialisationsinstanz
Dem "künstlichen Familismus" liegt die Idee zugrunde, daß Familienbeziehungen schlechthin als Grundtyp für sozialgesellschaftliche Beziehungen anzus ehen sind.
Die Idee von der Familie als Keimzelle der Gesellschaft geht bis auf ARIS- TOTELES zurück. Bei der makrosoziologischen Sichtweise steht das Verhältnis
von Familie und Gesellschaft im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses. Je nach Grad der Integration lassen sich analytisch vier Formen dieses Verhältni sses akzentuieren: Familie ist gleich Gesellschaft (Familismus); die Strktur der Familie gilt als Muster für gesamtgesellschaftliche Orientierungen (künstlicher Familismus); Familie ist ein autonomer Teilbereich der Gesellschaft, der in reziproken Beziehungen mit andren Partialbereichen der Gesellschaft steht und integriert erscheint (Komplementarität); Familie ist eine eigene, gegenüber der Gesellschaft autarke Lebenswelt (Isolation). 80 Die These von der Isolation der Familie als Ergebnis des industriellen Differenzierungsprozesses 81 läßt sich auf der Grundlage neuerer empirischer Untersuchungen nicht halten. 82 Die Familie als autonomen Bestandteil der Gesellschaft kann für moderne Gesellschaften gelten (künstlicher Familismus), sie hat über eine eigenartige Struktur hinaus spezifische Funktionen und ist über Austauschprozesse mit anderen Teilbereichen der Gesellschaft verbunden.
Hiermit ist das Feld für makrosoziologische Untersuchungen gekennzeichnet, wogegen in mikrosoziologischer Sicht die Familie als Interaktionseinheit interessant ist, also die Beziehung der Familienmitglieder zueinander. Forschungen beziehen sich auf dieser Ebene vor allem auf Erziehungsverhalten der Eltern, binnenfamiliale Struktur- bedingungen, usw.
Die Ungleichheit in der Macht- und Herrschaftsverteilung sind kulturell spezifische Entscheidungsleistungen "...hinsichtlich der sozialen Organisation der Gesellschaft vor dem Hintergrund ihrer zu bewältigenden Existenz - probleme.". 79 Dies schließt nicht Verselbstständigungsmechanismen aus, deren aus ihnen resultierende Machtstrukturen sich nicht mehr durch die ursprüngliche Problemstellung rechtfertigen lassen. Durch unterschiedliche kulturspezifische Problemlagen finden sich in verschiedenen Gesellschaften unterschiedliche Autoritätsmuster. Hin- sichtlich geschlechtsspezifischer Herrschaftsverhältnisse in Gesellschaft und Familie wird allgemein zwischen Patriarchat und Matriarchat unterschieden. ZIGANN bezeichnet den Aufbruch zum Patriarchat aus der Überwindung matristischer Ordnungen in den klassischen Hochkulturen Griechenlands und Roms als "...ein strategisches Ereignis für die Konstitution der Familienver- fassung allgemein...". 83 Dies scheint sich -so ZIGANN- vor dem Hintergrund des
Problems der Legitimation der Abkömmlinge und den damit verbundenen sozioökonomischen Bedeutungskomplex entwickelt zu haben. 84 Die Sicherheit der väterlichen Abstammung konnte -anders als bei der augenscheinlichen Geburt durch die Mutter- erst dann angenommen werden, wenn die sexuelle Tätigkeit der Frau auf einen bestimmten Mann monopolisiert wurde; die allgemeinste Bedingung dieses Vorganges ist das Vorhandensein des Besitzdenkens überhaupt. Das Autoritätsverhältnis zwischen Eltern und Kind scheint durch die leitende und schützende Funktion der Eltern gerechtfertigt und ableitbar zu sein. Doch läßt sich das Ausmaß der väterlichen Autorität, insbesondere in patriarchalischen Gesellschaften nicht allein aus dieser Tatsache erklären; wesentlich hat die väterliche Autorität ihren Ursprung in der Tatsache, daß möglicher Reichtum und die materielle Versorgung der Familie schlechthin immer auf dem Arbeitssektor des Mannes realisiert wurde. Der Zusammenhang von Geschlechtscharakter, Arbeitsteilung und soziale Kontrolle durch, aus diesen Verhältnissen hervorgehenden, Machtverhältnissen in Gesellschaft und Familie wird hier deutlich.
ZIGANN geht davon aus, daß zwischen der Autoritätsstruktur in der Familie und der in der Gesellschaft in der Regel ein Zusammenhang besteht. Ein relevantes Kriterium für die Autorität der einen oder andern Seite ist die außerhäußliche Tätigkeit, mit der die materiellen Mittel zur Erhaltung der Familie herbeigeschafft und zum anderen eine Plazierung der Familie im Schichtensystem der Gesellschaft stattfindet, welche sich auf den Status aller Familienmitglieder überträgt. HORKHEIMER, ebenfalls ein Vertreter des antiautoritären familiensoziologischen Ansatzes, führt aus, daß die Familie in ihrer Autoritätsstruktur durch die ökonomischen Verhältnisse bestimmt wird und jene Verhältnisse reproduziert, "...indem sie die für die bürgerliche Gesellschaft notwendigen (autoritären) Charaktere hervorbringt.". 86 Die Familie ist dabei die wichtigste Institution für die Vermittlung autoritärer Charaktere. Die väterliche Erziehung erzeugt geradezu
einen "Unterwerfungstrieb" und ein schlechtes Gewissen, "...das bei jedem Versagen den Fehler bei sich selbst sucht und viele Energien auffängt, die sich sonst gegen die mitsprechenden gesellschaftlichen Verhältnisse richten könnten.". 87 Die familiale Rolle der Frau stärke dabei die Autorität des Mannes mit einem ökonomischen Interesse am Ergeiz des Mannes um die eigene ökonomische Sicherheit für sich und "ihre" Kinder. 88
Der Familie von vornherein optimale Sozialisationsvoraussetzungen odereigenschaften zuzusprechen wäre ebenso falsch, wie ihr ein "insinktsicheres Erziehungsveralten" als ob ovo mitgegeben zu sehen. An den vorangegangenen Ausführungen wurde deutlich, daß Erziehung durch die Familie eine Funktion der Gesellschaft ist und somit im Kontext mehr oder weniger repressiver und asymetrischer gesellschaftlicher Verhältnisse zusehen ist, in denen die Familie ein-gebunden ist und so gesellschaftliche Verhältnisse repräsentiert und reproduziert.
ZIGANN unterscheidet die "natürliche Sozialisation", welche keiner künstlich geschaffenen Instanzen und Institutionen zu dessen Regelung bedarf, sie kann grundsätzlich in jedem Interaktionsfeld geschehen. Wenn jedoch eine "quasi-automatische" Entwicklung nicht ausreicht, um das jeweils in der Gesellschaft herrschende Bild vom Menschen zu realisieren, wird Sozialisation bewußt und reflektiert organisiert. Dieser Prozeß wird als Erziehung verstanden. 89 In Abgrenzung zur Sozialisation kann man Erziehung allgemein als "Ausdruck für bestimmte spezielle Formen des Sozalisierungsprozesses dem Oberbegriff Sozialisierung unterstellen.". 90 Erziehung ist also eine bewußte Einflußnahme durch Erwachsene auf den Prozeß der kindlichen Entwicklung, die im Kind zu gesellschaftlich erwünschten Einstellungs- und Verhaltensdispositionen führt. Eine organisierte Sozialisation ist dadurch gekennzeichnet, daß sie durch ein Netz von Erziehungsinstanzen "...phasen- und inhaltsspezifisch arbeitsteilig differenziert wird...", 91 um die spezifischen erwünschten Qualifikationen bei dem "zu Erziehenden" zu erreichen. Dabei kann man "Erziehungs und Sozialisationsinstanz voneinander unterscheiden, denn nicht alle Sozialisationsinstanzen haben "Erziehungscharakter" oder -intention, wie z.B. Arbeitsplatz, Jugendgruppe usw. All- gemein kann man sagen, daß die Familie durch das Zusammenfallen vieler
Handlungsfelder eine Sozialisations - und Erziehungsinstanz darstellt. CLAESSENS geht davon aus, daß die Kernfamilie ein optimaler sozialer Beziehungsraum für Sozialisation ist. Sie bildet den Ort für die "zweite sozio-kulturelle Geburt" des Menschen, welcher besonders geeignet ist, aus den strukturellen und funktionalen Eigenschaften heraus, eine individuelle Ausprägung der zugeordneten Verhaltensweisen zu gewährleisten. 92 Diesen Aspekt greift ZIGANN auf und differenziertin Anlehnung an CLAESSENS die Voraussetzungen zur Übernahme kultureller Werte: Es bedarf eines "Katalysators", eines "Entwicklungshelfers", der sich dem Heranwachsenen als Orientierungshilfe zur Verfügung stellt. Die Eigenschaften solcher Hilfe sollten sein:
Diese Bedingungen sind in der Kernfamilie erfüllt, wobei die Eigenschaften der Kernfamilie den genannten Voraussetzungen gegenüberzustellen sind:
Arbeit zitieren:
Uwe Habricht M.A., 1996, Elterliches Erziehungsverhalten im rollentheoretischen Kontext, München, GRIN Verlag GmbH
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