“Don’t dream it - be it“
- Analyse des Kultphänomens um die Rocky Horror Picture Show
Inhalt
Seite
1. Einleitung 3
2. Kultfilme - Theorien und Definitionen des Phänomens 4
3. Die „Rocky Horror Picture Show“ 11
3.1. Das Phänomen „Rocky Horror Picture Show“ 12
3.1.1. Inhaltliche Zusammenfassung 12
3.1.2 Der Kult um die „Rocky Horror Picture Show“ 12
3.2. Kultische Elemente der „Rocky Horror Picture Show“ 14
3.2.1 Intertextualität 14
3.2.2. Umgang mit Genrekonventionen 16
3.2.3. Sexualität und Geschlechterrollen 17
3.2.4 Musik im Film 18
3.2.5 Weitere kultische Elemente 18
4. Was macht die „Rocky Horror Picture Show“ zum Kultfilm? 20
5. Fazit 23
6. Literatur 24
7. Filmografie 25
8. Anhang 26
2
1. Einleitung
„Im „Tali“ ist der Teufel los. Yvette hat ihren Unterrock zerrissen und tanzt in BH und Slip, Martin stolziert in goldener Badehose umher wie Tarzan in blond. Andere, mit weißgeschminkten Gesichtern, werfen Papierschlangen in die Luft, Seifenblasen steigen auf, Konfetti regnet herab, Rockmusik dröhnt, Klaus-Peter, in Shorts und Arztkittel, beschießt Christian mit einer Spritzpistole. Der nimmt einen Eimer Wasser und gießt ihn über Bettina aus, die ein schwarzes Korsett trägt. - Schauplatz: ein altes Kino in Berlin-Kreuzberg. Hauptdarsteller: die Zuschauer.“ 1 Das schreibt Der Spiegel 1979. Ein neues Phänomen: Die „Rocky Horror Picture Show“.
Bei der filmwissenschaftlichen Betrachtung von Kultfilmen muss zunächst eine Abgrenzung zwischen filmwissenschaftlich relevanten Kultfilmen, wie beispielsweise Casablanca oder der hier betrachteten Rocky Horror Picture Show, und sogenannten „Blockbuster cults“, wie der „Herr der Ringe“-Triologie oder den „Fluch der Karibik“-Filmen, stattfinden. Klassische Kultfilme zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht wie Mainstream-Filme beide Geschlechter, alle Altersgruppen und alle Kulturen ansprechen, sondern nur für bestimmte Zielgruppen interessant sind.
In der hier vorliegenden Arbeit zur Erfassung des Kultphänomens der „Rocky Horror Picture Show“ werden zunächst allgemeine Definitionen und Theorien zu Kultfilmen dargestellt, wichtige Begriffe im Kontext der filmwissenschaftlichen Kultfilmbetrachtung erklärt und eine eigene, für die hier vorliegende Arbeit gültige, Definition für Kultfilme geschaffen. Des Weiteren wird das Kultphänomen um die „Rocky Horror Picture Show“ betrachtet. Dabei wird zunächst inhaltlich zusammengefasst und daraufhin ein Überblick über die Entstehung des Kults um den Film in den 1970er-Jahren gegeben. Im dritten Kapitel werden Elemente der „Rocky Horror Picture Show“ dargelegt, die den Kult um die „Rocky Horror Picture Show“ beeinflusst haben können - unter anderem Intertextualität, Bruch mit Genrekonventionen und Darstellung von Sexualität. Im Anschluss daran folgt eine Betrachtung der Autorin, was den Kult um die „Rocky Horror Picture Show“ hat entstehen lassen und was ihn so besonders macht.
1 Hahn / Jansen, 1988, S. 242f.
3
2. Kultfilme - Theorien und Definitionen des Phänomens
Eine allgemeingültige Definition für Kultfilme existiert nicht, ebenso wenig wie die Einigung auf einen Kultfilm-Kanon. So ist für Rosenbaum und Hobermann das Cabinett des Dr. Caligari der Kultfilm par excellence, in Danny Pearys Werk hingegen taucht der Film erst gar nicht auf. 2
Im folgenden Kapitel sollen verschiedene Theorien und Definitionen dargestellt werden und am Ende eine für die vorliegende Arbeit gültige Definition zusammengetragen werden.
Zu Beginn werden kurz einige Begriffe erklärt, die im Kontext der Kultfilmbetrachtung von Bedeutung sind.
Eine Kultur ist zunächst ein spezieller Kreis von Menschen mit geteilten Normenwerten, eine Subkultur hingegen eine Szene oder Gruppe, die sich durch eigene Merkmale wie Kleidung, Handlung oder Drogenkonsum von der dominanten Kultur abgrenzt.
„Exzess“ stellt einen filmtheoretischen Begriff der Übertreibung, GrenzÜberschreitung und Transgression dar. Der Exzess trägt nicht zur Handlung bei, ist durch Maßlosigkeit gekennzeichnet und ein unberechenbares Moment. „Camp“ ist eine Rezeptionsweise, bei der die Ernsthaftigkeit unterwandert wird. Kulturelle Elemente werden umkodiert und die Massenkultur ironischen angeeignet. Die Erkenntnis ist der „gute Geschmack des schlechten Geschmacks“. Filme, die unter dem Begriff „Midnight movie“ verstanden werden, sind solche, die sich durch Exzess auszeichnen und sind ein Kultphänomen, das mit Enthusiasmus das Perverse beinhaltet. Midnight movies sind ein Phänomen aus der Filmszene in den 1970er Jahren und tragen ihren Namen aufgrund des Umstands, dass deren Vorstellungen immer gegen Mitternacht begannen. Mundpropaganda und der Schneeballeffekt sind wichtig für Erfolg eines Mitternachtsfilms. 3
Im Folgenden werden Theorien zu Kultfilmen dargestellt.
Der Einführung in „The Cult film reader“ von Ernest Mathijs und Xavier Mendik nach 4 , setzen sich Kultfilme durch vielfältige Kombinationen zusammen, die die
2 Vgl. Grant, 1991, S. 123.
3 Vgl. Hoberman / Rosenbaum, 1998, S. 287.
4 Vgl. Mathijs / Mendik, 2008, S.1.
4
folgenden vier wichtigen Elemente einschließen: Anatomy, consumption, political economy und cultural status.
Im Folgenden werden die einzelnen Elemente genauer beschrieben. Die Machart eines Films, sein Inhalt, Format, Stil und die mit dem Film verbundenen Genrekonventionen - seine Anatomie - umfasst einige Merkmale, die zur Entstehung eines Kultfilms beitragen können: 5 Ästhetische oder thematische Innovation, Schockmomente oder grundlegende Veränderungen der Filmgeschichte tragen zum Kultstatus bei, wie beispielsweise in Un chien andalou.
Badness, Andersartigkeit, gegen die Gesellschaftsnormen oder den Mainstream gerichtete Filme werden oft zu Kultfilmen. Als Beispiel dient Plan 9 From Outer Space.
Überschreitungen von Grenzen des guten Geschmacks und von bekannten Normen und Konventionen und auch Verweise und Zitate über das gesamte filmische Repertoire können einen Film Kultstatus erreichen lassen, wie zum Beispiel in El Topo.
Genremix, Satirisierung von Genres und das Spiel mit Genrekonventionen lassen einen Film vielfältig und spannend wirken. Besonders gut eignen sich hierbei die Genres Horror, Science Fiction und Fantasy wegen ihrer utopischen und dystopischen Möglichkeiten; auch surrealistische Bildgebung spielt hier mit ein. Beispiel: The Big Lebowski.
Intertextualität, Vergleiche, Verweise, Zitate und Insider-Witze sind ein besonderes Merkmal von Kultfilmen. Ein Beispiel ist From dusk till dawn. In extremen Fällen kann sogar die Intertextualität die Basis der Narration bilden. Kultfilme haben oft offene, abrupte, problematische Enden, die Raum für Spekulationen lassen und oft unbefriedigend sind, beispielsweise in Maniac. In einigen Fällen lassen Kultfilme einen Sinn für Nostalgie als Anregung zum Träumen von alten/anderen Zeiten, Völkern oder Städten entstehen, wie zum Beispiel in Casablanca.
Kennzeichnend für eine Vielzahl von Kultfilmen sind Blutrunst, Gewalt, Exzess, Verunreinigung des menschlichen Körpers, Kannibalismus, wie zum Beispiel in The Texas Chain Saw Massacre.
5 Vgl. Mathijs / Mendik, 2008, S. 2-4.
5
Filme können nur Kultstatus erreichen, wenn ein Publikum ihm diesen zuspricht. Deshalb ist im Kontext des Kultphänomens die Betrachtung der verschiedenen Arten der Filmrezeption, der consumption, der Zuschauerreaktionen, des Verhaltens der Fans rund um den Film und der Kritiken von enormer Bedeutung. 6 Filme können aktiv zelebriert werden, teilweise werden einzelne Elemente oder Figuren spirituell verehrt. Bestimmte Rituale werden vor, während oder nach dem Film an den Tag gelegt.
Eine Gemeinschaft wird geschaffen, die zusammen Filme rezipiert, sich zusammenschließt, beispielsweise zusammen singt, sich verkleidet etc. Die Gemeinschaft kann sich durch organisierte, automatische Verhaltensweisen auszeichnen. Live-Ereignisse, theatrale Erlebnisse und Filmevents schweißen die Kultisten zusammen und grenzen sie von der Mainstream-Rezeption ab. Hingabe, Fandom und Aufopferung zeichnet die Kultisten aus. Sie gehen immer einen Schritt weiter als der Mainstream-Fan. Mit besonderer Hingabe können die Kultisten Filme auch umdeuten und sie so zu einem eignen Kult werden lassen. Kultfilmrezipienten sehen sich selbst oft als Außenseiter und drücken durch ihre Kultausübung rebellische Tendenzen aus, grenzen sich bewusst ab und bezeichnen sich als cinephile. Der Geschmack des Mainstream-Kinos wird offen von ihnen angegriffen.
Die Schaffung eines alternativen Kanons von Filmen zeichnet ebenfalls Kultrezeption aus. Das Phänomen ‚list-mania’ ist besonders verbreitet unter Kultisten, ganze Websites werden dem Lieblingsfilm gewidmet und alle möglichen Informationen zusammengetragen. Seit Mitte der 90er kann man den alternativen Filmkanon, der andere Standards des guten Geschmacks feststellt, als Paracinema bezeichnen.
Kultfilme zeichnen sich häufig durch besondere Produktionsbedingungen oder Vermarktung aus. 7 Budget, Werbung, Intentionen grenzen sich oft vom Mainstream-Kino ab. Um Zusammenhang der political economy müssen auch Teilhaberverhältnisse und Orte und Zeitpunkte der Veröffentlichung betrachtet werden.
Mit Blick auf die Produktion sind die Intention des Autors und das Ziel des Unternehmers - reine Unterhaltung, wirtschaftliche Gewinnmaximierung oder kultureller Zugewinn - zu beachten. Oft entstehen Kultfilme durch Zufall oder es
6 Vgl. Mathijs / Mendik, 2008, S. 4-6.
7 Vgl. Mathijs / Mendik, 2008, S. 7f.
6
existieren teils bizarre Legenden über ihre kulturelle Präsenz. Kultfilme scheinen oft zu passieren, anstatt geplant worden zu sein. Die Leben und Karrieren der Kultstars sind im Vergleich zu „normalen Filmstars“ sehr oft von Mysterien, Tragödien, Exzessen, Süchten, Missbrauch und Suizid gekennzeichnet. Dass gerade solche Stars verehrt werden, hängt oft mit Camp zusammen.
Oft soll einem Film schon vor seiner Veröffentlichung das Label „Kult“ aufgedrückt werden - durch Vermarktung in Nischen-Segmenten und opportunen Vermarktungsstrategien, aber auch durch die bloße Bezeichnung als Kultfilm (wie beispielsweise bei Filmen von Quentin Tarantino). Oft bekommt ein Film jedoch unabsichtlich Kultcharakter, beispielsweise wenn Skandale bei Stars, der Produktion oder den Premieren auftreten oder wenn ein Film nur sehr schwer erreichbar ist (was besonders vor der Einführung der Videokassette der Fall war). Kultfilme sind oft eine lange Zeit in der Öffentlichkeit präsent, da sie sich in Nischen- und Fetischmärkten besonders lange halten. Ein Kultfilm wird oft über lange Zeiträume rezipiert, da es einen konstanten Fluss an Neuigkeiten und Märchen um ihn herum gibt. Außerdem bietet die lange Rezeptionszeit den Machern dann Zeit für Franchise, Umsetzung in Serien und Remakes, Retrospektiven, Spin-offs, Director’s Cuts und vielem mehr, was wiederum den Kultstatus erhöht. Besonders wichtig in Bezug auf Kultfilme und der Betrachtung seines cultural status ist der kulturelle Kontext, in dem sie entstehen, es sollte betrachtet werden, mit welcher Art und Weise der Film in eine Zeit oder eine Region passt und wie er seine Umwelt kommentiert - mit Unterwerfung, Ausbeutung, Kritik. 8 Häufig können Filme in dem kulturellen Kontext, in dem sie entstanden sind, als „normal“ gelten, für andere Kulturen aber außergewöhnlich und fremdartig sein. So können in den anderen Kulturen Feste, Hingabe und auch Feindseligkeit in Bezug auf einen außergewöhnlichen Kultfilm entstehen. Ungewöhnliche Schauplätze können hierbei auch Neugier erwecken. Besonders wichtig ist auch, die Zeit zu betrachten, zu der ein Film entstanden ist, da dies seine kulturelle Rezeption stark beeinflusst.
Filme, die in imaginierten Zeiten und Räumen spielen, haben oft ein hohes Potenzial dazu, Kultfilme zu werden. Häufig werden in Filmen neue Welten entworfen, dabei wird auch oft Bezug auf real existierende Begebenheiten, Konflikte oder Zeiten
8 Vgl. Mathijs / Mendik, 2008, S. 8-10.
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Arbeit zitieren:
Nina Klippel, 2011, „Don’t dream it – be it“ , München, GRIN Verlag GmbH
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