Von Méliès’ „Le Manoir du diable“ zu „Sabrina - Total Verhext“:
Hexendarstellungen in Film und Fernsehen
Inhalt
Seite
1. Einleitung 3
2. Hexenverfolgung - historisch und mythologisch 4
3. Hexendarstellungen
3.1 Hexen in der Kunstgeschichte 6
3.2 Hexen in den Medien 7
4. Hexenfilme
4.1 Statistische Darstellungen und Strukturierung 8
4.2 Theoretische Erfassung
4.2.1 Psychoanalytische Theorien 9
4.2.2 Feministische Erklärungsansätze 10
5. Analyse der Darstellung von Hexen im Film
- von den Anfängen der Filmgeschichte bis heute 11
6. Fazit 15
7. Literatur 17
8. Filmografie 19
2
1. Einleitung
Man beklagt sich über den schmerzenden ‚Hexenschuss’ oder diffamiert eine Frau mit der Bezeichnung ‚Hexe’: Begriffe, die mit Hexen in Verbindung stehen - wie beispielsweise auch der Ausdruck ‚ein Unwetter braut sich zusammen’, was auf den mittelalterlichen Glauben zurückgeht, dass Hexen mithilfe von Zaubertränken das Wetter bestimmt haben 1 - sind feststehende Begriffe des heutigen Sprachgebrauchs. Sprachwissenschaftlich ist der Ausdruck ‚Hexe’ abgeleitet vom Althochdeutschen hag(a) für ‚Zaun’ und zus(a) für ‚unreiner Geist’ oder ‚Teufel’ und dem Mittelhochdeutschen ‚hecse’ oder ‚häxe’. Er beschreibt somit ursprünglich ein Wesen, das auf der Grenze zwischen Wildnis und kultivierten Bereichen wandelt. 2 Der englische Begriff witch ist im Gegensatz zum männlichen Äquivalent wizard laut Lexikon negativ konnotiert und stellt ein informelles „insulting word for a woman who is old or unpleasant“ dar. 3
Im allgemeinen Verständnis und in den meisten Darstellungen in Film und Literatur sind Hexen nicht als weibliche Zauberer anzusehen - wie es beispielsweise in den Harry Potter - Filmen dargestellt wird. Hexen zeichnet im Gegensatz zu Zauberern eine andere Herangehensweise an die Magie aus: man sieht Hexen als eng mit der Natur, Kräuterkunde, Geistern, Ritualen und Zaubertränken verbunden, ebenso wie mit Verwünschungen, Heilungen und Voraussagungen. Dem Glauben nach finden Hexenzauber zu bestimmten Uhrzeiten (zum Beispiel Mitternacht), an bestimmten Tagen, (beispielsweise dem Freitag), zu besonderen Gegebenheiten (wie zum Beispiel Vollmond) und an bestimmten Orten (beispielsweise dem Blocksberg) statt. 4 Die vorliegende Arbeit stellt die Entwicklung der Hexendarstellungen im Film darvon den Anfängen der Filmgeschichte (Le Manoir du diable von Georges Méliès) bis heute (Sabrina - Total Verhext). Zuerst wird die Hexenverfolgung geschichtlich eingeordnet. Daraufhin werden Hexendarstellungen in der Kunstgeschichte und den Medien dargelegt. Im Anschluss werden Hexenfilme statistisch und filmtheoretisch betrachtet, wobei psychoanalytische und feministische Theorien verwendet werden. Dem folgt anhand von Beispielen eine Analyse der Entwicklung der Hexendarstellungen im Film, welche besonders die Entwicklung des Frauenbilds betrachtet.
1 Vgl. Ahrendt-Schulte, 1994, S.45.
2 Vgl. Arend, 2002, S. 92.
3 Vgl. Karg / Mende, 2010, S. 124.
4 Vgl. Dedopulos, 2002, S. 17.
3
2. Hexenverfolgung - historisch und mythologisch
Die Beschäftigung mit Hexerei gilt als weltweites Phänomen - vorzufinden in der Antike, bei Naturvölkern sowie in der Neuzeit. Im Mittelalter wurden Hexen verfolgt, da man sie beschuldigte, ketzerische Rituale durchzuführen. „Die gedankliche Verbindung von Weiblichkeit und Magie hat mythologische Ursprünge und der Glaube an weibliche Dämonen war tief in den Glaubensvorstellungen der Menschen verankert.“ 5 Die Magie hatte einen zentralen Stellenwert im Leben der Menschen, sie wurde zur Lösung von Problemen und zur Lebensbewältigung in allen gesellschaftlichen Schichten eingesetzt. Beispielsweise erklärte man sich die hohe Säuglingssterblichkeit damit, dass Hexen zur Herstellung ihrer Flugsalbe Säuglinge töten mussten. 6
„Das Spektrum der Begründungen, die Traktatschreiber und Prediger für die besondere Neigung der Frauen zur Bosheit anführten, reicht von der moralischen Schwäche der Frau, die die anfällig für die Verführungen des Satans machte, über ihre körperliche Beschaffenheitdie bösen Dämpfe ihrer monatlichen Reinigung stiegen ihr zu Kopf und machten ihr böse Gedanken - bis hin zur sozialen Situation der alten Frauen. Weil sie, von allen verachtet und verworfen, in Not und Armut leben müssten, ließen sich alte Weiber zu „bösen
Dingen“ gebrauchen, ergäben sich dem Teufel und gingen mit Zauberei um.“ 7 Alte, alleinstehende Frauen am Rande der Gesellschaft, Hebammen und Ammen, die mit Kindern in Kontakt standen, und heilkundige Frauen, die beispielsweise Salben mit halluzinogenen Nebenwirkungen herstellten, waren besonders gefährdet, als Hexe bezeichnet zu werden. Dass das Bild der Hexe in der Frühen Neuzeit „nicht nur auf magiekundige Frauen übertragen [werden konnte], sondern im Prinzip auf alle Frauen anwendbar war“, 8 brachte die Menschen dazu, in ‚harmlosen’ Nachbarinnen, bösartige, gefährliche Zauberinnen und Teufelshuren zu sehen. Die Beschuldigten hatten, wenn sie einmal verdächtigt worden waren, kaum eine Chance, dem Vorwurf zu entgehen. Deshalb gaben viele schlicht zu, Hexen zu sein und beschrieben das, was über Hexen bekannt war, als eigenes Erleben. Angeklagt wurden Hexen aufgrund von Schadenszauber, Diebstahl, schlechtem Wettermachen, dem Aussenden von Krankheiten, dem Zufügen von Impotenz, der Kindstötung, der vertraglichen oder sexuellen Zuwendung zum Teufel oder dem Fliegen. 9 Das Bild des bösen Weibs wurde
5 Ahrend, 2002, S. 92.
6 Vgl. Ahrendt-Schulte, 1994, S.9.
7 Ahrendt-Schulte, 1994, S.103.
8 Ahrendt-Schulte, 1994, S.21.
9 Vgl. Ahrendt-Schulte, 1994, S.16f. / Vgl. Arend, 2002, S. 94.
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verknüpft mit einem negativen Frauenbild und bezog sich auf gängige Rollenvorstellungen. Als Waffen der Frau wurden ihre ‚böse Zunge’ und ihre ‚Heimlichkeit’ angesehen und damit ihre Neigung zu heimtückischen Verbrechen wie der Zauberei begründet. 10 Als Motive der Hexen für die Bereicherung an ihren Nachbarn galten Neid und Hass. 11
Später wurden hinter dem Bild der bösen Frauen weise Frauen entdeckt, die „selbstbestimmt, unabhängig von Männern, im Einklang mit der Natur gelebt hätten“. 12 Die weisen Frauen und guten Feen, die heilen, segnen, beschwören, und voraussehen konnten, galten als Gegenbild zur Hexe. 13 Sie nutzten dem Glauben nach ihre ‚Hellsichtigkeit’ beispielsweise zur Aufklärung von Diebstählen. Meist waren es schlicht diejenigen mit dem größten psychologischen Geschick, die Klatsch und Tratsch kannten und gut kombinieren konnten. 14
In der sogenannten Hexenbulle forderte der Papst 1484 seine Bischöfe auf, das Vorgehen gegen „das ketzerische Unwesen“ 15 zu unterstützen. Daraufhin stellte der ‚Hexenhammer’ eine Anleitung dar, Hexen zu erkennen und ihnen den Prozess zu machen. Die Verbrennung der Hexen wurde zur Abschreckung öffentlich inszeniert. Ursache der Hexenverfolgung war wohl die Frauenfeindlichkeit in der katholischen Kirche, die die Hexenprozesse im Kulturkampf instrumentalisierte. 16 Die Hexenverfolgung wurde besonders durch den Buchdruck verbreitet: im 16. Jahrhundert zählten Hexendarstellungen zu den populärsten Drucken und prägten die Vorstellung des Volks. 17 Zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert wurden in Mitteleuropa 80.000 Frauen als Hexen vor Gericht gestellt. 1782 fand in der Schweiz der letzte bekannte Hexenprozess statt, der mit einer Hinrichtung endete. 18 In der neuen Frauenbewegung bezeichneten sich rebellische, unangepasste Außenseiterinnen selbst als Hexen - den Begriff konnotierten sie nun positiv. Sie kämpften gegen Männerherrschaft und männliche Normen und waren Identifikationsfiguren im Kampf gegen Unterdrückung und Diskriminierung. 19
10 Vgl. Ahrendt-Schulte, 1994, S.110.
11 Vgl. Ahrendt-Schulte, 1994, S.34.
12 Ahrendt-Schulte, 1994, S.8.
13 Vgl. Ahrendt-Schulte, 1994, S.85.
14 Vgl. Ahrendt-Schulte, 1994, S.93.
15 Vgl. Ahrendt-Schulte, 1994, S.22f.
16 Vgl. Ahrendt-Schulte, 1994, S.10 & S. 95.
17 Vgl. Ahrendt-Schulte, 1994, S.25.
18 Vgl. Ahrendt-Schulte, 1994, S. 16.
19 Vgl. Ahrendt-Schulte, 1994, S.7f.
5
3. Hexendarstellungen
Als Grundlage für die Darstellungen von Hexen im Film werden im folgenden Abschnitt zunächst Hexenbilder in der allgemeinen Kunstgeschichte und darauf folgend in den Medien dargelegt.
3.1 Hexen in der Kunstgeschichte
Märchensammlungen des 19. Jahrhunderts sorgten für die Festigung des stereotypen Bildes einer Hexe: eine alte Frau mit Buckel, Warze und Katze. 20 In vielen bildlichen Darstellungen setzen Hexen dazu Tiere als ‚Hilfsgeister’ ein, meist Schlangen, Kröten und Eulen, und reiten mit Besen zu Versammlungen. 21 Das Bild der Fantasy und der Esoterik-Szene hingegen ist geprägt von dem Bild der Hexe aus der Romantik: Hexen als weise Frauen und Heilerinnen, die der Kirche zum Opfer fielen. 22 Die Grundidee des Hexenmusters war die Verkehrung aller Werte und Normen, die Umkehrung von Gutem und Hilfreichem in Böses und Unheilvolles. So wurden symbolische Bilder verwendet, die eine ‚verkehrte Welt’ darstellten - Hexen, die rückwärts auf ihrem Besen reiten und ihre Zauber rückwärts sprechen. Aus diesem Umkehrmotiv heraus sind die Hexenbilder aus Frauenbilder zu verstehen. Sie bezogen sich auf Lebenswirklichkeiten von Frauen, die im Bild der Hexe ins Negative pervertiert wurden. 23 Populär waren zum Beispiel Darstellungen von Hexenversammlungen, bei denen Hexen das Hinterteil des Teufels küssten. Die Künstler, die Hexen darstellten, hatten meist die „Aufgabe, das darzustellen, was für viele Menschen Wirklichkeit war.“ 24 Schöne Hexen kamen zunächst im 15. Jahrhundert auf, beispielsweise durch Albrecht Dürer, der die Hexen-Thematik mit antiken Schönheitsidealen darstellte. 25 Ihre Verführungskraft und der Neid, den ihnen andere Frauen entgegen brachten, wurden betont. Darstellungen hässlicher Hexen dominierten jedoch weiter, bis im 19. Jahrhundert die verfolgten Frauen vermehrt als „schöne Opfer“ dargestellt wurden - als „unschuldige Jungfrauen, die den Angriffen der
20 Vgl. Arend, 2002, S. 107.
21 Vgl. Ahrendt-Schulte, 1994, S.71.
22 Vgl. Arend, 2002, S. 108.
23 Vgl. Ahrendt-Schulte, 1994, S.28.
24 Arend, 2002, S. 106.
25 Vgl. Arend, 2002, S. 102.
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Arbeit zitieren:
Nina Klippel, 2011, Von Méliès’ „Le Manoir du diable“ zu „Sabrina – Total Verhext“, München, GRIN Verlag GmbH
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