I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
1. Einleitung 2
2. Homo Empathicus. 2
2.1 Der soziale Trieb. 2
2.2 Die Entwicklung des sozialen Wesens. 4
3. Triebkräfte der Zivilisationsentwicklung. 7
3.1. Energie, Kommunikation und Empathie. 7
3.2 Bestand und Umbruch von Gesellschaften 8
4. Gegenwärtige wirtschaftspolitische Herausforderungen 10
4.1 Finanz- und Wirtschaftskrise, globale Erderwärmung und die Endlichkeit fossiler Ressourcen 10
4.2 Lösungsansätze anhand des Konzepts der empathischen Zivilisation. 11
5. Analyse des Konzepts und Einordnung in die Ökonomik 15
6. Resumé. 17
Bibliographie. 18
„Als aber der Mensch geistig Schritt um Schritt höher stieg und auch die fernsten Konsequenzen seiner
Handlungen ziehen lernte, ( ) als er mehr und mehr nicht nur das Wohl, sondern auch das Glück seiner
Mitmenschen berücksichtigen lernte, als sich sein Wohlwollen, durch wohltätige Erfahrung, durch Unterricht
und Beispiel verfeinert und erweitert, schließlich auf die Angehörigen aller Rassen ( ) und endlich auch auf
die Tiere erstreckte, da wurde auch der Maßstab seiner Sittlichkeit größer und erhabener.“ 1
Charles Darwin 1871 in Die Abstammung des Menschen
1 Darwin, C. (1871) S. 158-159.
1
1. Einleitung
Es gab wohl kaum einen Zeitabschnitt in dem sich Gesellschaften nicht irgendwelchen (wirtschaftspolitischen) Problemen gegenübersahen, welche anhand der ökonomischen Analyse hätten behandelt werden können. Was führt zu wirtschaftspolitischen Problemen und wie lassen sich diese zum Wohle der Menschen lösen?
Das Konzept der empathischen Zivilisation verfolgt den Ansatz das Wesen menschlichen Verhaltens und die Entwicklung der Zivilisation ganzheitlich zu bestimmen und vor diesem Hinter-grund Schlüsse auf Ursachen und Prognosen wirtschaftspolitischer Herausforderungen zu ziehen. Dabei spielen das Menschenbild des Homo Empathicus - der Mensch als rational und emotional, egoistisch und sozial motiviertes Wesen - und drei maßgebliche Triebkräfte der Zivilisationsentwicklung eine entscheidende Rolle. Wobei der sich entwickelnden Empathiefähigkeit als eine der drei Triebkräfte eine besondere Rolle zugesprochen wird, da sie maßgeblich zur Ermöglichung immer komplexerer, effizienterer Gesellschaftsstrukturen und größerer Sozialverbände beiträgt.
Ziel dieser Seminararbeit ist es nun, das Konzept anhand grundlegender Erkenntnisse aus der Wissenschaft unterschiedlicher Fachbereiche zu erläutern und in die Ökonomik zu integrieren. Vor dem Hintergrund dessen sollen die gegenwärtigen wirtschaftspolitischen Herausforderungen beleuchtet und grobe Lösungsansätze und Prognosen herausgearbeitet werden, wobei sich diese speziell an die konstitutionelle Ökonomik richten.
2. Homo Empathicus
2.1 Der soziale Trieb
Nach Darwin befindet sich das menschliche Wesen im ständigen „Kampf zwischen seinen sozialen Instinkten und den daraus entspringenden Tugenden und andererseits den untergeordneten, augenblicklich stärkeren Trieben und Begierden“ 2 . Der Mensch, so Darwin, strebe dabei im Grunde nach dem größtmöglichen Glück im utilitaristischem Sinne, d.h. neben seinem eigenem Glück strebt er auch nach dem Glück seiner Mitmenschen. Wer einen Mitmenschen aus einem reißenden Fluss rettet, der tut dies nicht aus rationaler Abwägung von Lust- und Unlustgefühlen,bspw. dem möglichen Verlust des eigenen Lebens oder des Verlusts der sozialen Stellung bei Untätigkeit - oder aus reziprokem Altruismus, also der Aussicht auf späterer Gegenleistung. Was ihn
2 Darwin, C. (1871); S. 159.
2
antreibt, sei ein sozialer Reflex, ähnlich des tiefen Gefühls der Pflicht bei Kant. 3 Das Handeln aus dem sozialen Trieb folgt dem Motiv des Altruismus folgender Auffassung:
„Handeln, das primär auf das Wohl anderer ausgerichtet ist und dabei nicht unmittelbar und primär auf die Verfolgung eigener Interessen abzielt.“ 4
Die Neurowissenschaft bestätigt die Theorie des sozialen Triebs dieser Auffassung durch ständig neu gewonnenen Erkenntnissen seit der Entdeckung der Spiegelneuronen im Jahr 1996. Spiegelneuronen bieten eine biologische Erklärung der Empathie und altruistischen Verhaltens. Sie versetzen Menschen in die Lage Gefühle anderer zu erfassen als seien es die eigenen. So werden bei der passiven sensorischen Teilhabe an einem Gefühl eines anderen die selben Gehirnregionen angereizt, wie wenn man selbst das Gefühl erfahren hätte. Dabei muss man zwischen Empathie und Theory of Mind unterscheiden. Bei der Empathie handelt es sich um ein „Mitfühlen“ des Zustands anderer - das Leid oder die Freude anderer wird als eigenes Leid oder Freude erfahren und kann so selbstgerichteten Impulsen überwiegen. Glimcher et al. nennen diesen Bereich des Geistes deshalb <<„hot“ empathic mind>>. Während man bei Theory of Mind die Perspektive des anderen ohne gefühlsmäßig involviert zu sein einnimmt - daher <<„cold“ cognitive mind>>. Bei letzterem werden daher auch selbstgerichtete Motive dominieren, da der soziale Trieb nicht unmittelbar aktiviert ist. Neurowissenschaftliche Experimente ergeben aber, dass bei Überlegungen über mögliche Handlungen oder Absichten anderer - bspw. in distributiven Spielen wie dem Vertrauensspiel - für gewöhnlich stets beide Bereiche des Geistes betätigt werden (außer es liegt eine Krankheit wie Psychopathie oder Autismus vor). 5
Lange wurde angenommen, dass soziales Verhalten und Moralgefühl lediglich auf Konditionierung durch Lob und Bestrafung und rationaler Abwägung - wonach soziales Verhalten Kooperationsstrategien darstellen, die das Individuum selbst mittel- bis langfristig besser stellen 6 - zurückzuführen sind. Tatsächlich aber besteht die Disposition zu sozialem Verhalten bereits minimal ausgeprägt bei Neugeborenen, wie die Forschung belegt. Beginnt ein Neugeborenes zu weinen, bspw. weil es Hunger hat, stimmen andere Neugeborene im Raum sogleich ein, ohne selber etwas zu bedürfen. Dies geht auf einen Reflex zurück, der von der automatischen Aktivität von Spiegelneuronen angetrieben wird. 7
3 Vgl. Darwin, C. (1871), S.142ff.; Vgl. Gierer, A. (2002), S.5-7.
4 Gierer, A. (2002), S.6.
5 Vgl. Glimcher, P. W. et al. (2009), S.254-263.
6 Vgl. Berrett, M. et al (1999), S.1ff.
7 Vgl. Rifkin, J. (2009), S.88ff.
3
Es spricht also vieles für die Theorie des im Menschen eingeschriebenen sozialen Triebs, der von Geburt an genetisch als Disposition vorhanden ist, individuell ausgebildet werden muss und dessen Vehikel Spiegelneuronen sind. So lässt er sich außer in den genannten Phänomenen sogar in der Schadenfreude oder der Rache erkennen. Neurowissenschaftliche Forschungen ergeben, dass statt den normalerweise durch Empathie angereizten Spiegelneuronen, Gehirnregionen für Freude (nucleus accumbens) reagieren, wenn die Person mit der man normalerweise mitfühlt - bspw. wenn sie Schmerzen hat - sich vorher unsozial verhält. Der soziale Trieb kann also auch in Form moralischer Bestrafung zutage treten. Ökonomen sprechen hierbei von altruistischer Bestrafung, da Menschen in distributiven Spielen - auch wenn sie wissen, dass sie keine zukünftigen Interaktionen mit der unfairen Person haben werden und eine Bestrafung sie etwas kostetunfaires Verhalten anderer trotzdem bestrafen. 8
Obwohl die kognitionsgestützte Empathie wohl generell bei sozialen Verhalten eine Rolle spielt, tut sie dies in unterschiedlichem Maße und verfolgt dabei unterschiedliche Motive. Aus sozialbiologischer Sicht muss Empathiefähigkeit als genetische Anlage dem Postulat der Evolutions-theorie folgen: Sie muss die Reproduktionschancen - die „Fitness“ - des Trägers individuell oder innerhalb der genetisch verwandten Gruppe - „inclusive Fitness“ - begünstigen, jedenfalls nicht vermindern. Mit der Entfernung der genetischen Verwandtschaft teilen sich Individuen immer weniger gemeinsame Gene. Daher nimmt der empathiebasierte Altruismus mit dem Niveau der genetischen Verwandtschaft ab. Dazu kommen noch Aspekte der Gruppenselektion als Mechanismus der Evolution, welche kooperatives Verhalten innerhalb der Gruppe zugunsten der „Fitness“ der Gruppe begründen. Innerhalb der Gruppe spielen dadurch reziproker Altruismus und Reputation als Signal für Kooperationsfähigkeit und -willigkeit eine große Rolle. 9
2.2 Die Entwicklung des sozialen Wesens
Darwin sieht eine klare „aufsteigende Linie“ 10 in der Entwicklung des sozialen Triebs im Zeitverlauf der Zivilisation hin zu einer allumfassenden, fein ausgebildeten und wechselseitigen Empathie, welche sich auf alle Rassen und gar Tiere bezieht. 11 Evolutionsbiologisch ist dies auch nach heutigem Stand durchaus denkbar. Offensichtlich ist, dass die Zivilisation immer größere Sozialverbände, welche immer stärker miteinander verflechtet sind, hervorgebracht hat. Größere Sozialverbände wiederum erfordern eine Entwicklung der Kooperationsfähigkeit und -willigkeit und eine Erweiterung des Nahbereichsbewusstseins durch Sozialisation und Empathieentwicklung.
8 Vgl. De Cremer, D.; Zeelenberg, M.; Murnighan, J. K. (Hrsg.) (2006), S.107; Vgl. Smith, R. H. (2008); S.148ff.
9 Vgl. Gierer, A. (2002), S.5-11.
10 Darwin, C. (1871), S.159.
11 Vgl. ebd., S.158f.
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Arbeit zitieren:
B.A. Michael Mallek, 2011, Hollistische Ökonomie, München, GRIN Verlag GmbH
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