Machtsystematik der USA des 21. Jahrhunderts, verglichen mit dem Melierdialog.
1. Einleitung
1.1 Forschungsfrage und Hypothesen
Hat sich die Systematik von Macht im Laufe der Zeit verändert? In dieser Arbeit werde ich der Frage nachgehen, ob sich eine der ursprünglichsten Machtstudien - der Melierdialog von Thukydides - dazu eignet die Handlungsweise der aktuellen Großmacht USA zu erklären. Der Machtrealist Thukydides wollte das athenische Machtdenken im Verlauf des Peleponnesischen Krieges nachzeichnen und allgemein Rückschlüsse auf eventuelle Gesetzmäßigkeiten von Macht zu ziehen. 1 Meine Forschungsfrage lautet nun: Lassen sich gewisse Gesetzmäßigkeiten der Machtdynamiken im Melierdialog auch bei den USA erkennen?
Wozu vor allem hybride Macht führen kann, zeigt der Melierdialog deutlich. Bis zu welchem Grad die Macht der USA ebenfalls hybrid ist, werde ich ebenfalls kurz andenken. Zumindest nach Robert D. Kaplan kann man analytisch von einer „imperialen Realität" 2 ausgehen. An dieser „Imperialität“ der USA setze ich meine These an, in der ich davon ausgehe, dass eine generelle und als illegitime wahrgenommene Macht entweder auf einen Machtverlust zusteuert, oder am Beispiel der USA zu einem Demokratiedefizit führt.
Um meine Forschungsfrage und These zu beantworten werde ich den Begriff der Macht, beziehungsweise des Akteurs also Mächtigen, in drei Ebenen gliedern und diese dann mit dem Melierdialog vergleichen um eventuelle Übereinstimmungen zu entdecken. Die Ebenen sind die Handlungsweise des Mächtigen, in unserem Fall die USA, die Legitimation des Mächtigen und die Konsequenz aus generellen Machtansprüchen.
2. Handlungsweise des Mächtigen
Die USA habe ich deswegen als Anschauungsbeispiel gewählt, weil sie als unipolare Supermacht der Neuzeit der damaligen athenischen Großmacht am besten gleichzusetzen sind.
2.1. Der Melierdialog
Thukydides blickt in seiner sozialdarwinistischen Akklamation an das Naturgesetz der Macht auf das absolut Wesentliche, den „wahrsten Triebkräften in solchen machtpolitischen Auseinandersetzungen“. 3
Auf der einen Seite steht Melos, eine kleine Kykladeninsel, die sich bislang erfolgreich gegen den Anschluss an den attischen Seebund gewehrt hat, auf der anderen Seite daswahrscheinlich auf dem Zenit seiner Macht stehende - Athen.
Gleich zu Beginn der Verhandlungen über die Kapitulation Melos’ berufen sich die Athener auf das Naturrecht des Stärkeren und eröffnen den Meliern, dass sie diese nicht als gleichwertige Verhandlungspartner erachten.
1 Stockhammer, Nicolaus (2006). Die Dialektik politischer Macht. Der Melierdialog im Lichte aktueller Machttheorien. Internationale Zeitschrift für Philosophie (IZPh) - Heft 1/06. 23.
2 Misik, Robert (2003). Amerika ist grenzenlos, taz, 07.10.2003.
3 Raaflaub, Kurt (1988). Politisches Denken im Zeitalter Athens, in: Iring Fetscher, Herfried Münkler (Hg.), Pipers Handbuch der politischen Ideen. Frühe Hochkulturen und europäische Antike, 5 Bände, München, Zürich, I, 330.
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Machtsystematik der USA des 21. Jahrhunderts, verglichen mit dem Melierdialog.
Athener: „Wir glauben nämlich, dass der Gott wahrscheinlich, der Mensch ganz sicher allezeit nach dem Zwang der Natur überall dort, wo er die Macht hat herrscht.“ 4
Die Athener sind sich also ihrer „dynamis“ - beziehungsweise Macht - bewusst. Für Michael Mann stellt Macht die Möglichkeit einer Person dar, „durch Herrschaft über ihre Umgebung ihre Ziele verfolgen und erreichen, d. h. ihren Willen durchsetzen zu können“ 5 , womit Mann’s Definition von Macht exakt den Wesenszug eines Imperiums beschreibt. Diese Begriffsbildung ist in mehreren US-Denkerzirkeln anzutreffen. Neben Kaplan ist auch in neokonservativen Kreisen schon länger vom „neuen imperialen Moment“ die Rede. Amerika sei „dazu verdammt, die Führungsrolle zu spielen“ 6 , meint Sebastian Mallaby in Foreign Affairs und Max Boot hält vor dem Council on Foreign Relations ein Plädoyer „für ein amerikanisches Imperium“ 7 .
2.2. Machtkalkül
Die Athener mahnen die Melier nicht auf irrationale Faktoren wie Hoffnung, Weissagungen und Göttersprüche zu verlassen. Hierin wird der rationale Charakter der athenischen Machtreflexion sichtbar. Man spielt auf einem Schachbrett der Macht, wo es um Vernunftkalkulationen der Macht und Erwägungen der Realpolitik - ohne den beschönigenden Schleier kultureller und religiöser Traditionen - geht. 8 Die Melier fragen sich wie für sie Unterwerfung ebenso vorteilhaft sein kann, wie für die Athener die Ausweitung der Herrschaft? Die Athener antworten: „Weil ihr, statt Ärgstes zu erleiden, euch fügen dürftet und wir, wenn wir euch nicht vernichten müssten, dabei gewinnen würden.“ 9
Diese Machtausübungsform in der Aufzwingung einer Entweder/Oder-Option durch den machtausübenden Akteur, wird unter das Zuckerbrot und Peitsche-Prinzip zusammengefasst. 10
Eine Akzeptanz der attischen Bedingungen, was als Aufgabe melischer Prinzipien auszulegen wäre, entspricht in neueren Machttheorien dem Kalkül der Zusammenarbeit aus Machtraison, gemäß dem Slogan „If you can’t beat them, join them!“ Eine Bündelung der Kräfte mit dem Effekt relativer Machtvorteile. 11 Diese Technik des Machtzugewinnes findet man bei den der NATO, in der die USA eine federführende Rolle spielt.
Für Melos war Kooperation jedoch keine gewinnbringende Option, da nur Autonomie und Neutralität den Erhalt der eigenen Macht gewährleisten würden.
Augenmerk will ich nun aber auf das Motiv der Athener legen. Der Vorschlag der Melier, welcher die Bedrohung des Aggressors eigentlich abwenden müsste, lautet: „Dass wir uns ruhig verhalten und statt eure Feinde Freunde sind, jedoch verbündet mit keinem der beiden Gegner, damit könnt ihr euch nicht zufrieden geben?“ 12
4 Thukydides. Der Peloponnesische Krieg. Übers. Und hrsg. Von Helmuth Vretska und Werner Ringner, Stuttgart 2000. 455f.
5 Mann, Michael (1994). Geschichte der Macht. Von den Anfängen bis zur griechischen Antike, 3 Bde., übers. Hanne Herkommer, Frankfurt a. M., I, 22.
6 Mallaby, Sebastian (2002). The Reluctant Imperialist: Terrorism, Failed States, and the Case for American Empire, in: Foreign Affairs, March/April 2002.
7 Misik, a.a.O.
8 Stockhammer, Nicolaus (2006). Die Dialektik politischer Macht. Der Melierdialog im Lichte aktueller Machttheorien. Internationale Zeitschrift für Philosophie (IZPh) - Heft 1/06.
9 Thukydides, a.a.O., 453.
10 Stockhammer, a.a.O., 30.
11 Stockhammer, ebd.
12 Thukydides, ebd., 453.
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Machtsystematik der USA des 21. Jahrhunderts, verglichen mit dem Melierdialog.
Die Athener legen nun ihre Motive für ihre aggressive Expansionspolitik dar und begründen diese mit einer nötigen Präventivpolitik gegenüber anderen, potentiellen Feinden. „… Sie werden auch denken, dass jene sich dank ihrer Macht behaupten, wir jedoch aus Furcht nicht angreifen. Abgesehen von der Vergrößerung unserer Herrschaft würdet ihr uns daher auch Sicherheit durch eure Unterwerfung bieten.“ 13
Stockhammer nennt dies den „Zwang der Machtsicherung als Existenzbedingung einer Herrschaft für die jedes Schwächezeichen bereits eine Bedrohung darstellt“ 14 . Gibt es diese aggressive Präventivpolitik der USA? Wenn man die Verteidigungspolitikbeziehungsweise das Militärwesen der USA - betrachtet, erkennt man Parallelen. Die Außenpolitik der USA ist heute mehr Sache des Pentagons als der Diplomatie und „militärische Übermacht neigt dazu, sich militärischer Mittel zu bedienen“ 15 . Wer überall auf der Welt für Ordnung sorgen muss, wird eine Kriegerkaste entwickeln deren Gewicht auch auf der Binnenpolitik lastet. Was heute Peripherie ist, muss morgen verteidigt werden und wird um einen neuen Sicherheitsgürtel erweitert, was zwangsläufig in eine Expansionspolitik münden muss. 16
Thukydides hat die scheinbare Notwendigkeit der athenischen Kriegsführung und somit ein Motiv für Expansionspolitik im Allgemeinen klar dargestellt. Auf den Hinweis der Melier „alle, die jetzt noch mit niemandem verbündet sind, werdet ihr euch die nicht zu Feinden machen, wenn sie angesichts dieser Vorgänge glauben müssen, einmal werdet ihr auch gegen sie losziehen“ 17 ,
antworteten die Athener: „Das sind, meinen wir, keine so fürchterlichen Gegner, …. Wohl aber sind es die Inseln, die noch unabhängig sind … „ 18
Somit kann man weniger ideologische Momente feststellen, sondern einen Kampf um den Erhalt der Machtstrukturen. Ob die USA eine genauso radikale Machtpolitik wie die Athener betreibt sei dahingestellt, aber zumindest die Angst vor dem Machtverlust ist ein gemeinsamer Nenner der beiden Großmächte.
3. Legitimation des Mächtigen
Was ist nun die rechtliche Grundlage auf der sich Expansionspolitik betreiben lässt? Bei den Athenern begründete sich ihre Macht auf das Militär und nach der attischen Denktradition und der damit verbundenen Einschätzung der realpolitischen Gegebenheiten heißt es, dass sich die an der Faktizität orientierte Ordnung der Macht gegenüber der normativen Ordnung von Recht und Verträgen durchsetzt. Diese Subsidiarität des Rechts gegenüber der militärischen Macht findet man in der sophistischen Denkweise, in der Macht und Gerechtigkeit gleichzusetzen sein. 19
In der Sophistischen Denkweise wird behauptet: „Das Gerechte ist nichts anderes als der Nutzen des Stärkeren.“ 20 Der Umstand der Durchsetzungsfähigkeit rechtfertigt den Glauben an Rechtmäßigkeit.
13 Thukydides, ebd., 453
14 Stockhammer, ebd., 41.
15 Misik, ebd.
16 Misik, ebd.
17 Thukydides, ebd., 454.
18 Thukydides, ebd., 454.
19 Stockhammer, ebd., 28.
20 Platon, Der Staat. I. 338.
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Arbeit zitieren:
Mag. phil. Marcus Wohlgemuth, 2007, Machtsystematik der USA des 21. Jahrhunderts, verglichen mit dem Melierdialog, München, GRIN Verlag GmbH
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