Reproduktionsmechanismen des Kapitalismus
1. Einleitung
Wir alle sind geprägt von der Gesellschaft in der wir leben. Gesellschaften haben weltweit zwar die unterschiedlichsten Ausprägungen, doch gibt es eine Dominante die nahezu ausnahmslos alle Staaten der Welt gemein haben, ihre kapitalistische Prägung.
1.1. Forschungsfrage und Hypothese
Was mich in dieser Arbeit beschäftigen wird ist wie ein die Gesellschaft dominierendes Paradigma an die nächste Generation weitergegeben wird.
Wie wird die kapitalistische Gesellschaftsform reproduziert?
Ich werde meine Forschungsfrage über die Theorie der Ideologischen Staatsapparate von Althusser herleiten und versuchen diese zu konkretisieren. Hierbei gehe ich davon aus, dass es einen eindeutig dominierenden Staatsapparat gibt, der sich für die ideologische Reproduktion zuständig zeigt.
Um zu dieser Konkretisierung zu gelangen muss zuerst definiert werden was Reproduktion überhaupt bedeutet und wie Ideologie mit dieser zusammenhängt.
2. Reproduktion der Produktionsbedingungen
Jede Gesellschaftsformation muss die Bedingungen ihrer Produktion reproduzieren. Sie muss also die Produktivkräfte und die existierenden Produktionsverhältnisse reproduzieren. Auf Grund der Darlegung von Marx ist keine Produktion möglich, ohne dass die Reproduktion der materiellen Produktionsbedingungen erfolgt, eben die der Produktionsmittel. 1
Ein Teil der Produktionsmittel ist die Arbeitskraft. Deren Reproduktion erfolgt hauptsächlich außerhalb des Betriebes, indem der Arbeitskraft die materielle Möglichkeit ihrer Reproduktion gegeben wird. Dies wird durch den Lohn bewerkstelligt. Dieser ist notwendig zur Wiederherstellung der Arbeitskraft des Lohnabhängigen, da sie notwendig zur Aufzucht
1 Althusser, Louis 1977: Ideologie und ideologische Staatsapparate. Hamburg: VSA. S. 109.
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und Erziehung der Kinder ist. Bestimmt wird der Lohn nicht durch die alleinigen Bedürfnisse eines ‚biologischen’ Minimaleinkommens, sondern durch die Bedürfnisse eines historisch variablen Minimums. 2
2.1. Reproduktion nach Marx
Die ökonomische Basis besteht in Marx’ Konzept des ‚sozialen Ganzen’ aus der Einheit der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse. Marx begreift die Gesellschaft als in verschiedenen ‚Ebenen’ und ‚ Instanzen’ funktionierend. Der Überbau umfasst das Juristisch-Politische (das Recht und den Staat) und die diversen Ideologien. Der Staat, von Marxisten als ‚Staatsapparat’ bezeichnet, wird in der marxistischen Tradition explizit als repressiver Apparat betrachtet, der es den herrschenden Klassen erlaubt ihre Herrschaft über die Arbeiterklasse zu sichern. Der Staatsapparat ist zum Einen der spezialisierte Apparat, die Polizei, die Gerichte, die Gefängnisse und zum Anderen die ergänzende repressive Macht in Form des Militärs. 3
Der Staatsapparat kann bei politischen Ereignissen, die den Besitz der Staatsmacht betreffen, intakt bleiben, selbst nach einer sozialen Revolution. Nach Klassikern des Marxismus muss das Proletariat die Staatsmacht erobern, um den bestehenden bürgerlichen Staatsapparat zu zerschlagen und durch einen anderen proletarischen Staatsapparat zu ersetzen. 4
Entscheidend ist nach Marx, dass die beiden oberen Ebenen nicht alleine existieren könnten, wenn sie nicht auf ihrer Basis ruhen würden. 5
Althusser erkennt einen Mangel der Marx’schen Theorie von Basis und Überbau, indem sie nur beschreibend bleibt. Jede beschreibende Theorie läuft Gefahr die unbedingt notwendige Entwicklung der Theorie zu blockieren. Althusser meint, dass es ausgehend von der Reproduktion notwendig ist zu denken, was für die Existenz und den Charakter des Überbaus wesentlich ist. Entscheidend ist für ihn, dass es nur vom Standpunkt der Reproduktion aus möglich ist diese Frage zu stellen. 6
2 Althusser 1977, ebd., S. 110f.
3 Althusser 1977, ebd., S. 115.
4 Althusser 1977, ebd., S. 118.
5 Althusser 1977, ebd., S. 117.
6 Althusser 1977, ebd., S. 114f.
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2.2. Reproduktion nach Althusser
Die Frage der ich hier nachgehen will, beziehungsweise die Frage die sich Althusser stellt, ist wie die Reproduktion der Qualifikation der Arbeitskraft im kapitalistischen System funktioniert und welche Aspekte in Bezug auf die Reproduktion der Arbeitskraft noch berücksichtigt werden müssen, abgesehen vom Lohn.
Im Unterschied zu Gesellschaftsformationen der Sklaverei und der Leibeigenschaft tendiert die Reproduktion in kapitalistischen Systemen dazu sich außerhalb der Produktion, durch das kapitalistische Schulsystem und andere Instanzen und Institutionen, gesichert zu werden. 7 Die Reproduktion der Arbeitskraft erfordert nicht nur die Reproduktion der Qualifikation, sondern wie es Althusser formuliert „ … eine Reproduktion ihrer (Anm.: Arbeitskraft) Unterwerfung unter die herrschende Ideologie und für die Träger der Ausbeutung und Unterdrückung eine Reproduktion der Fähigkeit, gut mit der herrschenden Ideologie umzugehen, um ‚durch das Wort’ die Herrschaft der herrschenden Klasse zu sichern.“ 8
Somit muss die Arbeitskraft auf irgendeine Art und Weise von Ideologie durchdrungen sein um ‚bewusst’ ihren Aufgabenbereich wahrzunehmen. Althusser konkretisiert einige dieser Aufgabenbereiche in ‚Ausgebeutete’ (Proletarier), die ‚Ausbeuter’ (Kapitalisten), als Gehilfen der Ausbeutung (die Manager), oder als Hohe Priester der herrschenden Ideologie (deren ‚Funktionäre’). Althusser betont nochmals „die Reproduktion der Qualifikation der Arbeitskraft erfolgt in und unter den Formen der ideologischen Unterwerfung.“ 9
7 Althusser 1977, ebd., S. 111.
8 Althusser 1977, ebd., S. 112.
9 Althusser 1977, ebd., S. 112.
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3. Ideologie
Um meine Forschungsfrage beantworten zu können, muss also Ideologie an sich beleuchtet werden.
3.1. Begriff der ‚Ideologie’
Nach Althusser repräsentiere Ideologie das imaginäre Verhältnis der Individuen zu ihren realen Existenzbedingungen. 10
Genauer definiert wird damit gemeint, dass „die Menschen sich in einer imaginären Form ihre realen Existenzbedingungen vorstellen.“ 11
Marx gab eine ähnliche Antwort, nämlich dass sich die Menschen eine entfremdete Vorstellung ihrer Existenzbedingungen bilden, weil diese Existenzbedingungen selber entfremdet sind - die ‚entfremdete Arbeit’.
„Es sind nicht ihre realen Existenzbedingungen, ihre reale Welt, die sich ‚die Menschen’ in der Ideologie ‚vorstellen’, sondern es ist vor allem ihr Verhältnis zu diesen Existenzbedingungen, das in der Ideologie vorgestellt wird. Dieses Verhältnis steht im Zentrum der ideologischen und folglich imaginären Vorstellung der realen Welt.“ 12
„In der Ideologie ist also nicht das System der realen Verhältnisse, die die Existenz der Individuen beherrscht, repräsentiert, sondern das imaginäre Verhältnis dieser Individuen zu den realen Verhältnissen, unter denen sie leben.“ 13
Eine Theorie der Ideologien beruht also auf der Geschichte der Gesellschaftsformationen, den in den Gesellschaftsformationen kombinierten Produktionsweisen und den sich darin entwickelnden Klassenkämpfen. „Was ist denn Ideologie anderes als genau diese Festlegung der Bedeutung durch Herstellen einer Kette von Entsprechungen, mittels Auswahl und Kombination?“ 14
10 Althusser 1977, ebd., S. 133.
11 Althusser 1977, ebd., S. 134.
12 Althusser 1977, ebd., S. 135.
13 Althusser 1977, ebd., S. 135f.
14 Hall, Stuart 2004: Ideologie, Identität, Repräsentation. Ausgewählte Schriften 4. Hamburg: Argument, S. 37.
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Doch warum entsteht die Notwendigkeit dieser imaginären Transposition? Althusser meint Schuld könnten die Priester oder Despoten haben. Sie haben „Lügen ‚erfunden’, damit die Menschen in dem Glauben, Gott zu gehorchen, in Wirklichkeit den Priestern oder Despoten gehorchen, …“ 15
Duby, der die Geschichte der Ideologie ausgehend vom Mittelalter untersucht hat, verwendet die Ideologiedefinition Althusser’s als Repräsentationssystem, das innerhalb einer gegebenen Gesellschaft seine eigene Existenz führt und dem eine historische Rolle zukommt. 16 Kernpunkt ist, dass neben den ökonomischen und demographischen, ebenso die geistigen Phänomene determinierende Wirkung haben. Der Mensch richtet sich nicht nach seiner tatsächlichen Stellung, sondern nach dem Bild das sie von diesem haben.
Die Verhaltensmuster, welche von Duby als Kulturprodukte bezeichnet werden, stellen sich im Laufe der Geschichte auf die materiellen Realitäten ein. Soziale Beziehungen und die Bewegungen gesellschaftlicher Transformationen sind eingebettet in den Rahmen eines Wertsystems, welches das Verhalten jedes einzelnen Individuums gegenüber anderen seiner Gruppe beherrscht. Diese Wertsysteme werden von einer Generation an die nächste übergeben, sind aber nicht unbeweglich, sie haben ihre eigene Geschichte. 17
Auf die Frage nach den Motiven für die Weitergabe solcher Wertesysteme gibt Althusser eine deutliche Antwort.
„(…) diese Ursache ist die Existenz einiger weniger zynischer Menschen, die ihre Herrschaft und ihre Ausbeutung des ‚Volkes’ mit einem gefälschten Weltbild stützen, das sie erfunden haben, um sich die Menschen durch die Beherrschung ihrer Phantasie gefügig zu machen.“ 18
Ideologien erweisen sich bei Duby als globalisierend, verzerrend, konkurrierend und stabilisierend. Interessant für meine These sind der globalisierende und der stabilisierende Effekt.
15 Althusser 1977, ebd., S. 134.
16 Duby, Georges 1990: Wirklichkeit und höfischer Traum. Zur Kultur des Mittelalters. Frankfurt/M.: Fischer, S. 33.
17 Duby, ebd., S. 31f.
18 Althusser 1977, ebd., S. 134.
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Arbeit zitieren:
Mag. phil. Marcus Wohlgemuth, 2009, Reproduktionsmechanismen des Kapitalismus, München, GRIN Verlag GmbH
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