abwehren, abreagieren und durch Rationalisierungen der törichtsten Art verbiegen - gar keine Schuld wäre, sonder bloß in ihnen, ihrer seelischen Beschaffenheit bestünde. Die furchtbar reale Vergangenheit wird verharmlost zur bloßen Einbildung jener die sich davon betroffen fühlen. Adorno fragt sich, ob Schuld selber überhaupt nur als Komplex wahrgenommen wird. Als wäre es krankhaft sich mit Vergangenem zu belasten, während der gesunde und realistische Mensch in der Gegenwart und ihren praktischen Zwecken aufgeht. „Und ist so gut, als wär’ es nicht gewesen“ 3 wird Goethes Faust zitiert.
Weiters werden Symptome einer psychisch nicht bewältigten Vergangenheit beschrieben. Abgesehen von diversen Erklärungsversuchen werden die Sieger zu Urhebern dessen gemacht was die Besiegten taten als sie selber noch obenauf waren. Für die Untaten des Hitler sollen diejenigen verantwortlich sein die duldeten, dass er die Macht ergriff und nicht jene die ihm zujubelten.
Angefangen beim Gestus des Von-allem-nichts-gewusst-Habens und stumpfer und ängstlicher Gleichgültigkeit ist weiter die irrationale Aufrechnung der Schuld verbreitet. Als ob Dresden Auschwitz abgegolten hätte, oder eine Verharmlosung der Opferzahlwaren es doch „nur“ 5 Millionen vergaste Juden und nicht sechs. 4 Oder die oft positiv hervorgehobene Wirtschaftspolitik des Dritten Reiches, die allerdings in weitem Maße auf der Rüstung zu dem Krieg der die Katastrophe brachte basierte. Aber jenes geschwächte Gedächtnis von dem Adorno sprach, sträubt sich dagegen diese Argumentation in sich aufzunehmen. 5
Solche Denkweisen trösten nach Adorno das schlaffe Bewusstsein, könne doch nichts geschehen sein, wenn die Opfer nicht irgendwelche Veranlassung gegeben hätten und dieses vage ‚irgendwelche’ mag dann nach Belieben fortwuchern.
Eine Tilgung der Erinnerung ist, im Gegensatz zu unterbewussten Prozessen, eine Leistung des wachen Bewusstseins. Im Vergessen des kaum Vergangenen klingt die Wut mit, dass man was alle wissen sich selbst ausreden muss, ehe man es den anderen ausreden kann. Rationalität erkennt Adorno in dem Sinn, dass sie sich an gesellschaftliche Tendenzen anlehnen - einig mit dem Zeitgeist.
3 Adorno, ebd., S. 128.
4 Adorno, ebd., S. 127.
5 Adorno, ebd., S. 134.
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Ein solches Reagieren wird als rückständiges Denken empfunden. Es käme unmittelbar dem Fortschritt entgegen. Wer sich keine unnützen Gedanken macht streut keinen Sand ins Getriebe. Franz Böhm nannte dies nicht-öffentliche Meinung. Sich einer Stimmung anpassen die zwar durch offizielle Tabus in Schach gehalten wird, darum aber nur umso mehr Virulenz besitzt.
Hier hat Adorno eines der Kernprobleme der Vergangenheitsbewältigung charakterisiert. Die Verdrängung des Erlebten resultiert durch die nicht-öffentliche Meinung, in einer allgemein akzeptierten Verzerrung des Geschichtsbildes.
Demokratiebewusstsein
Adorno ist klassifikatorisch von unterschiedlichen Formen antisemitischer Reaktionsmuster ausgegangen. Sein Ziel war es die sozialen und individuellen Wurzeln des Antisemitismus aufzudecken. Adorno sah es als einen gesellschaftlichen Sachverhalt, dass subjektive Vorurteile gegenüber Minderheiten, die noch keineswegs offen antijüdisch oder rassistisch geprägt sein müssen, existieren. Diese Vorurteile stellen, wenn es zu einer autoritären Disposition kommt, „eine permanente Gefahr für die Demokratie dar“ 6 .
„Demokratie wird eingeschätzt nach dem Erfolg oder Misserfolg, an dem dann auch die einzelnen Interessen partizipieren, aber nicht als Einheit des eigenen Interesses mit dem Gesamtinteresse.“ 7
Adorno erkannte in seinen Studien eine vorherrschende Ideologie. Je mehr Personen objektiven Konstellationen ausgeliefert sind über die sie nichts vermögen, oder über die sie nichts zu vermögen glauben, desto mehr werden sie dieses Unvermögen subjektivieren. Nach der Phrase ‚es käme allein auf den Menschen an’ schieben sie alles den Menschen zu was an den gesellschaftlichen Verhältnissen liegt, wodurch dann wieder die Verhältnisse selbst unbehelligt bleiben.
Diese Subjektivierung ist ein wichtiger Punkt in Adornos Soziologie über den Prozess der Vergangenheitsbewältigung. Adorno’s philosophische Formulierung dieser
6 Müller-Doohm, Stefan (2001). Die Soziologie Theodor W. Adornos. Eine Einführung, Frankfurt am Main. S.
82.
7 Adorno, ebd., S. 130.
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Subjektivierung lautet, „dass in der Fremdheit des Volkes zur Demokratie die Selbstentfremdung der Gesellschaft sich widerspiegelt“ 8 .
Schwankungen der Millionen von Wählern vor 1933 zwischen der nationalsozialistischen und kommunistischen Partei sind auch sozialpsychologisch kein Zufall. Amerikanische Untersuchungen haben ergeben, dass jene Charakterstruktur gar nicht so sehr mit politisch-ökonomischen Kriterien zusammengeht. Vielmehr definieren sie Züge wie ein Denken nach den Dimensionen Macht-Ohnmacht, Starrheit und Reaktionsunfähigkeit, Konventionalismus, Konformismus, mangelnde Selbstbesinnung, schließlich überhaupt mangelnde Fähigkeit zur Erfahrung. Im Grunde verfügen sie nur über ein schwaches Ich und benötigen daher, als Ersatz der Identifikation, große Kollektive und die Deckung durch diese. Wie nach den Krisenerfahrungen der Ära vor Hitler überwog das Gefühl des ‚Es wird gesorgt’. 9
Psychologie der Masse
Adorno war prinzipiell der Ansicht ein Soziologe müsse immer auf eine Theorie der Gesellschaft zurückgreifen. Die Aufgabe der soziologischen Analyse besteht primär darin, mit Hilfe einer ausgeführten Gesellschaftstheorie die das soziale Ganze durchsichtig macht, die Art und Weise der sozialen Vermittlung aufzudecken. In der Aufarbeitung der Vergangenheit hat Adorno den Narzissmus als einen wichtigen psychologischen Faktor herausgefiltert.
Nach der subjektiven Seite der Psyche der Menschen steigerte der Nationalsozialismus den kollektiven Narzissmus, die nationale Eitelkeit, ins Ungemessene. Die narzisstischen Triebregungen der Einzelnen, denen die verhärtete Welt immer weniger Befriedigung verspricht und die doch ungemindert fortbestehen solange die Zivilisation ihnen sonst so viel versagt, finden Ersatzbefriedigung in der Identifikation mit dem Ganzen. 10 Karl Mannheim hat darauf aufmerksam gemacht, wie genial der Rassewahn dadurch ein massenpsychologisches Bedürfnis befriedige, dass er es der Majorität erlaubt sich als Elite
8 Adorno, ebd., S. 131.
9 Adorno, ebd., S. 133.
10 Adorno, ebd., S. 135.
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Arbeit zitieren:
Mag. phil. Marcus Wohlgemuth, 2008, Vergangenheitsbewältigung nach Adorno, München, GRIN Verlag GmbH
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