Industrialisierung und Antisemitismus
in ihrer Totalität falsche Erklärungsweisen, können aber dennoch durch wahre Elemente enthalten.
So kann die Ideologie des Rassismus, als dem Antisemitismus verwandte Ideologie, für manche Teile der Bevölkerung ihre Erfahrungsweise von der Welt als Beschreibung und Erklärung dienen (vgl. ebda: 107). Nun möchte ich aber auf die Ursprünge des Rassismus und des Antisemitismus eingehen. Mosse (vgl. 2006: 185) hat für die Entwicklung der rassistischen Ideologie in Europa einen historisch begründeten Erklärungsansatz. Mitteleuropa scheint bei der Entwicklung des Rassismus während des 19. Jahrhunderts ein zentraler Schauplatz gewesen zu sein. Die einzelnen Elemente des rassischen Mystizismus schienen vor allem die Sehnsucht nach einer echten nationalen Gemeinschaft und nach einer wesenhaften Einstellung zu Leben und Politik zu erfüllen. Die Bausteine des Rassismus kamen allerdings aus ganz Europa, er war nicht nur auf Deutschland oder Österreich beschränkt.
Den katholischen Rassismus hat es in Frankreich eigentlich schon immer gegeben und er hatte den Boden für den Rassismus bereitet. Der traditionelle christliche Antijudaismus entwickelte sich im Zeitalter der europäischen Revolutionen von 1750 bis 1850 zum modernen Antisemitismus (vgl. Claussen 1992: 10). Die Hauptrichtung des französischen Antisemitismus versuchte Nationalismus mit sozialer und politischer Reform zu verbinden. Die Antisemiten waren vor allem an der nationalen Einheit interessiert. Sie lehnten den Klassenkampf ab und befürworteten die Klassenintegration, ohne jedoch die bestehende kapitalistische und bürgerliche Ordnung anzuerkennen. Sie wünschten eine gleichmäßigere Verteilung des Reichtums und forderten, dass alle Klassen der Bevölkerung am politischen Prozess teilnähmen (vgl. Mosse 2006: 185).
Seit der Mitte des Jahrhunderts wurde diese Ansicht als Nationalsozialismus bekannt, die Hitler für seine Partei übernahm, als sie bereits längst allgemeingültiger Ausdruck für eine politische Theorie war, die eine soziale wie nationale Regierung anstrebte. Die Feindschaft des ursprünglichen Nationalsozialismus richtete sich einzig gegen den Finanzkapitalismus, gegen die Banken und Börsen. Die Abschaffung der Zinsknechtschaft sollte sowohl soziale Gerechtigkeit als auch nationale Einheit
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herstellen. Kurz nach 1870 beschrieb Edouard Drumont die Ängste, die die Nationalsozialisten plagten:
„Die Enteignung durch den Finanzkapitalismus findet mit einer Regelmäßigkeit statt, die einem Naturgesetz gleicht. Wird innerhalb der kommenden fünfzig bis hundert Jahre nichts unternommen, diesen Prozess aufzuhalten, dann wird die gesamte europäische Gesellschaft ein paar hundert Bankiers auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein.“ (ebda: 186).
Diese Entwicklung aufzuhalten hieß die Juden aus dem nationalen Leben auszuschalten, denn sie waren zum Symbol für die Vorherrschaft des Finanzkapitalismus geworden. Industrialisierung und Antisemitismus
Der bürgerliche Antisemitismus hat nach Adorno und Horkheimer (vgl. 2008: 182-183) einen spezifischen ökonomischen Grund: die Verkleidung der Herrschaft in Produktion. Waren in früheren Epochen die Herrschenden unmittelbar repressiv, sodass sie den Unteren nicht nur die Arbeit ausschließlich überließen, sondern die Arbeit als die Schmach deklarierten die sie unter der Herrschaft immer war, so verwandelt sich im Merkantilismus der absolute Monarch in den größten Manufakturherrn. Produktion wird hoffähig. Der Jude ist der Sündenbock, dem das ökonomische Unrecht der ganzen Klasse aufgebürdet wird. Obwohl die einzelnen europäischen Nationen von 1885 bis 1914 in verschiedenen Graden von der Industrialisierung erfasst wurden, wurden sie alle mit großer Gewalt in den Sog dieser neuen Entwicklungen hineingezogen. Nationale Schutzzollmauern, konnten nicht verhindern dass sich die einzelnen nationalen Volkswirtschaften Europas in das multilaterale System der Weltwirtschaft einfügten. Unter dem Einfluss der europäischen politischen und wirtschaftlichen Expansion nach Übersee, beeinflussten die Weltmärkte die wirtschaftliche und industrielle Entwicklung in den einzelnen Ländern. Diese wurden gezwungen ihre traditionellen Gewerbe und Produktionsmethoden den Errungenschaften des technologischen Fortschritts anzupassen und neue Industrien aufzubauen. Es ergab sich eine bis dahin unbekannte Abhängigkeit der einzelnen Volkswirtschaften von dem Auf und Ab der internationalen Wirtschaftsentwicklung.
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Neben die wirtschaftlichen Erfolge gesellte sich ebenso eine gesteigerte Krisensensibilität (Mommsen 1969: 45-46).
Aus diesem subjektiven Faktor erklärt sich Mommsen zum Teil die Unruhe und die unstete Hast im politischen Geschehen jener Jahrzehnte sowie die Anfälligkeit der Völker für die imperialistische Idee, die durch Rassismus und Antisemitismus geprägt war.
Karl Marx setzte, wie viele Andere auch, das Judentum mit dem Kapitalismus gleich. Vor allem mit dem seiner Meinung nach bösem Part der Produktion, dem Finanzkapital. Trotz Millionen wirtschaftlich armer Juden hat Marx nie wahrgenommen, dass es ein jüdisches Proletariat gab. Er bezeichnete die bürgerliche Gesellschaft seiner Zeit als judaisiert. Marx schrieb in ‚Zur Judenfrage’: „Das Geld ist der eifrige Gott Israels, vor dem kein anderer Gott bestehen darf“ (Marx 1973: 374).
Trotzdem man Marx nicht leichtfertig als antisemitisch klassifizieren darf, wie es einem Poliakov’s Polemik leicht machen würde (vgl. Claussen 1992: 11), hat Marx mit seinen Abhandlungen zur Judenfrage dem Zeitgeist des kapitalismuskritischen Antisemitismus, als einer der führenden Wirtschaftstheoretiker Anfang des 20. Jahrhunderts entsprochen. Ähnlich äußerten sich auch Vertreter aus dem liberalen oder reaktionären Lager und haben damit einer Hoffnung Ausdruck verliehen, die die tägliche Erfahrung zu bestätigen schien (vgl. Poliakov 1992: 25). Die Juden in West- und Mitteleuropa, wo es relativ wenig von ihnen gab, stiegen in hohe wirtschaftliche Positionen auf und übten vor allem kaufmännische und intellektuelle, also bürgerliche, Berufe aus. Sie waren soweit kulturell assimiliert und hatten der alten Religion entweder schon den Rücken gekehrt oder versuchten den jüdischen Kultus nach dem christlichen zu reformieren. Die Juden vertrauten auf den menschlichen Fortschritt und hofften, dass der Antisemitismus so in Vergessenheit geraten würde und sie gesellschaftlich den Christen ebenbürtig würden (vgl. ebda: 26).
Anders war die Situation im russischen Reich, indem mehr als fünf Millionen Juden, die Hälfte der jüdischen Bevölkerung weltweit, lebte. Sie konzentrierten sich vor allem in Polen und in der Ukraine. Die zaristische Politik war insofern nicht rassistisch, als sie zur Orthodoxie konvertierten Juden alle Bürgerrechte zusprach. Doch
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Arbeit zitieren:
Mag. phil. Marcus Wohlgemuth, 2009, Industrialisierung und Antisemitismus, München, GRIN Verlag GmbH
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