Was ist Protest?
Proteste begleiten momentan, in den unterschiedlichsten Ausprägungen, die politische Landschaft weltweit. In manchem Falle (siehe „arabischer Frühling“) verändern sie die politische Landschaft radikal. So soll diese theoretische Abhandlung über den Protestbegriff und über die verschiedenen Formen von Protestereignissen zum besseren Verständnis dieses gesellschaftlichen Phänomens beitragen.
1. Begriffsbestimmung von Protest
„Protest ist keine eigentümliche „Pathologie“ der gesellschaftlichen Kommunikation, sondern eine notwendige Strategie für die Selbstbeobachtung der Gesellschaft“ (Virgl 2010: 8).
Wenn man von Protest hört, ist die wahrscheinlich gängigste Assoziation das Bild einer Straßendemonstration, in der eine aufgebrachte Menge ihrem Unmut kundtut. Doch Protest kann in den verschiedensten Formen auftreten. Die Palette reicht von Protestliedern über Formen des Streiks bis hin zu Haus- oder Landbesetzungen. Doch was ist die Quintessenz, der kleinste gemeinsame Nenner, der all diesen Formen des Protests innewohnt? Um mit dem Begriff des Protests weiterarbeiten zu können, sollen deshalb seine entscheidenden Eigenschaften anhand einer Begriffsbestimmung herausgearbeitet werden.
Die etymologische Herkunft des Wortes protestieren, führt uns zuerst zum Verb protester. Dies wurde im 15 Jh. dem Französischen entlehnt, hat aber seinen Ursprung in den lateinischen Begriffen „prtstr »öffentlich bezeugen, öffentlich dartun«, zu 1. tstr »bezeugen« und 1. pro-, zu 1. tsts »Zeuge«“ (Kluge 2002: 725). Hier liegt der Bedeutungsschwerpunkt noch auf dem Begriff der Öffentlichkeit, in der man Zeugnis über etwas ablegt. Die entscheidende Ergänzung zu dieser etymologischen Herleitung bietet das Wörterbuch zur Politik. Hier wird der Fokus um die Dimension des Nichteinverständnisses erweitert:
„Protest (…) im politisch-öffentlichen Sprachgebrauch allgemein die Bekundung des Missfallens und des Nichteinverständnisses oder, so N. Luhmann, Kommunikationen,
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»die an andere adressiert sind und deren Verantwortung anmahnen«“ (Schmidt 2004: 577).
Protest scheint somit im Nichteinverständnis begründet zu sein, dass nach außen hin, also in die Öffentlichkeit, kommuniziert werden muss, um gehört zu werden. Eine sehr treffende Definition liefert der Publizistikwissenschafter Pross (1992). Er setzt die Mitteilungsform des Protests in den Mittelpunkt und ergänzt die Definition um das Publikum als Empfänger, an die die jeweilige Protestbotschaft ebenso gerichtet sein soll, wie an den Urheber des Anstoßes zum Nichteinverständnis.
„Protest ist eine entschiedene, öffentliche Antwort im Widerspruch zu einer vorausgegangenen Mitteilung, eine wahrnehmbare Opposition zu einer Position. Er wendet sich immer an zwei Adressaten: an den Urheber der Mitteilung, gegen die sich der Widerspruch richtet, und an ein Publikum als dritte Instanz. Er soll dieses Publikum für die Opposition gewinnen“ (Pross 1992: 18).
Pross rundet den Begriff des Protests ab, indem er Protest als „nachdrückliche Stellungnahme“ (vgl. Pross 1971: 19) bezeichnet, die Kommunikation voraussetzt. Die Voraussetzung weshalb manches Nichteinverständnis zu Protest führt und manches nur zu Kopfschütteln, sieht Pross im Grad der Bedrängnis. Der durch eine aufkommende Frage Bedrängte kann sich nicht anders helfen, als seine Grundüberzeugung, seine Prinzipien, hervorzukehren. „Prinzipien konkretisieren sich im Verhältnis von Frage und Antwort. Wo keine Frage auftaucht, stellen sich auch keine Prinzipien“ (ebda: 1971: 12). Eine Frage bedrängt dann, wenn sie zur Stellungnahme zwingt, wenn sie öffentlich verantwortet werden muss. Das bedeutet in weiterer Folge, dass bei einer solchen Frage diejenige Antwort erteilt werden muss, über die es kein hinaus gibt. Pross bezeichnet dies als die äußerste Antwort (vgl. ebda: 11). „Das Zurückgehen aufs Prinzip verleiht dem Protest seine Stärke, seine Glaubwürdigkeit, auch seine Würde“ (ebda: 19). „Kein Protest ist außerhalb seines Anlasses zu verstehen, und ohne Kenntnis dessen, wogegen er eingelegt wird. Auch kommt es sehr darauf an, wer protestiert, denn was bezeugt und wogegen Einspruch erhoben wird, hat seine Einheit nur im Protestierenden selber“ (ebda: 20).
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Dem Protest geht nach Pross also auf der Frageseite die „Provokation von Prinzipien voraus“ (ebda: 25). Als Antwort betrachtet, liefert Protest sozusagen ein Zeugnis der Ohnmacht des durch die Frage Bedrängten.
„Die bis auf die Prinzipien erschöpfte Rationalität findet je nach dem Erschöpfungsgrad Ausdruck in einfachen oder komplizierten Formen der Kommunikation, der politischökonomischen Zugänglichkeit, das heißt der Offenheit oder Geschlossenheit der jeweiligen Gesellschaft und der Beschaffenheit der Instanz, vor der protestiert wird, vor der Zeugnis für und wider abgelegt wird“ (ebda: 25).
1.1 Konflikt als Widerspruch
Der bis hier verwendete Begriff des Nichteinverständnisses, soll nun vom Begriff des Widerspruchs, beziehungsweise der Repugnanz, ersetzt werden (vgl. Virgl 2010: 110). Widerspruch beinhaltet in seiner Wortbedeutung die Dimension der Kommunikation, die dem Begriff des Nichteinverständnisses fehlt. Da dem Protest eine öffentliche Kommunikation inhärent ist, bezeichnet Widerspruch die Grundlage des Konfliktes wohl treffender. Virgl beschäftigt sich in seiner Arbeit über Protest ausführlich mit der Dimension der Kommunikation in Verbindung mit Konflikten. Um besser zu verstehen wie es vom Widerspruch zum Protest kommt, soll nun das Treppenmodell nach Virgl herangezogen werden. Dieses gießt die Entfaltung des Widerspruchs hin zur Protestform in ein dreistufiges Modell, das die Entwicklung des Konflikts, auf der Basis von Kommunikation, besser sichtbar macht. Abb. 1: Treppenmodell nach Virgl
(ebda: 110)
Für Virgl liegt die Ursache der Sichtbarkeit des Widerspruchs in seiner Entfaltung mittels Konfliktkommunikation. Manifestiert sich der Widerspruch zu einer Frage soweit, dass er
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kommunikationsfähig wird, hebt er sich auf die Stufe des Konflikts. „Konflikt ist ein Nein, und zwar ein verstehendes Nein. Wir definieren daher Konflikte - noch als Vorstufe des Protests - als Prägnanzsysteme“ (ebda: 110). Der Begriff der Prägnanzsysteme versteht Konflikt als wertneutral. Konflikt ist weder gut noch böse, sondern schlicht existent. Der Widerspruch verblasst in weiterer Folge auf der Ebene des Konflikts, verschwindet allerdings nicht gänzlich. Virgl begründet dies mit der Leistung der Autopoiesis (vgl. Luhmann 1984). Dies bedeutet, dass Kommunikationssysteme, wie jenes des Konflikts, nur wahr nehmen was zu ihrer Selbstreproduktion oder Stabilisierung notwendig ist. Das Treppenmodell impliziert diese Annahme in dem es zeigt, dass der Prozess stets nach oben führt. Eine Rückkehr ist nur dann möglich, wenn „der Widerspruch so aufgearbeitet wird, dass das Konfliktpotential keine Option für alle Beteiligten mehr darstellt“ (Virgl 2010: 111).
Protest ist also „kommunizierter Konflikt unter Einsatz eines Nein-Signals“ (ebda: 8). Eine wichtige Ergänzung, um den Protest als Kommunikationsform des Konflikts noch klarer von diesem abzugrenzen, hat Pross geleistet (siehe Punkt 2.1), in dem er explizit das Publikum als dritte Instanz und weiteren Adressat der Konfliktkommunikation einbrachte. Konflikt und im Besonderen der soziale Konflikt, ist nach der These von Virgl eine soziale Tatsache, die wahrscheinlicher auftritt als sie nicht auftritt (vgl. ebda: 111). In welchen Formen Protest nun auftreten kann und welche davon diejenigen sind, die den modernen Staat und seine Gesellschaft in der jüngsten Zeit am entscheidendsten mitgeprägt haben, klärt der nächste Punkt.
2. Erscheinungsformen von Protest
2.1 Protestbewegungen/soziale Bewegungen
„Bewegungen entstehen aus gesellschaftlichen Widersprüchen und sie entwickeln sich in Widersprüchen fort“ (Raschke 1985: 448).
Im Wörterbuch für Politik sowie im Lexikon für Soziologie (vgl. Schmidt 2004: 577; Reinhold 2000: 510) werden Protestbewegungen im Allgemeinen als soziale Bewegungen verstanden, deren Hauptanliegen der politisch motivierte Protest ist.
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Nach Rucht (vgl. 1994: 77) lassen sich Protestbewegungen von sozialen Bewegungen aber sehr wohl in Bezug auf ihre Motivlage abgrenzen. Soziale Bewegungen haben eine klare Fokussierung auf politische, ökonomische oder soziokulturelle Veränderungen, also auf die Grundlage sozialer Ordnung. 'Normale' Protestbewegungen zielen hingegen auf sektorale Veränderungen wie die Umverteilung von Besitz, die Liberalisierung gesellschaftlicher Normen oder die Ablösung einer politischen Klasse ab. „Eine soziale Bewegung ist ein auf gewisse Dauer gestelltes und durch kollektive Identität abgestütztes Handlungssystem mobilisierter Netzwerke von Gruppen und Organisationen, welche sozialen Wandel mit Mitteln des Protests - notfalls bis hin zur Gewaltanwendung - herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen wollen“ (ebda: 76-77).
Der Bewegungsforscher Rucht (vgl. ebda: 78-79) schließt hier aber nicht aus, dass sich Konflikte um sektorale Veränderungen auch über ihre Grenzen hinaus ausweiten können. Zum Einen wenn die sektorale Kritik an den Grundfesten der sozialen Ordnung rühren muss um Veränderungen zu erzielen, zum Anderen wenn die in der Kritik stehenden Gruppen ihre Privilegien an die soziale Ordnung binden und somit einen übergreifenden Konflikt provozieren.
Es soll auch noch eine Abgrenzung zu Begriffen wie Sub- und Gegenkultur getroffen werden. Der klare Unterschied ist, dass Subkulturen die Zielvorstellung eines dezidierten sozialen Wandels fehlt. Auch wenn Gegenkulturen diese Zielvorstellung eventuell teilen, weisen sie keine strategische Ausrichtung und auf die jeweilige Zielsetzung abgestimmte interne Handlungskoordination auf, die soziale Bewegungen definieren (vgl. ebda: 81-82). Da soziale Bewegungen im Grunde nur eine spezielle Ausrichtung von Protestbewegungen sind, soll nun weiter ausgeholt und auf den Entstehungskontext von sozialen Bewegungen eingegangen werden.
Rucht knüpft den hier verwendeten Begriff der sozialen Bewegungen an den Kontext einer modernen Gesellschaft, ohne die das Phänomen der sozialen Bewegungen nicht existent sein könnte. „Soziale Bewegungen sind nicht ohne Moderne, Moderne ist nicht ohne soziale Bewegungen“ (ebda: 77-78).
Die Idee einer auch von Individuen veränderbaren sozialen Ordnung entstand erst mit der Moderne, was die Begründung liefert warum die Entstehungsbedingung für soziale
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Arbeit zitieren:
Mag. phil. Marcus Wohlgemuth, 2010, Was ist Protest?, München, GRIN Verlag GmbH
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