Wie antidemokratisch kann Integration sein? Essay
In der Theorie will der Multikulturalismus vor allem das friedliche Zusammenleben von Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher ethnischer oder rassischer Herkunft, auf ein und demselben Territorium gewährleisten. Die Kriterien von Recht und Unrecht, von Verbrechen und Barbarei treten zurück, vor dem absoluten Kriterium des Respekts vor dem Anderen. Ganz nach Adorno, gibt es keine ewige Wahrheit mehr und der Glaube an sie entspringt einem naiven Ethnozentrismus. Soweit so gut, doch in der Umsetzung in England hat man den Multikulturalismus so ausgelegt, dass die islamische Minorität, aus Respekt vor seinen Traditionen, ein anderes Gesetz befolgen kann, als der Rest des Volkes. Diese Auslegung des Multikulturalismus ist, nach Timothy Garton Ash, ein
„(…) Rassismus des Antirassismus. Er kettet die Menschen an ihre Wurzeln. Wenn man das gemeinsame Kriterium für die Unterscheidung von Recht und Unrecht aufgibt, wird jede Vorstellung von einer nationalen Gemeinschaft untergraben.“ 1
Ash spricht hier speziell islamistische Gesetzestexte an, die Gewalt gegen Frauen, sei es in physischer oder psychischer Hinsicht, legitimieren. Abgesehen von dem Kontrast der zwischen westlichen Werten und Gewalt legitimierenden Gesetzestexten besteht, möchte ich eine andere Frage in den Vordergrund stellen. Nämlich, ob es überhaupt sinnvoll ist, unterschiedliche Volksgruppen in einem Staatsgefüge andere Gesetze befolgen zu lassen. Bruckner meint hierzu, dass man mit der gesetzlichen Abschottung von islamistischen Gruppierungen, schon jede mögliche Reformregung innerhalb einer bestimmten Konfession bremst, bevor sie überhaupt beginnen kann. Wenn man einen Teil dieser Bevölkerung, meistens den Frauen, einen Minderheitenstatus gibt, erhält man „auf subtile Weise unter dem Mäntelchen der Vielfalt die Segregation aufrecht“ 2 .
Überdenkenswert ist auch die Diskrepanz zwischen der Eigenverantwortlichkeit von diversen Regionen und dort herrschenden, teilweise menschenfeindlichen, Gesetzen. Bruckner nennt es auch das Paradoxon des Multikulturalismus, denn wie kann man eine Andersartigkeit akzeptieren, die die Menschen ausgrenzt, statt sie
1 Bruckner, Pascal (2007): Fundamentalismus der Aufklärung oder Rassismus der Antirassisten?
unter: http://www.perlentaucher.de, 24.01.2007.
2 vgl. ebda.
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aufzunehmen? Er gewährt allen Gemeinschaften die gleiche Behandlung, nicht aber den Menschen aus denen sie sich bilden, denn er verweigert ihnen die Freiheit, sich von ihren eigenen Traditionen loszusagen. Es sei „Toleranz statt mutigem Weiterdenken.“ 3
Großbritannien musste sich eingestehen, dass sein auf Kommunitarismus und Separatismus gegründetes Sozialmodell versagt hat. Bruckner spricht von einer Kapitulation gegenüber der Integration und betont, dass man neben dem Recht auf Vielfalt unablässig das Recht auf Ähnlichkeit bekräftigen muss. „Was uns verbindet, ist stärker als das, was uns trennt.“ 4
Buruma Ayaan Hirsi Ali, eine nach Großbritannien emigrierte, ehemalige Muslimin und nunmehrige Vertreterin der Aufklärung, sagt zu der Thematik: „Der Koran ist Menschenwerk, nicht Gotteswerk. Darum müssen wir uns frei fühlen, ihn zu interpretieren und der modernen Zeit anzupassen, anstatt uns schmerzhaft zu verrenken, um wie die ersten Gläubigen in einer fernen und fürchterlichen Vergangenheit zu leben.“ 5
Doch die entscheidende Frage der ich nachgehen will lautet, warum ist es, neben den offensichtlichen Nachteilen einer doppelten Gesetzgebung, unvernünftig den Islamisten ihre eigenen Gesetze zu lassen? Wenn man europaweit von einer, zu einem gewissen Prozentsatz vorhandenen, latenten Ausländerfeindlichkeit ausgeht, könnte eine Ungleichbehandlung von Bürgern nicht rassistische Vorurteile verstärken?
Hier haben Adorno und Horkheimer einen wertvollen Beitrag mit ihrem „Research Projekt on Anti-Semitism“ geliefert. Mit diesem interdisziplinären Forschungsprojekt sollte der allgemeine Forschungsstand über Antisemitismus auf breiter Basis aufgearbeitet und seine aktuellen Erscheinungsformen analysiert werden. Wie nützt uns nun diese Studie über aufkeimenden Antisemitismus, für die Problemstellung der Integration?
3 vgl. ebda.
4 vgl. ebda.
5 Buruma, Ayaan Hirsi Ali (2006): Mein Leben, meine Freiheit, München.
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Adorno war prinzipiell der Ansicht ein Soziologe müsse immer auf eine Theorie der Gesellschaft zurückgreifen. Die Aufgabe der soziologischen Analyse bestünde primär darin, mit Hilfe einer ausgeführten Gesellschaftstheorie, die das soziale Ganze durchsichtig macht, die Art und Weise der sozialen Vermittlung aufzudecken. Wenn wir, wie bereits erwähnt, von einer mehr oder weniger stark keimenden, potentiellen Ausländerfeindlichkeit, in den meisten europäischen Gesellschaften, ausgehen, kann man die gesellschaftlichen Strukturzusammenhänge, die eventuell zu einem ausbrechenden Rassismus führen, anhand von dieser Theorie versuchen zu bestätigen. Bei einem Erkenntnisgewinn, der an einem umfassenden Vernunftanspruch festhält, mündet dieser nach Adorno in Kritik. Falls eine fehlgeleitete, wenn nicht ‚unvernünftige’ Integrationspolitik einer Gesellschaft, die aus ihrer eigenen Entwicklungsdynamik heraus Widersprüche erzeugt, zu Rassismus führt, gilt es diese deutlich zu kritisieren.
Doch was für Warnsignale kann man beobachten? Adorno ist klassifikatorisch von unterschiedlichen Formen antisemitischer Reaktionsmuster ausgegangen. Sein Ziel war es, die sozialen und individuellen Wurzeln des Antisemitismus aufzudecken. Wenn ich hier von einer latenten Ausländerfeindlichkeit ausgehe, sah es Adorno ebenfalls als einen gesellschaftlichen Sachverhalt an, dass subjektive Vorurteile gegenüber Minderheiten, die noch keineswegs offen antijüdisch oder rassistisch geprägt sein müssen, existieren. Diese Vorurteile stellen, wenn es zu einer autoritären Disposition kommt, „eine permanente Gefahr für die Demokratie dar“ 6 . Ob es in Europa nochmals zu einem Umdenken in Richtung Autoritarismus kommt, sei dahingestellt, aber deswegen dürfen wir seine Wegbereiter nicht ignorieren. Adorno kann man zwar vorhalten, dass er die Kontinuität des Nationalsozialistischen Systems unterschätzt hat, obwohl er nach Horkheimer’s erbrachten empirischen Forschungsergebnissen von 1930/31, über das Bewusstsein der qualifizierten Arbeiter und Angestellten in der Spätphase der Weimarer Republik, eigentlich hätte gewarnt sein sollen. Das Resümée der Forschung war, dass sich nur eine Minderheit gegen eine faschistische Machtübernahme zur Wehr setzen würde 7 . Doch trotz dieser Fehleinschätzung Adornos, haben seine Studien über die Ansätze des
6 Müller-Doohm, Stefan (2001): Die Soziologie Theodor W. Adornos. Eine Einführung, Frankfurt/M.,
82.
7 vgl. ebda: 54f.
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Arbeit zitieren:
Mag. phil. Marcus Wohlgemuth, 2008, Wie antidemokratisch kann Integration sein?, München, GRIN Verlag GmbH
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