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Inhaltsverzeichnis:
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1. Einleitung
2 Theoretische Ansätze: Sprachliche Repräsentationen und soziale
Identität
2.1 Sozialanthropologische Ansätze: Die Konstruktion nationaler Identität
2.1.1 Der Begriff nationale Identität 4
2.1.2 Der Begriff der Nation aus deutscher und französischer Sicht:
Etymologie und Bedeutungswandel im Vergleich 8
2.1.3 Die sozialwissenschaftliche Debatte zu Begriff und Phänomen der
Nation
2.1.3.1 Renan: Erbe von Erinnerungen und Wille 16
2.1.3.2 Gellner: Kultur und Wille 17
2.1.3.3 Eriksen: Begrenzung 18
2.1.3.4 Anderson: Souveränität und Begrenzung 19
2.1.4 Identität und Repräsentation im politischen Feld 21
2.2 Zusammenfassung: Verschiedene Diskursstränge bei der Konstruktion
nationaler Identität 25
3. Geschichte und Gegenwart als Hintergrund
3.1 Geschichtliche Entwicklungen: Martinique und Frankreich
3.1.1 Von den Anfängen bis 1848 27
3.1.2 1848 bis zur Gegenwart 29
3.2 Geschichte und nationale Identität 32
3.3 Das Politische Feld in Martinique 35
3.3.1 Politische Institutionen 36
3.3.2 Der sozioökonomische Rahmen 37
3.3.3. Politische Entscheidungsebenen 39
3.3.4 Politische Parteien 40
3.3.4.1 Independentisten 41
3.3.4.2 Autonomisten 42
3
3.3.4.3 Departementalisten 43
3.3.5 Intellektuelle 45
3.4 Zusammenfassung 47
4. Empirischer Teil: Diskurse und Repräsentationen nationaler Identität
in Martinique
4.1 Diskurse über nationale Identität 49
4.1.1 Vorläufer: Des origines de la nation martiniquaise 50
4.1.2 Entwicklung und Ebenen des Begriffs der Nation in Martinique 53
4.1.3 Aktuelle Diskurse der Politiker 55
4.1.3.1 Independentisten 56
4.1.3.2 Autonomisten 62
4.1.3.3 Departementalisten 69
4.1.4 Intellektuelle 74
4.2 Legitimierungsdiskurse der Politiker 80
4.2.1 Independentisten 81
4.2.2 Autonomisten 82
4.2.3 Departementalisten 84
4.3 Zusammenfassung der Diskurse 87
5. Fazit und Ausblick: Die Konstruktion nationaler Identität und
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ihre politische Wirksamkeit
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6. Literatur- und Quellenverzeichnis:
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1. Einleitung
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen der nationalen Identität. Das geschieht am Beispiel Martiniques, einer 380.000 Einwohner zählenden Insel der Kleinen Antillen, die seit 1946 als Überseedepartement vollständiger Teil Frankreichs ist. Seit den Fünfziger Jahren bildeten sich in Martinique politische Bewegungen, die mehr Eigenständigkeit vom französischen Zentralstaat einforderten. Diese Debatte ist auch heute noch aktuell und wird hier aufgegriffen. Der Begriff nationale Identität ist nicht leicht zu greifen. Es gibt in der sozialwissenschaftlichen Debatte zahlreiche, verschiedene Interpretationen, darauf wird in dem folgenden theoretischen Kapitel ausführlicher eingegangen. In dieser Arbeit soll diskutiert werden, wie nationale Identität gebildet wird und in welchem Zusammenhang diese Entwicklung zum politischen Kontext steht. Deshalb werden Diskurse von Politikern und Intellektuellen zur na tionalen Identität untersucht, um im Detail zu betrachten, wie sie nationale Identität konstruieren. Die verwendeten Daten stammen in erster Linie aus einer von mir von Januar bis März 2002 durchgeführten selbstorganisierten Lehrforschung. Dabei arbeitete ich mit Frau Ulrike Zander zusammen, Doktorandin an der EHESS in Paris und an der Freien Universität Berlin, der ich für das zur Verfügung gestellte Material danken möchte. Während Frau Zander sich mit dem Nationalbewußtsein der breiten Bevölkerung beschäftigt, liegt der Ansatz dieser Arbeit bei den Politikern und Intellektuellen, die die öffentliche Debatte bestimmen. In empirischer Arbeit wurden die Diskurse dieser beiden Gruppen zur nationalen Identität aufgenommen, wobei in erster Linie Interviews mit d en Politikern der verschiedenen politischen Strömungen und einigen Intellektuellen geführt wurden. Zwischen dem 20. Februar und dem 4. März 2002 fand der 2. Kongreß der Abgeordneten Martiniques statt, der über Vorschläge der französischen Regierung für eine größere Selbständigkeit Martiniques zu befinden hatte. Die Debatte dieses Kongreßes wird hier teilweise aufgegriffen. Diese Diskurse, ergänzt durch einige Schriften, werden in dieser Arbeit mit Bezug auf das Phänomen der nationalen Identität analysiert. Darüber hinaus wird die Ebene der Diskurse mit der
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politischen Ebene in Zusammenhang gesetzt, um die Diskurse zur nationalen Identität in den politischen Kontext einzuordnen.
Der Hauptteil der Arbeit gliedert sich in drei Teile. Zuerst werden im zweiten Kapitel allgemeine theoretische Überlegungen zu Phänomen und Begriff der nationalen Identität aufgestellt. Dann wird ein genauerer Blick auf unterschiedliche Entwicklungen in Frankreich und Deutschland geworfen. Danach wird die sozialwissenschaftliche Debatte zum Begriff der Nation aufgegriffen, um anhand führender Theoretiker bestimmte Aspekte des Begriffes der Nation aufzuzeigen. Daraufhin werden Bourdieus Gedanken über den Zusammenhang von sprachlicher Repräsentation, der Konstruktion von Gruppenidentität und dem politischem Feld dargestellt, insbesondere wird der Begriff des ‚performativen Diskurses‘ eingeführt. Damit soll ein theoretischer Bezugsrahmen für die Analyse der Diskurse im empirischen Teil, dem vierten Kapitel, entwickelt werden. Im dritten K apitel wird ein Einblick in die Geschichte und die aktuelle politische Situation Martiniques gegeben. Deshalb wird ein Überblick über historische Entwicklungen von der Gründung der französischen Kolonie bis zur Gegenwart geboten. Auf einige für die nationale Identität wichtige Ereignisse wird genauer eingegangen. Dann werden verschiedene Seiten der politischen Landschaft dargestellt, wobei die unterschiedlichen Strömungen und Parteien genauer betrachtet werden. Der Leser soll somit in den Hintergrund der Debatte um das Phänomen der nationalen Identität in Martinique eingeführt werden. Im vierten Kapitel, das auch das umfangreichste ist, folgt der empirische Teil der Arbeit. Hier werden anhand der Diskurse aus den empirischen Quellen die verschiedenen Positionen von Politikern und Intellektuellen in der Debatte zur nationalen Identität dargestellt. Dabei werden Aspekte wiederaufgegriffen, die im theoretischen Teil der sozialwissenschaftlichen Debatte zum Begriff der Nation aufgestellt wurden. Es wurde versucht sowohl bei der Aufnahme der Diskurse als auch bei deren Darstellung eine möglichst große Bandbreite abzudecken, um die verschiedenen politischen und intellektuellen Strömungen zu Wort kommen zu lassen.
Im Schlußteil wird, unter Berücksichtigung von Bourdieus Begriff des ,performativen Diskurses‘, der Zusammenhang von Diskursen und politischer
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Wirksamkeit diskutiert. Dabei wird auf die einschlägige Literatur zur nationalen
Identität in Martinque eingegangen. Es werden die wichtigsten Argumente
zusammengefaßt und ein Ausblick gegeben.
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2. Theoretische Ansätze: Sprachliche Repräsentationen
2.1 Sozialanthropologische Ansätze: Die Konstruktion nationaler
Identität
2.1.1 Der Begriff nationale Identität
Ein Grundmerkmal der Debatte um nationale Identität ist die Vielzahl der Definitionen und Begriffe. Hinzu kommt, daß verschiedene Disziplinen sich mit diesem Gegenstand befassen. Hier wird zuerst der Begriff der Identität eingegrenzt, bevor verschiedene Aspekte der nationalen Identität diskutiert werden.
Der Begriff der Identität wurde von dem Sozialpsychologen Erik H. Erikson popularisiert. 1 Im Gegensatz zu Erikson spielt in dieser Arbeit die „Ich-Identität“ keine Rolle, sondern die „Identität einer Gruppe“ (Erikson 1974: 124f). Der Identitätsbegriff wird auf soziale Identität bezogen, der Sicht des Sozialanthropologen Thomas Eriksen folgend: „When we talk of identity in social anthropology, we refer to social identity, not the depths of the individual mind” (Eriksen 1993: 60).
Der hier verwe ndete Identitätsbegriff folgt der Definition der „Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology“:
„... it refers to qualities of sameness, in that persons may associate themselves, or be associated by others, with groups and categories on the basis of some salient common feature“ (Barnard and Spencer 2002: 293). In dieser Arbeit ist das gemeinsame Merkmal die nationale Identität. Es wird untersucht, wie sie von verschiedenen politischen und intellektuellen Akteuren in Diskursen konstruiert wird. Des weiteren wird diskutiert inwieweit es ihnen gelingt, diese Kategorie der Nation politisch relevant werden zu lassen. Der Identitätsbegriff ist also politisch, und auf die Gruppe der Nation bezogen.
1 Siehe die Identitätsdefinitionen am Anfang des Kapitel s ‚Das Problem der Ich-Identität‘, Erikson (1974: 123-125).
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Dieser, auf die Nation bezogene, Identitätsbegriff schließt andere Identitätsniveaus nicht aus, sondern besteht neben ihnen. Es kann auch zu Widersprüchen und Brüchen kommen oder einer Hierarchisierung. Darauf weist Hobsbawm hin:
„... we cannot assume that for the most people national identification - when it exists - excludes or is always or even superior to, the remainder of the set of identifications which constitute the social being. In fact, it is always combined with identifications of another kind, even when it is felt to be superior to them” (Hobsbawm 1990: 11).
In dieser Arbeit steht jedoch die nationale Identität im Mittelpunkt, nicht das Zusammenwirken verschiedener Identitätsmuster.
Hobsbawm führt noch einen anderen Gesichtspunkt an, er deutet auf die Wandelbarkeit des Identitätskonzeptes hin: „... national identification and what it is believed to imply, can change and shift in time, even in the course of quite short periods” (1990: 11). Die nationale Identität kann sich ändern, dieser Prozeß der Schaffung und Veränderung nationaler Identität in Martinique soll hier betrachtet werden.
Giesen äußert sich zum Begriff der nationalen Identität folgendermaßen: „Diese Perspektive begreift nationale Identität als eine Konstruktion des Kollektiven im Spannungsfeld zwischen Kultur und Politik. Dabei wird weder der politisch-staatlichen Verfassung noch der kulturellen Definition der Nation ein Vorrang bei der Konstitution des kollektiven Bewußtseins eingeräumt“ (1991: 13).
Er sieht also die nationale Identität in einem Spannungsfeld zwischen Politik und Kultur, wobei der Begriff der Kultur, da er nicht extra definiert ist, wohl dem allgemeinen Sprachgebrauch entspricht. 2 Ähnlich äußert sich Eisenstadt, der „auf 2 Der in dieser Arbeit verwendete Begriff der Kultur folgt einer allgemeinen Definition: „Kultur - Gesamtheit der von einer bestimmten Gemeinschaft auf einem bestimmten Gebiet während einer bestim mten Epoche geschaffenen charakteristischen geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen“ (Duden - Das große Wörterbuch der deutschen Sprache 1994: 2019).
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das Spannungsverhältnis zwischen dem politischen und dem kulturellen Pol kollektiver Identitätsbildung” hinweist (Eisenstadt 1991: 22). Was diese Arbeit angeht, so hat der Identitätsbegriff einen politischen Bezug, die Debatte in Martinique zur Frage der kulturellen Identität steht nicht im Vordergrund. 3 Kultur spielt hier insoweit eine Rolle, als daß bestimmte k ulturelle Merkmale für die Konstruktion nationaler Identität politisch relevant sein können. Ebensowenig wie die kulturelle Identität steht der politisch-staatliche Aspekt im Vordergrund, 4 da dies keine politologische Arbeit ist, die sich mit verschiedenen Autonomieformen auseinandersetzt. Es soll innerhalb des Spannungsfeldes von Politik und Kultur an dem Beispiel Martinique anhand empirischer Daten gezeigt werden, wie nationale Identität in verschiedenen Diskursen geschaffen wird und welche historischen und anderen sozialen Faktoren dabei eine Rolle spielen.
Die Idee, die Nation als eine zentrale Kategorie politischer Identität zu sehen, ist historisch ein Phänomen der Moderne. 5 Wie im folgenden Kapitel zum deutsch-französischen Kontext gezeigt wird, verbreitet sich diese Idee erst in Folge der Französischen Revolution. In Deutschland zum Beispiel setzt sich die Idee der nationalen Einheit erst 1871 politisch durch. Eisenstadt, der die Konstruktion nationaler Identität aus vergleichender Perspektive untersucht, bestätigt das:
„Gewiß ist die Konstruktion nationaler Identitäten ein modernes Phänomen. Als Minimalkonsens darf aber wohl gelten, daß die Konstruktion nationaler Identität als Versuch zu begreifen ist, kollektive Identität auf der Basis einer Kombination von primordialen (historischen, territorialen, sprachlichen, ethnischen) Faktoren bzw. Symbolen und politischen Grenzen herzustellen.
Jene sehr verschiedenen primordialen Komponenten sind, man muß das nicht eigens erwähnen, ihrerseits auf vielerlei Weise gebunden an noch ältere 3 Aktuell ist die Debatte um die ‚Créolité‘, die seit dem Manifeste „Eloge de la Créolité“, von Bernabé et al. (1989), anhält, siehe Condé (1995), Balutansky (1998), Cherubini (1999).
4 Dazu etwa die Sammelbände von Burac (1994), Constant (1997) oder Fortuné (2001). 5 Das bestätigen Anderson (1983) und Gellner (1983, 1999).
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identitätsstiftende Konzepte, aber die ‚Vorwegexistenz’ solcher Konzepte besagt nicht, daß ein gleichsam natürlicher Zusammenhang zwischen ihnen und der Ausdifferenzierung moderner nationaler Identitäten besteht. Es gibt kein festes Bündel primordialer identitätsstiftender Symbole, keinen ‘naturwüchsigen’ Hintergrund der selbstläufig und in immer gleicher Weise die Entstehung moderner Nationen, moderner nationaler Bewegungen und Nationalstaaten bewirken und garantieren könnte” (1991: 21f).
Die nationale Identität wird mit Hilfe schon vorher bestehender ‚primordialer‘ Faktoren bzw. Symbolen konstruiert. Eisenstadt betont aber, daß es keinen ‚natürlichen‘ Zusammenhang zwischen bestimmten entstandenen und bestehen- den Faktoren wie der Sprache und nationaler Identität gibt. Jedoch wird von Seiten der Befürworter nationaler Identität versucht, den Anschein zu erwecken, als gebe es diesen ‚natürlichen‘ Entstehungsprozeß von Nationen nach einem oder mehreren bestimmten Mustern. Des weiteren wird versucht, möglichst weit zurückreichende Wurzeln zu finden und an möglichst prestigereiche historische Entwicklungen anzuknüpfen, um seinen politischen Forderungen Legitimation zu verleihen. Je glaubwürdiger, positiver, gewichtiger und ‚natürlicher‘ das Konstrukt der Nation ist, desto eher kann darauf eine politische Identität aufgebaut werden. Wer sind aber diese Konstrukteure? Hierzu fährt Eisenstadt fort:
„Statt dessen läßt sich behaupten, daß die Konstruktion nationaler Identität (vergleichbar mit anderen Fällen der Konstruktion kollektiver Identitäten im Laufe der menschlichen Geschichte) inauguriert und geprägt wird von besonderen Trägergruppen. Im Fall der Moderne (und bezogen auf unser Thema) setzt sich die Gruppe der Konstrukteure zusammen aus der kulturellen ‘Intelligenzia’ und politischen ‘entrepreneurs’, die – natürlich in ununterbro- chener Auseinandersetzung mit ihrem kulturellen und sozialen Umfeld – an der Ausdifferenzierung nationaler Identität in hervorragender Weise beteiligt sind“ (1991: 22f).
Auf die Konstruktion nationaler Identität durch diese beiden Gruppen, nämlich Politiker und Intellektuelle, ist der Fokus dieser Arbeit gerichtet. Zweifelsohne sind sie nicht die einzigen Akteure, die die Debatte beeinflussen, auch Wähler, Journalisten, die Wirtschaft und von außen wirkende Akteure, etwa
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im Fall Martiniques vor allem der französische Zentralstaat, spielen eine Rolle. Hier soll sich aber auf die lokalen Akteure in Martinique und diese beiden ‚Trägergruppen‘ konzentriert werden. Denn Politiker und Intellektuelle haben eine besondere, herausgehobene Stellung, auch in der öffentlichen Debatte, deshalb ist der Blick auf sie gerichtet. Genauer gesagt, auf die Diskurse dieser beiden Gruppen von Identitätskonstrukteuren sowie ihren Versuch das politische Feld zu besetzen, dazu mehr im empirischen Teil.
Diese verschiedenen, eher allgemeinen Aspekte der Debatte über nationale Identität beinhalten keine erschöpfende Definition, die es ohnehin nicht gibt. Sondern es soll ein gewisser Rahmen abgesteckt werden, auf den sich die folgende Diskussion beziehen kann. Gerade weil es keine verbindlichen Definitionen und Begriffe gibt, sollen im nun folgenden Abschnitt verschiedene Bedeutungen des zentralen Begriffes der Nation untersucht werden. Gena uer gesagt, in der französischen und der deutschen Sprache mit Bezug auf die jeweilige geistige Tradition, denn „Es gibt wohl wenige Themen, bei denen Deutsche und Franzosen so gründlich aneinander vorbeireden wie bei dem der nationalen Identität“ (Thadden 1990: 61).
2.1.2 Der Begriff der Nation aus deutscher und französischer Sicht:
Etymologie und Bedeutungswandel im Vergleich Etymologisch gesehen, stammt in der deutschen und der französischen Sprache das Wort Nation von dem lateinischen ‚natio‘, Geburt, Geborenwerden ab. Das Alt- und das Mittelfranzösische kennen verschiedene Bedeutungen, unter der Eintragung „natio“ finden sich:
„1. Afr. Mfr. nation ‚naissance‘; 2. Afr. naciuns ‚peuples infidèles et idolâtres‘;
3. Afr. nascion ‚extraction, rang, famille, lignée‘;
4. Afr. Mfr. nacion ‚réunion d’hommes habitant un même territoire et ayant une
origine commune, des institutions communes, une langue identique, etc.‘ “ (Französisches Etymologisches Wörterbuch, 1955, 7.Band: 41).
Die letzte Bedeutung der „nacion“, die dem modernen Begriff am nächsten kommt, stammt aus dem späten 13. Jahrhundert.
Was die deutsche Sprache betrifft, heißt es im Duden:
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„Nation: Das seit dem Ende des 14. Jh.s bezeugte Fremdwort geht auf lat. natio (nationis) ‚das Geborenwerden; das Geschlecht; der (Volks)stamm, das Volk‘ zurück, das zu lat. nasci ‚geboren werden, entstehen‘ bzw. zu dem Partizipial- adjektiv natus ‚geboren‘ gehört. So bezeichnet ‚Nation‘ also eigentlich den natürlichen Verband der durch ‚Geburt‘ im gleichen Lebensraum zusammengewachsenen und zusammengehörenden Menschen, ein Volk in seiner Gesamtheit und geschichtlichen Eigentümlichkeit. In diesem Sinne galt ‚Nation‘ bis ins 18. Jh.“ (Duden - Das Herkunftswörterbuch, 1989: 480).
Hier ist also die Rede von „même territoire“ bzw. „gleichen Lebensraum“, „origine commune“ und „Geburt“, die Begriffe divergieren noch nicht so weit.
Aber schon im Spätmittelalter nach dem Hundertjährigen Krieg gegen England konstituiert sich in Frankreich 1453 ein Nationalstaat, der, außer einigen Gebieten im Osten, das Territorium des heutigen Frankreichs umfaßt und von Paris aus zentral regiert wird. Die religiöse Einigung wird nach den Religions- kriegen erreicht, der Zentralstaat von Ludwig dem XIV. und seinen Nachfolgern ist gestärkt. Im Deutschen Reich hingegen besteht ein Flickenteppich verschiedener Feudalherrscher, der Dreißigjährige Krieg verwüstet und spaltet das Land. Das Haus Habsburg, auch Oberhaupt des Deutschen Reiches, erstreckt sich weit über die Grenzen des deutschsprachigen Ra umes hinaus. Die Entwicklungen auf der deutschen sowie auf der französischen Seite verlaufen also im Zeitalter des Feudalismus bis zur Schwelle der Moderne in unterschiedlichen Bahnen.
Mit der Französischen Revolution konstituiert sich in Frankreich die Na tion im modernen Sinne. Die Nationalversammlung ruft die Republik ‚une et indivisible‘ aus. „Staat-Nation-Republik“ war die „ Synthese, die den Patriotismus als zivile Religion etablierte“ (Christadler 1990: 40). Der politische Wille zu dieser Nation und dieser Republik mußte gegen die Armeen der Nachbarn, aber auch im Inneren durchgesetzt werden, was ein politisches Verständnis der Nation förderte. „Abbé Sièyes definierte 1789 die französische Nation als die Gemeinschaft, die unter einem Gesetz steht und durch die gleiche gesetzgebende Versammlung repräsentiert wird. Nation konstituiert sich hier durch den politischen Willen und durch das Streben des Dritten Standes nach Souveränität in einem bereits vorhandenen Staatsgebiet.
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In Deutschland dagegen verstand sich das Bildungsbürgertum als Kulturnation in einem territorial zersplitterten Land und erhob Sprache, Volkstum und Dichtung zum nationalen Kriterium (J.G.Herder), das nach der napoleonischen Herrschaft zu einem politischen Bestimmungsmerkmal wurde“ (No hlen 1998: 406f). 6 Während der französischen Revolutionszeit und der folgenden Herrschaft Napoleons werden die neuen französischen Ideen und der französische Nationenbegriff in Europa verbreitet. Jedoch, im Gegensatz zu Frankreich, findet noch keine politische Einigung Deutschlands statt, selbst wenn die Idee des einheitlichen deutschen Staates besteht. Da der Weg zur politischen Nation noch nicht geebnet ist, greift das deutsche Bürgertum im Spannungsfeld zwischen kultureller und politischer Seite auf die kulturelle Seite des Nationenbegriffes zurück, um seine soziale Identität zu konstruieren. Es findet „im deutsch- sprachigen Raum ... die Unterscheidung in Staatsnation und Kulturnation“ statt (Fuchs-Heinritz 1995: 458). 7 Dieser auf historischen und politischen Gegebenheiten beruhende Unterschied prägt den deutschen Nationenbegriff und grenzt ihn vom französischen ab.
Die geistigen Strömungen auf denen die Begriffe aufbauen sind ebenfalls verschieden. Der französische Begriff hat seine Wurzeln in der Aufklärung, im Rationalismus, der deutsche hingegen im Idealismus und der deutschen Romantik.
„Diese Nationszugehörigkeit hängt an der Vorstellungswelt der Französischen Revolution von 1789. In dieser war – im Unterschied der Tradition der deutschen Romantik – e in rationales Gestaltprinzip enthalten, das dem Bürgersein, der ‚citoyenneté‘, eine höhere politische Qualität zubilligte als der vorpolitischen Volkszugehörigkeit. Ihm zufolge begründet eine ethnische Identität noch keine nationale“ (Thadden 1991: 499).
Demzufolge findet in Frankreich keine Gleichsetzung von ethnischer und politischer Identität statt. Das ist aber das Modell des Deutschen Reiches, das die 6 „Lexikon der Politik“, Band 7: Politische Begriffe.
7 „Lexikon der Soziologie “.
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kleindeutsche Lösung 1871 nach Kriegen gegen den Vielvölkerstaat Österreich- Ungarn und seine süddeutschen Verbündeten sowie gegen Frankreich durchsetzte. Im Deutschen Reich galt das Blutsrecht, in Frankreich hingegen das Bodenrecht. So wird z.B. von der Académie Française 1878 folgende Hauptdefinition der Nation gegeben: „Nation: La totalité des personnes nées ou naturalisées dans un pays, et vivant sous un même gouvernement“ (Académie Française 1994[1878 7 ]: 256). Die Einbürgerung war ein selbstverständlicher Teil des französischen politischeren Nationalverständnisses, in Deutschland dagegen dominierte noch lange das Blutsrecht.
Dem französischen Dreiklang ‚Staat-Nation-Republik‘, der mit Gründung der Dritten Republik 1878 wieder Geltung gewann, standen jenseits des Rheins das Deutsche Reich und der Kaiser gegenüber. Ein Reichs- und Kaisergedanke, der an das Mittelalter anknüpfte. Der absolute Monarch war in Personalunion deutscher Kaiser, preußischer König und Oberbefehlshaber, konnte das Parlament auflösen und die Regierung berufen. Dieses unterschiedliche Verständnis des Staats- und Nationalgedankens bleibt im 20. Jahrhundert bestehen. Frankreich versteht sich auch als ‚la Grande Nation‘ mit politischem Sendungsbewußtsein. In Deutschland folgt, nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches und der Episode der Weimarer Republik, eine groteske Übersteigerung und ein Mißbrauch des nationalen Identitätsgedankens während des nationalsozialistischen ‚Dritten Reichs‘. Dieser Bruch belastet bis heute den deutschen Nationenbegriff und macht ihn problematisch.
Das ist etwa in den Debatten um die Wiedervereinigung spürbar:
„Während die meisten deutschen Intellektuellen sich mit der Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands schwertun und ihr sogar vielfach widerstreben, empfinden ihre französischen Gesprächspartner bei aller Skepsis gegenüber befürchtetem deutschen Machtzuwachs in der Regel Verständnis für das Verlangen nach nationaler Einheit und umgekehrt Unverständnis für deutsches Zögern“ (Thadden 1990: 61).
Die Schwierigkeiten mit dem Begriff Nation werden auch bei Habermas deutlich, jemand, der in der öffentlichen Debatte Deutschlands als prominente intellektuelle Stimme wahrgenommen wird. Der Habermas’sche Gedanke des
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‚Verfassungspatriotismus‘, seine Meinung, daß aus der „Überwindung des Faschismus eine postnationale, um die universalistischen Prinzipien von Rechtsstaat und Demokratie herum gebildete Identität“ entstehen solle, ist ein Versuch, den alten auf Blutsrecht und Kultur beruhenden Nationalitätssbegriff zu überwinden (Habermas 1990: 152). Er möchte weg von einem ethnisch- partikularen zu einem universalistischeren Ansatz gelangen, er will den Weg zu einer postnationalen Identität weisen.
Diese Idee der postnationalen Identität wird aber in Frankreich schwerlich Zustimmung finden. Die französische Republik, mit ihr die französische Nation, beruhe n auf einem anderen, von vorneherein universalistischer aufgebauten Selbstverständnis. Nicht Ethnie oder Kultur stehen hier im Vordergrund, sondern eher der politische Aspekt und die universellen Werte, auf denen die Nation beruht. Deshalb steht die Nation, die nicht zuletzt in der Französischen Revolution wurzelt, auch für Demokratie und Rechtsstaat. Man muß also nicht die nationale Identität hin zu einer postnationalen überwinden, um zu Habermas‘ Position zu gelangen.
Eine post- oder supranationale Identität, wie sie etwa die Deutschen innerhalb der Europäischen Union mit einem Europäischen Bundesstaat aufbauen wollen, stellen die Franzosen das Europa der Nationen gegenüber. Bei dieser Debatte wird ein unterschiedliches National- und Staatsverständnis deutlich, das den Rahmen für die Debatte über nationale Identität in Martinique mitbestimmt. In Frankreich bilden ‚Staat, Nation, Republik‘ einen Dreiklang, deshalb rührt die Forderung nach Anerkennung des korsischen Volkes oder der Nation Martinique an den Grundfesten des Staates, der Nation und der Republik. Sie sind miteinander verwoben, deshalb handelt es sich um eine delikate Angelegenheit, da die nationale Einheit, und mit ihr die nationale Identität und die Gemeinschaft, in Frage gestellt werden.
Das liegt auch daran, daß die französische Nation zentralistisch organisiert ist und auf der ‚Egalité‘, der Gleichheit aller Bürger, beruht. Somit finden Gruppen, die sich auf eine ethnisch oder kulturell begründete Sonderstellung berufen, kaum einen Rahmen innerhalb des zentralistischen Nationalstaates, um ihre Interessen durchzusetzen. Ein Freistaat Bayern mit eigenen Gesetzen, die von denen
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anderer Teile des Staates divergieren, wäre innerhalb der französischen Republik kaum denkbar. Es wurde z.B. ein Gesetz d er Regierung Jospin als verfassungswidrig erklärt, da die nationale Einheit untergraben würde, wenn den Korsen sehr begrenzte legislative Autonomie gewährt würde. Dies ist im föderalen Deutschland eine Selbstverständlichkeit.
So wurde in einem Jahrhunderte andauernden Prozeß eine unter- schiedliche nationale Identität konstruiert und rekonstruiert.
„Für einen Vergleich deutscher und französischer Identitätsbildung ergibt sich aus diesen Aussagen, daß nationale und kulturelle Zugehörigkeiten immer in bestimmten historischen Zusammenhängen zu sehen sind und keine anthropologischen Konstanten darstellen. Sie haben vielmehr teil an den Traditionslinien und Traditionsbrüchen der jeweiligen nationalen Geschichte und stehen also immer in bestimmten Erfahrungszusammenhängen von erlebter oder doch wahrnehmbarer Geschichte. .... Am stärksten kommt dieser Vorstellungsunterschied im deutsch-französischen Vergleich in den Bildern zum Ausdruck, die man sich diesseits und jenseits des Rheins vom ‚Wesen‘ der eigenen Nation macht. Danach neigen die Deutschen nach wie vor gerne zu der Ansicht, daß ihr Volk eine ethnische Abstammungsgemeinschaft sei, während die Franzosen in ihrer Mehrheit der Vorstellung anhängen, daß sie eine durch gemeinsame geschichtliche Erfahrungen und Erinnerungen geformte Solidargemeinschaft bilden. .... In ihnen kommt vielmehr ein jahrhundertealtes anderes Verhältnis zur Nation als Bezugsrahmen kollektiver menschlicher Existenz zum Ausdruck, ein anders gelagertes Spiel von sozialen Ängsten und politischer Ordnungsideen“ (Thadden 1991: 498f).
Die verschiedenen Bedeutungen des gleichen Begriffes im französischen und deutschen Kontext, die in diesem Jahrhunderte andauernden Prozeß der Identitätskonstruktion Form angenommen haben, prägen die gedankliche Wel t und die Diskurse bis heutzutage sowie auch das politische Handeln.
Ein Blick in aktuelle Definitionen des Begriffs „Nation“ im Duden zeigt das: „a) große, meist geschlossen siedelnde Gemeinschaft von Menschen mit gleicher Abstammung, Geschichte, Sprache, Kultur, die ein politisches Staatswesen bilden
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b) Staatswesen
c) (ugs.) Menschen , die zu einer Nation gehören; Volk“ (Duden - Das große Wörterbuch der deutschen Sprache 1994: 2360).
Hier wird in der ersten Definition zwar die politische Seite der Nation erwähnt, ihr gegenüber stehen aber Abstammung, Geschichte, Kultur und Sprache, also Aspekte, die die ethnisch-partikulare und die kulturelle Seite des Begriffs Nation darstellen. In der zweiten steht Nation als Synonym für Staatswesen und in der letzte n für die Mitglieder der Nation bzw. das Volk. Demgegenüber die französischen Definitionen von „Nation“:
„1) Vieilli. Groupe d’hommes auxquels on suppose une origine commune.
2) Mod. Groupe humain, généralement assez vaste, qui se caractérise par la conscience de son unité et la volonté de vivre en commun.
3) Groupe humain, en tant qu’il forme une communauté politique, établie sur un territoire défini ou un ensemble de territoires définis, et personnifiée par une autorité souveraine.
4) Ensemble des individus qui composent ce groupe.
5) Dr. et cour. Élément de l’État constitué par le groupement des individus fixés sur un territoire et soumis à l’autorité d’un même gouvernement“ („Le Grand Robert de la langue française“ 1985: 692).
Die erste Definition, die auf einer ethnisch-partikularen Abstammung fußt, wird als „vielli“, veraltet, betrachtet. Die zweite betont das Bewußtsein und den Willen zur Gemeinschaft; die dritte beruht auf der politischen Gemeinschaft, mit einem bestimmten Territorium und die durch e ine unabhängige Autorität verkörpert wird. Die vierte bezeichnet die Mitglieder, die fünfte, juristische, ähnelt der dritten, ein Element des Staates gebildet durch eine Gruppe Individuen, auf einem Territorium und unter einer Regierung.
Zusammengefaßt findet man in beiden eine Definition über die Mitglieder die zu dieser Gruppe gehören bzw. aus denen sie besteht. In der deutschen Definition sind „Abstammung, Geschichte, Sprache, Kultur, Volk“ entscheidende Merkmale der Nation, also ethnische, historische und kulturelle Elemente. Abgesehen vom Element der gemeinsamen Abstammung, „origine commune “,
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das als veraltet gilt, findet sich keines dieser Elemente in den französischen Definitionen.
Diese beruhen auf anderen Elementen, dem Bewußtsein und dem Willen auf einer abstrakteren, sozialpsychologischen Ebene sowie auf politischen Elementen: „une communauté politique ... personnifiée par une autorité souveraine “ bzw. „soumis à l’autorité d’un même gouvernement“, „Élément de l’État“ und mit einem „territoire défini“. Die erste Ebene wiederum fehlt bei der deutschen Definition, es ist keine Rede etwa vom Willen. Auf der politischen Ebene findet sich das Element des Territoriums in der „meist geschlossen siedelnde[n] Gemeinschaft“ wieder, es ist jedoch unschärfer g efaßt. Bei der französischen Definition handelt es sich um eine explizit politische Gemeinschaft „une communauté politique... personnifiée par une autorité souveraine“. Sie nimmt im Recht und in den Organen der Souveränität Form an, bzw. ist unter einer Regierung und Teil eines Staates. Bei der deutschen Definition ist das politische schwächer akzentuiert, es ist eine Gemeinschaft, auf den oben genannten Elementen beruhend, die ein „politisches Staatswesen“ bildet.
Soweit zu den aktuellen Definitionen, es sollte gezeigt werden, daß im Laufe eines langen Prozeßes der Konstruktion und der Konstitution der Nation und der nationalen Identität sich verschiedene Begriffe und Deutungen entwickelt haben. Sie werden im deutschen und französischen Kontext mit Hilfe unterschiedlicher Elemente konstruiert, es werden andere Akzente, andere Schwerpunkte gebildet, verschiedene Ebenen, verschiedene Seiten der nationalen Identität hervorgehoben. Andere werden an die Seite gedrängt oder gar nicht benutzt und damit ausgegrenzt. Das ist das Resultat unterschiedlicher historischer Entwicklungen, da es keinen festen ‚natürlichen‘ Entwicklungsprozeß nationaler Identität gibt, finden sich neben erheblichen Differenzen auch Parallelen.
Einige Gesichtspunkte nationaler Identität wurden hier schon erwähnt. In den folgenden Abschnitten wird versucht, mit Hilfe von Beiträgen verschiedener Sozialwissenschaftler, die sich mit Nation und nationaler Identität auseinandergesetzt haben, unterschiedliche Seiten und Aspekte begrifflich präziser zu fassen. Dann sollen sie zusammengebracht werden, nicht um eine umfassende Definition zu finden, die es nicht gibt, sondern um gewisse
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Begriffsstränge zu finden, auf die dann später im empirischen Teil Bezug genommen werden kann.
2.1.3 Die sozialwissenschaftliche Debatte zu Begriff und Phänomen der
Nation
2.1.3.1 Renan: Erbe von Erinnerungen und Wille Ernest Renan (1823-1892) diskutiert in seinem 1882 erschienenen Aufsatz „Qu’est-ce qu’une nation?” die Frage nationaler Identität. Er führt zuerst aus, daß die Nation nicht nur auf ‚race‘, ‚langue‘, ‚religion‘, ‚communauté des intérêts‘ oder ‚géographie‘ beruhe. Sondern seiner Meinung nach trifft die folgende Definition zu: „Une nation est une âme, un principe spirituel. Deux choses qui, à vrai dire, n’en font qu’une, constituent cette âme, ce principe spirituel. L’une est dans le passé, l’autre dans le présent. L’une est la possession en commun d’un riche legs de souvenirs; l’autre est le consentement actuel, le désir de vivre ensemble,la volonté de continuer à faire valoir l’héritage qu’on a reçu indivis“ (Renan 1996[1882]: 240).
Das „principe spirituel”, die Idee, der Geist der Nation, wird also durch diese beiden Elemente konstituiert. Erstens ‚un riche legs de souvenirs”, ein gemeinsames Erbe von Erinnerungen, eine Sammlung von Erfahrungen, wobei positive wie negative Seiten darin eingeschlossen sind . „Un passé héroique, des grands hommes, de la gloire (j’entends de la véritable), voilà le capital social sur lequel on assied une idée nationale. En fait de souvenirs nationaux, les deuils valent mieux que les triomphes” (op.cit.: 241f). Dieses gemeinsame Erbe von Erinnerungen ist die Basis der Nation der Gegenwart.
Hinzu kommt aber als zweiter wichtiger Faktor „le consentement actuel”, der aktuelle Wille „une volonté dans le présent” (op.cit.: 240). Oder wie Renan es auch ausdrückt: „L’existence d’une nation est (pardonnez-moi cette métaphore) un plébiscite de tous les jours” (op.cit.: 241). Die Nation muß also jeden Tag wieder durch ihre Mitglieder bestätigt werden, der Wille zu ihr muß im täglichen Handeln Gestalt annehmen. Sollte diese Zustimmung, dieser Wille fehlen, so wäre die
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logische Konsequenz, daß die Nation dann früher oder später ihrem Ende entgegenblickt, was Renan durchaus auch in Betracht zieht: „Les volontés humaines changent; mais qu’est-ce qui ne change pas ici-bas? Les nations ne sont pas quelque chose d’éternel” (op.cit.: 242). 8 Dieser voluntaristische Aspekt ist also zentral, was die Konstruktion und die Aufrechterhaltung der nationalen Gemeinschaft angeht.
Zusammenfassend sind nicht Abstammung, Sprache etc. wichtig, sondern die beiden Aspekte, auf denen das „principe spirituel”, das geistige Prinzip der Nation laut Renan basiert. Sprich aus historischer Sicht: das gemeinsame Erbe von Erinnerungen („legs de souvenirs”), auf denen die Nation beruht und der voluntaristische Aspekt, der aktuelle Wille zur Nation.
2.1.3.2 Gellner: Kultur und Wille Ernest Gellner stellt in „Thought and Change” (1964) zum ersten Mal seine Nationalismustheorie auf, die dann in seinem meistgelesenen Werk “Nations and Nationalism” (1983) ausgearbeitet wird.
Als Prämisse für seine Definition der Nation weist er darauf hin, daß die Nation erst durch den Nationalismus geschaffen wurde. „Nationalism is not the awakening of nations to self-consciousness; it invents nations where they do not exist” (Gellner 1964: 169). Das geschieht aufgrund bestimmter gesellschaftlicher Umstände.
„It is not the case that the ‘age of nationalism’ is a mere summation of the awakening and political self-assertion of this, that or the other nation. Rather, when general social conditions make for standardized, homogenous, centrally sustained high cultures, pervading entire populations and not just elite minorities, a situation arises in which well-defined educationally sanctioned and unified cultures constitute very nearly the only kind of unit with which men willingly and often ardently identify. The cultures now seem to be the natural 8 Was die französische und andere europäische Nationen angeht, glaubt Renan, daß sie von einer europäischen Konföderation ersetzt werden (op.cit.: 242).
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repositories of political legitimacy. Only then does it come to appear that any defiance of their boundaries by political units constitutes a scandal. Under these conditions, though under these conditions only, nations can indeed be defined in terms both of will and culture, and indeed in terms of the convergence of them both with political units” (1983: 55).
Zwei Begriffe stehen für Gellner im Zentrum der Debatte: der Wille und die Kultur. Bei der Kultur wird deren Übereinstimmung mit der politischen Einheit angestrebt. Hier seine Definitionen der Nation:
„1 Two men are of the same nation if and only if they share the same culture, where culture in turn means a system of ideas and signs and associations and ways of behaving and communicating.
2 Two men are of the same nation if and only if they recognize each other as
belonging to the same nation. In other words, nations maketh man; nations are the artefacts of man’s convictions and loyalties and solidarities. .... Each of these provisional definitions, the cultural and the voluntaristic, has some merit” (1983: 7).
Es gibt also zwei wichtige Aspekte die festzuhalten sind, die Kultur, genauer gesagt, die gemeinsame Kultur. Der zweite Aspekt, der ebenfalls bei Renan eine Hauptrolle spielt, ist der Wille .
2.1.3.3 Eriksen: Begrenzung Thomas Eriksen greift Fredrik Barths Gedanken aus „Ethnic Groups and Boundaries“ (1969) auf und betont ebenfalls die Wichtigkeit der Grenzen und Grenzziehungen, der ‚Boundaries‘, für die Konstruktion der Gruppe. Er bezieht dies aber nicht nur auf die ethnische, sondern auch auf die nationale Gruppe, die durch den Nationalismus geschaffen wird.
„At the identity level, nationhood is a matter of belief. The nation, that is the Volk imagined by nationalists, is a product of nationalist ideology; it is not the other way around” (Eriksen 1993: 105).
Er beschreibt den B egrenzungsmechanismus, der dem Nationalismus innewohnt so:
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„Like ethnic ideologies, nationalism stresses the cultural similarity of its adherents and, by implication, it draws boundaries vis-à-vis others, who thereby become outsiders. The distinguishing mark of nationalism is by definition its relationship to the state. A nationalist holds that political boundaries should be coterminous with cultural boundaries” (Eriksen 1993: 6).
Die Begrenzung geschieht in zwei Richtungen: nach innen wird die Gleichheit betont und nach außen abgegrenzt. Außerdem wird der politische Anspruch gestellt, kulturelle und politische Grenze in Übereinstimmung zu bringen. “... it is crucial to understand how nationalism is, ultimately a particularist form of ideology: it defines c ultural and social boundaries for a community and it excludes those who do not fit in. I have argued that these boundaries are flexible, but have also indicated that they are not indefinitely so. In particular, nationalism - as the ideology which holds that the boundaries of the political state should be coterminous with the boundaries of the political community – requires cultural conformity in certain respects” (Eriksen 1992: 67). Wenngleich eine gewisse Flexibilität besteht, so ist diese doch eingeschränkt, eine gewisse Konformität und Einheit sind nötig. Der Mechanismus der Begrenzung ist ein Aspekt, der für die Konstruktion der Nation wichtig ist.
2.1.3.4 Anderson: Souveränität und Begrenzung Benedict Anderson stellt in seinem zentralen, viel ziterten Werk „Imagined Communities“ folgende Definition der Nation auf:
“... it is an imagined political community – and imagined as both limited and sovereign. .... It is imagined because the members of even the smallest nation will never know most of their fellow-members, meet them, or even hear of them, yet in the minds of each lives the image of their communion“ (Anderson 1983: 15).
Die Identifikation mit der sozialen Gruppe beruht also nicht auf einer konkreten Interaktion, sondern findet auf einer abstrakten Ebene statt. Die beiden genannten Eigenschaften „limited“ und „sovereign“ werden noch genauer ausgeführt:
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„The nation is imagined as limited because even the largest of them, encompassing perhaps a billion living human beings, has finite, if elastic, boundaries, beyond which lie other nations. No nation imagines itself as coterminous with mankind.
It is imagined as sovereign because the concept was born in an age in which Enlightenment and Revolution were destroying the legitimacy of the divinely- ordained, hierarchical dynastic realm. Coming to maturity at a stage of human history when even the most devout adherents of any universal religion were inescapably confronted with the living pluralism of such religions, and the allomorphism between each faith’s onto logical claims and territorial stretch, nations dream of being free, and, if under God, directly so. The gage of this freedom is the sovereign state“ (op.cit.: 16).
Mit Hilfe dieser beiden Eigenschaften kann man sich der nationalen Identität nähern. Das Begrenzen, das Errichten von Grenzen zwischen ethnischen Gruppen, wurde schon von Fredrik Barth (1969) als ein zentraler Aspekt aufgeführt. Wer ist Teil der nationalen Gruppe, wer nicht, wie wird diese Unterscheidung getroffen? Nach welchen Kriterien wird das Mitglied der Nation als ein solches definiert, und wie grenzt man sich von anderen Nationen ab? Das Ein- und Ausgrenzen mit Hilfe verschiedener Merkmale ist ein Teil der Konstruktion nationaler Identität, da, wie Anderson anführt, die Nation eine begrenzte Gruppe ist.
Jetzt zum zweiten Aspekt, der Souveränität. Dabei ist er wohl in dem Sinne zu verstehen, daß nach der französischen Revolution und den folgenden Umwälzungen die Nation als politisches Gebilde verstanden und eine Fremdherrschaft abgelehnt w ird. Die sich konstituierenden Nationen träumen davon, wie Anderson sagt, frei zu sein. Selbst wenn dies nicht immer der realen politischen Lage entspricht, so gibt es doch zumindest das Verlangen, die Aspiration nach Unabhängigkeit. Falls die völlige Unabhängigkeit unmöglich scheint, möchte man doch mehr Macht in den eigenen Händen halten. Damit verbunden ist die Idee des Nationalstaates, der die politische Formwerdung der Nation darstellt. Ich möchte jedoch auf diesen Unterschied hinweisen, die imaginäre politische Gemeinschaft nimmt nämlich da eine bestimmte, greifbare
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Jens-Uwe Ossenkop, 2003, Die Konstruktion nationaler Identität in Martinique, Munich, GRIN Publishing GmbH
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