später veröffentlichte Autobiographie L´instict de mort (Der Todestrieb) ein. Doch was bedeutet Mesrine für die Kritik von Foucault?
Ersterer war „Algerienkämpfer, Einbrecher, Bankräuber aus dem Pariser Millieu, Aufrührer und Geächteter“, dem siebenmal der Ausbruch aus verschiedensten Gefängnissen gelang. 1979 wurde er von einem Sonderkommando der Pariser Polizei erschossen.
Letzterer wurde 1926 in Poitiers geboren, studierte Philosophie sowie Psycho(patho)logie und hatte ab 1970 den Lehrstuhl Geschichte der Denksysteme an dem Collège de France inne. 1984 verstarb er in Paris an den Folgen von AIDS.
Beide beschäftigen sich mit dem französischen 2 Strafdiskurs, wenn auch aus verschiedensten Positionen und mit sehr unterschiedlichen Mitteln - Mesrine als widerständiges Objekt der Repression mit der Pistole in der Hand und Foucault als kritischer Universitätsprofessor durch das vorgetragene und manifestierte Wort.
Die Aufgabe hier soll es nun sein, die Ausführungen Foucaults zu rezensieren „[...] und meine Sache ist deswegen so verzweifelt, weil sie nur eine kleine Anzahl von Menschen betrifft“ 3 Repression als Marter, Folter Gefängnis oder ähnlichem ist ein gesellschaftliches Element, das für die wenigsten Menschen einen Hauptbestandteil der Lebenssituation darstellt. Die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit dieser ist oft zweitrangig und wird oft negiert. Aus meiner Position heraus Foucault, der sich jahrelang akademisch, wie auch aktivistisch mit Gefängnissen beschäftigte, zu kritisieren, erscheint mir äußerst schwierig. Da ich mich jedoch dieser Aufgabe stellte, soll mir genau dabei der vorgestellte Mesrine als Unterstützung dienen. Ziel dieser Rezension soll es sein, die Entwicklung von der Marterung Damiens bis zu den beschriebenen Empfindungen Mesrines in der Haftanstalt nachzuvollziehen.
Foucault und seine Arbeit aber ausschließlich mit dem mesrineschen Fokus zu betrachten, würde dieser Sicht einen stark verkürzten Rahmen auferlegen. Vielmehr soll es einen Leitfaden bilden, an dem und über den hinaus die Argumentation Foucaults nachvollzogen werden soll und der Ausblicke, die Foucault gerecht werden, zulassen muss.
Bilder, wie die Marterung, bleiben im Gedächtnis der Leser_innen, große Teile der weiteren Ausführungen in Überwachen und Strafen wurden vergessen. Gegen diese einseitige bildhafte Rezeption kann eine Rezension angehen. Die hier vorliegende tut es! Foucault wie auch Mesrine sind als „Pop-Figuren“ ihrer Zeit zu betrachten - Foucault der glatzköpfige Lebe-akademiker und Mesrine der Knastausbrecher, dessen Leben gerade zweiteilig verfilmt wurde. Foucault erklärt Mesrine über dessen autobiographische Selbstanklage, die nahezu
2 Foucault sehr wohl auch mit dem britischen, preußischen, deutschen, russischen...
3 Mesrine, Jacques: Der Todestrieb. Nautilus Verlag, Hamburg 1982. S. 343
2
sein gesamtes Leben als kriminell erscheinen lässt, hinaus.
Im Anschluss an das grausam erscheinende Spektakel „ auf dem Grève-Platz“ nennt Foucault ein ganzes Konglomerat von Neuerungen im Strafsystem, die er auf das Ende des 18. beziehungsweise den Beginn des 19. Jahrhunderts datiert. Dabei hebt er besonders „das Verschwinden der Martern, d.h. der >>peinlichen Strafen<<“ 4 sowie „de[s] Körpers als Hauptzielscheibe der strafenden Repression“ 5 und damit einhergehend das Aufkommen von „[n]icht mehr ganz so unittelbar psychischen Bestrafungen, eine[r] gewisse[n] Diskretion in der Kunst des Zufügens von Leid, ein[em] Spiel von subtileren, geräuschloseren und prunkloseren Schmerzen“ hervor. 6 Die Marter braucht die intensive körperliche Pein vor/in der Öffentlichkeit. In ihr ist eine bestimmte Willkür und Unvernunft inbegriffen, die in Verbindung mit der Intensität die Verbreitung der Strafwirkung garantiert.
In der Schrift „Folter ist Vernunft“ schreibt Foucault - für die französische Sprache - dass Vernunft (raison) hier als „instrumentelle, technische“ 7 zu sehen sei. Darin stimme sie mit der Folter überein. Nur durch einen „Ortswechsel“ wird aus der öffentlichen Marter jedoch nicht einfach eine geheime Folter; dazu muss sich das „Ziel“ der Strafe ebenso ändern, wie deren Arrangements:
„Man sollte nicht mehr an den Körpern rühren - oder jedenfalls so wenig wie möglich
und um in ihm etwas zu erreichen, was nicht der Körper selber ist.“ 8
Dieses „etwas, was nicht der Körper selbst ist“ wird zu einem zentralen Motiv der Ausführungen. „Der Körper fungiert hier [nur noch] als Instrument oder Vermittler,“ 9 ist aber nicht mehr die „Hauptzielscheibe“ der Strafe. Die Strafe, das ist von nun an „eine Ökonomie der suspendierten Rechte“ 10 Die geheime, „schmerzlose“ Todesstrafe ersetzt den Körper durch das Leben als Begierde der Repression. Dazu kommen Gefängnis und Geldbuße mit ihren jeweiligen „Zielen“ Freiheit oder Besitz. Leben, Freiheit und Besitz ersetzen als juristisches Subjekt den Körper. Wie erwähnt, bedeutet diese neue Subjektivierung die Unterwerfung unter neue vernünftigere und effektivere Machtmechanismen. Todesstrafe, Gefängnisse und Geldbuße ersetzen die Marter. Die verbliebene Körperlichkeit im Strafsystem, wie „Rationierung der Nahrung, Entziehung
4 Foucault, Michel: Überwachen und Strafen, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1977. S.14
5 Foucault, Michel: Überwachen und Strafen, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1977. S. 15
6 Ebd.
7 Foucault, Michel: Schriften III, S. 511
8 Foucault, Michel: Überwachen und Strafen, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1977. S. 18
9 Ebd.
10 Foucault, Michel: Überwachen und Strafen, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1977. S. 19
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Arbeit zitieren:
Paul Gensler, 2011, Foucault und Mesrine "Die Körper der Verurteilten", München, GRIN Verlag GmbH
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