Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
1.1 Zakāt und ihre Zahlung an Nicht-Muslime 4
2. Der Anspruch in Deutschland - Zakāt als Alternative zur Armutsbekämpfung 9
3. Die Heranführung von Jugendlichen und Kindern an die Institution Zakāt als Zeichen der
gesellschaftlichen Sensibilisierung an beispielhaften Unterrichtssequenzen 12
4. Fazit 17
2
1. Einleitung
Die gesellschaftliche Identität seit der Nachkriegszeit, durch die sich die Bundesrepublik Deutschland im Verständnis der Bevölkerung definiert hat, zeichnet sich bis heute durch die Begriffe „Sozialstaat“ und „Wohlfahrtsstaat“ aus. 1 Daher lässt sich das gesamtgesellschaftliche Bild in den Köpfen der Menschen kaum verändern. Jedoch gehört auch ein anderer Aspekt mittlerweile zur Wirklichkeit Deutschlands: Die Armut. 2
Sie ist schon seit langer Zeit eine Tatsache der hiesigen Gesellschaft geworden, die von der Bevölkerung nur schwer wahrgenommen wird. Armut in der BRD stößt immer wieder an die Fronten der staatlichen Sozial- und Dienstleistungen. Die Hartz IV-Reform, das Arbeitslosengeld 1, Sozialleistungen, die in allen Etappen des Alltags Unterstützung zugestehen sollen, sind als Phänomene dieses Umstands zu nennen.
Dies ist nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite steht die staatliche Verpflichtung zu diesen Sozialleistungen und dazu, denen, die derartige Leistungen benötigen, gerecht zu werden.
An dieser Stelle setzen die Wohlfahrtsgesellschaften ein, die bis heute eine wichtige Rolle in der Verwirklichung dieser Leistungen eingenommen haben. Hauptsächlich werden diese von kirchlichen Gemeinschaften und Trägern ausgestattet und werden auch durch diese finanziert. Wie sieht aber der Islam, der mittlerweile ein Teil der deutschen Gesellschaft geworden ist, diese Angelegenheit? Kann er einen Beitrag zu den Leistungen des Sozialstaats leisten? Vielleicht sogar auf diese Weise gegen die herrschende Armut mitwirken? Kann er zu einem Instrument werden, das der Gesellschaft zu mehr Solidarität und gegenseitigem Beistand verhilft?
1 Oschek, Erik, Ist der deutsche Sozialstaat gerecht? - Eine sozialphilosophische Betrachtung für die soziale Arbeit, Verlag Frank&Timme, Berlin, 2007, S. 16.
2http://www.bpb.de/publikationen/BP3IF1,2,0,Vorurteile_gegen_sozial_Schwache_und_Behinderte.html Internetseiten werden ff. ohne Datumsangabe angegeben. Alle Internetseiten waren am 10.06.2011 online erreichbar.
Diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit erarbeitet und im Rahmen des Islamischen Religionsunterrichts zum Unterrichtsinstrument werden, um Schülerinnen und Schüler an die Armutsproblematik in Deutschland heranzuführen. Ziel dieser Unterrichtsthematik soll es sein, die Institution „Zakāt“, also die islamischen Sozialsteuer, als Instrument zur Armutsbekämpfung in Deutschland wahrzunehmen und Wege zur Einsetzung desselben mit den Schülern zu erarbeiten. Zakāt und Armutsbekämpfung haben ein gemeinsames Interesse: Die Armen. Die Armen sollen mit Hilfe der Definitionen der Armut erfasst und der Armut schließlich entgegengewirkt werden.
1.1 Zakāt und ihre Zahlung an Nicht-Muslime
Zwischen Menschen entsteht durch gegenseitige Hilfe eine Bindung. Die wechselseitige Hilfe wirkt sich erheblich auf die menschliche Psyche aus. Die Seelsorge und viele weitere Hilfsorgane der Religionen haben diese Wirkung erkannt und u.a. mit dem Ziel, ein Gemeinschaftsgefühl in den Gemeinden zu schaffen, ausgebaut. Die Zahlung der Zakāt, also die jährliche Abgabe einer bestimmten Menge des Vermögens an Bedürftige, ist allen Muslimen durch den Koran verordnet und gehört zu den fünf grundlegenden Pflichten eines jeden Muslimen. 3 Durch die Zakāt entsteht ein Gefühl des Zusammenhalts. In diesen Zusammenhalt könnten auch Menschen mit einbezogen werden, die materiell schlechter dastehen als andere Mitglieder der Gesellschaft. Dazu ist es jedoch notwendig, dass Zakāt nicht nur als eine gottesdienstliche Pflicht angesehen wird, sondern primär als ein Mittel zur Armutsbekämpfung. Der Anlass für die Errichtung des Zakāt-Institutes besteht in der Vermögensumverteilung. Reiche sollen Arme materiell unterstützen. Erst die Einhaltung dieser Vorgabe macht die Zakāt zu einem Gottesdienst. Demzufolge ist die Armutsbekämpfung das Hauptanliegen der Zakāt. Wenn die Menschen, welche sich zur Abgabe der Zakāt verpflichtet fühlen, sich dementsprechend verhalten und in erster Linie Menschen in ihrer Umgebung materiell
3 Ende/Steinbach, Der Islam in der Gegenwart, Artikel: Die innerislamische Diskussion zur modernen Wirtschafts- und Sozialordnung von Johannes Reissner, Verlag C.H. Beck, München, 1984, S. 164.
unterstützen, dann kann ein wichtiger Schritt für die Armutsbekämpfung unternommen werden.
Dass das gute Zusammenleben zwischen christlichen und muslimischen Menschen in Deutschland durch gegenseitige Hilfe erheblich gestärkt werden kann, steht außer Diskussion. Doch wie könnte man eine solche Hilfsbewegung schaffen, die explizit die Armut zu bekämpfen bestrebt ist? Diese Bewegung muss den Menschen das Gefühl geben, dem „Anderen“ geholfen zu haben, so dass sie sich in diese Menschen hineinversetzen können, unabhängig welcher Religion sie angehören. Dadurch entsteht Mitgefühl, welches für ein gesundes Zusammenleben lebenswichtig ist.
Wenn in der Gegenwart Muslime gefragt werden, wem sie Hilfe leisten bzw. leisten müssten, dann wird deutlich, dass die Hilfen hauptsächlich innerreligiöser Natur sind. Dies muss sich ändern, wenn Muslime ein Teil der europäischen Gesellschaft werden sollen. Mein Apell ist es nicht, dass Muslime lediglich Christen Hilfe leisten sollten; dies ist nicht vertretbar. Nein, mein Apell ist die Möglichkeit, zu zeigen, dass die Hilfen an Nicht-Muslime gleichwertig sind; in unserer sozialen Wirklichkeit vielleicht sogar eine höhere Wertigkeit besitzen, denn der Islam empfiehlt, Hilfen zuerst in der eigenen Umgebung zu leisten. Die nächste Umgebung der deutschen Muslime ist jedoch nicht der Sudan oder Bosnien, sondern Deutschland. Dazu muss klar gemacht werden, dass Armut relativ ist und auch in Deutschland Armut herrscht. Eine solche Sichtweise würde neben der Armutsbekämpfung in Deutschland darüber hinaus auch den Dialog und das Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionen erleichtern und fördern. Die christlichen Hilfsorganisationen rund um die Welt machen es vor: Die christlichen Hilfen an Muslime erinnert an den Ausspruch des Propheten Mohammed, der besagt, dass man allen Menschen unabhängig ihrer Religionen Hilfe leisten soll. 4 Muslime müssen mit Zakāt-Zahlungen ihrer Umgebung unabhängig von der religiösen Angehörigkeit Hilfe leisten und versuchen die Armut in ihrer Umgebung zu beseitigen.
4 MERGINANI, El-Hidaye Tercemesi, Kahraman YAY., Istanbul, 1992, cilt 1, S. 241.
Arbeit zitieren:
Serkan Ince, 2011, Zakāt und Armut, München, GRIN Verlag GmbH
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