Abkürzungsverzeichnis
Ich kürze in dieser Hausarbeit die Werke Luhmanns und Messmers, die am häufigsten verwendet wurden, wie folgt ab:
Luhmann
ÖK Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? SSy Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie WdG Die Wissenschaft der Gesellschaft
Messmer
SK Der soziale Konflikt. Kommunikative Emergenz und systemi- sche Reproduktion
1. Einleitung
Der soziale Konflikt - als ein zentrales Element des gesellschaftlichen Zusammenlebens findet er sich in den meisten sozialwissenschaftlichen Theorieansätzen. Bei Marx als Klassenkampf, bei Simmel als Streit, der zu Vergesellschaftung führt, bei Dahrendorf als schöpferisches Potenzial, das Triebkraft sozialen Wandels ist. Auch Niklas Luhmann und Heinz Messmer haben sich mit dem sozialen Konflikt auseinandergesetzt, jedoch mit einer anderen Herangehensweise. Ihnen geht es, im Gegensatz zu vielen anderen Theoretikern, nicht um die Frage nach den gesellschaftlichen Ursachen und Folgen sozialer Konflikte. Es geht vielmehr um die Frage nach dem Konflikt selbst - losgelöst von spezifischen Kontexten, was ist ein Konflikt? In welchem Zeitpunkt beginnt er zu existieren und in welcher Form? Wie entwickelt er sich, folgt er gewissen Strukturen? Falls ja, welchen? Luhmann begegnet dieser Problematik systemtheoretisch. Der Konflikt selbst ist demzufolge ein autopoietisches System, dass sich durch kommunizierten Widerstand bildet und in einem anderen sozialen System einnistet. Die Möglichkeit der Verneinung, Voraussetzung für die Entstehung eines Konflikts, ist bereits in der Konstruktion sozialer Systeme enthalten. Der Konflikt wird somit zu einer normalen Verhaltensmöglichkeit, mit der aufgrund doppelter Kontingenz immer gerechnet werden muss. Messmers Studie bedient sich systemtheoretischer Elemente, um darauf aufbauend eine empirisch fundierte Konfliktforschung zu betreiben. Konflikte werden als soziale Kommunikationsform definiert, Messmer befasst sich daher intensiv mit der Frage nach dem kommunikativen Prozess, durch den Konflikte hervorgebracht werden.
Da Luhmann seine gesamte Konflikttheorie systemtheoretisch konstruiert und Messmer darauf aufbaut, wird im ersten Teil der Hausarbeit die System-theorie thematisiert. Anschließend wird die Definition und theoretische Handhabung des Konfliktes, bei Luhmann als System, bei Messmer als Prozess, dargelegt. Zuletzt greife ich die Kritik Messmers an der systemischen Konflikttheorie auf und stelle sie dieser in einer Konfrontation gegen- über.
2. Die Systemtheorie
Basierend auf den Erkenntnissen der allgemeinen Systemtheorie, deren grundlegende Überlegungen sich erstmals in den Bereichen Kybernetik und Informationstheorie bildeten, begann Luhmann 1969, eine auf die gesamte Gesellschaft anwendbare Theoriekonstruktion zu erarbeiten. Dabei bedient er sich nicht des traditionellen Begriffsapparats der Gesellschaftsphilosophie, sondern argumentiert auf hohem Abstraktionsniveau zur „Verfremdung des Üblichen“. 1
Die Systemtheorie beansprucht Universalität und dient primär dem Zweck, die soziale Ordnung der Gesellschaft zu beschreiben. Entgegen dem traditionellen „Warum der Begründung“ geht es Luhmann um ein „funktionales Wie der Beschreibung“. 2
2.1. Was ist ein System?
Ein System definiert sich durch Abgrenzung und Komplexität. Es besteht in der Mikroebene aus Elementen, die systemintern so miteinander sinnhaft verknüpft sind, dass sie sich auf der Makroebene als emergente Einheit darstellen und somit von der sie umgebenden Umwelt absetzen. Der Umweltbegriff ist jedoch nicht grenzenlos, sondern nach Systemrelevanz selektiert 3 - jedes System nimmt aus seiner Umwelt, die wiederum aus Systemen besteht, nur die für ihn relevanten Informationen wahr. Ausgangspunkt dieser Sichtweise ist die Selbstreferenz des Systems: Im Mittelpunkt stehen dabei interne systemerhaltende Prozesse, jedes System interessiert sich nur für solche, die seiner eigenen Existenz und Erhaltung dienen. Systeme sind autopoietisch, sie produzieren die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst - und zwar aus eben diesen Elementen. Dafür müssen sich die Ereignisse in Systemen aller Art grundsätzlich aufeinander beziehen können und aneinander anschließbar sein. 4 Komplexität bezeichnet die
1 Nehrkorn, Stefan, 2001: Systemtheorie: Niklas Luhmann. Veranstaltung der Humboldt-
Gesellschaft am 19.08.2001, online unter:
http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=luhmann (Stand: 06.03.2011)
2 Ebd. Erster Abschnitt
3 Vgl. Luhmann, Niklas, 1984: SSy S. 35-37
4 Vgl. Ebd. S. 60-62
Anzahl der möglichen Kombinationen von Elementen; sehr wenig komplex wäre demnach ein System, in dem alle Kombinationsmöglichkeiten möglich und bekannt sind. Es überwiegt jedoch die Kontingenz, die vielen Arten der Zusammensetzung von Elementen sind zumeist unüberschaubar. In der punktualisierten Gegenwart, in der operiert wird, muss also ein Ereignis anschlussfähig sein, damit es sich selbst dauerhaft ermöglichen kann. Ebenso, wie Systeme also nur im Moment ihres Vollzugs existieren, kann auch die Beobachtung von Systemen nur das bezeichnen, was sie in der punktualisierten Gegenwart wahrnimmt. Dies definiert Luhmann als Beobachtung erster Ordnung: ein Beobachter beobachtet, wobei Luhmann den Prozess des Beobachtens als „Handhabung von Unterscheidungen“ 5 festsetzt. Wenn also ein System beobachtet, dann operiert es dabei unter eigenen Bedingungen der Unterscheidung, und nimmt seine Umwelt auch nur unter eben diesen wahr. Es ist nur eine nach systemspezifischen Gesetzen wahrgenommene Abbildung der Umwelt. 6 Realität ist nach dieser konstruktivistischen Denkweise immer als Resultat eines subjektiven Prozesses zu sehen, der bedingt ist durch die Wahrnehmung eines befangenen Beobachters. Dieser Tatsache Folge tragend, beobachtet der Beobachter zweiter Ordnung auch die Unterscheidung, die der Beobachter erster Ordnung seiner Beobachtung zugrundelegt, beobachtet ihn also beim Beobachten. Nichtsdestotrotz operiert auch er dabei mit einer eigenen Unterscheidung, unterliegt somit ebenfalls den Bedingungen der Beobachtung erster Ordnung. 7 Luhmann unterscheidet zwischen vier Arten von Systemen: artifiziellen, organischen, psychischen und sozialen. 8 Für die Systemtheorie ist jedoch nur das soziale System von Bedeutung. Durch diese Ausklammerung des psychischen Systems, also des menschlichen Bewusstseins, in die Umwelt, grenzt sich Luhmann von traditionellen Denkweisen der Soziologie ab: Der Mensch nimmt nicht die zentrale Position in seiner Theorie ein, er ist nicht innerhalb der Grenzen des sozialen Systems zu verorten, sondern in dessen Umwelt. Das nicht weiter auslösbare Letztelement der Gesellschaft ist also
5 Luhmann, Niklas, 1984: SSy S. 63
6 Vgl. Luhmann, Niklas, 1996: Die Realität der Massenmedien. Als E-Book online unter:
http://www.ewaldboehmer.de/assets/plugindata/poola/EBOOK%20%20MASSENMEDIEN%2
0%20REALITAeT%20Luhmann.pdf. S. 17
7 Vgl. Krause, Detlef, 2005: Luhmann-Lexikon. Stuttgart: Lucius & Lucius. S. 94-95
8 Vgl. Luhmann, Niklas, 1996: Die Realität der Massenmedien. S. 16
nicht der Mensch, was allerdings keine Abwertung seiner Relevanz für das System bedeutet; doch Gesellschaft definiert sich laut Luhmann vielmehr als die „Gesamtheit aller erwartbaren sozialen Kommunikationen“. 9
2.2. Wie charakterisiert sich das Soziale System?
„Ein soziales System kommt zustande, wenn immer ein autopoietischer
Kommunikationszusammenhang entsteht und sich durch Einschränkung
der geeigneten Kommunikation gegen eine Umwelt abgrenzt. Soziale
Systeme bestehen demnach nicht aus Menschen, auch nicht aus Hand-
lungen, sondern aus Kommunikationen“ 10
Das soziale System definiert sich als ein Zusammenhang momenthaft aktualisierter Kommunikationen, der sich von einer nicht-kommunikativen und kommunikativen Umwelt abgrenzt. 11 Als Kommunikation bezeichnet Luhmann ein sinnhaftes soziales Ereignis, die Synthese aus Mitteilung, Information und Verstehen. Diese Verbindung fungiert als spezifische Operation des Sozialen Systems, erstellt es und hält es zugleich aufrecht, solange sie anschlussfähig bleibt. Jede der drei Teilkomponenten repräsentiert eine Art von Selektion, weshalb Kommunikation als das „Prozessieren von Selektivität schlechthin“ bezeichnet werden kann. 12 Dass etwas mitgeteilt wird, ist eine Selektion, da auch eine andere oder keine Mitteilung möglich wäre. Die Information, die mitgeteilt wird, selektiert ebenfalls, aus einem prinzipiell unendlichen Verweishorizont auf nur einen Teilbereich. Die dritte Komponente, Verstehen, bedeutet in diesem Zusammenhang nicht etwa, den Sinn der Mitteilung zu erfassen, sondern wird dem Kommunikationsprozess vielmehr vorausgesetzt. Es handelt sich um eine kontingente Operation, die lediglich die Differenz von Information und Mitteilung selektiv aktualisiert 13 und nichts darüber aussagt, inwiefern verstehen gelingt. Der Kommunikationsprozess ist operational geschlossen, Kommunikationen schließen an weitere Kommunikationen an und erstellen somit das soziale System, dass sie zu keinem Zeitpunkt verlassen können. Kommunikation entsteht also entgegen dem Alltagsverständnis nicht durch das psychische
9 Luhmann, Niklas, 1984: SSy S.535
10 Luhmann, Niklas, 1986: ÖK S. 269
11 Vgl. Krause, Detlef, 2005: Luhmann-Lexikon. Stuttgart: Lucius & Lucius. S. 239
12 Messmer, Heinz, 2003: SK. Stuttgart: Lucius & Lucius. S. 53
13 Vgl. Ebd. S. 53-54 sowie: Luhmann, Niklas, 1992: WdG S. 25-26
System, sondern durch Kommunikation; Luhmann formuliert: „Der Mensch kann nicht kommunizieren; nur die Kommunikation kann kommunizieren“. 14 Um die Komplexität in der Gesellschaft zu reduzieren, ist diese unterteilt in eine Reihe von funktionalen Teilsystemen. Jedes von ihnen ist durch einen eigenen binären Code strukturiert und operiert auf dessen Basis; Das Rechtssystem beispielsweise besitzt die Codierung Recht/Unrecht, das System Moral differenziert zwischen Gut/Böse. 15 Die Codierung fungiert als Leitunterscheidung der systemspezifischen Kommunikationsmedien und macht sie als dem System zugehörig erkennbar. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, anschlussfähige Kommunikationsmedien herauszufiltern und das Funktionssystem dadurch wiederum zu stabilisieren. Kommunikation sowie Bewusstsein prozessieren Sinn. Dieser lässt psychische Systeme sinnhaft erleben und soziale Systeme sinnhaft kommunizieren. Sinn ist dabei an Unterscheidungen gebunden, da Bedeutungen nur in der Unterscheidung zu anderen Bedeutungen einen Informationswert erlangen. Kommunikation wie Bewusstsein kommt die Aufgabe zu, Sinn durch differenzorientierte Informationsverarbeitung herzustellen. Sinn selbst bleibt bei Luhmann ein differenzloser Begriff, er ist die Maßgabe der Möglichkeit von Information und Bedeutung, die durch Ausdifferenzierung gewonnen wird. Falls also in Situationen doppelter Kontingenz Komplexität reduziert wird, geschieht dies dadurch, dass soziale Systeme einen bestimmten Sinn aktualisieren, in dem sie ihn kommunizieren und so Erwartungen aufbauen. Mit sinnhafter Kommunikation schränken Systeme Möglichkeiten durch Selektion ein - etwas ist gesagt, anderes nicht - und halten sich Optionen offen, weil Sinn immer Überschuss, Verweisungen auf anderes, Kontingenz produziert. 16
Kommunikation nutzt das Medium Sprache, um eigene Operationen zu strukturieren und um Reflexivität zu gewährleisten, da dieses der Kommunikation ermöglicht, über sich selbst zu kommunizieren. Sprache prozessiert Sinn durch Lautlichkeit, durch ihre Codierung Ja/ Nein, Annahme oder
14 Luhmann, Niklas, 1992: WdG S. 31
15 Vgl. Nehrkorn, Stefan, 2001: Systemtheorie: Niklas Luhmann. Online unter:
http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=luhmann (Stand: 06.03.2011)
16 Vgl. Bonacker, Thorsten, 1997: Kommunikation zwischen Konsens und Konflikt. Möglich-
keiten und Grenzen gesellschaftlicher Rationalität bei Jürgen Habermas und Niklas Luh-
mann. Oldenburg: bis. S.68-81
Ablehnung von Kommunikation, wahrt sie Kontingenz. Jede sprachliche Kommunikation nimmt also die Differenz zweier gegensätzlicher Möglichkeiten an und kann als Information verarbeitet werden. Sprache dient jedoch nicht nur der Kommunikation als Medium, sondern auch dem Bewusstsein, und beide können ihr ihre Formen auferlegen. Da sich das Medium Sprache sowohl dazu eignet, Gedanken auszudrücken, als auch, um Kommunikationen zu formulieren, ermöglicht es somit die strukturelle Kopplung bzw. nach Luhmann, Interpenetration dieser Systeme - sie tragen zwar in einer Ko-Evolution stets zur Konstitution der Komplexität des jeweils anderen bei, können diese allerdings niemals kontrollieren und können ebenso nicht in die Operationen des anderen Systems durchgreifen. 17
3. Der soziale Konflikt als System bei Luhmann
Das Konfliktsystem, als besondere Form des sozialen Systems, ist die Verselbständigung eines Widerspruchs als „artikulierte versprachlichte Kontingenz“ 18 . Diese ist angewiesen auf Kommunikation, wobei bereits die des „Nein“ genügt, um die Mindestanforderung der Ausdifferenzierung eines sozialen Systems zu erfüllen und somit ein neues System zu begründen. 19 Dieses neue Konfliktsystem entsteht und existiert in einem anderen sozialen System, Luhmann benutzt die Metapher eines Parasiten. 20
3.1. Was ist ein sozialer Konflikt?
„Von Konflikten wollen wir immer dann sprechen, wenn einer Kommuni-kation widersprochen wird. Man könnte auch formulieren: wenn ein Wi-
derspruch kommuniziert wird. Ein Konflikt ist die operative Verselbständi-gung eines Widerspruchs durch Kommunikation.“ 21
Die Möglichkeit sozialer Konflikte ist bereits im Strukturaufbau sozialer Systeme enthalten: Operationen sozialer Systeme geschehen vor einem kontingenten Hintergrund, sie sind im Vorhinein nicht bestimmbar und könn-
17 Vgl. Baraldi,Claudia/ Corsi, Giancarlo/ Esposito, Elena, 1997: Glossar zu Niklas Luh-
manns Theorie sozialer Systeme. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 85-88
18 Messmer, Heinz, 2003: Der soziale Konflikt. S. 72
19 Vgl. Baraldi, Claudia/ Corsi, Giancarlo/ Esposito, Elena, 1997: Glossar zu Niklas Luh-
manns Theorie sozialer Systeme. S. 97-99
20 Vgl. Luhmann, Niklas, 1984: SSy S. 533
21 Luhmann, Niklas, 1984: SSy S. 530
ten sich immer auch anders realisieren. Diejenigen, die also in eine soziale Interaktion involviert sind, Luhmann benennt sie Alter und Ego, sind fürein-ander „black boxes“. Sie wissen voneinander, dass sie kontingent handeln und wissen ebenso, dass sie dies voneinander wissen. Diese doppelte Kontingenz sowie die Möglichkeit der Negation, die stets, bei jeder Kommunikation, mit präsentiert wird, bilden gemeinsam die Vorbedingung für die Systembildung und Entstehung von Konflikt. 22 Dass ein Sachverhalt jederzeit auch die Möglichkeit der Verneinung beinhaltet, ist wichtig für ein System, damit es flexibel bleibt und angemessen auf Umweltanforderungen reagieren kann. 23
Für die Entstehung eines Konfliktes reicht Luhmann zufolge die Ablehnung einer Sinnzumutung, die Kommunikation eines „Nein“ durch Sprache als Medium. Dafür ist weder eine Begründung noch Legitimation vonnöten, auch bleibt vorerst unklar, welche Alternative an die Stelle der abgelehnten Sinnzumutung treten soll; dies macht den Konflikt als Gebilde der Kommunikation nahezu voraussetzungslos und kontextunabhängig 24 , er ist eine „ständig präsente, ganz normale Verhaltensmöglichkeit des täglichen Zusammenlebens“. 25 Durch diese hohe Beliebigkeit des Konfliktbeginns und die inhaltliche Unbestimmtheit bleibt der Konflikt selbst zumeist bedeutungslos und kann schnell beigelegt werden, er unterliegt vielmehr einer natürlichen Tendenz zur Entropie - dadurch, dass der Konflikt kognitive und kommunikative Ressourcen in hohem Maße absorbiert, ist seine Meidung eine gängige und unabdingbare Alternative. 26
Dennoch bleiben einige von vielen Konflikten nicht auf der Ebene der kurzfristigen Interaktion, sondern entwickeln sich zu schwerwiegenden Kontroversen mit teilweise weitreichenden Folgen. 27 Dies begründet sich durch die Existenz von Mechanismen, durch die die Widerspruchskommunikation verdichtet und der Konflikt vertieft werden kann, wie z.B. die Negativversion doppelter Kontingenz. Diese Negativunterstellung wechselseitigen Erwar- 22 Luhmann,Niklas, 1975: Konfliktpotenzial in sozialen Systemen, in: Landeszentrale für
politische Bildung (Hrsg.): Der Mensch in den Konfliktfeldern der Gegenwart. Köln: Verlag
Wissenschaft und Politik. S. 68
23 Vgl. Luhmann, Niklas, 1984: SSy S. 530-535
24 Vgl. Messmer, Heinz, 2003: SK S. 74
25 Luhmann, Niklas, 1975: Konfliktpotenzial in sozialen Systemen, in: Landeszentrale für
politische Bildung (Hrsg.): Der Mensch in den Konfliktfeldern der Gegenwart. S. 67
26 Vgl. Luhmann, Niklas, 1984: SSy S. 533-534
27 Vgl. Ebd. SSy S. 534-536
tens, „Ich tue nicht, was Du möchtest, wenn Du nicht tust, was ich möchte“ 28 , führt zur Orientierung der Beteiligten an einem Schaden/Nutzen-Dual: Ego betrachtet den Schaden des Alter als Nutzen, weil er davon ausgeht, dass Alter seinen Schaden ebenfalls als Nutzen ansieht. Dementsprechend fasst es Alter auf, und somit herrscht auf beiden Seiten negative doppelte Kontingenz. 29 Diese Negativversion hat zur Folge, dass der bloße Verdacht ausreicht, um dem anderen Schädigungsabsichten zu unterstellen und ihn als Gegner zu sehen. Dies wiederum wirkt stark integrierend, denn jedes Handeln, gleichgültig, wie verschiedenartig es ist, wird im Kontext der Gegnerschaft unter der Perspektive der Gegnerschaft betrachtet. Dadurch entsteht ein stark integriertes Sozialsystem, das Konfliktsystem.
3.2. Wie charakterisiert sich das parasitäre Konfliktsystem?
Als Parasit wird ein Organismus bezeichnet, der in oder an einem anderen Organismus lebt und seine Ressourcen, meist Nahrung, durch diesen und ohne Gegenleistung erhält. Dadurch wird der vom Parasiten angefallene Organismus, der Wirt, beschädigt. 30 Luhmann verwendet diese Metapher, um das Verhältnis des Konfliktsystems zu dessen Gastsystem zu beschreiben. Dabei sei dies nicht auf Symbiose angelegt, also auf das Zusammenwirken der Systeme zum Vorteil beider, sondern tendiere zur „Absorption des gastgebenden Systems durch den Konflikt in dem Maße, als alle Aufmerksamkeit und alle Ressourcen für den Konflikt beansprucht werden.“ 31 Das parasitäre Konfliktsystem nistet sich also im Gastsystem ein, negiert die in ihm vorhandenen normativen Erwartungen und durchdringt sie mit Widerspruch. Luhmann billigt dem Konfliktsystem, entgegen dem, was die Bezeichnung „Parasit“ suggeriert, dennoch ein Ausmaß an autopoietischer Eigenständigkeit sowie Anschlussfähigkeit zu. Konfliktsysteme setzen ihre Autopoiesis fort, solange Widerspruchskommunikation angeschlossen
28 Vgl. Luhmann, Niklas, 1984: SSy S. 531, im Gegensatz zur doppelten Kontingenz: „Ich
tue, was Du möchtest, wenn Du tust, was ich möchte.“
29 Vgl. Ebd. S. 531, sowie Baraldi, Claudia/ Corsi, Giancarlo/ Esposito, Elena, 1997: Glossar
zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme. S.37-39
30 Vgl. Umweltlexikon: Parasit. Online unter: http://umweltdatenbank.de/lexikon/parasit.htm.
(Stand: 13.03.2011)
31 Luhmann, Niklas, 1984: SSy S. 533
werden kann 32 , und es ist unwahrscheinlich, dass Konflikte einfach verschwinden: „Einmal etabliert, ist ihre Fortsetzung zu erwarten und nicht ihre Beendung.“ 33
Um eine Interaktion im Konflikt zu strukturieren, lassen sich nach Luhmann drei Sinndimensionen unterscheiden: In der Sachdimension tendieren Konfliktsysteme dazu, immer mehr Themen und Sachverhalte in den Konflikt zu ziehen. Weiterhin findet in der Sozialdimension eine Reduktion der Beziehungen der Konfliktteilnehmer auf eine stark integrierte Zweier-Gegnerschaft statt, sowie in der Zeitdimension die Neigung, den Konflikt nicht beenden zu wollen und auch Vergangenes zu diesem Zweck immer wieder in die Gegenwart zu transferieren. 34
Die parasitäre Existenz sozialer Konflikte setzt bereits vorhandene Erwartungen voraus, die sich zuvor in einem sozialen System gebildet haben müssen. Luhmann unterscheidet drei Ebenen sozialer Erwartungsbildung: Interaktion, Organisation und Gesellschaft. Interaktionssysteme entstehen spontan immer dort, wo Menschen aufeinandertreffen und Informationen ausgetauscht werden. Sie können entweder Konflikte sein oder solche vermeiden. Organisationssysteme, die gekennzeichnet sind durch Mitgliedschaften und geordnete Prozessabläufe, lassen sich aufspalten in interne Konflikte zwischen Mitgliedern und externe Konflikte, in denen sie als einheitliche Konfliktpartei auftreten. 35 Die Gesellschaft und ihre Differenzierung in etliche Subsysteme bildet das umfassendste Sozialsystem. Sie involviert alle Interaktions- und Organisationssysteme, jedoch ohne ein übergeordnetes Regelsystem, sie existieren heterarchisch.
Da die Gesellschaft sich als Summe aller Kommunikationen definiert, ist der Konflikt als eine Widerspruchskommunikation ständig darin präsent. Entscheidend ist, dass in der Gesellschaft sowohl ausreichende Bedingungen vorherrschen, die Konflikte zulassen als auch eine Ausdifferenzierung des Systems zur Absicherung der Konfliktfähigkeit durch Konfliktentscheidungen Dritter. 36 Letzteres wird durch das Rechtssystem gewährleistet. Dieses, von Luhmann auch als das Immunsystem der Gesellschaft bezeichnet, ermög- 32 Bonacker,Thorsten, 1997: Kommunikation zwischen Konsens und Konflikt. S. 76-77
33 Luhmann, Niklas, 1984: SSy S. 537
34 Vgl. Messmer, Heinz, 2003: SK S. 75
35 Vgl. Bonacker, Thorsten, 1997: Kommunikation zwischen Konsens und Konflikt. S. 78
36 Vgl. Messmer, Heinz, 2003: SK S. 79-81
licht die Fortsetzung des autopoietischen Gesellschaftssystems dadurch, dass es Konflikte ermöglicht und mit anderen Mitteln bearbeitet. Für jene Konflikte, die nicht mit dem rechtsspezifischen Code Recht/Unrecht zu erfassen sind, müssen andersartige Immunsysteme eingerichtet werden, in denen die Autopoiesis trotz Konfliktfällen weiterläuft. 37
4. Messmers Kritik an der systemischen Konflikt-theorie
Messmer kritisiert, dass bei einer Mehrheit von Konflikttheorien nicht so sehr der Konflikt als solcher im Mittelpunkt stehe, sondern vielmehr das Feld seiner Erscheinung. In seiner Theoriekonstruktion werden die Ursachen und Kontextbedingungen sozialer Konflikte scharf ausgegrenzt, sie liegen außerhalb des Gegenstandsbereichs der Theorie; der Konflikt unterliegt stattdessen eigenen Gesetzmäßigkeiten und ist auf einer anderen logischen Ebene anzusiedeln. Mit Hilfe der systemtheoretischen Unterscheidung von System und Umwelt wird der Konflikt zu einem System, das eine eigene Innenwelt aufweist und sich somit strukturell unabhängig von seiner Umwelt absetzt. Die Frage nach den externen Ursachen der Entstehung von Konflikten kann dann also ersetzt werden durch die Frage, aufgrund welcher internen Prozesse und Strukturen der Konflikt seine Grenzen gestaltet. Messmer bedient sich zwar des systemtheoretischen Kategorienapparats zur Neubestimmung der Konflikttheorie, kritisiert allerdings an der Theoriekonstruktion Luhmanns, dass sie einige Aspekte nur theoretisch behandle, empirisch und analytisch jedoch ungelöst lasse. 38
4.1. Luhmanns Konfliktsystem: parasitär und/oder autopoietisch?
Widersprüchlich, ambivalent, aporisch: Der Systemstatus des Konflikts ist für Messmer bei Luhmann nicht ausreichend dargelegt. Dies liegt vornehmlich an dessen Wahl der Konfliktmetaphorik. Als parasitäres System definiert,
37 Vgl. Bonacker, Thorsten, 1997: Kommunikation zwischen Konsens und Konflikt. S. 81
38 Vgl. Messmer, Heinz, 2003: SK S. 2-7 und S. 275-277
dürfte das Konfliktsystem „über keine eigenständige Identität verfügen“ oder sich „in Form eigenständiger Systemleistungen reproduzieren“ 39 , es müsste ein System im System sein, dass sich nicht über eine spezifische Systemreferenz ausdifferenziert und sich nur durch das Zurückgreifen auf die Operationen des Gastsystems konstituieren kann.
Demgegenüber stehen jedoch die Systemeigenschaften des Konflikts, an denen Luhmann entschieden festhält. So widerspricht die Eigenständigkeit und Anschlussfähigkeit, die er dem autopoietischen Konfliktsystem zuschreibt, dem zuvor gezeichneten Bild von infiziertem Gastsystem und davon abhängigem Parasiten. 40 Dies deutet für Messmer darauf hin, dass auch die Systemtheorie dazu neigt, den Konflikt an Kontexte zu binden - an das gastgebende System - und damit letztendlich doch den Fehler der meisten Konflikttheorien zu begehen: Die Ausdifferenzierung des Konflikts von externen Konditionen abhängig zu machen, anstatt eine eigenständige Konfliktlogik zu ergründen. 41
Eine Reihe von Fragen bleiben für Messmer unbeantwortet: Welche Autopoiesis kontinuiert in der Konfliktsituation? Die des Gast-, des Konfliktsystems, oder beider? Wo konstituiert sich die genaue Grenze zwischen den Systemen, und wie ist sie empirisch zu fassen? Wie beeinflussen sich Gast-und Konfliktsystem und welche Folgen hat dies? 42
All diese offenen Fragen lassen ihn schlussfolgern, dass die systemtheoretische Konfliktanalyse „auf halbem Wege stehen geblieben“ sei und ein „theoretisch bislang noch unfertiges Projekt“ 43 begründe. Den grundsätzlichen Ausgangsanalysen Luhmanns schließt er sich jedoch an und spricht ihnen eine „von kausalen Vorab-Annahmen weitestgehend bereinigte Perspektive auf den Konflikt“ 44 zu. Darauf aufbauend strebt Messmer eine Neubestimmung der Konflikttheorie an, die die systemtheoretischen Thesen wissenschaftlich zu konkretisieren und empirisch nachzuzeichnen versucht.
39 Messmer, Heinz, 2003: SK S. 77
40 Vgl. Ebd. S. 78-79
41 Vgl. Ebd. S. 277-279
42 Vgl. Ebd. S. 77-81
43 Ebd. S. 81
44 Ebd.
5. Der soziale Konflikt als Prozess bei Messmer
Um die „phänomenologische Vielfalt an Konfliktdynamiken im Zuge der Ausdifferenzierung sozialer Konflikte auf ihre elementaren Formen zu reduzieren“, 45 erstellt Messmer ein Prozessmodell der Konfliktentwicklung mit vier Prozessstufen. Diesem Modell liegt die These zugrunde, dass die Ausdifferenzierung des Konflikts einer progressiv fortschreitenden Prozesslogik unter Einbeziehung sozialer, sachlicher und zeitlicher Sinndimensionen folgt. Das Prozessstufenmodell versucht zudem, das empirische Spektrum der Widerspruchskommunikation abzudecken; Messmer, der Konflikt als eine „empirische abgrenzbare Form sozial emergenter Prozesse“ 46 beschreibt, bedient sich hierzu der konversationsanalytischen Methoden: den empirischen Analysen mündlich konstituierter Konfliktkommunikationen. 47
5.1. Wie ist das Prozessstufenmodell aufgebaut?
Das Prozessstufenmodell 48 dient Messmer zur Veranschaulichung der Organisation des Konflikts in Hinblick auf Prozessselektivität und Strukturge-
45 Messmer,Heinz, 2003: SK. S. 92
46 Ebd. S. 4
47 Dies einzubeziehen würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen; bei Messmer ab S. 99
48 Zeichnung ist der Abbildung 8.1 bei Messmer, S. 280, nachempfunden und mit eigenen
Anmerkungen versehen, die sich ebenfalls S. 280 entnehmen lassen.
winn. Die Unvereinbarkeit zwischen den Konfliktteilnehmern wird je höherer Stufe intensiver, dabei schließt jede Prozessstufe die vorhergehende in sich ein. Dennoch repräsentiert jede einen eigenen, abgrenzbaren Konflikttyp, der sich von den anderen in seinen Struktureigenschaften unterscheidet.
Entgegen der systemtheoretischen Logik geht Messmer nicht davon aus, dass ein einzelner kommunizierter Widerspruch bereits ein gesamtes Konfliktsystem begründen kann. Stattdessen entstehen ihm zufolge Konfliktsysteme erst durch Ausdifferenzierung, durch fortschreitende Widerspruchskommunikation, in der sich Strukturmuster abzeichnen. Die einzelne Ablehnung konstituiert folglich nur den Widerspruch. Trifft nun dieser Widerspruch wiederum auf Ablehnung, begründet dies eine Konfliktepisode, Prozessstufe 1. Diese ist jedoch nur von kurzer Dauer, da das Erwartungsprinzip in der Konfliktepisode grundsätzlich Zustimmung ist, die bei einer abgelehnten Widerspruchskommunikation lediglich kurz außer Kraft gesetzt wird. Dieser Konfliktprozess basiert auf einer Struktur, „die im Moment ihrer Inkraftsetzung sofort wieder zurückgenommen, entmutigt und abgeschwächt wird“ 49 Sachkonflikte, Prozessstufe 2, zeichnen sich durch eine themenbezogene Extensivierung aus. Die Konfliktparteien sind dabei unnachgiebig und wollen den anderen von ihrem Standpunkt überzeugen. Dabei orientieren sie sich an gemeinsamen Inhalten, widersprechen sich zwar erwartungs- jedoch nicht personenbezogen; die Identität des anderen wird gänzlich außer Betracht gelassen. Diese überzeugungsorientierte Konfliktkommunikation mit bereits stabilen Strukturen zeichnet sich durch ein gewisses Maß an sozialer Anerkennung für den anderen aus, sein Standpunkt wird angehört, ernst genommen und dann versucht, durch Argumentation zu widerlegen. 50 In der Prozessstufe 3 liegt das Hauptaugenmerk nicht mehr auf sachlich orientierten Widerspruchskommunikationen, sondern auf Schuldzuweisungen. Im Beziehungskonflikt wird dem anderen die Verantwortlichkeit für einen nicht erfreulichen Sachverhalt angelastet. Diese Anschuldigung provoziert mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Widerspruch, da sich der Beschuldigte rechtfertigen will. Dies tut er entweder defensiv, indem er der Anschuldigungskommunikation bloß widerspricht, oder aber offensiv - er entkräftet
49 Vgl. Messmer, Heinz, 2003: SK S. 281-282; Zitat: S. 282
50 Vgl. Ebd. S. 282-285
nicht nur die Schuldzuweisung, sondern reflektiert sie auf den anderen. Die Anschuldigung selbst wird, neben dem Inhalt, Thema der Unvereinbarkeit. Der andere wird fokussiert, die Orientierung erfolgt in immer höherem Maße selbstreferenziell und die ursächlichen Folgen des Verhaltens rücken zunehmend aus dem Blickfeld. Die Beteiligten schöpfen die Ressourcen zur Konfliktfortführung aus dem Prozess der Anschuldigung selbst, das Verhalten des anderen ist der Anknüpfungspunkt für Widerspruch. Der Beziehungskonflikt grenzt sich immer mehr von den Bedingungen der Umwelt ab und macht sich selbst zum dominanten Thema. 51 Die letzte Prozessstufe vor Inanspruchnahme physischer Gewalt, Stufe 4, zielt darauf, den Widerstandswillen des anderen durch die Demonstration von Macht und Überlegenheit unversöhnlich zu brechen. Dies wird in der kommunikativen Form meist als Drohung formuliert, ein Prinzip der Abschreckung: Hierfür muss ein Machtungleichgewicht herrschen sowie der Glaube des Bedrohten daran, dass der Drohende seine Androhung auch bereit ist umzusetzen. Dem Bedrohten bleibt im Machtkonflikt nicht die Möglichkeit, kommunikativ zu interagieren, sondern nur die des passiven oder aktiven Widerstands. Die dominante Orientierung des gewaltnahen Machtkonflikts ist Stärke, die Angemessenheit eines Standpunkts ist irrelevant, nur die verfügbaren Machtressourcen sind von Interesse. 52
Dargestellt am Prozessstufenmodell, ist der Konflikt als ein vielschichtig strukturiertes Sinngeschehen zu verstehen, dass sich je nach Umständen weiterentwickeln oder auch zurückbilden kann. Hierfür kennzeichnend ist die Stetigkeit aufeinander verweisender Reaktionen, durch die die Widersprüchlichkeit von Sinnzumutungen fortgeführt wird. 53
In dem Modell bildet der zurückhaltend formulierte Widerspruch, der weitere Ablehnung zu vermeiden sucht, die untere Grenze; bei der oberen findet sich die rücksichtlose Drohkommunikation, die sich gegen alle Erwartungen durchsetzen will. Dazwischen, so formuliert Messmer, „bewegen sich in unendlicher Reichhaltigkeit alle nur denkbaren Verlaufs- und Entwicklungsvarianten des Konflikts.“ 54 Wenn sich nun ein Konflikt intensiviert, so folgt er
51 Vgl. Messmer, Heinz, 2003: SK S. 221.223, S. 285-287
52 Vgl. Ebd. S. 287-289
53 Vgl. Ebd. S. 292
54 Ebd. unten
einer Steigerungslogik: je weiter die Ausdifferenzierung voranschreitet, desto weniger sind die Beteiligten an Kooperation interessiert, vielmehr nehmen die Schädigungsabsichten zu. Damit sich die Konfliktteilnehmer jedoch weiterhin sinnhaft aufeinander beziehen, müssen stark integrierende Strukturen wirken. Der Prozess der Konfliktintensivierung zeichnet sich demnach durch zunehmende Systemintegration bei der gleichzeitigen Desintegration sozialer Beziehungen aus. 55
6. Konfrontation beider Konflikttheorien
In mindestens einem Punkt sind sich Luhmann und Messmer einig: Konflikte sind angewiesen auf die Kommunikation eines Widerspruchs. Für Luhmann reicht dies bereits aus, um ein Konfliktsystem zu fundieren. Messmer spricht erst nach der Zurückweisung eines kommunizierten Widerspruchs von einem Konflikt, der sich anschließend in einer progressiv aufsteigenden Entwicklungslogik ausdifferenziert.
Messmer wertet die systemische Konflikttheorie als unfertiges Projekt, dessen Ausgangsüberlegungen grundsätzlich wertvoll seien. Jedoch bleibe erklärungsbedürftig, wie ein Konflikt, ausgehend von einzelnen Widerspruchskommunikationen, zu einem strukturell umfassenden, ausdifferenzierten System wird. Und wie dies empirisch nachzuzeichnen ist. Die gesamte Systemtheorie ist jedoch auf einem so hohen Abstraktionsniveau formuliert, dass sie empirisch nicht fassbar sein kann. Und selbst wenn sie es wäre, könnte es ihr zufolge zu keinem Zeitpunkt eine objektive Beurteilung ihrer geben, denn es gibt keinen externen Zugang von einer höheren Ebene. Dadurch, dass die Systemtheorie Universalität beansprucht und selbst ein System darstellt, kommt sie in ihrem eigenen Gegenstandsbereich vor und bildet auf sich selbst bezogen ihr eigenes Zentrum. Luhmanns Theorie bleibt ein Konstrukt, das funktional-strukturelle Beschreibungen liefert; keine Lösungsvorschläge, keine Erklärung konkreter Probleme. Messmer konstruiert, verglichen mit Luhmann, ein eher einfaches Konfliktmodell, dessen Anspruch auf Generalisierung theoretisch gut begründet und zusätzlich in Nachfolgeuntersuchungen empirisch nachprüfbar ist. Der Kern
55 Vgl. Messmer, Heinz, 2003: SK. S. 95-107, S. 295-297
seiner Theorie, der zu einem wesentlichen Teil aus systemtheoretischen Ansätzen besteht, bietet eine präzise strukturanalytische Darstellung des Konflikts, die Konfliktentwicklung wird ausführlich als eine eigenständige, sozial emergente Realität herausgearbeitet und im Prozessstufenmodell eingängig als Folge aufeinander Bezug nehmender Widerspruchskommunikationen dargestellt. Die konversationsanalytische Forschungsarbeit unterstützt zusätzlich die Darlegung des Konflikts als Sachverhalt sozialer Wirklichkeit durch Re-Analysen bereits publizierter Gesprächsdaten und bietet einen empirischen Zugang zu der komplexen Theoriethematik. Doch so schwer zu fassen die systemtheoretische Konflikttheorie ist, so idealtypisch ist Messmers Darstellung einer strikten Prozesslogik vor dem Hintergrund prinzipiell unendlicher Variationsmöglichkeiten der Ausdifferenzierung. 56
56 Vgl. Messmer, Heinz, 2003: SK S. 280-281
Literaturverzeichnis
a. Lehrbücher und Monografien
Bonacker, Thorsten, 1997: Kommunikation zwischen Konsens und Konflikt.
Möglichkeiten und Grenzen gesellschaftlicher Rationalität bei Jürgen
Habermas und Niklas Luhmann. Oldenburg: bis Krause, Detlef, 2005: Luhmann-Lexikon. Stuttgart: Lucius & Lucius Luhmann, Niklas/ Baecker, Dirk (Hrsg.), 2009: Einführung in die System-
theorie. Heidelberg: Carl-Auer Verlag
Luhmann, Niklas, 1992: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt am
Main: Suhrkamp
Luhmann, Niklas, 1986: Ökologische Kommunikation. Kann die moderne
Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?
Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften Luhmann, Niklas, 1984: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen
Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp
Messmer, Heinz, 2003: Der soziale Konflikt. Kommunikative Emergenz und
systemische Reproduktion. Stuttgart: Lucius & Lucius
b. Aufsätze
Luhmann, Niklas, 1975: Konfliktpotenzial in sozialen Systemen, in: Landes
zentrale für politische Bildung (Hrsg.): Der Mensch in den Konfliktfel-dern der Gegenwart. Köln: Verlag Wissenschaft und Politik.
c. Internetquellen
Systemtheorie: Niklas
Luhmann. Veranstaltung
der Humboldt-Gesellschaft
am 19.08.2001
Umweltlexikon Online http://umweltdatenbank.de/lexikon/parasit.htm
d. E-Books
Luhmann, Niklas, 1996: Die Realität der Massenmedien. Online unter:
http://www.ewaldboehmer.de/assets/plugindata/poola/EBOOK%20%2
0MASSENMEDIEN%20%20REALITAeT%20Luhmann.pdf. S. 17
Arbeit zitieren:
Andrea Jonjic, 2011, Der soziale Konflikt, München, GRIN Verlag GmbH
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