Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 5
2 Stand der Forschung 8
3 Theorien und Hypothesen 15
3.1 Der Lebenslauf als Bezugsrahmen 15
3.2 Familienökonomie und Suchtheorie 18
3.3 Soziale Austauschtheorie 25
3.4 Geschlecht und Lebenslauf im historischen Wandel 28
3.5 Heirats- und Erwerbsverhalten von Frauen in West- und Ost-
deutschland 33
4 Daten und Methodik 46
4.1 Der ALWA-Datensatz des IAB 46
4.2 Methodisches Vorgehen 47
4.3 Datenaufbereitung 52
5 Analysen und Ergebnisse 58
5.1 Deskriptive Analysen 58
5.2 Der Einfluss des Erwerbseintritts auf das Heiratsverhalten 69
6 Fazit und Diskussion 79
A Tabellen und Grafiken 84
Literaturverzeichnis 87
1
Abbildungsverzeichnis
3.1 Entwicklung der Erwerbstätigen- und Erwerbsquoten der Frauen 1993-2008 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 3.2 Erwerbstätigenquoten von Frauen mit Kleinkindern, Vollzeit- und Teilzeitarbeit 1996 und 2005 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 3.3 Entwicklung der Erwerbstätigen- und Erwerbsquoten der Männer 1993-2008 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 3.4 Zusammengefasste Erstheiratsziffer je 100 Ledige 1 1950-1991(NBL) /1999(ABL) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 3.5 Durchschnittliches Erstheiratsalter 1950-2004 . . . . . . . . . . . 44 3.6 Scheidungshäufigkeit 1 1970-2004 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
4.1 Ratenverlauf im „klassischen“ Exponentialmodell . . . . . . . . . 50 4.2 Ratenverlauf im periodenspezifischen Exponentialmodell . . . . . 51 4.3 Episoden-Splitting . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
5.1 Dauer bis zum Übergang in die 1. Ehe, Männer und Frauen (Sur-vivorfunktionen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 5.2 Dauer bis zum Übergang in die 1. Ehe, Männer und Frauen nach Kohorten (Survivorfunktionen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 5.3 Dauer bis zum Übergang in die 1. Ehe, Frauen West- und Ost-deutschland (Survivorfunktionen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 5.4 Dauer bis zum Übergang in die 1. Ehe, Kohorten, Frauen West-und Ostdeutschland (Survivorfunktionen) . . . . . . . . . . . . . 63 5.5 Dauer bis zum Übergang in die 1. Erwerbstätigkeit, Männer und Frauen (Survivorfunktionen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 5.6 Dauer bis zum Übergang in die 1. Erwerbstätigkeit, Männer und Frauen nach Kohorten (Survivorfunktionen) . . . . . . . . . . . . 66 5.7 Dauer bis zum Übergang in die 1. Erwerbstätigkeit, Frauen West-und Ostdeutschland (Survivorfunktionen) . . . . . . . . . . . . . 67 5.8 Dauer bis zum Übergang in die 1. Erwerbstätigkeit, Kohorten, Frauen West- und Ostdeutschland (Survivorfunktionen) . . . . . 68
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5.9 Übergangsrate in die 1. Ehe im periodenspezifischen Exponen-
tialmodell 70
A.1 Zusammengefasste Geburtenziffer in Deutschland 1960-2007 1 84
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Tabellenverzeichnis
3.1 Anteil jemals Verheirateter und Erstheiratsalter 1900-1939 . . . 31 3.2 Arbeitslosenquoten (in %) von Männern und Frauen 1992-2008 . 41
4.1 Übersicht über die Kovariablen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
5.1 Dauer (in Monaten) bis zur 1. Ehe nach Beschäftigungsart . . . . 69 5.2 Der Einfluss des Erwerbseinstiegs auf den Übergang in die erste Ehe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 5.3 Der Einfluss des Erwerbseinstiegs auf den Übergang in die erste Ehe - differenziert nach Art des Erwerbseinstiegs . . . . . . . . . 74 5.4 Der Einfluss des Erwerbseinstiegs auf den Übergang in die erste Ehe bei Frauen (Ost/West) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
A.1 Der Einfluss des Erwerbseinstiegs auf den Übergang in die erste Ehe bei ostdeutschen Frauen, differenziert nach Kohorten . . . . 85 A.2 Der Einfluss des Erwerbseinstiegs auf den Übergang in die erste Ehe bei westdeutschen Frauen, differenziert nach Kohorten . . . 86
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Kapitel 1
Einleitung
Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht die Frage, welchen Effekt der Einstieg in das Erwerbsleben auf das „Timing“ der Eheschließung hat. Der Zeitpunkt der ersten Eheschließung (bzw. das Heiratsalter) ist eine wichtige sozialdemografische Größe, welche wiederum mit anderen sozialen und demografischen Größen interagiert. Dazu gehören unter anderem die Geburtenrate, das Scheidungsrisiko, das Erwerbsverhalten oder der Generationenabstand (vgl. Diekmann & Weick 1993). Während bereits zahlreiche Studien zum Einfluss des Bildungsabschlusses, der erhöhten Bildungsinvestitionen im Zuge der Bildungsexpansion, der sozialen Herkunft, des Alters sowie der Geburtskohorte einer Person auf das „Timing“ der Ehe vorliegen, wurde der Einfluss des Erwerbseinstiegs bisher kaum explizit untersucht.
Auf die Bedeutung des Eintritts in das Erwerbsleben für den Zeitpunkt der Eheschließung wurde in der Literatur jedoch wiederholt hingewiesen. So machen Blossfeld & Jaenichen (1990) darauf aufmerksam, dass der Abschluss der Ausbildung, welcher in dieser Studie als Indikator für den Eintritt ins Erwerbsleben betrachtet wird, eine wichtige Voraussetzung für den Übergang ins Erwachsenenalter und damit auch für den Übergang in eine Ehe darstellt. Während der Ausbildung besteht in der Regel eine hohe finanzielle Abhängigkeit von der Familie, ein eigener Haushalt kann selten finanziert werden. Darüber hinaus sind familiale Aktivitäten oftmals unvereinbar mit einer Ausbildung. Auch Tölke (1993) stellte in einer Studie zu ersten Partnerschaften und dem Übergang zur Ehe fest, dass die „traditionellerweise als einschneidend erachteten Ereignisse beim Übergang zum Erwachsenenstatus“ - das Vorliegen einer Schwangerschaft sowie der Beginn des Erwerbslebens - den stärksten Einfluss auf den Zeitpunkt der Eheschließung ausüben. Dies gilt über alle von ihr untersuchten Kohorten (1934-61) hinweg, gleichermaßen für Männer und Frauen. Oppenheimer (1988) betont ebenfalls die Bedeutung der Erwerbskarriere - als Voraussetzung öko-
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nomischer Unabhängigkeit - für den Zeitpunkt der Eheschließung, macht aber darauf aufmerksam, dass bisher das Heiratstiming der Frau eine Funktion der ökonomischen Charakteristika des Mannes war. Keine der genannten Studien hat indes den konkreten Verlauf vom Ende der Ausbildung über den Erwerbseintritt bis hin zur ersten Ehe untersucht. Diese Lücke möchte die geplante Arbeit schließen.
Konkret sucht die Arbeit nach Antworten auf folgende Fragestellungen: (1) Ist der Eintritt in das Erwerbsleben sowohl bei Männern, als auch bei Frauen mit einer erhöhten Heiratsneigung verbunden? Im weiteren Verlauf der Arbeit liegt das Hauptinteresse nun auf den Frauen und die zentrale Fragestellung lautet: (2) Ist die Heiratsneigung der Frau noch immer eine Funktion der ökonomischen Charakteristika des Mannes oder hat der Eintritt ins Erwerbsleben der Frauen mittlerweile einen eigenständigen Einfluss auf das „Timing“ der Ehe? Wie sich im Laufe der Arbeit zeigen wird, gibt es Grund zur Annahme, dass hier Veränderungen zu beobachten sind. War die weibliche Erwerbskarriere in den älteren Geburtskohorten in der Regel bedeutungslos für den Zeitpunkt der Eheschließung, wird erwartet, dass sie in den jüngeren Kohorten sehr wohl einen Einfluss auf diesen ausübt. Vor dem Hintergrund der noch immer bestehenden Unterschiede im Erwerbsverhalten von west- und ostdeutschen Frauen werden diese zwei Gruppen jeweils getrennt betrachtet, um (3) zu beantworten, inwiefern sich west- und ostdeutsche Frauen bezüglich der Bedeutung des Erwerbseintritts für das „Timing“ der Eheschließung unterscheiden.
Den theoretischen Bezugsrahmen der Arbeit bildet das Konzept des Lebenslaufs. Dieses Konzept sieht den Lebenslauf durch das „Timing“ von Ereignissen sozial strukturiert bzw. differenziert. Bedeutsam ist diesbezüglich speziell das Zusammenspiel der individuellen Biografie auf der einen und des historischen Kontextes auf der anderen Seite (vgl. Huinink & Konietzka 2007). In der Abfolge verschiedener Generationen lassen sich damit langfristige Prozesse des sozialen Wandels beobachten. Der resultierende Lebenslauf eines Individuums wird als Ergebnis individueller Handlungen gesehen. Dieser Rahmen wird anhand der Konzepte der Familienökonomie, der ökonomischen Suchtheorie sowie der sozialen Austauschtheorie handlungstheoretisch fundiert. Mittels detaillierter Retrospektivdaten zu Bildungs- und Erwerbsverläufen von zwischen 1956 und 1988 in Deutschland geborenen Personen werden sowohl Bildungs- als auch insbesondere Erwerbsverläufe rekonstruiert und ihr Einfluss auf das „Timing“ der Ehe, ergo dem Zeitpunkt der Eheschließung im Lebenslauf, untersucht. Die Daten wurden im Rahmen der ALWA-Studie (Arbeiten und Lernen im Wandel) des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Jahr 2007 in einer Bevölkerungsbefragung von Erwachsenen im erwerbsfähigen und erwerbsintensiven Alter erhoben. Befragt wurde eine Einwohnermeldeamts-
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stichprobe in computergestützten Telefoninterviews (CATI) sowie persönlichen Interviews (PAPI). Die Untersuchung ist als Panelbefragung konzipiert und seit 2009 in das Nationale Bildungspanel (NEPS) integriert, in dessen Rahmen gerade die zweite Erhebungswelle stattfindet. In der detaillierten Erfassung der Bildungs- und Erwerbsverläufe der befragten Personen liegt zugleich die Stärke dieses Datensatzes für die vorliegende Arbeit.
Die Auswertung erfolgt mittels ereignisanalytischer Methoden. Untersucht wird der Zeitraum zwischen den Ereignissen der Vollendung des 16. Lebensjahres und der ersten Eheschließung. Der Fokus liegt auf in Deutschland geborenen Personen deutscher Staatsangehörigkeit (N=8.402), wobei zwischen Männer (N=4.160) und Frauen (N=4.242) sowie in Ost- (N=1.667) und Westdeutsch-land (N=6.735) geborenen Personen unterschieden wird. Gegliedert ist die Arbeit in sechs Teile. Im Anschluss an die Einleitung wird ein Überblick zum Stand der Forschung gegeben. Darauf folgt im dritten Teil die Vorstellung des theoretischen Rahmens sowie konkreter Handlungstheorien, aus denen die zentralen Forschungshypothesen entwickelt werden. Des Weiteren wird ein historischer Überblick zu geschlechtsspezifischen Mechanismen im Lebenslauf sowie den Unterschieden in den Lebensläufen west- und ostdeutscher Frauen gegeben. Der Datensatz und das methodische Vorgehen werden im vierten Teil vorgestellt und näher erläutert. Darauf folgt im fünften Teil die Präsentation der Ergebnisse. Den Abschluss bilden eine Zusammenfassung sowie eine Diskussion der Ergebnisse.
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Kapitel 2
Stand der Forschung
Während die Funktion einer Ehe bzw. Familie sowie der Prozess der Wahl eines (Ehe-)Partners bereits seit Langem von der Soziologie untersucht werden, ist die Untersuchung des Zeitpunktes einer Eheschließung im Lebenslauf ein verhältnismäßig junges Forschungsthema, welches erst im Zuge der dynamischen Betrachtung von Lebensläufen in den 1960er Jahren aufkam (vgl. Sackmann 2007).
Zu den bekanntesten Arbeiten auf diesem Gebiet gehören die Veröffentlichungen von Oppenheimer (1988, 1997). In ihrer 1988 erschienenen Arbeit „A Theory of Marriage Timing“ wendet sie die „Job Search Theory“ aus der Ökonomie an, um den Effekt der wechselseitigen Paarbildung („assortative mating“) auf den Zeitpunkt der Eheschließung zu untersuchen. Die wechselseitige Paarbildung, so Oppenheimer, wird dabei vor allem durch Unsicherheiten bezüglich wichtiger zukünftiger Attribute des potenziellen Partners, wie auch der eigenen, erschwert. Zu diesen Attributen zählt sie insbesondere den ökonomischen Status einer Person, welcher an den Eintritt ins Erwerbsleben gekoppelt ist. Dieser Status bestimmt maßgeblich den Lebensstil und den sozioökonomischen Status eines Paares (Oppenheimer 1988, S. 565). Der Einstieg ins Erwerbsleben beeinflusst darüber hinaus die Möglichkeit einer Person, einen eigenen Haushalt zu finanzieren und ist damit i. d. R. eine wichtige Voraussetzung für den Übergang in eine Ehe. Das Ereignis des Eintritts in den Arbeitsmarkt hat dabei sowohl Einfluss auf bereits bestehende Paare, denen es durch die finanzielle Unabhängigkeit möglich wird zu heiraten, als auch auf den Partnersuchprozess, insofern noch kein Partner vorhanden ist. Denn ist der Einstieg in das Erwerbsleben einmal erfolgt, verringert dies die Unsicherheiten für den potenziellen Partner. Oppenheimer schließt nun daraus, dass Faktoren, welche das „Timing“ des Arbeitsmarkteinstieges beeinflussen (Beschaffenheit des Bildungssystems, Bildungsniveau, Beschaffenheit des Arbeitsmarktes, etc.), ebenso Einfluss auf den
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Zeitpunkt der Eheschließung haben sollten.
Auch trifft Oppenheimer in dieser Arbeit interessante Annahmen bezüglich geschlechtsspezifischer Unterschiede im „Timing“ der Ehe. So führt sie das im Laufe der Zeit gestiegene Heiratsalter bei Männern vor allem auf die Veränderungen in der Sexualmoral der Gesellschaft („legitimer“ Geschlechtsverkehr ist auch außerhalb der Ehe möglich) sowie den veränderten Arbeitsmarkt (zunehmende Komplexität und Spezialisierung) zurück. Bei Frauen hingegen war das „Timing“ der Ehe bisher eine Funktion der ökonomischen Charakteristika des Mannes (Oppenheimer 1988, S. 581). Im Modell der traditionellen Ehe, dem so genannten „male breadwinner model“, tendieren Frauen zu einer frühen Heirat. In einem solchen Szenario sind die wichtigen Attribute der Frau (physische Attraktivität, Fertigkeiten im Haushalt) bereits im jungen Alter bekannt und darüber hinaus nimmt die Konkurrenz unter den Frauen mit zunehmendem Alter stetig zu. Dieses Modell verliert jedoch immer mehr an Bedeutung. Heute gibt es viel mehr einen Trend zu einer Erwerbstätigkeit von Frauen über den gesamten Lebenslauf hinweg. Frauen sind damit nicht mehr ökonomisch von ihrem Ehepartner abhängig. Zusammen mit der Bildungsexpansion (welche ein längeres Verweilen im Bildungssystem mit sich bringt) führt dies bei den Frauen ebenfalls zu einem gestiegenen Heiratsalter. Oppenheimer warnt jedoch vor einem voreiligen Schluss von der zunehmenden ökonomischen Unabhängigkeit der Frauen auf ein gestiegenes Heiratsalter bzw. auf ein Sinken der Zahl geschlossener Ehen („Unabhängigkeitshypothese“). Denn noch immer lassen sich durch eine Ehe hohe Nutzengewinne erzielen und ebenso ist es denkbar, dass die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen ihr Heiratsalter senkt, da die Partnerschaft nicht mehr nur vom Einkommen des Mannes abhängt (vgl. Oppenheimer 1988).
In einer späteren Studie untersucht Oppenheimer (1997) speziell die so genannte Unabhängigkeitshypothese, abgeleitet aus Beckers Argument der „reduced gains to marriage“ (Becker 1981, S. 353), welche von vielen Forschern (u. a. Ross 1975, Fuchs 1983, Sørensen 1995) zur Erklärung jüngerer Familien-und Heiratstrends genutzt wird. Becker argumentiert, dass der Ehegewinn durch einen höheren Verdienst und die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen, einhergehend mit einer niedrigeren Fertilitätsrate, reduziert wird, da eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung dann weniger komparative Vorteile mit sich bringt. Eine Abnahme des Ehegewinns lässt wiederum die Wahrscheinlichkeit einer Ehe sinken bzw. die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung steigen (vgl. Becker 1981, S. 353). In der daraus abgeleiteten Unabhängigkeitshypothese wird nun recht rigoros gefolgert, dass die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen, einhergehend mit einem geringeren Spezialisierungspotenzial innerhalb der Ehe und einer stärkeren ökonomischen Unabhängigkeit der Frauen, zu einer zeitli-
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chen Verzögerung der Eheschließung bzw. sogar direkt zu einer sinkenden Zahl geschlossener Ehen führt. Becker selbst hat diesen Zusammenhang jedoch nie in dieser Form und vor allem „Schärfe“ behauptet. Vielmehr betont er wiederholt, dass der Ehegewinn durch die arbeitsteilige Spezialisierung der Geschlechter lediglich einen Teil des Nutzens einer Ehe ausmacht und führt neben der zunehmenden Erwerbstätigkeit von Frauen insbesondere den Ausbau wohlfahrtsstaatlicher Programme als Gründe für den grundlegenden Wandel der Familie seit den 1950er Jahren auf (vgl. ebd., S. 350ff.). Oppenheimer kommt schließlich zu dem Schluss, dass die Unabhängigkeitshypothese überbewertet wird. Der Trend zu einer späteren Heirat sowie ein Abnehmen der Ehestabilität sind bereits, wie auch von Becker selbst erwähnt, seit den 1950er Jahren zu beobachten. Und während die Unabhängigkeitshypothese vor allem eine Zunahme von Partnerschaften ohne Heirat prognostiziert, ist in der Realität statt dessen eine Zunahme von Scheidungen bei einem konstanten Niveau von Nichtheiraten zu beobachten. Auch führt die zunehmende ökonomische Unabhängigkeit der Frau nicht zu einer generellen Abnahme ihrer Abhängigkeit von ihrem Partner, sondern lediglich zu einem veränderten Abhängigkeitsverhältnis, von asymmetrischen hin zu symmetrischen Abhängigkeiten. Des Weiteren verringern die zunehmend auftretenden Doppelverdiener-Haushalte den relativen Nutzen sowohl des Singlestatus’ als auch stark arbeitsteiliger Ehen und Partnerschaften. Eine weitere, für die vorliegende Arbeit interessante Veröffentlichung, stammt von Tölke (1993). Diese untersucht in ihrer Studie „Erste Partnerschaften und Übergang zur ersten Ehe“ Veränderungen im Partnerschaftsverhalten junger Menschen. Anhand der Daten des Familiensurveys des Deutschen Jugendinstituts zeichnet sie den Lebensweg von sechs 5-Jahres-Geburtskohorten (1934-1961) bis zum Alter von 30 Jahren nach, indem sie ihr Heiratsverhalten sowie sämtliche nicht eheliche Partnerschaften mit einer minimalen Dauer von einem Jahr näher betrachtet. Den stärksten Einfluss auf den Übergang von einer Partnerschaft in einer Ehe hat, laut ihren Analysen, neben einer bevorstehenden Elternschaft vor allem der Beginn des Erwerbslebens. Während bei Männern der Eintritt ins Erwerbsleben schon immer einen sehr starken Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit zu heiraten hat, der sich über die Kohorten sogar noch verstärkt, ist dieser Zusammenhang bei Frauen etwas weniger stark ausgeprägt. Dennoch ist auch für Frauen der Beginn der „Erwerbskarriere“ eine wichtige Determinante für den Übergang in eine Ehe, besonders für die Geburtskohorten seit 1950.
Auch Diekmann & Weick (1993) widmeten sich der Untersuchung verschiedener Einflussfaktoren auf das Heiratsverhalten. Mittels Daten des Allbus 1982 und 1984 untersuchten sie die „Auswirkungen der Kohortenzugehörigkeit, der schulischen Bildung und der Bildungsexpansion auf das Heiratsverhalten“ und
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kamen zu dem Ergebnis, dass der zu beobachtende Anstieg des Heiratsalters, sowohl bei Männern, als auch bei Frauen, nur zum Teil auf die gestiegene Verweildauer im Bildungssystem zurückführbar ist. In einem Ausblick nennen sie, in Anlehnung an Oppenheimer, die Veränderungen des Arbeitsmarktes - konkret, die längere Phase der beruflichen Unsicherheit - als möglichen Erklärungsfaktor für das gestiegene Heiratsalter, insbesondere bei Männern. Weitere interessante Beiträge zum „Timing“ der Ehe, speziell im Hinblick auf die veränderte ökonomische Situation der Frauen, stammen von Blossfeld & Huinink (1989) sowie Blossfeld & Jaenichen (1990). In diesen zwei Beiträgen wird der Einfluss der gestiegenen schulischen und beruflichen Qualifikation von Frauen auf den Prozess der Familienbildung untersucht. In beiden Studien kann zunächst festgestellt werden, dass die Verschiebungen beim Eintritt der Frauen in Ehe und Mutterschaft in Deutschland weitaus weniger dramatisch sind als in anderen Ländern (z. B. Schweden oder Spanien). Dennoch ist ein eindeutiger Trend zum Anstieg des Heiratsalters sowie des Alters bei der Geburt des ersten Kindes seit den 1980er Jahren zu beobachten. Während der Aufschub der Geburt des ersten Kindes komplett über die zunehmende Bildungsbeteiligung der Frauen erklärt werden kann, sind die verantwortlichen Faktoren für das gestiegene Heiratsalter wesentlich schwieriger auszumachen, da dieses nur teilweise durch die gestiegene Dauer der Ausbildung aufgeklärt werden kann. Das Bildungsniveau selbst bzw. die getätigte Bildungsinvestition haben keinen signifikanten Effekt auf diese Entwicklung.
Zu diesem Ergebnis kommen auch Blossfeld & Rohwer (1995) in einer Studie über „Trends in der Familienbildung und die neue Rolle der Frau“ in West-deutschland, welche im Rahmen einer vergleichenden Länderstudie zu eben diesem Thema durchgeführt wurde (Blossfeld 1995). In ihrer Studie überprüfen Blossfeld & Rohwer insbesondere die Unabhängigkeitshypothese mittels Daten des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP). Neben dem Bildungsniveau kontrollieren sie in dieser Studie zusätzlich dafür, ob sich die Frau noch in Ausbildung befindet. Während vom Bildungsniveau erneut kein signifikanter Einfluss auf die Neigung zu heiraten ausgeht, wirkt der Zustand „in Ausbildung“ signifikant negativ auf diese (Blossfeld & Rohwer 1995, S. 71). Daraus schließen die Au-toren, dass sich durch die längere Ausbildungsphase höher gebildeter Frauen ihr Übergang in den „Erwachsenenstatus“ verzögert, d. h. , dass es lediglich zu einer zeitlichen Verlagerung der Eheschließung kommt. Der Konflikt zwischen der zunehmend höheren Bildung der Frauen und der Eheschließung bzw. dem Zeitpunkt einer Eheschließung besteht damit, wenn überhaupt, lediglich in der Phase des Übergangs von der Jugend ins Erwachsenleben. Das Beenden der Ausbildungsphase bzw. der Eintritt ins Erwerbsleben ist also ein wichtiger, wenn nicht der zentrale Schritt, für das (subjektive) Erreichen des „Erwachsenensta-
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tus’“. Mit Ausnahme Italiens konnte die Unabhängigkeitshypothese in keinem der untersuchten Länder - Schweden, Frankreich, Niederlande, Großbritannien, USA, Spanien, Ungarn - bestätigt werden. Weiterhin stellen Blossfeld & Rohwer fest, dass ein Großteil der Kohortenunterschiede in der Heiratsneigung bei Kontrolle des Bildungsabschlusses verschwindet. Das heißt, die Unterschiede in der Heiratsneigung zwischen den Kohorten können zu einem großen Teil durch die unterschiedliche Partizipation der Frauen am Bildungssystem in den jeweiligen Geburtskohorten erklärt werden. Eine Ausnahme bilden lediglich die Kohorten 1944-1948 und 1949-1955, die im Unterschied zu den nachfolgenden Kohorten signifikant früher heirateten (ebd., S. 71f.).
In einer Erwiderung auf die Ergebnisse der genannten Länder-Studien, in denen sich, abgesehen von der bereits erwähnten Ausnahme (Italien), keine Anzeichen für eine Bestätigung der Unabhängigkeitshypothese finden ließen, gibt Sørensen (1995) eine mögliche Erklärung für den nicht feststellbaren Effekt des Bildungsabschlusses auf die Heiratsneigung. Laut Sørensen konnte diese Hypothese in den untersuchten Ländern deshalb nicht bestätigt werden, da die Frauen trotz zunehmend höherer Bildungsabschlüsse auf dem Arbeitsmarkt gegenüber ihren männlichen „Konkurrenten“ noch immer im Nachteil sind. Solange eine formal höhere Bildung nicht zu gleichwertigen Arbeitsmarktchancen von Männern und Frauen führt, wird kein Effekt von der höheren Bildung der Frauen auf ihre Neigung zu heiraten feststellbar sein, denn Frauen erzielen in dieser Situation durch eine Heirat noch immer große (finanzielle) Vorteile. Daneben nennt Sørensen noch eine weitere mögliche Erklärung, welche zusätzlich den in allen Ländern festgestellten u-förmigen Verlauf des Heiratsalters über die Kohorten hinweg erklärt und ebenso mit Beckers „ökonomischer Theorie der Familie“ (Becker 1981) konform geht. So ist dieser Effekt dadurch zu erklären, dass es für Frauen der ersten Kohorten (1944-48, 1949-55) kaum eine andere Möglichkeit gab, sich von ihrem Elternhaus unabhängig zu machen, als eine Heirat. Deshalb ist das Heiratsalter dieser Kohorten so gering. Für die späteren Kohorten hingegen gab und gibt es andere, zunehmend gesellschaftlich akzeptierte Wege, dies zu erreichen, wobei Sørensen hiermit vor allem nicht eheliche Lebensgemeinschaften meint. Damit erklärt sie das kontinuierliche Ansteigen des Heiratsalters seit den 1980ern. Auf Grund dessen ist es für Frauen heute möglich, vor einer Heirat zunächst ihre Ausbildung zu beenden und in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Die Heirat ist noch immer ein wichtiges Ereignis, das Beenden der Ausbildung ist aber ebenso wichtig geworden. Sørensen schließt nun daraus, dass sich das höhere Bildungsniveau der Frauen erst dann auf die Neigung zu heiraten auswirkt, wenn Frauen die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, wie Männer und wenn ihnen alternative Wege zur Emanzipation aus dem Elternhaus offen stehen. Da bisher aber keine Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt herrscht
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und alternative Wege aus dem Elternhaus erst nach und nach gesellschaftliche Akzeptanz finden, konnte in den untersuchten Kohorten noch kein solcher Einfluss aufgefunden werden.
Diesen Erklärungen widerspricht wiederum Oppenheimer (1995) in einer kritischen Entgegnung auf den Artikel Sørensens, in welcher sie auch die Annahmen der „ökonomischen Theorie der Familie“ Beckers in Frage stellt. Oppenheimer kritisiert, dass Sørensen zwei verschiedene Hypothesen miteinander vermischt. Zunächst, so Oppenheimer, muss man sich fragen, ob es so etwas wie einen Unabhängigkeitseffekt überhaupt gibt und darüber hinaus, ob, insofern er existiert, dieser für die jüngsten Trends im Heiratsverhalten verantwortlich gemacht werden kann. Sørensen jedoch unterscheidet nicht zwischen diesen beiden Argumenten und „opfert“ das eine zu Gunsten des anderen, indem sie unabdingbar an der Gültigkeit der Unabhängigkeitshypothese festhält. Als Resultat kann Sørensen die in den Studien festgestellten Trends nicht erklären, die Hypothese verliert ihre Erklärungskraft. Dennoch geht Oppenheimer separat auf die von Sørensen aufgeführten Argumente ein. Bezogen auf den von ihr behaupteten negativen Effekt, der vom weiblichen Verdienst (bei gleichen Arbeitsmarktchancen von Männern und Frauen) auf die Heiratsneigung ausgeht, nennt Oppenheimer mehrere US-amerikanische Studien, welche aufzeigen, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Frauen, die einen größeren ökonomischen Beitrag leisten können, finden sich in einer bevorzugten Position als potenzielle Heiratspartnerinnen. An diesem Punkt setzt sie auch sogleich mit ihrer Kritik an Beckers Theorie an, indem sie zunächst den ökonomischen Nutzen einer Ehe und daran anschließend das von Becker sehr eng gefasste Konzept einer Ehe diskutiert. So sieht Becker den Nutzen einer Ehe laut Oppenheimer sehr einseitig. Verdienen Frauen Geld auf dem Arbeitsmarkt, erlangen sie mehr Unabhängigkeit vom Mann, was ihren Spezialisierungsgewinn durch die Ehe schmälert. Ebenso ist es für die Männer, deren Spezialisierungsvorteil durch die zunehmende Konzentration der Frau auf die Erwerbstätigkeit und die abnehmende Spezialisierung auf Haushaltstätigkeiten und Kindererziehung ebenfalls abnimmt. Die Möglichkeit, dass ein zusätzliches Einkommen in einer Ehe auch Vorteile mit sich bringt - die Ermöglichung eines höheren Lebensstandards, eine Abnahme der Risiken bei „Ausfall“ eines Partners in einer hochgradig arbeitsteiligen Ehe - wird laut Oppenheimer von Becker nicht ausreichend berücksichtigt. Dies, so Oppenheimer, liegt an der allgemein sehr engen Auffassung Beckers über die Natur einer Ehe, in der nichtökonomische Beiträge wie Kameradschaft, der Nutzen einer gemeinsam erlebten Vergangenheit, gegenseitige Liebe und Wertschätzung, Intimität, die Verfügbarkeit eines Partners für Freizeitaktivitäten, gegenseitige physische und psychische Unterstützung bei der Kindererziehung, aus denen sich ein komplexes System an wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen den Ehepart-
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nern entwickelt, keine Beachtung erfahren. Damit ist aus Sicht Oppenheimers Beckers Konzept äußerst eingeschränkt und unvollständig. Dies mag insofern zutreffen, als Becker dem ökonomischen Nutzen der Ehe in seinen Arbeiten die größte Aufmerksamkeit widmet. Er bezweifelt jedoch nicht, dass sich der Gesamtnutzen einer Ehe aus vielen weiteren Komponenten zusammensetzt, wobei er u. a. die Qualität von Mahlzeiten, die Qualität und Quantität von Kindern, Kameradschaft und Liebe konkret als solche benennt (Becker 1976, S. 207). Oppenheimers Kritik scheint also an dieser Stelle nur bedingt berechtigt. Sørensens zweites Argument für die Gültigkeit der Unabhängigkeits-Hypothese zielt auf die zunehmende Verfügbarkeit von zur Hochzeit alternativer Wege zur Emanzipation der Frauen aus dem Elternhaus, worüber sie das Ansteigen des Heiratsalters erklärt. Hat die Ehe einmal ihre zentrale Funktion zur Erlangung von Unabhängigkeit verloren, kommen die negativen Effekte der gestiegenen Bildung der Frauen auf die Neigung zu heiraten zum Tragen, was zu einem ansteigenden Heiratsalter führt; eine Behauptung, für die keinerlei empirische Evidenz vorliegt. Auch gab es in den 1960er Jahren, in denen die Frauen sehr früh heirateten, bereits zahlreiche Alternativen zur Heirat, darunter gleichgeschlechtliche Wohngemeinschaften oder das Beziehen einer Studentenwohnung. Diese Alternativen standen insbesondere den höher gebildeten Frauen zur Verfügung, die nach Sørensens Argumentation also schon damals ein erhöhtes Heiratsalter hätten aufweisen müssen. Des Weiteren zeigen Studien, dass das Zusammenleben in nicht ehelichen Lebensgemeinschaften in den USA vor allen ein Phänomen der gering gebildeten Schichten war und ist. Darüber hinaus wird der Großteil dieser Lebensgemeinschaften nach einer Zeit von drei bis fünf Jahren in eine Ehe überführt, was das Argument entkräftigt, diese Form der Lebensgemeinschaft sei eine Alternative zur Ehe. Abschließend kann Oppenheimer keinen Beleg für Sørensens Behauptung, die gestiegene Bildung der Frauen wirke sich negativ auf ihre Neigung zu heiraten aus, finden.
Alles in allem zeigt sich in jeder der genannten Studien die große Bedeutung des Einstiegs in die Erwerbstätigkeit für den Zeitpunkt der Eheschließung. Die Rolle des weiblichen Erwerbseintritts und ihre potenzielle Veränderung im Zuge eines sozialen Wandels blieben aber bisher weitestgehend unbeleuchtet. Dies möchte die vorliegende Arbeit nun ändern. Bevor die angesprochenen Zusammenhänge aber einer detaillierten empirischen Überprüfung unterzogen werden, erfolgt im nächsten Teil der Arbeit ein Überblick über für die Arbeit relevante Theorien des Heiratsverhaltens. Aus diesen werden die zentralen forschungsleitenden Hypothesen für den empirischen Teil der Arbeit entwickelt.
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Kapitel 3
Theorien und Hypothesen
In diesem Kapitel werden für die Arbeit relevante Theorien des Heiratsverhaltens besprochen, wobei der Fokus auf Ansätzen liegt, die eine dynamische Modellierung 1 des Heiratsverhaltens erlauben. Den theoretischen Rahmen der Arbeit bildet, wie in der Einleitung bereits erläutert, die Lebenslaufperspektive, deren allgemeine Annahmen im Folgenden kurz vorgestellt und erläutert werden. Darauf folgt eine handlungstheoretische Fundierung dieses Konzeptes mittels der Familienökonomie und der Suchtheorie sowie der sozialen Austauschtheorie. Diese theoretischen Ansätze sind dabei zunächst geschlechtsneutral. Deshalb werden anschließend geschlechtsspezifische Mechanismen des Heirats- und Erwerbsverhaltens im historischen Wandel vor dem Hintergrund der Logik des Lebenslaufs vorgestellt. Ein Überblick über das Heirats- und Erwerbsverhalten ost- und westdeutscher Frauen bildet den Abschluss des Kapitels. Ziel ist, auf Grundlage der vorgestellten theoretischen Ansätze empirisch prüfbare Hypothesen abzuleiten.
3.1 Der Lebenslauf als Bezugsrahmen
Die Lebenslaufperspektive sieht den Lebenslauf der Individuen durch das „Timing“ von Ereignissen sozial strukturiert bzw. differenziert. Der Lebenslauf eines Individuums ist das Ergebnis individueller Handlungen in Wechselwirkung mit der Umwelt. Paradigmatisch liegt der Lebenslaufperspektive der methodologische Individualismus zugrunde.
Die Lebenslaufperspektive als solche ist jedoch kaum mehr als ein begrifflicher Rahmen, wird sie nicht handlungstheoretisch fundiert. Für diese Fundierung werden die Familienökonomie und die ökonomische Suchtheorie - welche
1 Dynamisch bezieht sich hier auf eine Integration von gesellschaftlicher Makro- und Mikroebene.
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die Ehe in erster Linie als rationale Entscheidung von Individuen begreifenwie auch die soziale Austauschtheorie - welche darüber hinaus den symbolischen Charakter einer Eheschließung betont - genutzt. Ganz allgemein können hand-lungstheoretische Ansätze insbesondere auf Max Weber zurückgeführt werden, der die Soziologie als „Wissenschaft [versteht], welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will“ (Weber 1984, S. 19). Unter Handeln versteht er dabei menschliches Verhalten, insofern die Handelnden einen subjektiven Sinn mit diesem verbinden. Soziales Handeln wiederum ist seinem gemeinten Sinn nach bezogen auf und orientiert am Verhalten anderer (vgl. Weber 1984). Im Rahmen dieses Ansatzes ist das Heiratsverhalten als ein solches soziales Handeln aufzufassen. Das in diesem Kapitel vorgestellte theoretische Modell orientiert sich an den Erklärungsprämissen einer gehaltvollen soziologischen Erklärung in Anlehnung an die Arbeiten von Blossfeld (1996) sowie Blossfeld & Timm (1997). Wichtig ist diesbezüglich, entsprechend dem Prinzip des methodologischen Individualismus, dass soziale Regelmäßigkeiten, wie Heiratsmuster, „über die Ebene der individuellen Akteure empirisch und theoretisch rekonstruiert werden“ (Blossfeld & Timm 1997, S. 447). Hier müssen also Handlungstheorien zur Anwendung kommen, die vom Akteur als rational handelndem Individuum ausgehen. Oftmals ist die Situation, in der sich ein Individuum befindet jedoch so unbestimmt, dass es schwierig bis unmöglich ist, überhaupt eine rationale Entscheidung zu treffen (vgl. ebd., S. 448), was es wiederum schwierig macht, Kosten und Nutzen abzuschätzen und gegeneinander abzuwiegen. In dieser Situation werden soziokulturelle Normen als Handlungsmechanismen relevant, die als Entscheidungshilfen in unbestimmten, häufig wiederkehrenden Handlungssituationen interpretiert werden müssen (Blossfeld & Timm 1997, Heiner 1983). Zudem muss eine Verlaufsperspektive eingenommen werden, die der zeitlichen Extension sozialer Phänomene gerecht wird und gleichzeitig die strukturellen Handlungskontexte, in denen sich das Individuum jeweils befindet, aufzeigt (Blossfeld & Timm 1997). Auch ist es wichtig, „Mechanismen zu spezifizieren, durch die aus den jeweils aktuell verfügbaren Alternativen eine Handlung ausgewählt wird“ (vgl. ebd. S. 448). Dabei sind insbesondere Erwartungen, Orientierungen und Überzeugungen der Individuen zu berücksichtigen. Weiterhin muss den Individuen in ihren Handlungen und Entscheidungen ein „freier Wille“ unterstellt werden. Da es jedoch weder möglich noch im Sinne einer ökonomischen Modellbildung ist, die Entscheidung jedes einzelnen Individuums zu erklären, sollte man sich statt dessen auf die Erklärung von Regelmäßigkeiten (Idealtypen) konzentrieren. Diese sollten realitätsnah sein, können der Realität, vor allem auf Grund der realen Unschärfe 2 des Gegenstandsbereichs, aber niemals ganz entsprechen.
2
Unter realer Unschärfe ist die Abweichung einer realen Ordnungstendenz von einer vor-
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Die Berücksichtigung dieser Prämissen ermöglicht nun die Entwicklung einer „gehaltvollen“ soziologischen Erklärung. Zusammengefasst muss eine solche Erklärung eine dynamische Integration von Makroebene (Sozialstruktur, kulturelle Normen) und Mikroebene (Handlungstheorie) ermöglichen und die zeitliche Extension sozialer Phänomene (Verlaufsperspektive) berücksichtigen. In der empirischen Analyse muss diesen Prämissen Rechnung getragen werden. Eine weitere wichtige Annahme der Lebenslaufperspektive lautet: „There is always a previous history before any history“ (Blossfeld 1996, S. 190). Das heißt, neben dem Wandel im Lebenslauf ist auch der Wandel in der historischen Zeit, sprich langfristige Prozesse des sozialen Wandels, von zentraler Bedeutung für die Analyse sozialer Prozesse. Die Verbindung zwischen individueller Lebenszeit und historischem Kontext sind die Generationen (vgl. Huinink & Konietzka 2007). Folgen aufeinander folgende Geburtskohorten unterschiedlichen Lebenslaufmustern, kann man von einem sozialen Wandel sprechen (vgl. ebd.). Für die vorliegende Analyse wird ein sozialer Wandel dahin gehend unterstellt, dass sich zum einen der Zeitpunkt der Eheschließung über die untersuchten Generationen hinweg nach hinten verschoben hat und zum anderen, dass der Erwerbseintritt über die Generationen von Frauen hinweg an Einfluss auf den Zeitpunkt der Eheschließung gewonnen hat.
Huinink & Konietzka (2007) nennen des Weiteren drei wichtige Spezifika des Lebenslaufs: (1) Den Mehrebenenbezug, (2) die Mehrdimensionalität der Handlungszusammenhänge und (3) die zeitliche Dimension des Handelns im Lebenslauf. Ein Mehrebenenbezug besteht insofern, als dass sich verschiedene Ebenen von Handlungssituationen und -bedingungen unterscheiden lassen - der gesellschaftlich-historische Kontext, der soziale Hintergrund des Individuums, die (Paar-/Familien-)Beziehungen zu anderen Individuen sowie die akteursinterne Ebene - die allesamt in Wechselbeziehungen zueinander stehen (vgl. ebd.). Mehrdimensionalität der Handlungszusammenhänge bedeutet, dass sich das individuelle Handeln der Individuen ebenso auf verschiedenen Ebenen abspielt, die auch wieder in vielfältigen Wechselbeziehungen zueinander stehen. Zu diesen unterschiedlichen Handlungsdimensionen im Lebenslauf gehören nach Mayer u. a. „Familien- und Haushaltsgeschichte, Bildungs- und Ausbildungswege, Erwerbs- und Berufskarrieren“ (Mayer 1990, S. 9). Die Beziehungen zwischen diesen Bereichen können sich auf unterschiedliche Weise als integriert, schwer vereinbar oder institutionell segmentiert gestalten 3 (vgl. Huinink & Konietzka 2007, S. 43f.). Strukturiert werden diese Dimensionen durch Normen und Regeln der gesellschaftlichen Basisinstitutionen Markt, Staat und Familie
gestellten idealen Ordnungsstruktur (Idealtyp) zu verstehen. Der zentrale Grund für die reale Unschärfe liegt in der Veränderbarkeit des Gegenstandsbereichs der Sozialwissenschaften (vgl. Schulze 2009).
3 So wird z. B. oft von der Unvereinbarkeit von Familien- und Berufsleben gesprochen.
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(ebd.). Das Spezifikum der zeitlichen Dimension des Handelns im Lebenslauf wurde bereits mehrfach erwähnt. Entscheidungen werden nicht punktuell („tabula rasa“) getroffen, sondern vor dem Hintergrund eines zeitextensiven Prozesses, welcher sich im Lebenslauf aus bestimmten Bedingungen, Konstellationen und Entscheidungen heraus entwickelt und wiederum nachfolgende Optionen, Ereignisse und Handlungen beeinflusst. Hat man sich für eine bestimmte Handlung entschieden, eröffnet dies neue Möglichkeiten, andere schließt es jedoch aus. Interdependenzen bestehen also in vielerlei Hinsicht: zwischen den handelnden Menschen, zwischen den verschiedenen Lebensbereichen eines Menschen sowie zwischen Lebensgeschichte und Lebenszukunft eines Menschen (Huinink & Konietzka 2007, S. 45). Lebensläufe sind also pfadabhängig. Um ein bestimmtes Ereignis verstehen zu können, ist es notwendig, den kompletten Prozess zu rekonstruieren, der zu diesem Ereignis führte wie auch, zu beachten, welche zukünftigen Implikationen sich daraus für das Individuum (und seine Umwelt) ergeben.
Mit der Eheschließung wird in dieser Arbeit nun ein ganz konkretes Ereignis oder besser, ein konkreter Statusübergang, fokussiert. Ein Statusübergang „kennzeichnet ein zentrales Lebensereignis, das zu einer signifikanten Veränderung der sozialen Position und der Lebensorganisation eines Akteurs führt und den weiteren Lebenslauf entscheidend beeinflusst“ (Huinink & Konietzka 2007, S. 46). Dies ist bei der Eheschließung eindeutig der Fall. Statusübergänge sind wiederum oft eingebunden in bestimmte Statuspassagen (vgl. ebd.). So gehört das Eingehen einer Paarbeziehung bzw. das Schließen einer Ehe in der Regel in die Statuspassage oder auch die Phase des Erwachsenenlebens. Vor dem tatsächlichen Ereignis der Heirat muss das Individuum aber zunächst die Entscheidung für eine solche treffen. Um diese rekonstruieren zu können, werden im Folgenden konkrete Handlungstheorien vorgestellt, wobei der Schwerpunkt auf solchen Theorien liegt, die Aussagen über das Heiratsverhalten und/oder die Eheschließung im Lebenslauf treffen. Dabei handelt es sich um Handlungstheorien, die in jüngerer Zeit häufig zur Erklärung vom Heiratsverhalten herangezogen werden.
3.2 Familienökonomie und Suchtheorie
Familienökonomie
Der familienökonomische Ansatz wendet mikroökonomische Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten zur Analyse familiären Verhaltens und familiärer Strukturen an. Als Begründer dieses Ansatzes gilt in erster Linie der US-amerikanische Ökonom Gary S. Becker. Im Mittelpunkt des familienökonomischen Ansatzes steht die These von der individuellen Nutzenmaximierung, an der die Indivi-
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Nora Müller, 2010, Erwerbseintritt und "Timing" der Ehe, München, GRIN Verlag GmbH
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