INHALTSVERZEICHNIS
I. Einleitung - Zur Entstehung von Attac 3
II. Attac als soziale Bewegung 5
II.1. Struktur und Organisation von Attac 5
II.2. Ziele von Attac 9
II.3. Mobilisierung 11
II.4. Fazit 13
III. Perspektiven der bewegung Attac 16
IV. Quellenverzeichnis 18
2
I. Einleitung - Zur Entstehung von Attac
Ignacio Ramonet, seines Zeichens Chefredakteur der linksintellektuellen Monatszeitung Le Monde Diplomatique, veröffentlichte 1997 einen Artikel, der den Charakter eines Meilensteins annehmen sollte. Unter der Überschrift ‚Die Märkte entschärfen‘ formulierte er den Vorschlag, eine weltweite NGO mit dem Namen Attac (Association pour la Taxation des Transaction pour l’Aide aux Citoyens) 1 zu gründen. Ziel sollte es sein, durch die Einführung der Tobin-Steuer endlich der Verselbständigung spekulativer Geldströme auf dem internationalen Finanzmarkt Herr zu werden, die - wie die Asien-Krise kurz vorher gezeigt hatte - das Potential hatten, ganze Volkswirtschaften zu bedrohen. Eine Flut von Leserbriefen bestärkte die Redaktion in diesem Vorschlag, so dass im Juni des Jahres 1998 eine Arbeitsgruppe aus Journalisten, Wirtschaftswissenschaftlern, Juristen, Politologen und Gewerkschaftsmitgliedern offiziell das Statut und die Erklärung von Attac verabschiedeten. Innerhalb von fünf Monaten war die Mitgliederzahl in Frankreich bereits auf 5.000 angestiegen, im November 2001 waren es 30.000. Doch auch international hat sich Attac schnell ausgebreitet. Die im Dezember 1998 gegründete internationale Attac-Bewegung umfasst heute ca. 60.000 Mitglieder in 41 afrikanischen, asiatischen, europäischen und lateinamerikanischen Ländern. 2
Von großem Einfluß auf die schnelle Expansion von Attac war auch der günstige Entstehungsmoment. Abgesehen von der sogenannten Dezember-Bewegung, die - verbunden mit einer umfangreichen Streikwelle - in Frankreich zu einer breiten Skepsis gegenüber dem neoliberalen Diskurs geführt hatte, war durch die Finanzkrisen in Russland, Asien und Lateinamerika sowie dem Versuch eines multilateralen Investitionsabkommens (MAI) auch ein geändertes internationales politisches Klima zu beobachten. 3 Der Erfolg, den sich wohl nicht einmal die Gründerväter von Attac hätten träumen lassen, war ausschlaggebend dafür, dass man das ursprüngliche Konzept einer international agierenden NGO in nur wenigen Monaten zugunsten einer globalen globalisierungskritischen Bewegung eintauschte. Attac versteht sich heute als „transnationale Bewegungsorganisation“, als „aktionsorientierte Volksbildungsbewegung“, die sich die „ökonomische Alphabetisierung der Bevölkerung“ zum Ziel gemacht hat. 4 Ihr Zielkatalog ist nicht mehr nur auf die Einführung der Tobin-Steuer
1 www.attac.org
2 Attac 2001
3 vgl. Eskola/Kolb 2002
4 vgl. Eskola/Kolb 2002 und Grefe/Greffrath/Schumann 2002
3
beschränkt, sondern umfasst im Grunde die gesamte neoliberal dominierte Globalisierung mit den Themen, die sich als Negativkonsequenz daraus ergeben.
Umso erstaunlicher nimmt sich der Erfolg von Attac aus, wenn man sich die Situation der sozialen Bewegungen in den 90er Jahren, kurz vor der Gründung, vergegenwärtigt. Peter Wahl, Geschäftsführer der NGO ‚Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung - WEED‘ und Gründungsmitglied von Attac Deutschland, zog damals eine deprimierende Bilanz der europäischen Bewegungslandschaft. Alle soziale Bewegungen mit emanzipatorischem Anspruch seinen von einer strukturellen Dauerkrise betroffen. Aktionsmüdigkeit, Motivationsschwierigkeiten, Resonanzverlust und Nachwuchsmangel seien Ausdruck davon. 5 Ist Attac also nur ein Strohfeuer, eine zeitlich begrenztes Phänomen, das früher oder später an den gleichen Problemen wie die neuen sozialen Bewegungen in den 90er Jahren kranken und darben wird? Kann man für Attac überhaupt denselben analytischen Rahmen anlegen, wo es sich doch dem Selbstverständnis nach um eine internationale Bewegung handelt? Um auch nur halbwegs gesicherte Voraussagen über die weitere Entwicklung von Attac respektive ihre momentanen Perspektiven tätigen zu können, scheint es unerlässlich, eine Einordnung in das Konzept der sozialen Bewegung vorzunehmen. Dieser und der Frage, inwieweit es sich bei Attac tatsächlich um eine internationale Bewegung handelt und handeln kann, soll die Hausarbeit im folgenden nachgehen.
5 vgl. Wahl 1999
4
II. Attac als soziale Bewegung
Attac mag ein breites Spektrum der globalisierungskritischen Bewegung abdecken, eine Gleichsetzung damit wäre jedoch falsch. Dieter Rucht erinnert in seinem Aufsatz „Herausforderungen für die globalisierungskritischen Bewegungen“ daran, dass schon lange vor der Gründung von Attac ein Netzwerk von Gruppen entstanden war, das sich kritisch mit Welthandel, Armut in der dritten Welt und ähnlichen Problemen befasst hatte. 6 Dass Attac dennoch in der öffentlichen Wahrnehmung oftmals als die Bewegung selbst bzw. ihr „Dachverband“ 7 gesehen wird, liegt vor allem daran, dass sie diese Themen als erster in die Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit transportieren konnten. Wie unter II.3. noch ausführlicher beschrieben wird, ist es Attac gelungen, eine eigene „Marke“ zu konstruieren, mit der globalisierungskritische Themen assoziiert werden. Schon aus diesem Grund erscheint es daher sinnvoll, das Konzept der sozialen Bewegung auf Attac anzuwenden und sie nicht nur als eine Teilbewegung der gesamten globalisierungskritischen Bewegung zu betrachten. Die Typologie zum Begriff der sozialen Bewegung geht auf Raschke zurück und ist im interdisziplinären Diskurs noch immer aktuell. Er definiert die soziale Bewegung als einen mobilisierenden kollektiven Akteur, der mit einer gewissen Kontinuität auf der Grundlage hoher symbolischer Integration und geringer Rollenspezifikation mittels variabler Organisations- und Aktionsformen das Ziel verfolgt, grundlegenderen sozialen Wandel herbeizuführen, zu verhindern oder rückgängig zu machen. 8 Inwieweit sich das Konzept der sozialen Bewegung tatsächlich Attac zuordnen lässt, soll anhand der einzelnen Faktoren im folgenden untersucht werden.
II.1. Struktur und Organisation von Attac
Nach Raschkes Typologie ist mit einem kollektivem Akteur ein „die Individuen einbindender kollektiver Handlungszusammenhang“ gemeint. Eine Vielfalt von Organisationen, Tendenzen und Aktionsansätzen prägt die Bewegung, dabei ist nur eine geringe Rollenspezifikation der Mitglieder zu beobachten, d.h. eine geringe Ausdifferenzierung und Festschreibung von Rollen um das organisatorische Zentrums der Bewegung herum. Weiter beschreibt Raschke die sozialen Bewegungen als „halbstrukturiert“ - sie bauten vielfach auf bereits strukturierte
6 vgl. Rucht 2002
7 vgl. Eskola/Kolb 2002
8 Raschke 1985
5
Arbeit zitieren:
Norman Tannert, 2003, Attac als internationale soziale Bewegung, München, GRIN Verlag GmbH
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