Inhalt
Einleitung
03
1. Das Motiv des künstlichen Menschen
04
1.1 Die ewige Eva 05
2. Die künstlichen Frauen
06
2.1. Evelyn - die verkleidete Femme fatale 07
2.2 Alicia - die falsche Venus 08
3. Die wahren Frauen
10
3.1 Hadaly - die imaginierte Weiblichkeit 11
3.1.1 Die Rebellion der Androide 12
3.2 Sowana / Mrs. Anderson - die gute Seele 13
4. Schlussbemerkung
14
Literaturverzeichnis
16
2
Einleitung
Diese Arbeit ist im Rahmen des von mir im Wintersemester 2008/2009 besuchten Seminars Puppen - Körper - Automaten entstanden und beschäftigt sich explizit mit dem Roman Die Eva der Zukunft von dem französischen Autor Auguste Villiers de l’Isle-Adam. Dieser verspätete romantische Schauer- und frühe Science-Fiction Roman diskutiert die Möglichkeit einer technisch konstruierbaren Frau.
Als Fortsetzungsroman wurde die Geschichte erstmalig in einer Zeitschrift im Jahre 1880/81 unter dem Titel L’Ève nouvelle publiziert. Die erste deutschsprachige Version Edisons Weib der Zukunft erschien 1909. In den 70er Jahren sicherte sich der Suhrkamp Verlag die Rechte an dem Roman und verlegte ihn in seiner Taschenbuchreihe Phantastische Bibliothek. Seit März diesen Jahres wird der Roman vom Manesse Verlag unter dem Titel Die künftige Eva erneut publiziert.
Seit vielen Jahren genießt der Roman einen gewissen Kultstatus im kultur- und literaturwissenschaftlichen Diskurs um den künstlichen Menschen. Denn bei Villiers werden auf faszinierende Weise zeitgenössische Geistesströmungen wie Fortschrittsglaube und Technikhörigkeit aufgenommen und ironisch gebrochen. Der Leser von heute, in Zeiten der Biotechnologie, erkennt, dass die aktuellen Fragen die Alten sind. Im gesamten Roman wird der weibliche Körper fast ausschließlich sprachlich, genauer im Dialog zwischen den beiden Protagonisten, hergestellt. „Dadurch erweist sich der Körper nicht mehr als von der Natur Gegebenes, Unveränderliches, sondern als gesellschaftlich und kulturell Konstruiertes, und zwar von den Protagonisten der Geschichte Fabriziertes.“ 1 Ausführlich werden über die Figuren verschiedene Modelle des Weiblichen diskutiert und somit zugleich verschiedene Varianten des männlichen Selbstverständnisses erörtert.
Zu Beginn der Arbeit wird zunächst eine kleine Einführung über das Motiv des künstlichen Menschen im Allgemeinen und seiner literarischen Verarbeitung im 19. Jahrhundert im Speziellen gegeben. Nach einer kurzen Darstellung der Symbolik der Eva-Figur widmet sich der weitere Verlauf dieser Ausarbeitung ihrer Schwerpunktsetztung: die Darstellung der weiblichen Figuren des Romans aus der Perspektive der männlichen Protagonisten. Abschließend werden meine Beobachtungen noch einmal zusammenfassend dargestellt.
Hilmes, Carola: Literarische Visionen einer künstlichen Eva. In: Kormann, Eva; Gilleir, Anke; Schlimmer, 1
Angelika (Hrsg.): Textmaschinenkörper. Genderorientierte Lektüre des Androiden. Amsterdam, New York 2006, S. 94.
3
1. Das Motiv des künstlichen Menschen
Das Motiv des künstlichen Menschen hat wandelbare Funktionen und kann sowohl als Metapher gelesen werden als auch ganz wörtlich gelten und erlaubt somit viele Lesarten. Oftmals evoziert es
„[…] Auseinandersetzungen mit Formen des menschlichen Selbstverständnisses, der Geschlechterverhältnisse und/oder sozialem, individuellem, künstlerischem oder technisch-wirtschaftlichem Handeln: Marionetten, Puppen, Automaten oder Maschinen lassen sich als Metapher für besondere menschliche Befindlichkeiten oder die allgemeine anthropologische Konstitution lesen.“ 2
Der künstliche Mensch taucht bereits in den frühesten Überlieferungen der griechischen und römischen Antike sowie jüdischen Tradition auf. Für das Thema dieser Arbeit von Bedeutung erscheinen besonders Hesiods Pandora- und Ovids Pygmalionmythos. Sie folgen beide der Struktur eines patriarchischen Gründungsmythos, deren Quintessenz darauf beruht, dass alles Böse auf der Welt von der Weiblichkeit ausgeht. Häufig hat dabei die „[…] künstliche Frauengestalt die in der Geschichte des Motivs immer wieder verwendete Funktion, einen Menschen in Liebe an sich zu fesseln“ 3 und ihn dabei ins Unglück zu stürzen.
Die Zeit um 1800 markiert, bedingt durch eine breite Rezeption der mystischen Stoffe, einen Höhepunkt der literarischen Auseinandersetzung mit den von Menschenhand geschaffenen künstlichen Menschen. Geprägt von technischen Errungenschaften der Zeit, spielt hierbei zunehmend eine technische Reproduzierbarkeit von Menschen eine entscheidende Rolle. Der Geschlechterdiskurs zu dieser Zeit ordnet das weibliche Geschlecht der Natur zu, während dem männlichen die Technik zuteil wird. Bei dieser Zuordnung sind der Natur Vokabeln wie wild, unbändig, unkontrollierbar und gefährlichen zugeschrieben. Mit zwei männlichen Strategien wird die natürliche Weiblichkeit nun zu zähmen versucht: „Einerseits haben die herrschenden Geschlechterdiskurse Natur weiblich konnotiert und damit als das Andere vom männlichen Subjekt weg definiert, und andererseits entwickelten die westlichen Gesellschaften immer ausgeprägtere Techniken der Naturbeherrschung, Produktion und schließlich auch Reproduktion.“ 4
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts und im Zuge der zunehmenden Industrialisierung wird die Angst vor der selbst erschaffenen Technik jedoch immer größer. Die Technik, geschaffen um Gefahren zu bannen und um die Natur berechenbar zu kontrollieren, kehrt sich um in das Gilleir, Anke; Kormann, Eva; Schlimmer, Angelika: Genderorientierte Lektüren des Androiden. Eine 2
Einführung. In: Dies. (Hrsg.): Textmaschinenkörper. Genderorientierte Lektüre des Androiden. Amsterdam, New York 2006, S. 9.
Frenzel, Elisabeth: Der künstliche Mensch. In: Ders.: Motive der Weltliteratur. Stuttgart 1988, S. 512. 3 Gillier 2006, S. 16. 4
4
Gegenteilige. Sie bedroht damit auch ihren Schöpfer, dem zur Abwehr die alte Strategie bleibt: „Das Ängstigende wird als das Andere, das Fremde und damit oft als das Weibliche kategorisiert.“ 5 Die künstliche Frau wird zu einer beliebten Reflexionsfigur. Auch findet die „komplementäre Dichotomie der Geschlechter“ zu dieser Zeit in „zunehmend dominant werdenden Wissenschaftsdiskursen“ ihren Niederschlag. 6 Gefangen im Spannungsverhältnis von alter und neuer Rollenverteilung wird sich um einen alternativen Umgang der Geschlechter miteinander, sowohl in der Literatur als auch im Leben, bemüht. In der Literatur wird diese Umbruchsituation der Geschlechtergrenzen oft mit dem Motiv des Maschinenmenschen zum Ausdruck gebracht.
Im Allgemeinen forciert das Motiv im 19. Jahrhundert Identitäts- und Wahrnehmungskrisen, reagiert auf soziokulturelle Umbruchprozesse und setzt sich daher oftmals mit der Frage der Selbstbestimmung des Menschen auseinander. Im Speziellen verdeutlicht die Diskussion um und die Konzentration auf weibliche Automaten „zum einen das Selbstkonstruierte unserer Welt und zum anderen das Mediale unserer Wahrnehmung.“ 7 Die Androiden als Romanfiguren versinnbildlichen daher einen posthumanen, technisch manipulierten Menschen in einer patriarchalischen Ordnung. „Nicht nur ist ihnen die klar umgrenzte Persönlichkeit versagt, in ihrer fluktuierenden Unbestimmtheit verschmelzen sie zur hybriden Gestalt der Ewigen Eva, deren Merkmale traditionellen Klischeevorstellungen entstammen.“ 8
1.1 Die ewige Eva
In der christlichen Theologie begegnet uns, neben dem wahrhaftigen und ersten männlichen Schöpfergott, mit dem ersten Menschenpaar in Eva die erste Frau der Welt. Von Gott aus einer Rippe Adams erschaffen soll sie ihm (Adam) zur Gesellschaft dienen. Während die reale Rolle der Frau stets von den ihrer Zeit / Epoche entsprechenden Bildungsbegriff und Zivilisationsideal geprägt wird, gilt das Wesen Evas als ein von gesellschaftlichen Konditionen befreites.
Jedoch ist es nicht nur die Wahrhaftigkeit, mit der sie in Verbindung gebracht wird. In erster Linie ist sie ein „Synonym für die Frau, die den Mann durch ihre Verführungskünste in Schwierigkeiten bringt.“ 9 So war sie es, die sich von der Schlange verführen ließ und
Ebd. S. 16. 5 Ebd. S. 10. 6
Gnüg, Hiltrud: Kult der Käalte: Der klassische Dandy im Spiegel der Weltliteratur. Stuttgart 1988, S. 82. 7
Hofmann, Werner: Evas neue Kleider. In: Ders (Hrsg.):Eva und die Zukunft. Das Bild der Frau seit der 8
Französischen Revolution. Hamburg 1986, 19f. Hilmes 2006, S. 91. 9
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Arbeit zitieren:
Anika Resing, 2009, Die neue Eva - Die männliche Version einer neuen Frau im technischen Zeitalter, München, GRIN Verlag GmbH
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