1. Einleitung: Textimmanentes Postulat eines Zeitverständnisses beim Leser
Sten Nadolny fokussiert in seinem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ 1 einen der wohl kompliziertesten und komplexesten Momente der Menschheit: Die Zeit. Durch den postmodernen Umgang mit der Relation Mensch und Zeit in seinem Werk, wirft er mehrere Ebenen von möglichem Verständnis der Zeit in den Raum und intendiert ebenso vielfältige Interpretationsmöglichkeiten beim Leser. Nadolnys Protagonist John Franklin interagiert - im Gegensatz zum historischen John Franklin 2 - durch die Besonderheit der Langsamkeit mit der textimmanenten Zeit: „John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, dass er keinen Ball fangen konnte. Er hielt für die anderen die Schnur. (...) Vielleicht war in ganz England keiner, der eine Stunde und länger nur stehen und eine Schnur halten konnte.“ 3 Da der Autor den Leser schon auf der ersten Seite mit der Besonderheit der Situation und dem damit zusammenhängenden Verständnis von Zeit konfrontiert, wird dadurch bereits implizit vom Leser die Konstruktionsarbeit bezüglich eines eigenen Zeitverständnisses als Maßstab für den weiteren Handlungsverlauf gefordert. Indem Nadolny seine Romanfigur immer wieder selbstreflexive Überlegungen zu dessen Zeitverständnis und dem daran angeknüpften Weltbild anstellen lässt, zwingt er den Leser durch diese Technik dazu, sein eigenes Verständnis des Komplexes mit in Frage zu stellen: „Er fühlte sich so jung, dass er direkt darüber nachdenken musste: Vielleicht war er es wirklich! Woher weiß ich denn, dachte er, dass ich auf dieselbe Weise über dreißig bin, wie die anderen? Wenn ich nachgehe wie eine Uhr, dann dauert es auch länger, bis ich abgelaufen bin. Also bin ich vielleicht erst zwanzig.“ 4 Insofern kann es keineswegs verwundern, wenn der Schriftsteller die Multiplexität der Thematik in einer mehrschichtigen Struktur behandelt. So kontrastiert er die Langsamkeit des Protagonisten im - bis dato - vermeintlich schnellsten Zeitalter der Menschheitsgeschichte, nämlich der Industrialisierung, während er zugleich die Schnelllebigkeit des Entwicklungsprozesses der Gesellschaft einer naturgewaltigen Welt des „ewigen Eises“ gegenüberstellt, in der weder Zeit noch Geschwindigkeit irgendeine relevante Bedeutung erfahren. Durch die Divergenz in der Figur John Franklins durch sein angeborenes Geschwindigkeitsdefizit einerseits und dem diesbezüglich scheinbar opponierenden Erfolg in der Gesellschaft andererseits, wird eine interaktionierende Spannung zwischen der intrapersonalen Welt der Hauptfigur und der historistischen Romanwelt als
1 Nadolny, Sten: Die Entdeckung der Langsamkeit, München 1987.
2 Vgl.: Kohpeiß, Ralph: Oldenburg Interpretationen zu Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit,
München 1995, S. 33ff.
3 Nadolny: Entdeckung der Langsamkeit, S 9.
4 Ibid, S. 193.
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Rahmenbedingung geschaffen. Der Romanheld wird hier zu einem personifizierten Anachronismus, der nicht aus seiner Zeitachse ausbricht, sondern diese nur alternativ rezipiert: „Wie lange etwas dauert und wie plötzlich es anders sein kann“, sagte Franklin, „steht nicht fest, es hängt vielmehr von jedem einzelnen ab. Ich hatte genug Mühe damit, das zu akzeptieren: meine eigene Geschwindigkeit, und die Art, wie sich die Welt für mich bewegt.“ 5 Im Roman treffen folglich Zeitbegriffe aus Wissenschaft und Technik auf die Vorstellung von Zeit in philosophischen Selbstreflexionen, die kosmische Zeit in Form von Zeitstrukturierung durch Intervalle steht der natürlichen Zeit sowie der erlebten oder gefühlten Zeit gegenüber und der Terminus selbst wird immer wieder mit Geschwindigkeit, Langsamkeit und Wahrnehmung in einen Kausalzusammenhang gestellt. Neben der textimmanenten Unsicherheit des Zeitbegriffs wird der Leser noch durch das Autorenspiel mit erzählter Zeit und Erzählzeit angeregt, ebenso wie von Gedankenanstößen zu fiktiver und historischer Zeit, um am Ende festzustellen, dass die Zeit des Romans durch die Lesedauer nicht überwindbar war. 6
Von entscheidender Relevanz wird sowohl für John Franklin als auch für den Leser die Tatsache, dass Zeit als Komplex nur in Abgrenzung zu einer definierten Materie verstanden werden kann. Die Romanfigur versteht Zeit intrapersonal als Manifestation der eigenen Langsamkeit, gemessen an der Geschwindigkeit der Anderen oder der Gesellschaft als solchen. Funktionalistisch sieht Franklin die Zeit als messbare Größe, der beizukommen durch Intervallisierung allein bewerkstelligt werden kann und die sich somit in ihrer eigenen Funktion erschöpft, aber dennoch und trotz aller Bemühungen nicht greifbar wird und von der Subjektivität der Emotionalität nicht gelöst werden kann: „Dann die Chronometer (...)-, und jeder ging auf seine Weise ein wenig vor oder nach. Nur gemeinsam verbürgten sie Genauigkeit. Durch ständiges Vergleichen kam jede Eigenwilligkeit des einzelnen sofort an den Tag. Uhren waren Geschöpfe.“ 7 Für den Leser dagegen bleibt nur die Möglichkeit, das eigene Zeitverständnis in den Hintergrund rücken zu lassen und die Zeit durch die Augen von Franklin zu sehen und aus seinem Wechselspiel mit der Historizität seiner (Roman-)Welt heraus zu begreifen zu suchen. Folgerichtig muss sich der Leser für das Verständnis dieses Werks ein neues Zeitverständnis konstruieren, das sich zwar an bekanntem Wissen und an Vorverständnissen orientieren kann, aber die Besonderheiten der textimmanenten Blickwinkel als Konstituenten benötigt.
5 Ibid, S. 278.
6 Vgl.: Holl, Oskar: Der Roman als Funktion und Überwindung der Zeit, Bonn 1968, S. 198ff.
7 Nadolny: Entdeckung der Langsamkeit, S. 81.
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2. Was ist Zeit? Versuch einer Einheit auf physikalischer, philosophischer und literarischer Definition
Als Voraussetzung für das Verständnis des Zeitinterferenzproblems in Nadolnys Werk sollen im folgenden Kapitel einige Perspektiven auf den Themenkomplex Zeit differenziert dargestellt und unter Licht des Romans gegeneinander abgegrenzt werden. Zunächst hat sich im Laufe der jahrhunderte- und jahrtausendelangen Beschäftigung mit der Thematik immer wieder ergeben, dass kaum eine fachwissenschaftlich trennscharfe Möglichkeit besteht, um zu Ergebnissen zu kommen. Aurelius Augustinus hat sich bereits im Jahr 398 in seinem Werk „confessiones“ mit der Frage beschäftigt, was Zeit ist. Sein theologisch-philosophischer Ansatz wurde noch im 20. Jahrhundert von führenden Physikern in nicht unbedeutenden Punkten bestätigt und liefert in dieser Kombination immer noch eine unermessliche Stofffülle an Adaptionsvorlagen für die Literatur. Auch wenn sich Augustinus selbst an mehrfacher Stelle 8 eingestehen muss, kein Verständnis oder keinen Begriff von Zeit zu haben, so findet er doch zu der Vorstellung, dass die gefühlte Vorstellung von Länge und Kürze von Zeit keiner realen Zeit entspricht, da Zeit nur der ins unendliche verkürzte Augenblick dessen ist, was wir Gegenwart nennen: „Die gegenwärtige Zeit aber hat keine Dauer.“ 9 Damit widerspricht Augustinus einem anderen großen Philosophen der Antike, nämlich Aristoteles, der sagt „die Zeit ist nicht die Bewegung, sondern das Abzählbare an ihr.“ 10 Aristoteles erfasste Zeit als das, was sie auch im Alltagsverständnis der Moderne immer noch ist: Als eine Einteilung des phänomenologisch wahrnehmbaren Vergehens in Intervalle 11 . Augustinus wollte für sich selbst ein darüber hinausreichendes Verständnis von Zeit entdecken und fragte nach „Kraft und Wesen der Zeit.“ 12 An diesem Punkt ist der Bischof von Hippo Regius 13 mit seinem Latein am Ende, doch der Philosoph Immanuel Kant umgeht dieses Problem durch die Antinomie der reinen Vernunft, indem er Zeit nicht als empirische Realität versteht, sondern als a posteriorische Form unseres Bewusstseins. 14 Philosophisch stößt die oder besser eine Definition von Zeit also an ihre Grenzen, weil sie immer der eigenen Wahrnehmung unterworfen bleibt. Nichtsdestoweniger haben die Physiker und Naturwissenschaftler auf den Überlegungen der Philosophen aufbauend das Problem auf eine andere Ebene gehoben und entsprechende Lösungen präsentiert: Isaak Newton war der erste, der zwischen absoluter und
8 Vgl.: Augustinus, Aurelius: Was ist Zeit? (Confessiones 11), Hamburg 2000, S. 23ff.
9 Ibid, S. 49.
10 Mainzer, Klaus: Zeit, München 1995, S. 23.
11 Z.B. Jahre, Wochen, Tage, Stunden, Minuten usw.
12 Augustinus: Was ist Zeit?, S. 41.
13 Vgl.: Der Brockhaus multimedial 2002, Suchbegriff: Augustinus.
14 Vgl.: Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, Köln 1995, S. 415ff.
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relativer Zeit differenzierte und so Zeit in eine Abhängigkeit von Geschwindigkeit stellte, mit dem Ergebnis, dass Aristoteles´ Postulat nach Zeitmessung zumindest in einem absoluten Sinn nicht mehr als sicheres Wissen gelten kann. 15 Als Albert Einstein seine Relativitätstheorie entwickelte, stellte er damit die Größen Raum und Zeit in einen unauflöslichen Kausalnexus und gab der Zeit physikalisch gesehen sogar eine Form. 16 Da Einstein bewiesen hat, dass Raum und Zeit in ihrer Interdependenz Veränderung im Sinn von Raum-Zeit-Krümmung wiederfahren kann, bringt dies das Potential von Veränderung in die bis dato angenommene Konstanz der Thematik. Die Forscher Penrose und Hawking haben schließlich bewiesen, dass es mit der Singularität des Raumes auch die der Zeit geben muss und geben damit wiederum Kirchenvater Augustinus Recht, der bereits gesagt hat, vor der Erschaffung der Welt gab es keine Zeit. 17 Die neueste Forschung arbeitet mit der Hypothese von imaginärer Zeit, die zwar durch irreale Voraussetzungen Schlussfolgerungen für die Realität ausschließt, aber empirisch dennoch immer wieder Bestätigung erfährt. 18 Der krönende Höhepunkt im Kontext mit Nadolnys Roman ist hierbei, dass unter der Berechnung eines Universummodells, welches auf imaginären Zahlen besteht, die Zeit an Nord- und Südpol stehen bleiben würde. 19
Alle physikalischen Erkenntnisse, philosophischen Überlegungen und „spekulativen Wahrheiten“ werden in der Literatur wiederum ganz anderen Regeln unterworfen: „Erzählen ist ein Modus subjektiver Zeiterfahrung“ 20 ; dem Roman gelingt, was dem Menschen der Realität verwehrt bleibt: Das Spiel mit der Zeit wird zur unendlichen Möglichkeit, ebenso wie das kognitive und emotionale Verständnis davon durch den Leser. Nadolny arbeitet in seinem Werk basierend auf einem allgemeinverständlichen Zeitbegriff eine fiktive Situation aus, in der sich die vermeintlich gültigen Vorstellungen von Zeit sowohl für die Protagonisten wie auch für den Leser langsam auflösen und neu konstruiert werden: Zeit wird zu einem „vom Beobachter abhängigen sozialen Konstrukt.“ 21 John Franklin wird vom Leser ebenso wie von seiner intratextuellen Umwelt als langsam wahrgenommen und entwickelt daraufhin - indem er sich selbst an seiner Umwelt misst - sein eigenes Verständnis von Zeit und Geschwindigkeit. Nadolny bricht eine Konvention allgemeingültigen Verständnisses auf,
15 Vgl.: Mainzer: Zeit, Kap. II.
16 Vgl.: Hawking, Stephen: Das Universum in der Nussschale, Hamburg 2001, S 42f.
17 Ibid, S. 49f.
18 Ibid, S. 65.
19 Ibid, S. 69.
20 Middeke, Martin: Zeit und Roman: Zur Einführung, S. 1-20 in: Middeke, Martin (Hrsg.): Zeit und Roman,
Würzburg 2002, S. 4f.
21 Nünning, Ansgar: Moving back and forward in time - Zur Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitstrukturen und
Zeitkonzeptionen im englischen Roman der Gegenwart, S. 395 bis 425, in Middeke, Martin (Hrsg.): Zeit und
Roman, Würzburg 2002, S. 399.
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wenn er einen als konstant gedachten Faktor mittels veränderter Komparationsmöglichkeiten auf die Ebene der Unsicherheit hebt. Der Leser wird dadurch mit der Situation konfrontiert, dass er darüber nachdenken muss, woran er seine eigene Geschwindigkeit messen kann und ihm schlussendlich - wie John Franklin - nur die Möglichkeit zum Vergleich mit Anderen bleibt, nicht aber mit der Eigentlichkeit der Zeit: „Im Sprechen über die Zeit reflektiert der Mensch sein Verhältnis zu sich selbst, zur Natur und zu der geschichtlichen Welt des Sozialen im Horizont von Dauer und Wechsel, von Wiederholung, Veränderung und Verlust, von Erinnerung und Erwartung, und zwar vor allem dann, wenn diese Verhältnisse problematisch werden und neuer Bestimmung und Sinngebung bedürfen.“ 22 In diese Situation und damit in die Unsicherheit der Lebenswelt von John Franklin wird der Leser eingeführt und bis zum Romanende nicht mehr freigelassen, als der Protagonist in seinen einleitenden Gedanken die Kirchturmuhr betrachtet: „Nur einen Zeiger gab es, und der musste dreimal am Tag vorgerückt werden. John hatte eine Bemerkung gehört, die ihn mit dem eigensinnigen Uhrwerk in Verbindung bracht. Verstanden hatte er sie nicht, aber er fand seitdem, die Uhr habe mit ihm zu tun.“ 23
3. Spiel mit erzählter Zeit und Erzählzeit
Der Autor reguliert das romanimmanente Zeitsystem auf mehreren funktionales Ebenen und findet immer wieder adäquate Möglichkeiten, interferierende Zeitsysteme zu verknüpfen oder zu kontrastieren. Bereits im ersten Kapitel des Werkes wird der Leser mit der Langsamkeit des Romanhelden vertraut gemacht, indem es ihm erlaubt wird, den Gedanken John Franklins in dessen Eigentümlichkeit zur Geschwindigkeit der Anderen Romanfiguren abgegrenzt mitzuerleben: „Während John das noch zu sehen meinte, zog ihn jemand von hinten an den Haaren. Wie war Tom dorthin gekommen, da fehlte schon wieder ein Stück Zeit.“ 24 Während der Leser an Franklins Innensicht teilnehmen darf, fehlt ihm wie dem Protagonisten selbst das Geschehen der Romanumwelt, damit wird der Leser in die gleiche Langsamkeit gezwängt, die der Hauptfigur zu eigen ist. Diese theoretisch selbstverständliche Tatsache der literarischen Innenperspektive bekommt bei Nadolny eine besondere Konnotation, da der Leser durch diese Technik die Besonderheit der Romanfigur miterleben kann. John Franklin als Erzähler neutralisiert die historische Zeit, er ist frei von den Bindungen, die die Wiedereinschreibung
22 Göttsche, Dirk: Zeit im Roman, München 2001, S. 26.
23 Nadolny: Entdeckung der Langsamkeit, S. 11.
24 Ibid, S. 14f.
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Arbeit zitieren:
Simon Baar, 2006, Die Bedeutung von Zeit in Sten Nadolnys "Die Entdeckung der Langsamkeit", München, GRIN Verlag GmbH
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