1) Hagen - eine Figur und ihre Motivation
Hagen von Tronje polarisiert. Diesen Eindruck gewinnt der Rezipient beim Lesen des Nibelungenliedes und er wird widergespiegelt in den zum Teil sehr konträren Forschungsmeinungen. So gehen die Ansichten über ihn, vom Paradevasall, „der aus Treue tötet und aus Treue in den Tod geht“ 1 über den „niederträchtigen Intriganten“ 2 hin zur „demonic presence“ 3 , deutlich auseinander. Doch nicht nur für den Hörer, beziehungsweise heute den Leser, hat Hagen diese Wirkung, sondern auch intratextuell wissen die anderen Protagonisten ihn nicht eindeutig einzuordnen: Kriemhild durchschaut ihn erst, als es viel zu spät ist, die Meinung der Könige über ihn schwankt, zumindest zeitweise, Freunde und Verwandte wie Volker, Dankwart oder Rumolt solidarisieren sich ohne Abstriche mit ihm, während er sich am Hunnenhof, trotz seines vorauseilenden und durchaus heldenhaften Rufes, schnell Feinde macht. Die daraus resultierende Vielschichtigkeit Hagens hat in der Forschung des vergangenen Jahrhunderts immer wieder dazu verleitet, „zwei Hagens“ anzunehmen, einen vor und einen nach dem Donauübergang. Dass sich sein Verhalten im Verlauf des Nibelungenliedes zum Teil in radikaler Form verändert oder verschärft hat, ist nicht zu bestreiten. Doch daraus die Annahme abzuleiten, dass Hagen mit zwei Maßstäben interpretiert werden muss, untergräbt von vornherein die Möglichkeit einer Charakterisierung dieses Protagonisten: …the idea of two Hagens and two Kriemhilds is unacceptable. 4 Die Aufgabe dieser Arbeit soll darin liegen, ein Charakterkonzept Hagens zu erstellen, welches seine ambivalenten Handlungen und sein polarisierendes Verhalten erklärt und in einen Gesamtzusammenhang stellt mit seinem Umfeld. Die Annahme geht dahin, dass Hagen nach einem in sich schlüssigen Konzept entwickelt ist und seine Rolle keinem grundlegenden oder sogar sprunghaften Wandel unterliegt, sondern einem dynamischen Prozess folgt, der jedoch nicht über die Grenzen seines von Beginn an angelegten Charakterprofils hinausgeht. Deshalb konzentriert sich der Schwerpunkt der Arbeit auf die Motive, die Hagen zu seinen Handlungen veranlassen, seien sie charakterintern angelegt oder situativ bedingt. Die Komplexität dieses Epos´ konstituiert sich nicht zu Letzt aus der Vielschichtigkeit seiner Protagonisten und der Interaktionen miteinander, insofern ist es legitim, die Tiefe der Rollen und Charaktere, und in diesem Fall der Hagens, zu ergründen, um sich einem Gesamtverständnis weiter anzunähern. Gerade der Tronjer wirft eine Vielzahl von, auf den ersten Blick, schwer zu interpretierenden Fragen auf: Warum treibt er mir solchem Fatalismus
1 Vgl. Hansen, Walter: Die Spur der Helden, Bergisch Gladbach 1988, S. 89.
2 Vgl. Fechter, Werner: Siegfrieds Schuld und das Weltbild des Nibelungenliedes, Hamburg 1948, S. 41.
3 Vgl. Dickerson, Harold jr.: Hagen - A negative view, S. 43 - 59, in: Semasia 2 (Hrsg. Anderson, R. u.a.),
Amsterdam 1975, S. 51.
4 Ebd., S. 44.
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den Untergang der Burgunder voran? Warum quält er Kriemhild bei jeder Gelegenheit, nachdem er Siegfried ermordet hat? Warum handelt er überhaupt so, wie er handelt, anstatt sich, seinem Status entsprechend, als loyaler Vasall zu verhalten? Oder tut er genau dies in letzter Konsequenz? Lassen sich (…) andere Formen der Verknüpfung als eine kausal motivierende ausmachen? 5 Die Handlung einer Geschichte wird durch das Agieren ihrer Charaktere bedingt, diese wiederum werden durch ihre Motivationsstrukturen konstituiert. Insofern kann es ein Ansatzpunkt einer Interpretation sein, über die Motive der Rollen Zugang zu einem Gesamtverständnis einer Figur und des Geschehens zu bekommen, und dieser Weg soll in dieser Arbeit beschritten werden.
An dieser Stelle bleiben noch einige „technische“ Anmerkungen zu machen: Zum einen werden für die Interpretation die „Leithandschriften“ 6 B und C zu Grunde gelegt, auch wenn ein gelegentlicher Blick auf die Fassung A geworfen wird. Alle anderen Textgrundlagen werden bewusst außer Acht gelassen, um einen angemessenen Rahmen zu schaffen und sich nicht in einer zu detaillierten Textforschung zu verlieren. Und obwohl Fassung C vermeintlich einen „ursprünglicheren“ 7 oder „älteren Text“ 8 bietet, wird als Grundlage für diese Arbeit primär auf Handschrift B zurückgegriffen, da sie eine weniger pejorative Konnotation auf die Charaktere, insbesondere Hagen, legt. Natürlich werden die Schlüsselstellen ohnehin im Vergleich beider Fassungen gelesen, um ein umfangreiches Verständnis entwickeln zu können. Zum anderen werden für die Schreibung die Namen der handelnden Rollen zu Gunsten eines einheitlichen Bildes egalisiert und Abweichungen finden sich nur in den Quellen oder der zitierten Sekundärliteratur.
Des weiteren werden stoffgeschichtliche Zusammenhänge zur zeitnahen Literatur, vor allem der Edda und der Thidrekssaga eine Rolle spielen, deren Kenntnis beim unbekannten Verfasser des Nibelungenliedes historisch zwar nicht nachgewiesen werden kann, deren inhaltlicher Nexus zum hier behandelten Epos aber nicht von der Hand zu weisen ist. Insofern darf durchaus unterstellt werden, dass dieser Sagenkreis im ausgehenden 12. Jahrhundert beziehungsweise in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts bei den Dichtern allgemein bekannt war. Diese Sagen für Hintergrundwissen heranzuziehen, ist dementsprechend keine Spekulation, sondern unabdingbarer Bestandteil der Forschung, wenn man ein möglichst
5 Müller, Jan-Dirk: Motivationsstrukturen und personale Identität im Nibelungenlied, S. 221 - 256, in:
Nibelungenlied und Klage (Hrsg. Knapp, F.P.), Heidelberg 1987, S. 224.
6 Vgl. Becker, Peter Jörg: Helden- und Dietrichsepik, S. 40 - 57, in: Becker, P.J./Overgaauw, E. (Hrsg.):
Aderlass und Seelentrost, Mainz 2003, S. 41.
7 Vgl. Betz, Werner: Plädoyer für C als Weg zum älteren Nibelungenlied, S. 331 - 342, in: Mediævalia litteraria
(Hrsg. Hennig, U.) Festschrift für Helmut deBoor zum 80. Geburtstag, München 1971, S. 44.
8 Vgl. Heinzle, Joachim: Zweimal Hagen oder: Rezeption als Sinnunterstellung, S. 21 - 42, in: Die Nibelungen -
Ein deutscher Wahn, ein deutscher Alptraum (Hrsg. Heinzle, J.), Frankfurt a.M. 1991, S. 27.
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umfangreiches und vor allem vollständiges Bild eines Textes, oder, wie in diesem Fall, eines Handlungsträgers erarbeiten will.
2) Charakterisierung der Hagenfigur
a. Die Vorgeschichte Hagens und das Wissen über seine Person
Obgleich Hagen einer der wenigen Charaktere des Nibelungenliedes ist, über dessen Abstammung und Vorgeschichte detailliertere Angaben gemacht werden als die Nennung des Vaternamens und des Heimatortes, so weiß man aus heutiger Sicht über ihn als Person doch weit mehr durch die literarischen Überlieferungen aus dem zeitlichen Umfeld des Epos´. Im Nibelungenlied selbst wird Hagens direkter Vorfahre erst in Vers B 1750,2 (B 1753,2) erwähnt:
er ist geborn von Tronege, sin vater hiez Aldrian 9
Es lässt sich noch eine kleinere Genealogie mit seinem Bruder Dankwart und seinem Neffen Ortwin erstellen 10 , doch damit endet unser Wissen um Hagens verwandtschaftliches Umfeld. Anders jedoch muss es dem mittelalterlichen Hörer ergangen sein, der die Charaktere und Kernpunkte dieses Epos´ nicht nur aus einer Textfassung gekannt haben dürfte 11 . Ohne den mittelalterlichen Rezipienten eine Selbstverständlichkeit an weiterführendem Wissen um die Handlungsträger und Wirkungsgeschichte des Nibelungenliedes suggerieren zu wollen, muss es doch zumindest graduell als gegeben angenommen werden, wenn man die Tragweite des Stoffes bedenkt. So wird die Nennung Aldrians als Hagens Vater zu einer beinahe zynischen Anspielung auf seinen mythologischen Hintergrund, schließlich kennen sowohl die Thidrekssaga 12 als auch die verschiedenen Lieder der Edda 13 den Helden als Bastardsohn eines Alben. Auch wird Högni in der Thidrekssaga zu einem Halbbruder Gunters und Grimhilds erhoben 14 , während die Snorra Edda ihn sogar als leiblichen Bruder des Königs kennt. 15 Das Nibelungenlied bleibt in dieser Hinsicht dagegen sehr vage: Zwar bezeichnet Gunter Hagens Neffen Ortwin in B 536,1 (B 539,1) als liebem næven min 16 , was damit auch
9 Batts, Michael (Hrsg.): Das Nibelungenlied - Paralleldruck der Handschriften A, B und C nebst Lesarten der
übrigen Handschriften, Tübingen 1971, S. 533.
10 Vgl. Hucker, Bernd Ulrich: drier künege man - königliche Hofämter im Nibelungenlied, S. 103 - 122, in:
Breuer, J. (Hrsg.): Ze Lorse bi dem münster, München 2006, S. 106.
11 Vgl. Heinzle: Zweimal Hagen, S. 21.
12 Vgl. Lönnendonker, Norbert: Als die Götter noch jung waren, Berlin 2003, S. 189.
13 Vgl. Lapp, Norbert: Faszination Nibelungen, Frankfurt 2005, S. 154.
14 Vgl. Reichert, Hermann: Nibelungenlied und Nibelungensage, Wien/Köln 1985, S. 104.
15 Vgl. ebd. S. 90.
16 Batts: Nibelungenlied, S. 165.
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seinen Oheim Hagen zum Blutsverwandten des burgundischen Königs machen würde 17 , doch sollte die Tragweite einer solchen Bezeichnung nicht überinterpretiert werden. Vielmehr machen sowohl der Text in seiner gesamten Konzeption, aber auch die zeitnahen anderen Überlieferungen der Thematik deutlich, dass Hagen auch ohne dass er als „mac“ 18 des Königshauses definiert ist, den Status eines solchen genießt 19 . Weiterführende Informationen zu Hagens Vorgeschichte lassen sich aus Etzels Aussage entnehmen, dass Aldrian sein Vasall war 20 . Dass Hagen als Kind als Bürge 21 am hunnischen Hof war und vom König später in seine nicht näher spezifizierte Heimat geschickt wurde 22 , wird im Zusammenhang mit dem entflohenen Walter genannt. Diesen Kontext wiederum beleuchtet erneut die Thidrekssaga, denn dort verliert der junge Hagen ein Auge als er eben jenen Flüchtigen im Auftrag des Königs zurückbringt. 23 Im Nibelungentext wird Hagen nicht als einäugig dargestellt, doch die wiederkehrende Beschreibung seines Äußeren als unansehnlich 24 wird legitimerweise von manchen Autoren als Anspielung auf die diesbezügliche Entstelltheit seines Gesichtes verstanden. 25 Allerdings erfüllt die Einäugigkeit Hagens noch einen weiteren Zweck, indem sie dem Helden bereits äußerlich eine mythologische Nuance verleiht und eine Parallelisierung zum nordischen Gott Odin erlaubt. 26 So darf es angesichts der mythologischen Verortung Hagens durch andere Texte mit der Nibelungenthematik nicht verwundern, dass seine Charakterisierung über-menschlich und sagen-haft im jeweils wörtlichsten Sinne des Wortes ausfällt und sein Tod in der Strophe 24 des Atli-Liedes den Klimax in der Spannungskurve des eigenen Mythos darstellt, wenn er lacht während ihm das Herz herausgeschnitten wird. 27 Als Sohn eines Alben und einer betrunkenen Königin 28 , mit dem „göttlichen Makel“ der Einäugigkeit, während der Kindheit einem Troll ähnlicher als einem Menschen 29 und mit den vielen weiteren mythologischen und
17 Vgl. Smits, Kathryn: Die „Stimmen“ des schweigenden Königs, S. 23 - 46, in: Literaturwissenschaftliches
Jahrbuch 27 (Hrsg. Kunisch, H.), Berlin 1986, S. 24f.
18 Singer, Johannes: Mittelhochdeutscher Grundwortschatz, Paderborn 2001, S. 46.
19 Tatsächlich hat er - wie die weitere Untersuchung zeigen wird - nicht nur einen solchen Status inne, sondern
übertrifft ihn in seinen Eigenmächtigkeiten sogar weitestgehend.
20 B 1752,1 (B 1755,1) in: Batts: Nibelungenlied, S. 533.
21 In B 1753,2 (B 1756,2) wird Hagen als gisel bezeichnet, doch der freundschaftliche um nicht zu sagen
sentimentale Ton in Etzels Erinnerungen legt die Annahme nahe, dass er eher die Funktion eines Bürgen als die
einer Geisel erfüllt hat, vgl. Batts: Nibelungenlied, S. 535.
22 B 1753, 2-4 (B 1756, 2-4) in: ebd., S. 535.
23 Vgl. Badenhausen, Rolf: Die Nibelungen. Dichtung und Wahrheit, Bielsko-Biala 2005, S. 66.
24 Beispielsweise in B 1731 in Batts: Nibelungenlied, S. 527.
25 Vgl. Ehrismann, Otfried: Das Nibelungenlied, München 2005, S. 58.
26 Vgl. Lönnendonker: Als die Götter…, S. 189.
27 Vgl. Häny, Arthur (ÜS): Die Edda: Götter- und Heldenlieder der Germanen, Zürich 1987, S. 427.
28 Vgl. Lapp: Faszination Nibelungen, S. 154.
29 Vgl. Fechter: Siegfrieds Schuld, S. 62.
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moralisch zweifelhaften Charakteristika 30 seiner Person wurde Hagen von den frühesten Interpretationen des Nibelungenliedes 31 bis in die jüngste Forschung mit Attributen wie Hinterhältigkeit, Verrat und Mordgier stigmatisiert, wozu folgender Ausspruch als Paradebeispiel dienen mag: Albisch aber heißt fast so viel wie teuflisch. 32
Festzuhalten bleibt, dass für einen Hörer aus dem 13. Jahrhundert ein deutlich besseres Bild von der Figur des Hagens bestanden haben dürfte, als es das Nibelungenlied dem heutigen neuzeitlichen Leser vermitteln kann. Insofern scheint es durchaus legitim, das einschlägige Hintergrundwissen um Hagen aus den genannten Sagen und Epen für eine Charakterisierung der Hagenfigur des Nibelungenliedes heranzuziehen und bei der Interpretation seiner Handlungsmotive einzubeziehen. 33
b. Das Bild Hagens aus der Perspektive anderer Charaktere und in der Wertung des Verfassers des Nibelungenliedes
Nicht nur die Forschung 34 hat im Laufe der Zeit Hagen ambivalent beurteilt, sondern auch innerhalb des Nibelungenliedes selbst opponieren bezüglich seiner Person die Meinungen derer, die ihn kennen oder zu kennen glauben. Dieser Dissens wird bereits vom Dichter impliziert, der Hagen mit beinahe sprunghaftem Wechsel be- und verurteilt 35 . Schon äußerlich erfüllt er einerseits ein Schönheitsideal eines altgermanischen Kriegers mit seiner Größe, seiner breiten Brust, seinen langen Beinen und seinem hêrlîchen ganc 36 , doch andererseits wirkt er so Furcht einflößend, dass die Frauen (in B 1662,3-4 (B 1665, 3-4) ist es Rüdegers Tochter) vor ihm zurückweichen: ir vater hiez in chvssen; do blichte si in an. er dvhte si so vorhtlich, daz siz vil gerne hete lan. 37
30 Vergleiche dazu die folgenden Kapitel.
31 Zum Beispiel bereits in der Nibelungenklage in B 1301: ez wære von sînen schulden. Bumke, Joachim (Hrsg.):
Die Nibelungenklage - Synoptische Ausgabe aller vier Fassungen, Berlin 1999, S. 208.
32 Fechter: Siegfrieds Schuld, S. 63.
33 An dieser Stelle sei der Vollständigkeit halber noch angemerkt, dass es für die Konzeption dieser Arbeit
unnötig zu sein scheint, sich auf Spekulationen um eine geographische Verortung der Herkunft Hagens
einzulassen und den damit verbundenen Namen Tronege bzw. Trony zu ergründen. Diese Figur erhält ihre
Komplexität und Tiefedurch ihre mythologische und kontextuelle Dichte und nicht durch einen bestenfalls vagen
historischen Bezug.
34 Vgl. Sattel, Sabine: Das Nibelungenlied in der wissenschaftlichen Literatur zwischen 1945 und 1985,
Frankfurt 2000, S. 377ff.
35 Vgl.: Hoffmann, Werner: Das Nibelungenlied, S. 5 - 136, in: Grundlagen und Gedanken zum Verständnis
erzählender Literatur (Hrsg. Roloff, H.-G.), Frankfurt 1987, S. 61.
36 B 1731 in: Batts: Nibelungenlied, S. 527.
37 Batts: Nibelungenlied, S. 507.
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Dass Hagen antonyme Attribute wie grivlich 38 und herlich 39 in seiner Anatomie vereinigt 40 , spiegelt sich im gleichermaßen gegensätzlichen Urteil der beiden großen Königshäuser außerhalb des Reiches der Burgunder 41 über seine Person wider: Sigmund belegt Hagen in nur einer Zeile, B 52,2 (B 54,2), mit den Untugenden der vbermvte 42 und der hohverte 43 und beschreibt ihn damit mit einer deutlich negativen Konnotation, während Etzel, trotz aller Warnungen, Hagen nicht einmal für grimmech 44 hält. In der Beurteilung durch eher zweitrangige Meinungen wie beispielsweise der des Küchenmeisters Rumolt deutet sich in B 1462 (B 1469) 45 Hagens hoher moralischer Status an, welcher in B 1523,2 (B 1526,2)sogar pauschalisiert wird, wenn Hagen, vermeintlich der niederträchtige Intrigant 46 , der Vertreter der dunklen Mächte 47 , der goldgierige(…) Verräter 48 und nachgewiesenermaßen der Mörder Siegfrieds zum helflicher trost 49 der Nibelungen erklärt wird. Der daraus resultierende Ruf bringt ihm bei den Hunnen zunächst sogar einen eher aufgewerteten Nimbus ein, denn beim Einzug an Etzels Hof ist Hagen der mit Spannung erwartete Held, trotz oder gerade wegen des vollen Bewusstseins, dass er den ersten Mann ihrer jetzigen Königin slvch 50 . Erst durch ihre Treuepflichten zu ihrer Landesherrin wird Hagen für die Hunnen zum dark hero 51 stilisiert und zum Staatsfeind ihres Hofes erhoben. Doch mag Hagen, der als einer von nur drei Personen des Nibelungenliedes als tivfel 52 bezeichnet wird, auch die treibende Kraft des Burgundenuntergangs 53 und somit der Hauptverantwortliche für über 10 000 Tote auf eigener Seite 54 sein, so stehen dem ungebrochene und tiefgehende persönliche Verknüpfungen mit einzelnen anderen Protagonisten gegenüber, die in der Wichtigkeit einer Rollenhierarchie im
38 B 411,1 (B 413,1) in Batts: Nibelungelied, S. 127.
39 B 1731,4 (B 1734,4) in Batts: Nibelungenlied, S. 527.
40 Vgl. Ehrismann, Otfried: Strategie und Schicksal - Hagen, S. 89 - 116, in: Literarische Symbolfiguren (Hrsg.
Wunderlich, W.), Bern/Stuttgart 1989, S. 91.
41 Der Hof Sigemunds und der Hof Etzels.
42 Vgl. Batts: Nibelungenlied, S. 19.
43 Ebd. S. 19.
44 B 1751,1 (B 1754,1) in Batts: Nibelungenlied, S. 533.
45 nach iwer selbes willen, wand ir habet vollen rat. ich wæne niht daz Hagene ivch noch vergiselt hat. Batts:
Nibelungenlied, S. 445.
46 Fechter: Siegfrieds Schuld, S. 43.
47 Stout, J.: und ouch hagene, Groningen 1963, S. 230.
48 Stecher, Sabine: Die Personengestaltung im Nibelungenlied im Spannungsfeld von Stofftradition und
Erzählstruktur (Magisterarbeit Universität Regensburg), Regensburg 1983, S. 54.
49 Batts: Nibelungenlied, S. 465.
50 B 1730, 2 (B 1733,2) in: Batts: Nibelungenlied, S. 527.
51 Haymes, Edward R.: The Nibelungenlied - History and Interpretation, Chicago 1986, S. 79.
52 B 2308,4 (B 2311,4) in Batts: Nibelungenlied, S. 703.
Zwar müssen die meisten Stellen des Nibelungenliedes, in denen vom tivel gesprochen wird, als unbedachte
Ausrufe angenommen werden, jedoch gibt es - vor allem im Zusammenhang mit Hagen - auch tatsächlich ernst
gemeinte Vergleiche mit dem Teufel, Vgl.: Kuhn, Hans: Der Teufel im Nibelungenlied, S. 333 - 366, in:
Nibelungenlied und Kudrun (Hrsg. Rupp, H.), Darmstadt 1976, S. 333f.
53 Vgl. Haymes: The Nibelungenlied, S. 73.
54 Vgl. Kofler, Walter: Ideologie des Totschlagens, S. 441 - 469, in: Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein
Gesellschaft Band 9 (Hrsg. Hartmann, S. u.a.), Frankfurt 1996/1997, S. 441.
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Nibelungenlied auf der obersten Stufe einzuordnen sind: Immerhin bewahrt er sich bis zum sprichwörtlich bitteren Ende ein unantastbares Vertrauen des Burgunderkönigs Gunter, entwickelt ein breites und gegenseitiges Verständnis mit seiner Parallelfigur an Etzels Hof, Rüdeger, und übersteigert die ohnehin bedingungslose Freundschaft mit seinem „Wahlbruder“ Volker zum alter Ego seiner Selbst 55 .
Hagen erhält auf diese Weise als Charakter eine Komplexität, die handlungsfördernd wirkt und die Struktur des Nibelungenliedes mit zusammenhält. Und so fällt auch das Urteil des Autors gleichermaßen ambivalent aus, wenn er Hagen einmal den Superlativ des Verrats vorwirft 56 , aber ihm am Ende sogar noch post mortem Rache in radikaler Form für den verwehrten Heldentod zugesteht 57 . Dadurch wird der vermeintliche Bösewicht humanisiert, während seine Taten (auch die Verbrechen) relativiert werden.
c. Mythologische Verortung Hagens
So wie die nordischen Sagen, die die Gestalt Hagens kennen und überliefern, ihn als Teil einer mythologischen Welt beschreiben, so zeigt ihn auch das Nibelungenlied eher als mythischen denn als höfischen Helden. Zwar bezieht ein Mythos seine Legitimation darüber, dass er in der Götterwelt spielt 58 , doch werden die Fokussierungen dieses Kapitels zeigen, dass Hagen sich deutlich vom Standard des „natürlichen“ Menschen hin zu einem „Übernatürlichen“ abhebt.
Zunächst einmal zeichnet sich Hagen am Wormser Hof als einziger „Unchrist“ aus was er durch seinen Mordanschlag auf den Kaplan untermauert: Hagen setzt das Leben des Vertreters der christlichen Kirche aufs Spiel, um den Wahrheitsgehalt einer Weissagung heidnisch-mythischer Wesen zu erfahren. 59 Dabei hätte er schließlich auch sein Schwert ziehen und den Priester töten können. Dies wäre die einfachste und sicherste Methode gewesen, die Prophezeiung abzuwenden. Doch wählt Hagen einen schicksalhafteren Weg und nimmt nach dieser ersten Bestätigung der Voraussage die Determination ihres Inhaltes als unumstößlich an. Interessanterweise misst er den mythischen Meerfrauen wesentlich mehr Bedeutung zu, als den Träumen der Frauen am Wormser Hof. Denn der Inhalt von Utes
55 Vgl. Schwab, Ute: Tötende Töne. Zur Fidelmetaphorik im „Nibelungelied“, S. 77 - 122, in: Geist und Zeit
(Hrsg. Gottzmann, C.) Festschrift für Roswitha Wisniewski, Frankfurt 1991, S. 114.
56 Vgl. B 903 (B 906) in Batts: Nibelungenlied, S. 273.
57 Vgl. B 2372f (B 2375f) in Batts: Nibelungenlied, S. 721.
58 Vgl. Stech, Julian: Das Nibelungenlied - Appelstrukturen und Mythosthematik in der mittelhochdeutschen
Dichtung, Frankfurt 1993, S. 27f.
59 Wisniewski, Roswitha: Das Versagen des Königs. Zur Interpretation des Nibelungenlieds, S. 170 - 186, in:
Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur, 95. Band (Hrsg. Schmidtke, D.) Festschrift für
Ingeborg Schröbler zum 65. Geburtstag, Tübingen 1973, S. 181f.
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Traum 60 und die Prophezeiung der Nixen 61 vermitteln die gleiche, später Realität werdende Aussage. Doch während er die mythologisch begründete Information in obig beschriebener Weise überprüft und damit sein mystisches Verständnis beweist 62 , hat er für den Traum der Königin nur Verachtung übrig: „Swer sich an trovme wendet“, sprach do Hagene, „der enweiz der rehten mære niht ce sagene, 63
Dabei ist Hagen von Beginn des Nibelungenliedes an unverzichtbarer inhaltlicher Bestandteil der Träume am Wormser Hof: Immerhin wird Hagen bereits in Kriemhilds Albtraum vom Falken 64 als einer der Adler eingeführt, auch wenn die Auflösung dieses Bildes erst sehr viel später statt finden sollte.
Doch nicht genug damit, nur der passive Teil literarischer Vorausdeutungen zu sein, grenzt sich Hagen aktiv von der Seite des historischen und höfischen Vasallen ab, hin zum überlegenen Handlungstreiber mit tiefgehendem Verständnis von Mythologie und Symbolik. So dürfte sich Hagen alleine die Bedeutung der Donauüberquerung als einzigem voll und ganz erschließen. Er erkennt die Parallelen zwischen der gegebenen Situation der Burgunder, wobei der mehrfach weisgesagte Tod aller Reisenden sicher einen nicht unerheblichen Beitrag leistet, und dem germanischen Glauben, in dem als Trennungslinie von Totenreich und Reich der Lebenden häufig ein Fluss 65 fungiert. Aus diesem Verständnis heraus lässt sich auch die weitere Interpretation von Haymes nachvollziehen, den Angriff Hagens auf den Fährmann als Angriff auf den Tod zu verstehen. 66 Wenn er sich danach selbst zum Fährmann aufschwingt und mit übermenschlicher Leistung 67 die Burgunder übersetzt, so wird er wiederum selbst zum Zentrum mythischer Vorausschau: Die Donau wird zum Totenfluss, das Hunnenland zum Totenreich und er selbst stilisiert sich zur sprichwörtlich treibenden Kraft, die den Untergang in diesem symbolischen Verdichtungspunkt des Gesamtzusammenhangs 68 einleitet. Somit erklärt sich auch die scheinbar motivlose Zerschlagung der Fähre 69 : Aus dem Reich der Toten gibt es kein Zurück.
Von diesem Moment an treten die mythologisch bedingten Züge im Charakter Hagens deutlicher zu Tage: Zwar sollten weder die Masse der Personen, die er mit der Fähre
60 Vgl. B 1506/1507 (B 1509/1510) in Batts: Nibelungenlied, S. 459.
61 Vgl. B 1529 (B 1532) in Batts: Nibelungenlied, S. 469.
62 Vgl. Müller, Gernot: Symbolisches im Nibelungenlied (Inauguraldissertation), Heidelberg 1968, S. 229.
63 B 1507, 1-2 (B 1510,1-2) in Batts: Nibelungenlied, S. 459.
64 B 11 (B 13) in Batts: Nibelungenlied, S. 5.
65 Müller: Symbolisches im Nibelungenlied, S. 232.
66 Vgl. Haymes, Edward: Das Nibelungenlied - Geschichte und Interpretation, München 1999, S. 111.
67 Vgl. Gephart, Irmgard: Der Zorn der Nibelungen, Köln 2005, S. 120.
68 Müller: Symbolisches im Nibelungenlied, S. 255.
69 Und das damit verbundene fadenscheinige Argument, potentielle Deserteure an der Flucht zu hindern, Vgl. B
1580 (B 1583)in Batts: Nibelungenlied, S. 481.
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übersetzt, noch später die feindlichen Hunnen, die entweder vor ihm zurückweichen oder von ihm getötet werden, numerisch mit übertriebener Akribie interpretiert werden, doch rücken ihn diese Hyperbeln konzeptionell näher an die Gestalt eines Drachentöters Siegfrieds, als an die breite Masse namenloser Ritter. Tatsächlich ist bereits der direkte Vergleich mit Siegfried ein wiederkehrendes Instrumentarium des Autors für die Mythologisierung Hagens. So steht die Erwähnung des Drachens, den Siegfried erschlagen hat, immer in direktem Kontext mit seinem späteren Mörder. 70 Auch die Tatsache, dass Hagen nicht wie alle anderen vor Siegfrieds vermeintlicher Unbesiegbarkeit zurückweicht 71 , sondern im Gegenteil dazu anbietet, Brünhilds Ehrverlust zu rächen, bevor er weiß, wie Siegfried zu töten ist, impliziert seine Einbettung in die mythologische Welt: Er weiß, dass jeder Held seine „Achillesferse“ hat 72 und zögert nicht, Siegfried, der die praktischen Fähigkeiten der „Zauberwelt“ hat, mit seinem theoretischen Wissen darüber auszustechen.
Einen letzten diesbezüglichen Höhepunkt erreicht das Nibelungenlied während des Gemetzels an Etzels Hof, als Hagen den Nibelungen 73 rät, ihren Durst mit dem Blut der Gefallenen zu stillen:
Do sprach von Tronege Hagene: „ ir edel ritter gvt, swen twinge dvrstes not, der trinche hie daz plvt. 74
Diese Stelle kann nur symbolisch interpretiert werden 75 , auch wenn sowohl bei den Skythen 76 , als auch in der Gesta Francorum 77 historische Parallelen zu finden sind. Doch ist das Bild, in dem Hagen, der gleich Odin, dem Gott der Schlachten und des Todes 78 die Burgunder systematisch in den Untergang getrieben hat, nun im Blutrausch christliche Interaktionsformen pervertiert 79 , nicht von der Hand zu weisen. So dürfte es sich auch
70 Vgl. Tally, Joyce Ann: The dragons progress: The significance of the dragon in “Beowulf”, “The Volsunga
saga”, “Das Nibelungelied” and “Der Ring des Nibelungen” (Dissertation), University of Denver 1983, S. 105.
71 B 867,1 (870,1): Sin gevolgete niemen, niwan daz Hagen in Batts: Nibelungenlied, S. 263.
72 Ebenbauer, Alfred: Achillesferse - Drachenblut - Kryptonit. Die Unverwundbarkeit der Helden, S. 73 - 102,
in: Philologica Germanica 26 - Das Nibelungenlied und die europäische Heldenlieddichtung (Hrsg. Ebenbauer,
A.) 8. Pöchlarner Heldenliedgespräch, Wien 2006, S. 93.
73 In B 1520,1 (B 1523,1) werden die Burgunden zum ersten Mal „Nibelungen“ genannt, während sie in B
1519,1 (B1522,1) noch Bvrgonden tituliert wurden. Der Wechsel von einem Begriff auf den Anderen geschieht
ohne jegliche Begründung und wird zu keinem Zeitpunkt thematisiert, Vgl. Batts: Nibelungenlied, S. 463ff.
74 B 2111,1-2 (B2114,1-2) in Batts: Nibelungenlied, S. 645.
75 Vgl. Schwab, Ute: Hagens praktische Todesregie, S. 187 - 242, in: triuwe. Studienbuch zur Sprachgeschichte
und Literaturwissenschaft (Hrsg. Kraft, K.-F.), Heidelberg 1992, S. 211: Die Wunden der Toten müssten ähnlich
wie bei der Bahrprobe, wieder anfangen zu bluten, damit eine reele Möglichkeit für das Trinken des Blutes
gegeben wäre.
76 Vgl. Schwab: Hagens praktische Todesregie, S. 205.
77 Vgl. Bertau, Karl: Deutsche Literatur im Europäischen Mittelalter I, München 1972, S. 191.
78 Haymes: Das Nibelungelied, S. 107.
79 Wyss, Ulrich: Nibelungische Irritationen. Das Heldenepos in der Literaturgeschichte, S. 261 - 271, in:
Philologica Germanica 23 - 800 Jahre Nibelungenlied (Hrsg. Zatloukal, K.) 6. Pöchlarner Heldenliedgespräch,
Wien 2001, S. 271.
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verbieten, Hagen mit den christlichen Maßstäben von „Gut“ und „Böse“ zu beurteilen 80 , da er offensichtlich kein christlicher Held ist. Die moralisierenden Urteile der Forschung über Hagen dagegen entspringen einem modernen oder zumindest christlich angelegten Maßstab, dem innerhalb des Nibelungenliedes die Legitimation entzogen wird. Hagens Hintergründe als auch seine Beweggründe sind für eine solch einseitige Interpretation zu individuell und, wie Sattel richtig festgestellt hat, wird er, nur weil er mit den Nixen spricht ebenso wenig zu einem dämonischen Wesen wie ihn die Aufforderung an die Burgunden, den Gottesdienst zu besuchen (…), zu einem vorbildlichen Christen werden lässt. 81
i. Exkurs: Hagen als Symbol
Der Umgang Hagens mit Symbolik in jeder Form lässt keinen anderen Schluss zu, als dass er sich jederzeit der Symbolhaftigkeit seines Handelns bewusst ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob er mit kleineren Gesten wie der mittelalterlichen Richterpose 82 in B 1780 (B 1783)oder auch seiner Reaktion auf Kriemhilds frostige Begrüßung (den helm er vaste gebant 83 ) deutlich macht, dass er jede noch so kleine höfische Gepflogenheit oder deren Verletzung kennt und zur Kenntnis nimmt oder ob er selbst zur Inkarnation des alten germanischen Sagenhelden 84 erhoben wird. Nicht nur dass Hagen um die bereits aufgezeigte Symbolik der Donauüberquerung weiß, er wird auch vom Autor näher an eine Personifizierung des Todes selbst gerückt, denn sowohl der Tod selbst, wie Krausse meint, als auch Hagen werden mit dem Epithet „grimme“ umschrieben 85 . Schließlich ist Hagen der Verantwortliche für den einzigen Toten im so genannten ersten Teil des Nibelungenliedes, aber auch für die Auslöschung ganzer Herrschaftshäuser im zweiten Teil. Er hat nie versucht zu verhehlen, dass er den Tod bringt, weder nach der Ermordung Siegfrieds 86 , noch als sie in das Land Etzels reisen und er dort ihrer aller Ende ankündigt: wir en chvmen nimmer wider in Bvrgonden lant. 87 Von Seiten des Autors wird die symbolhafte Verknüpfung der Figur Hagens noch verstärkt, sowohl durch die bereits zitierten Träume von Kriemhild und Ute, aber auch durch
80 Vgl. Firges, Jean: Das Nibelungenlied, Annweiler am Trifels 2001, S. 21.
81 Sattel: Das Nibelungenlied, S. 396f.
82 Botschau, Marcus: Der eigenmächtige Vasall - Typisierung und Individualisierung der Figur Hagen von
Tronje im „Nibelungenlied“ (Magisterarbeit Universität Erlangen-Nürnberg) 2005, S. 87.
83 B 1734,4 (B 1737,4) in Batts: Nibelungenlied, S. 529.
84 Firges: Nibelungenlied, S. 17.
85 Krausse, Helmut: Zur Darstellung des Todes im Nibelungenlied, S. 245 - 257, in: Neophilologus 61 (Hrsg.
Vos, A.L. u.a.), Groningen 1977, S. 254. Diesbezüglich sei noch angemerkt, dass der Fährmann der Totenkulte
ebenfalls mit dem Attribut „grimmig“ belegt wird. Vgl. Gephart: Zorn der Nibelungen, S. 121.
86 Zu diesem Zeitpunkt überlegen die Mannen Gunters gerade, wie sie Hagen ein Alibi verschaffen können, vgl.
B 996 (B 999)in Batts: Nibelungenlied, S. 301.
87 B 1584,4 (B 1587,4) in Batts: Nibelungenlied, S. 485.
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Vorausdeutungen wie in B 1417,4 (B 1420,4): mit im was manigem degene ze grimmem tode widerseit. 88
Insofern mag sogar Hagens schwarze Kleidung in diesen Kontext einbezogen sein 89 als weiteres Zeichen seines Verhaltens mit dem Tod: Hagen ist (…) eine Symbolfigur für Todesangst - dies gerade deshalb, weil er mit dem Tod so professionell umgeht. 90 Es scheint zwar etwas übertrieben zu sein, wie Heinzle aus Hagen eine merkwürdige Zwittergestalt 91 zu machen, doch muss dieser Charakter dennoch einen Spagat zwischen höfisch-heroischem und mythologisch-heroischem Hintergrund bewerkstelligen, um sich seinen Status als Zentralfigur mit allwissenden Tendenzen zu erhalten.
d. Hagens vorhandenen und nicht vorhandenen Grundcharakterzüge
Bezüglich einer attributiven Charakterisierung Hagens muss man sich von vornherein auf eine Differenzierung einlassen zwischen der Kategorie der vorhandenen Charakteristika auf der einen Seite, und der Charakterzüge, die Hagen nicht hat, welche man aber von ihm erwarten würde. Letztere fallen zwar nicht primär ins Auge, sollen aber dennoch zuerst fokussiert werden. Von Hagen, dem ersten Vasallen am Hofe Worms, dem engsten Vertrauten des Königs Gunter und dem Träger verschiedener wichtiger Ämter 92 würde man gewisse höfische Tugenden erwarten, wie sie Bumke beschreibt: guot, reine, biderbe, vrum, lobesam, tiure, wert, ûz erwelt. 93 Diese Werte werden dadurch definiert, dass sie von dem mit ihnen ausgestattetem Helden gegenüber seinem Lehnsherren, gegenüber den frouwen bei Hofe, aber auch innerhalb des höfischen Systems allgemein mit Überzeugung gelebt werden. Zwar ist es in der mittelhochdeutschen Literatur häufig Teil der Handlungskonzeption, dass der Held diese Werte erlernen oder wiedergewinnen muss, doch verhält sich der Sachverhalt bei Hagen etwas anders: Der typische höfische Held ist motiviert, sich diese Tugenden zu erarbeiten und zu erhalten, während Hagen diese Tugenden nur vereinzelt vorweist, und zwar dann, wenn sie ihm zum Vorteil gereichen. Jedoch ist es zu keinem Zeitpunkt des Nibelungenliedes ersichtlich, dass sie mit seiner Grundmotivation oder seinen tatsächlichen Charakterzügen konform gehen. Auch die vermeintlich allgemeingültige, charakterisierende Terminologie eines Helden der mittelhochdeutschen Literatur mit Begriffen wie triuwe, mâze
88 Batts: Nibelungenlied, S. 431.
89 Vgl. Schieder, Dietlind: Farbe und Licht im Nibelungenlied (Inauguraldissertation), Freiburg 1962, S. 40.
90 Ehrismann: Strategie und Schicksal, S. 114.
91 Heinzle: Zweimal Hagen, S. 26.
92 Zum Beispiel scarmeister, vgl. B 170,4 (B 172,4) in Batts: Nibelungenlied, S. 53.
93 Bumke, Joachim: Höfische Kultur, München 1997, S. 418.
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und stæte 94 , ist auf Hagen angewandt mit Vorsicht zu genießen. Durch die Vielschichtigkeit und Weitsicht in seinem Handeln ist man verführt, ihm die genannten typischen Charakteristika zuzugestehen, wenn auch mit Abstrichen, doch verdecken diese im Regelfall sehr viel eigennützigere Motive, die ganz anderen Werten entspringen. Die besten Beispiele dafür finden sich in seinen Ratschlägen, die er Gunter immer so unterbreitet, dass dieser darin Hagens Treue und Sorge um das burgundische Königreich erkennen muss. Tatsächlich jedoch lenkt Hagen in außergewöhnlich subtiler Weise von seinen wahren Motiven ab. So überredet er Gunter, in die Beseitigung Siegfrieds einzuwilligen, mit Verweis auf den Machtgewinn für den Wormser Hof (B 867/B 870), weil sein erstgenanntes Motiv (die in B 864 (B 867)beschriebene Beleidigung der Königin) für den König nicht schwer genug wiegt. Nichtsdestoweniger lassen sich die tatsächlichen Wertmaßstäbe und Handlungsmotive Hagens unter ihrer Tarnung herausarbeiten und zunächst in einige Grundcharakteristika kategorisieren. Allen voran trifft man dabei auf die Begriffe übermuot und hohvârt, die im Nibelungenlied über 50mal verwendet werden. 95 Hagen, der alleine 16mal mit dem Begriff übermuote bezeichnet wird 96 , erfährt diesbezüglich eine relativ eindeutige Konzeptionalisierung. In seiner Person werden diese Untugenden, die typischerweise zum Anlass des Schuldigwerdens herangezogen werden, zwar als Schuld für die Handlungen im Nibelungenlied ausgelegt, doch müssen sie dennoch in einem erweiterten Kontext analysiert werden. Denn der christliche Wertmaßstab anhand der zu übermuot und hohvârt parallelen Superbia-Todsünde 97 lässt sich bei Hagen nicht so einfach anwenden, schon allein deshalb, weil er kein christlicher Held ist. Auch ist Hagen weder intrinsisch noch extrinsisch motiviert, seine Charakterzüge in irgendeiner Weise christlich oder auch nur moralisch zu verbessern. Für ihn muss bezüglich dieser Begriffe vielmehr ein literarischer Maßstab angesetzt werden, welcher ihn irgendwo zwischen „Selbstvertrauen“ und „Selbstüberschätzung“ ansiedelt. 98 Zwar ändert es nichts daran, dass das Untergangsgeschehen im NL durch den „übermuot“ der Figuren 99 angetrieben wird und aus christlicher Interpretationsperspektive besagte Todsünde in den Untergang führt, doch aus der Sicht Hagens bleibt sie eine seiner
94 Ebd. S. 418.
95 Hempel, Wolfgang: Übermuot diu alte…Der Superbia-Gedanke und seine Rolle in der deutschen Literatur des
Mittelalters, Bonn 1970, S. 217.
96 Ebd. S. 222.
97 Hempel, Wolfgang: Superbia als Schuldmotiv im Nibelungenlied, S. 1-12 in: Seminar 2 (Hrsg. Farquharson,
R.H.), Toronto 1966, S. 7.
98 Vgl. ebd. S. 3.
99 Jönsson, Maren: Verspielte Alternativen im Nibelungenlied, S. 223 - 237, in: Studia Neophilologica 73 (Hrsg.
Müller, G.), Norwich 2001, S. 225.
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konstitutiven Eigenschaften, die in der germanischen beziehungsweise nordischen Kultur, in der er verwurzelt ist, kein charakterlicher Fehler ist. 100
Interessant dabei ist, dass Hagen diese Charakterzüge bei sich selbst bedingungslos akzeptiert, während in vielen seiner Handlungen eine Bestrafung seiner jeweiligen Opponenten für ihre Superbia mitmotiviert zu sein scheint: So tötet er Siegfried nicht zuletzt wegen seiner vermeintlichen Hochmut, aufgrund des Prahlens über eine Nacht mit Brünhild (B 861,2-3 (B 864,2-3): do sagte si im div mære. er lobt ir sa cehant, daz ez erarnen mvse der Criemhilde man,) 101 und auch im Hunnenland scheint er seine Provokationen immer dann auf die Spitze zu treiben, wenn es aus seiner Sicht Zeit wird, Kriemhild von ihrem hohen Ross zu holen, beispielsweise als er der mit einer Übermacht an Hunnen aufmarschierenden Kriemhild ihren angestrebten Triumph nimmt, indem er wie zufällig Balmung in ihr Sichtfeld rückt, wohl wissend, welche Wirkung zu erwarten ist: ez mante si ir leide; weinen si began. ich wæne ez hete dar vmbe der chvne Hagen getan. 102
Natürlich lässt sich die Rolle des Hagens nicht mit diesen wenigen, ausgewählten Begriffen erfassen, doch stellen sie ein adäquates Fundament dar für die weitere Charakterisierung seiner Person, die sich im Verlauf der Analyse seiner Handlungsmotivation mit ergeben wird.
i. Exkurs: Parallelen zwischen Hagen und Siegfried
Gerade am Begriff der übermuote bietet es sich an, einen Vergleich zwischen diesen beiden Helden des Nibelungenliedes zu ziehen, die in einem mythologischen Kontext anzusiedeln sind. 103 Vor allem nach dem Tod von Siegfried wird Hagen durch eine Vielzahl von Parallelen zu dessen Pseudo-Nachfolger stilisiert, wobei er zwar einerseits einige von Siegfrieds Fehlern wiederholt, wenn auch aus anderen Beweggründen heraus, ohne jedoch andererseits in die beinahe bemitleidenswerte Naivität Siegfrieds zu verfallen, der zu keinem Zeitpunkt des Nibelungenliedes Herr über eine Situation ist, sogar wenn er sie mitgestaltet. 104 So verhält sich Hagen in vielen Dingen an Etzels Hof so, wie Siegfried bei der ersten Begegnung mit Gunter: Übermütig, arrogant, ohne Angst, als würde der Hof ihm gehören… 105 Dazu zeigen beide (Siegfried aus Unkenntnis, Hagen in voller Absicht) eine Tendenz, höfische Regeln zu übertreten: Während der Jagd ist es Siegfried, der die Tafel
100 Vgl. Firges: Nibelungenlied, S. 21.
101 Batts: Nibelungenlied, S. 261.
102 B 1781,3-4 (B 1784,3-4) in Batts: Nibelungenlied, S. 543.
103 Brünhild wäre zwar ebenfalls noch im mythologischen Bereich einzuordnen, doch zum einen gehört sie nicht
in die Kategorie des „Helden“, zum zweiten verliert sie ihren übernatürlichen Bezug nach ihrer Hochzeitsnacht.
104 Vgl. Schweitzer, Edward: Tradition and Originality of Siegfried´s Death in the Nibelungenlied, S. 355 - 364,
in Euphorion 66 (Hrsg. Gruenter, R.), Heidelberg 1977, S. 360.
105 Vgl. Hasty, Will: Conquest: Das Nibelungenlied, S. 101 - 122, in: Art of arms (Beiträge zur älteren
Literaturgeschichte), Heidelberg 2002.
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aufhebt (B 967,2/B970,4), an Etzels Hof ist es Hagen (B 1958/B 1961: Der Angriff auf Ortlieb beendet das Festmahl), während es in beiden Fällen Sache des jeweiligen Regenten gewesen wäre: Die ungewollte Konsequenz von Siegfrieds Handeln endet mit seinem eigenen Tod, während die intendierte Folge von Hagens Geste den Burgunder Untergang einläutet. Doch bereits vor Siegfrieds Ermordung handeln beide auf ähnliche Art und Weise, wenn Siegfried Brünhild ein Vasallenverhältnis vorspielt um Gunter zu erhöhen und Hagen Kriemhild eine ähnliche Lüge unterbreitet, um an das Geheimnis von Siegfrieds Verletzbarkeit zu gelangen. 106
Die Liste der parallelen Handlungen zwischen den beiden Charakteren ließe sich beinahe beliebig lange erweitern: Beide blicken auf einen mythologischen Hintergrund zurück, beide genießen zeitweilig die alleinige Kontrolle über den Nibelungenhort, beide besitzen Balmung, beiden eilt an fremden Höfen ihr Ruf voraus 107 , beide sterben wegen Kriemhild und beide instrumentalisieren ihren Dienst als List 108 .
Am deutlichsten sticht jedoch heraus, dass Siegfried Hagen nach kurzer Zeit von seinem Posten als wichtigster Mann am Wormser Hof verdrängt hat. Doch an diesem Forschungskonsens ansetzend, kommt man nicht umhin zuzugestehen, dass Hagen sich seinen Platz in aller Deutlichkeit zurückerobert. Und mit jeder Handlung, die Siegfried ausgezeichnet hat und von Hagen re-inszeniert wird, überlagert dieser die Erinnerung an seinen ermordeten Gegner - und tötet ihn noch einmal.
e. Hagen: Ein Vasall ohne Pflichten?
Die Meinungen über Hagen von Tronje divergieren zwischen der Verurteilung als „übelster Schurke“ 109 und dem Inbegriff loyalen Vasallentums 110 im Zuge der viel beschworenen Nibelungentreue. Natürlich lassen sich für beide Standpunkte Argumente finden, doch impliziert bereits eine Auflistung von Hagens Handlungen ein deutliches Konzept seiner Absichten und seines Charakters im Allgemeinen, welches beide Meinungsbilder miteinander verflechtet. In diesem Punkt soll gezeigt werden, dass Hagen trotz polarisierender Handlungsweisen weder dämonisiert noch idealisiert werden darf, da beides die Komplexität der Figur herabwürdigt und sie in einer eindimensionalen Strukturierung zu interpretieren versucht, mit der dieser Charakter nicht zu erfassen ist.
106 Vgl.: Jönsson, Maren: „Ob ich ein ritter wære“ Genderentwürfe und genderrelatierte Erzählstrategien im
Nibelungenlied, Uppsala 2001, S. 178.
107 Vgl. Gephart: Zorn der Nibelungen, S. 135.
108 Quast, Bruno: Wissen und Herrschaft, S. 287 - 302, in: Euphorion 96 (Hrsg. Adam, W.), 3. Heft, Heidelberg
2002, S. 300.
109 Vgl. Sattel: Nibelungenlied, S. 377.
110 Stecher: Personengestaltung, S. 45.
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Das Nibelungenlied kennt Hagen als Vasallen des Burgunder Könighauses, wobei seine formelle Stellung der Erwähnung nicht Wert zu sein scheint. 111 Aus dem Gesamtzusammenhang des Epos´ wird allerdings schnell deutlich, dass Hagen unter den Vasallen den ersten Platz einnimmt: Er ist so etwas wie der Kanzler der Burgunden 112 . Die Frage, die sich im Lauf der Erzählung stellt, muss sogar eher lauten, ob er nicht über dem Status eines Vasallen steht, beziehungsweise der Pflichten eines Solchen ledig ist. Denn unabhängig davon, welcher Terminologie von Vasallentum 113 man folgen möchte, bleiben doch gewisse Merkmale konstitutiv, z.B. dass der Schwache dem Starken als Vasall dient, als Gegenleistung für Schirm und Beistand 114 . Tatsächlich jedoch gewinnt man kaum einmal den Eindruck, dass Gunter der Überlegene und Hagen der Abhängige in ihrem Verhältnis wäre. Einer dieser seltenen Momente ergibt sich in Handschrift B 117 (B 119), als auf Siegfrieds ungestüme Herausforderung nur Ortwin ebenso aufbrausend Paroli bietet, während von Hagen zur Enttäuschung Gunters (!) keine Reaktion kommt: daz der so lange dagete, daz was dem kvnege leit. 115
Auch reagiert er nicht auf den Vorwurf der Feigheit durch Siegfried wenige Verse später 116 , mit einer Begründung durch den Autor, der das Verbot von Gernot dazwischen schiebt. Streng genommen wäre es an Hagen gewesen, seine Herren zu verteidigen, anstatt seinen jungen Neffen walten zu lassen. Dafür wird Hagen hier, in einer emotional aufgeladenen Situation, mit seiner wichtigsten Eigenschaft ausgestattet dargestellt: Er bewahrt kühle Logik, die er später zu kaltblütiger Logik steigern wird. Er hält sich zurück und er tritt bereits das erste Mal nicht für seinen König ein, obwohl er es müsste. Was sich in einer unscheinbaren Situation andeutet, wird im weiteren Verlauf des Epos paradigmatisch für die Dialektik zwischen dem „Vasall“ und dem „König“ werden.
Möglicherweise findet sich in dieser Szene auch bereits die Grundsteinlegung für die sukzessive folgende Ablösung Hagens als wichtigster Berater des Königs durch Siegfried, denn augenscheinlich geht Siegfried aus diesem ersten Aufeinandertreffen als der Überlegene
111 Während bereits bei der ersten Nennung Hagens und der anderen Vasallen Rumolt als chvchenmeister (B
8,1/B 10,1), Dankwart als marscalch (B 9,1/B 11,1) und Gere bzw. Ekkewart zumindest noch mit ihrem Titel
marcgrave (B 7,3/ B 9,3) eingeführt werden, endet Hagens Vorstellung mit seinem Namen. Er scheint keinen
Titel zu besitzen und ihm wird von Situation zu Situation ein Amt übertragen, z.B. wird er als scarmeister (B
170,4) genannt, als die Burgunder gegen die Sachsen in den Krieg ziehen.
112 Martin, Bernhard: Nibelungen im Spiegelkabinett des deutschen Nationalbewusstseins - Studie zur
literarischen Rezeption des Nibelungenliedes in der Jugend- und Unterhaltungsliteratur von 1819 - 2002,
München 2004, S. 193.
113 Vgl. weiterführend dazu: Bumke, Joachim: Ministerialität und Ritterdichtung, München 1976, S. 7.
114 Favier, Jean: Frankreich im Zeitalter der Lehnsherrschaft, Stuttgart 1989, S. 30.
115 Batts: Nibelungenlied, S. 39.
116 Vgl. Brevart, Francis: Die Reizreden im Nibelungelied, in der Chanson de Roland und im Beowulf-Epos
(Dissertation, mikrofishe-Veröffentlichung), Montreal 1976, S. 24.
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hervor. Im weiteren Verlauf zeichnet sich dann immer deutlicher ab, dass Hagen keineswegs gewillt ist, der stille Erfüllungsgehilfe seines Königs oder gar der von Siegfried zu werden. Er baut seine Dominanz trotz des neuen Konkurrenten durch seine eher eigenmächtigen als loyalen Handlungen langsam auf: So widersetzt er sich in Island der dortigen Etikette, nicht Gunter, indem er sich zunächst weigert, seine Waffen abzulegen (B 404/B 406) und lehnt sich bezüglich Gunters Auserwählter verbal sehr weit aus dem Fenster: der ir da gert ce minnen, div ist des tivels wip. 117
Sein Eigensinn erreicht in der 9. Aventiure einen ersten kleinen Höhepunkt, als er sich einem Befehl Gunters direkt verweigert und den angetragenen Botendienst geschickt auf Siegfried abwälzt 118 , doch zum offenen Konflikt kommt es (bzw. müsste es kommen), als Kriemhild sich ihr Erbe ausbittet und ihre Wahl unter anderem auf Hagen fällt: Rechtlich war das völlig in Ordnung, denn die Dienstleute gehörten zum Eigentum (…). 119 Doch nicht nur, dass Hagen es ablehnt, seine Pflicht als Vasall zu erfüllen, er gewan dar vumbe (…) ein zornlichez leben 120 , er wettert gegen Kriemhild als ob sie etwas völlig Absurdes verlangt hätte. Er wiederum bettet diese Ablehnung in die Erhöhung seiner Bindung an Gunter zu einer Schicksalsgemeinschaft 121 ein, die nicht einmal der König lösen kann. Dieser steckt damit im Zwiespalt: Hagen verletzt die höfische Regel, was Gunter eigentlich nicht dulden dürfte. 122 Doch andererseits erhält er von seinem alten und neuen ersten Vasallen ein Lippenbekenntnis der Treue, das Seinesgleichen sucht. Wieder einmal geht Hagen einen Schritt zu weit, doch wieder einmal tut er dies so geschickt, dass jeder potentiellen Konsequenz noch im gleichen Moment vorgebeugt wird.
Durch Hagens Dominanz wird Gunters Rolle zur Kulissenhaftigkeit eines Königs Artus degradiert 123 , der „Vasall“ drängt dem König die Entscheidungen auf und gibt damit die Richtung vor. Er beweist bereits in den kleinen und alltäglichen Situationen der ersten Aventiuren des Nibelungenliedes, dass er die Personifikation der Stärke Burgunds ist 124 und den Status Quo dieser Konstellation beibehalten will. So deutet sich schon ab der Einführung der Protagonisten an, was Hagen in den Rahmenhandlungen um den Mord an Siegfried und
117 B 436,4 (B 438,4) in Batts: Nibelungenlied, S. 133.
118 Vgl. B 527 (B 530)ff.
119 Hucker: drier künige man, S. 108.
120 B 695,3 (B 698,3) in Batts: Nibelungenlied, S. 211.
121 Vgl. Botschau: Vasall, S. 23f.
122 Vgl. Müller, Jan-Dirk: Das Nibelungenlied, Berlin 2002, S. 59.
123 Vgl. Lecouteux, Claude: Die burgundische Königsfamilie im Nibelungenlied und die drei indogermanischen
Funktionsebenen: Überlegungen zum Fortleben einer mythologisch-epischen Struktur, S. 279 - 290, in:
Euphorion 91 (Hrsg. Adam, W.), Heidelberg 1997, S. 279.
124 Vgl. Rollnik-Manke, Tatjana: Personenkonstellation in mittelhochdeutschen Heldenepen, Frankfurt 2000, S.
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